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Wie Christo um die Verhüllung des Reichstags kämpfte

Vor wenigen Tagen starb der Aktionskünstler Christo. Medien und Politiker würdigten den Mann, dessen spektakuläre Verhüllungen immer die Aufmerksamkeit der ganzen Welt erregten. Dahinter verschwand die Vorstellung, was es für ein Kraftakt bedeutete, solche Verhüllungen durchzusetzen.

In den Nachrichten wurde an herausragender Stelle die Würdigung von Wolfgang Schäuble genannt:

„Seine Kunst schärfte unsere Sinne. Er verbarg mit seinen Verhüllungen oft das Gewöhnliche und machte so das Außergewöhnliche sichtbar. Auch wenn die verfremdende Ästhetik seiner Werke im Vordergrund stand, so war Christo doch ein politischer Künstler, der sich immer wieder auf die Spaltung der Welt in Ost und West bezog und Freiheit einforderte.“

Christos Verhüllung des Reichstags wäre eine Zäsur gewesen und hätte „auf ganz eigene Weise das Ende der Bonner Republik“ versinnbildlicht. „Christo lehrte uns, das historische Parlamentsgebäude mit anderen Augen zu sehen und den Umzug von Bonn nach Berlin mit fröhlicher Leichtigkeit anzugehen. So flüchtig das Kunstwerk war, so fest ist es in unserer Erinnerung verankert. Dafür sind wir Deutsche Christo dankbar“. Was Schäuble nicht sagte war, dass er ein erbitterter Gegner der Reichstagsverhüllung war.

In seiner Rede während der Plenardebatte im Februar 1994 versuchte Schäuble alles, um den Erfolg seiner Rede für den Regierungssitz Berlin zu wiederholen. Damals wurde ihm bescheinigt, schwankende Abgeordnete seiner Fraktion für Berlin überzeugt zu haben. Mit derselben Leidenschaft versuchte der damalige Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion nun, das Projekt Christos zu verhindern. Es würde die „Ehrwürde“, die einem „Traditionsgebäude“ der freiheitlichen Demokratie innewohne schwächen. Die Deutschen hätten nicht genügend Verständnis für politischen Stil, politische Kultur und politische Würde. Die Verhüllung würde polarisieren, viele Menschen würden sie nicht verstehen und akzeptieren können. Es bestehe die Gefahr, das Vertrauen „zu vieler Mitbürger in die Würde unserer demokratischen Geschichte und Kultur“ Schaden nähme. Schäubles Würdigung von Christo wäre glaubwürdiger, hätte er sich dazu bekannt, sich damals geirrt zu haben.

Die Abstimmung ging dann ziemlich klar aus. Es gab 292 Ja-Stimmen, 223 Nein und 9 Enthaltungen. Übrigens findet man Angela Merkel nicht unter den Abgeordneten, die abgestimmt, auch nicht in der Liste derer, die sich entschuldigt haben. Sie ist bei diesem Votum einfach abgetaucht.

Dieses Ergebnis hat auch vehemente Befürworter in seiner Klarheit überrascht. Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, eine Befürworterin der ersten Stunde hatte unter dem Eindruck der Ablehnung von Bundeskanzler Kohl und Fraktionschef Schäuble mit einem Scheitern des Antrags gerechnet.

Das Projekt, den Reichstag zu verhüllen verfolgte Christo schon seit zwanzig Jahren. Er hatte vor dem Fall der Mauer bereits zwei Ablehnungen des Bundestags kassiert. Er ließ sich nicht entmutigen, sondern ergriff nach der Vereinigung erneut die Gelegenheit zu einem Vorstoß.

Die Reichstagsverhüllung war sicher Christos persönlichstes Projekt. Dabei spielte seine osteuropäische Herkunft und Prägung eine entscheidende Rolle. Er berichtete oft von seiner Mutter, die als junge Frau eine stark vom Bolschewismus geprägte Revolutionärin und zeitweilig Generalsekretärin des bulgarischen Künstlerverbandes gewesen war. Das Reichstagsgebäude an der Nahtstelle zwischen dem Ost-Teil der Welt und dem West-Teil hat ihn schon immer fasziniert: “Für mich als Flüchtling aus dem Osten war es natürlich besonders spannend, an einem Ort wie Berlin zu arbeiten, wo sich der Osten und der Westen in einem solch dramatischen Renkontre gegenüberstanden” …. Am damals ehemaligen deutschen Parlamentsgebäude sei das zur Zeit des Ost-West-Konflikts eben besonders deutlich geworden: „Das Reichstagsprojekt entspringt also meiner ganz persönlichen Lebenserfahrung“.

Christo kannte Gott und die Welt. Darunter befand sich Gerd Poppe, Bürgerrechtler zu DDR-Zeiten und Abgeordneter im ersten Bundestag nach der Vereinigung. Christo bat Poppe, Kontaktmöglichkeiten für ihn zu möglichst einflussreichen Abgeordneten zu schaffen. Aus Gründen, die mir entfallen sind, lud er mich ein, bei einem Gespräch mit Rita Süssmuth dabei zu sein. Wir, damals Angehörige der kleinen Gruppe Bündnis 90/ Grüne trafen uns mit der Bundestagspräsidentin in der malerischen Parlamentarischen Gesellschaft. Wir mussten Süssmuth nicht lange überzeugen, sie war gleich Feuer und Flamme. Sie erklärte sich bereit, die Schirmherrschaft über das Projekt zu übernehmen. Sobald Christo diese Zusage hatte, nahm er mit seiner Frau Jeanne-Claude für ein Jahr Quartier in Bonn. Er sprach mit jedem Abgeordneten, der bereit war, ihn persönlich zu empfangen. Er fuhr zu jedem Hinterbänkler in dessen Wahlkreis, um dort eine Veranstaltung zu machen. Nur Bundeskanzler Kohl weigerte sich standhaft, Christo zu empfangen. Ob Schäuble mit Christo geredet hat, erinnere ich nicht mehr.

Nach einem Jahr stand der fraktionsübergreifende Antrag auf Erlaubnis zur Verhüllung des Reichstags zur Debatte. Die Union hatte namentliche Abstimmung beantragt, also musste jeder Abgeordnete sich für oder dagegen bekennen. Christo und Jeanne Claude waren während der Debatte, die damals noch im legendären Wasserwerk stattfand, auf der Besuchertribüne anwesend. Die Spannung im Saal war mit Händen zu greifen. Mich hielt es nicht auf meinem Sitz. Ich ging dorthin, wo die Stimmen ausgezählt wurden. Sobald ich das Ergebnis kannte, rannte ich auf die Besuchertribüne, um Christo und Jeanne-Claude die freudige Botschaft zu verkünden. Nie werde ich das Strahlen in Christos Augen vergessen.

Im Sommer darauf wurde der verhüllte Reichstag zu Christos größtem Erfolg. Das kompakte Gebäude von Paul Wallot schien in seiner silbrigen Umhüllung förmlich zu schweben. Zu jeder Tageszeit leuchtete die Hülle anders. Regen, Sonnenschein, ja sogar die Dunkelheit erzeugten eigene Effekte. Alle, die es sahen, waren überwältigt. Es soll sogar Bitten ins Flugzeugcockpit gegeben haben, den Reichstag zu überfliegen, um das Schauspiel von oben betrachten zu können. Eine halbe Million Besucher waren bestenfalls erwartet worden, 5 Million kamen. Um den Reichstag herum präsentierte sich ein Deutschland, wie man es bisher nicht kannte: Entspannt, freundlich, begeistert, spielerisch. Mein Sohn Philipp gehörte damals zu Christos Monitoren. Das waren junge Leute, die rund um die Uhr im Einsatz waren, das Kunstwerk erklärten, Fragen beantworteten, Menschen daran hinderten sich ein Stück Stoff aus der Umhüllung zu schneiden und als Trost kleine Stoffquadrate verschenkten.

Wegen des Riesenerfolgs gab es Überlegungen, die vorgesehenen 14 Verhüllungstage zu verlängern. Das lehnten Christo und Jeanne-Claude rigoros ab.

Zehn Jahre später gab es für mich eine freudige Überraschung. Obwohl wir seit dem Tag der Entscheidung keinen Kontakt mehr gehabt hatten, luden mich Christo und Jeanne-Claude persönlich zu ihrem neuen Projekt „Gates“ im Central Park in New York ein. Der Kulturausschuss des Deutschen Bundestages, dem ich 2005 angehörte, war so beeindruckt von dieser Einladung, dass sich eine besondere Dienstreise nach New York genehmigt bekam. Allerdings sollte ich nur hin- und am Abend wieder zurück fliegen, auch nicht Business, wie sonst üblich, sondern Economy. Das war mir ganz egal, ich war nur glücklich. Im Central Park verbrachte ich sechs Stunden, bis ich wieder zum Flughafen musste. Es war ein schöner, sonniger Frühsommertag. stärker noch als die safrangelben Stoffbahnen, die über den Wegen flatterten, beeindruckten mich die vielen Straßenmaler, die ihre Bilder an den Wegrändern ausstellten. Mindestens die Hälfte dieser Bilder zeigten nicht die Gates, sondern die Reichstagsverhüllung.

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Geschichte Kultur

Margos Töchter oder die Abgründe deutsch-deutscher Geschichte

Vor wenigen Tagen schockierte der stellvertretende Bundestagsfraktionsvorsitzende der Union Arnold Vaatz, Bürgerrechtler und politischer Gefangener in der DDR mit der Feststellung, die friedliche Revolution von 1989, die erfolgreich die SED-Diktatur zu Fall gebracht hat, solle „kleingehackt“ werden. Die Union, der Garant für das Erfolgsmodell Bundesrepublik Deutschland, unter der Parteivorsitzenden Merkel zu einer weiteren Linkspartei mutiert, will sich neue Koalitionsmöglichkeiten mit der nie aufgelösten SED, nach viermaligem Namenswechsel Linke genannt, erschließen. Dafür muss die DDR weichgezeichnet und von ihrem Diktaturcharakter abgelenkt werden. Ausgerechnet in dem Jahr, da sich die deutsch-deutsche Vereinigung zum dreißigsten Mal jährt, wurde mithilfe der Kanzlerin ein Ministerpräsident der SED-Linken in Thüringen installiert, obwohl dessen Koalition keine Mehrheit hat. Die wird ihm jetzt von der CDU verschafft, die damit wieder ihre Rolle als Wasserträgerin der SED eingenommen hat. Damit hat sich eine Voraussage des MfS-Führungsoffiziers Hans Stahl aus Cora Stephans Roman „Margos Töchter erfüllt. Er sagte schon zu DDR-Zeiten die Möglichkeit einer Vereinigung der beiden deutschen Teilstaaten voraus. Darauf müsse man sich vorbereiten. Eines Tages würde man im vereinigten Deutschland Ministerpräsidenten oder sogar den Kanzler stellen. Das stellt die bange Frage, wer wen übernommen hat, und wie das passieren konnte immer wieder neu.

In Cora Stephans Roman findet man Antworten darauf.

„Margos Töchter“ ist die Fortsetzung ihrer fulminanten Familiengeschichte „Ab heute heiße ich Margo“, die an Hand zweier Frauenschicksale, die von Margo und Helene, zwei deutsche Diktaturen beschreibt. Nun sind es die Töchter von Margo, die eine in der DDR, die andere in der BRD, deren Entwicklung bis in die Zeit nach der Vereinigung nachgezeichnet wird. Stephan schreibt auch Kriminalromane, daher ist der Plot spannend wie ein Krimi, wenn auch manchmal etwas gewagt. Tatsächlich geht es in der Realität unter der Oberfläche genau so kriminell zu.

Clara und Leonore können unterschiedlicher nicht sein. Hier die linientreue Funktionärstochter, die sich schon mit 15 Jahren aus vollster Überzeugung dem MfS zur Verfügung stellt, da das „Schlüsselkind“ Leonore aus der Wirtschaftswunderprovinz, die sich einsam und unverstanden fühlt.

Sie begegnen sich erstmals in der „Pionierrepublik Wilhelm Pieck“, einem internationalen Sommerlager für Kinder kommunistischer Funktionäre aus aller Welt, in das Leonore auf Vorschlag eines linken Jugendpfarrers geschickt wird. Leonore schließt sich an die etwas ältere Clara an, es entsteht ein Briefwechsel, den Leonore fortsetzt, als Clara nicht mehr antwortet. Schreiben ist Leonores Rettung.

Interessant war, wie sehr sich Leonores Erfahrungen bei der Entdeckung der Beatmusik mit denen gleichen, die ich in der DDR gemacht habe. Der neue Sound wurde im Westen ebenso abgelehnt, wie bei uns. Man hörte die Platten in verräucherten Räumen leerstehender Abrisshäuser. Westdeutsche Provinzler wurden vorzugsweise von englischen Soldaten mit den neuesten Scheiben versorgt, bei uns liefen die illegal hergestellten Tonbandmitschnitte oder aus dem Westen oder aus Polen heimlich importierter Platten.

Das Milieu, in das Leonore in Osnabrück geriet, war schon links. Britische oder Amerikanische Soldaten wurden als Musikbeschaffer geduldet, aber verachtet.Noch linker war das Milieu in der studentischen Wohngemeinschaft in Münster. Leonore studierte in der Zeit, in der die 1. Generation der RAF aktiv war. Ihr erster Liebhaber gehörte, ohne dass sie das wusste, dem Unterstützerkreis der RAF an. Eines Tages war er verschwunden und mit ihm Leonores Pass, Führerschein, Ausweis und Geld. Ihre Mitbewohner drängten sie, „den Genossen eine Chance“ zu geben und keine Anzeige zu erstatten. Das tut sie erst zehn Tage später, als ihr Führerschein schon in Westberlin benutzt wurde, um ein Fluchtauto zu mieten. Zum Glück war sie an diesem Tag bei ihren Eltern zu Besuch, sodass der Verdacht, sie könnte aktiv an der RAF-Aktion beteiligt gewesen sein, schnell vom Tisch war. Aber sie blieb unter Beobachtung.

Leonore heiratete einen DDR-Flüchtling, Alexander, inzwischen Akademiker. Sie gibt ihre eigene Berufskarriere auf, als bei ihren Eltern eine Gisela mit einem zweijährigen Mädchen auftaucht. Gisela kommt direkt aus dem Frauenknast der DDR Hoheneck. In welcher Beziehung sie zu ihren Eltern steht, wird Leonore nicht mitgeteilt „Frag nicht“. Diese Gisela erinnert Leonore sehr an die Clara von vor 15 Jahren, aber Gisela lenkte mit Anekdoten aus dem Knast von der heiklen Frage ab. Am anderen Morgen ist sie verschwunden. Auf dem Zettel, den sie hinterließ stand, dass sie in die DDR zurückgegangen sei. Die Tochter ließe sie da. Die solle es „besser haben“. Leonore adoptiert das Mädchen.

Clara hatte in der DDR endlich einen Mann kennengelernt, der nicht aus ihrem Milieu stammte, den sie aber lieben konnte. Da bekam sie den Auftrag, als „Einflussagentin“ in den Westen zu gehen. Sie gehorchte, auch als das bedeutete, dass sie sich um der Legende willen als Volksverhetzerin verurteilen und in den Frauenknast Hoheneck einweisen lassen musste. Dort bringt sie ihr Kind zur Welt. Der Plan, sie mit Hilfe von Leonoras Mutter Margo in einer Computerfirma unterbringen zu lassen scheiterte daran, dass sie von Leonore erkannt wurde. Deshalb trennte sie sich von ihrer Tochter und tauchte im Drogenmilieu von Frankfurt unter. Von dort arbeitete sie sich heraus, erst als Mitarbeiterin einer linken Milieuzeitung, dann wurde sie bei einer renommierten linken Tageszeitung aufgenommen, wo sie als richtige Journalistin arbeiten konnte. Die Redaktion war nicht nur links, sondern der Meinung, dass die DDR der bessere deutsche Staat war. Carla eckte recht bald an, weil sie unabhängig dachte und keine Zeitgeist-Artikel schrieb.

Stephan beschreibt sehr genau das geistige Milieu der Bundesrepublik Deutschland der Zeit nach 1968. Carla musste feststellen, dass hier keineswegs die „Kalten Krieger“, sondern die Salonlinken den Ton angaben. Machtmittel dieser Linken war das systematische Schüren von Angst: Vor dem Waldsterben, dem sauren Regen, dem Atomtod durch Waffen oder Reaktoren. In diesen Jahren entwickelte sich die sprichwörtliche „German Angst“, die inzwischen die ganze Welt angesteckt zu haben scheint. Auch Leonores Mann surfte auf der Angstwelle, indem er mehrere Bestseller schrieb, die vor den verschiednen zu erwartenden Katastrophen warnte. Später erfährt man, dass auch er Einflussagent der Stasi war, der sich ab und zu auch als Informant betätigte.

Wenn man von dieser Geschichte der Angstindustrie liest, versteht man besser, wie die Bevölkerung 2020 fast widerstandslos aus Angst vor einem Virus ihre Freiheit und ihre sozialen Kontakte opferte.

Aus Stephans Buch habe ich gelernt, was ich vorher nur geahnt habe: Die wahren, gläubigen Marxisten-Leninisten gab es im Westen. In der DDR absolvierte man den Politunterricht, weil man es musste. Im Westen studierte die Intelligenzija die kommunistischen Pamphlete aus eigenem Verlangen.

Clara war als Einflussagentin nicht besonders erfolgreich. Sie hörte jahrelang nichts von ihrem Führungsoffizier. Erst nach dem Mauerfall meldete er sich wieder bei ihr und spannte sie für die Rettung des SED-Vermögens ein. Es ist ein Verdienst des Romans, noch einmal dieses fast vergessene Kapitel aufzuschlagen. Es handelt sich um 24 Mrd DM, also 12 Mrd Euro, die unter der politischen Verantwortung des letzten SED-Chefs Gregor Gysi erfolgreich verschoben wurden und nach denen heute niemand mehr fragt, obwohl viele Akteure von damals, wie der Bundesschatzmeister der SED-PDS Dietmar Bartsch, immer noch politisch aktiv sind. Bartsch ist heute Fraktionsvorsitzender der Bundestagsfraktion der Linken.

Auch das Thema Einflussagenten der Staatssicherheit im Westen ist fast unbearbeitet, obwohl es derer tausende gegeben hat. Sie haben, wie Leonores Mann Alexander mit allen ihnen zustehenden Mitteln Einfluss auf die Öffentliche Meinung genommen, mit Büchern, Vorträgen, Artikeln und als Netzwerker.

Leonores Mann berichtete noch an die Stasi, als die schon offiziell aufgelöst war und verursachte ihren Tod. Warum Leonore von einem Stasi-Spezialisten für „nasse Sachen“ mittels Autounfall aus dem Weg geräumt wurde, wird hier nicht verraten, auch nicht, wie Leonores und Claras Tochter Jana erfuhr, in welcher Beziehung die beiden wirklich standen.

Dafür sollte man zum Buch greifen. Die Lektüre lohnt sich in jeder Hinsicht.

Cora Stephan: Margos Töchter

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Kultur

Effi Briest im Jungen Theater Nordhausen

Ursprünglich veröffentlicht auf vera-lengsfeld.de am 26.01.20

Am vierten Januarwochenende gab es im Theater Nordhausen gleich zwei Premieren. Neben der „Zauberflöte“, der rätselhaftesten Oper von Wolfgang Amadeus Mozart, wurde im „Theater unterm Dach“ „Effi Briest“, ein Erzähltheatersolo nach dem Erfolgsroman von Theodor Fontane, aufgeführt.

Wer das Stück gesehen hat, weiß, dass Fontanes Stoff nichts von seiner Faszination verloren hat. Das liegt nicht nur an der guten literarischen Bühnenfassung von Karin Eppler, die sich eng an Fontane hält, ihm dennoch nicht sklavisch folgt, sondern auch an der souveränen, kurzweiligen Inszenierung. Das ist auch ein Erfolg der Erzählsolistin Eva Lankau, die verschiedene Personen, Männer und Frauen verkörpert und der es manchmal nur mit ihrer Mimik gelingt, die Spannung zu halten oder den Plot in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Das Bühnenbild, das von der Regisseurin Daniele Bethge entworfen wurde, zeigt eine Wand, die in tapezierte Quadrate unterteilt ist, ein Sinnbild der Salons, in denen sich das gesellschaftliche Leben zu Effis Zeiten abspielte. Nach und nach werden die Quadrate umgedreht und Porträts der handelnden Personen sichtbar. Dazwischen ist eine Leinwand, auf der immer wieder die junge Effi, gespielt von Lisa Jacobi, erscheint. Komplettiert wird das Ganze von einer Schaukel, einem Stuhl, einem Sofa, einem Nähkästchen – alles Gegenstände, die in Fontanes Roman Schlüsselrollen spielen. Im Film sieht man noch das Rondell im elterlichen Garten, das für Effi das Symbol ihres unbeschwerten Lebens ist. Hier fühlt sie sich „so wohl und so glücklich; ich kann mir den Himmel nicht schöner denken“.

Effi ist ein Naturkind, sie sehnt sich nach der Sonnenseite des Lebens, sie schaukelt, um sich frei und schwerelos zu fühlen. Angst hat sie keine, im Gegenteil, „ich falle jeden Tag wenigstens zwei-, dreimal, und noch ist mir nichts gebrochen“.

Ihre Freundin Hulda warnt sie deshalb, dass Hochmut vor dem Fall kommt. Effi hat trotz aller Wildheit ein Faible für alles „Vornehme“. Deshalb willigt sie sofort ein, als ihre Mutter sie fragt, ob sie den 21 Jahre älteren Baron von Instetten heiraten will, der Landrat ist und auf eine Ministerkarriere hoffen kann.

Auf der Bühne wird die Handlung durch erhaltene Post vorangetrieben. Effi fühlt sich in ihrer neuen Umgebung unwohl. Aus dem wilden Mädchen wird eine steife Sprechpuppe, genau das, was sie ihrer Tochter später vorwirft. Das Haus von Instetten ist unheimlich. Da hängen ein Haifisch und ein Krokodil von der Decke und im Saal über Effis Schlafzimmer verursachen die zu langen Gardinen unheimliche Geräusche. In diesem Saal hat anlässlich der Hochzeit des Vorbesitzers ein Chinese mit der Braut getanzt, die dann verschwand. Der Chinese war kurz darauf tot – ein Fingerzeig auf Effis Schicksal.

Weil ihr Ehemann aus Karrieregründen häufig unterwegs ist, fühlt sich Effi einsam. Das ebnet den Verführungsversuchen des „Traums aller Frauen“, Major Crampas, den Weg. Sie liebt ihn nicht, lässt sich aber auf ein Verhältnis mit ihm ein und bewahrt seine Liebesbriefe in ihrem Nähkästchen auf. In Berlin, wohin sie mit ihrem Mann zieht, vergisst sie den Liebhaber und seine Briefe, bis sie von ihrem Mann gefunden werden.

Der Abstieg von Effi Briest ist begleitet von ihrer sich entwickelnden Lungenkrankheit, die schließlich zu ihrem Tod führte. Kurz vorher wird sie von ihren Eltern wieder aufgenommen, sie besteigt noch einmal ihre geliebte Schaukel, fühlt sich wieder frei, wie zu ihren Mädchentagen. Hier verschmelzen Lebenslust und Todessehnsucht.

Im Rondell bekommt sie ihren Platz an der Sonne, indem die Sonnenuhr durch ihren Grabstein ersetzt wird. Die Schlussszene auf der Bühne, auf der die leere Schaukel in Bewegung gesetzt wird, könnte nicht eindrücklicher sein.

Es tut dem Stück sehr gut, dass Eppler darauf verzichtet hat, Effis Ende, wie im Film von Hermine Huntgeburth, der 2009, mit Julia Jentsch und Sebastian Koch attraktiv besetzt, in die Kinos kam, in eine Emanzipationsgeschichte umzuschreiben. Obwohl das Urbild der Effi, Elisabeth von Plotho, nach ihrer Scheidung sich tatsächlich auf eigene Beine stellte und als Krankenschwester arbeitete, hat Fontane Effis Ende gewählt, um nachdrücklich auf die Zwänge des wilhelminischen Zeitalters aufmerksam zu machen. Das zwingt den Leser, in Nordhausen den Zuschauer zum Nachdenken, aus dem ihn ein Happy End entlassen hätte.

Der lang anhaltende Schlussbeifall zeigte, dass die Inszenierung das Publikum überzeugte.

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Kultur Reisen

Das Comeback der entarteten Bilder

Ursprünglich veröffentlicht auf vera-lengsfeld.de am 10.01.20

An diesem Wochenende vom 11. und 12. Januar ist die letzte Gelegenheit, im Kunstmuseum Moritzburg in Halle eine sensationelle Ausstellung zu sehen. Es handelt sich um die Rekonstruktion der ersten Sammlung hochkarätiger Meisterwerke von Bauhauskünstlern des Kunstmuseums Moritzburg. Bis 1933 galt diese Kollektion als eine der führenden Deutschlands, bis sie im Sommer 1937 durch Beschlagnahme von 147 „entarteten“ Werken ihrer Bedeutung beraubt wurde. Zwar ist die Zahl der verlorenen Bilder im Vergleich mit anderen Museen nicht allzu hoch, aber es betraf den Kern des Ausstellungsbestands, weshalb der Verlust nicht auszugleichen war. Immerhin gelang es dem Museum, 15 Werke zurückzukaufen.

Die aktuelle Schau zeigt 40 der beschlagnahmten Kunstwerke als Leihgaben von öffentlichen und privaten Sammlungen. Gemeinsam mit den 300 nicht konfiszierten Werken gewinnt der Besucher einen guten Eindruck von der ursprünglichen Sammlung. Wirklich alle Bauhauskünstler, bekannte und unbekannte, scheinen vertreten zu sein, mit Gemälden, Aquarellen oder Zeichnungen.
Der Genuss wird erhöht durch die außergewöhnlich gelungene Präsentation. Die Besucher sehen beim Rundgang mittels Wanddurchbrüchen die Bilder aus immer neuen, überraschenden Perspektiven.

Für mich war der absolute Höhepunkt der rekonstruierten Sammlung die temporäre Wiedervereinigung von sieben der einst elf Gemälde des Halle-Zyklusses von Lyonel Feininger. Sie nebeneinander zu sehen ist wirklich sensationell. Außerdem werden eine Reihe von vorbereitenden Skizzen gezeigt, die Feininger während eines Ostseeurlaubs als Vorstudien anfertigte. Es ist ein einmaliger Einblick in die Werkstatt des Malers.

Das herausragende Gemälde des Hallenser Domes konnte die Stadt Halle zurückkaufen. Zwei andere Gemälde hat es nach München und Mannheim verschlagen, wohin sie leider nach Ausstellungsschluss wieder zurückkehren müssen. Man wünscht sich, sie könnten als Dauerleihgaben in Halle bleiben. Das besondere Licht und die kunstvoll verschobene Perspektive machen Feiningers Gemälde nicht nur unverwechselbar, sondern einmalig.
Weiter hinten ist der Künstler noch mit einem Gemälde seiner Lieblingskirche in Gelmenroda zu sehen und mit einer Straßenansicht, deren eher dröge Anmutung durch seine spezielle Malweise ins Zauberhafte gedreht wird.

Allein für Feininger lohnt sich auch eine längere Anfahrt nach Halle. Aber Klee, Nolde, Kandisky, Kokoschka, Heckel, Schlemmer und Grosz sind auch noch da.
Wer es an diesem Wochenende nicht schafft, sollte sich schon mal den März vormerken. Dann wird Toulouse-Lautrec gezeigt. Nach der hohen Qualität dieser Ausstellung darf man gespannt sein, wie dieser Ausnahmekünstler präsentiert wird.

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Kultur

Wenn die Wasser Balken hätten

Ursprünglich veröffentlicht auf vera-lengsfeld.de 15.12.19

Das ist der Titel der musikalischen Autobiografie des Liedermachers Stephan Krawczyk, die als sein Beitrag zum 30. Jahrestag des Mauerfalls auf den Markt kam. Seine besten Titel der letzten dreißig Jahre sind auf dieser CD vereint, die nicht nur Hörgenuss, sondern auch jede Menge Weisheit und damit Denkanstöße bietet.Stephan Krawczyk startete in der DDR als zorniger junger Mann, der bald nur noch in den Räumen der evangelischen Kirche auftreten durfte und dort zuverlässig für volle Häuser sorgte. Seine Karriere endete abrupt, als er im Januar 1988 am Vorabend der alljährlichen Kampfdemonstration der SED zu Ehren der ermordeten Kommunisten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg den inzwischen berühmt gewordenen Satz von Luxemburg „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ aus der Gesamtausgabe heraussuchte und damit der Gegendemonstration der Bürgerrechtler einen unschlagbaren Slogan gab.Krawczyk, der auch selbst an der Demonstration teilnahm, wurde gemeinsam mit 104 anderen Bürgerrechtlern verhaftet und ins Zentrale Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit nach Berlin-Hohenschönhausen gebracht. Von dort wurde er, auf Wunsch seiner damaligen Frau Freya Klier, gemeinsam mit ihr in den Westen abgeschoben. Klier und Krawczyk waren nur die Ersten. Alle anderen Inhaftierten, mit ausnahmen zweier Minderjähriger, folgten ihnen innerhalb von zehn Tagen. Aus den Stasiakten wissen wir, dass es sich bei der Verhaftung und späteren Abschiebung von Bürgerrechtlern um einen „Enthauptungsschlag“ gegen die Opposition ging, die sich seit Beginn der 80er Jahre in den Räumen der Evangelischen Kirche entwickelt hatte.

Krawczyk, unverhofft im Westen gelandet, verstummte erst einmal für ein Vierteljahr. Dann begann er wieder zu schreiben. Sein erstes Lied: „Komm über mich im Unterholz“ ist keine wütende Abrechnung mit dem SED-Regime, sondern ein anrührendes Liebeslied für seine Frau, der er gefolgt war. „Ich lieb dich doch, du kannst mich noch vorm Totentanz erretten, ich les´ dir dann beim Abendmahl vom Unterkleid die Kletten…”

Das älteste Lied der CD ist von 1982. „Der Clown“, geschrieben vom Leipziger Lyriker Andreas Reimann, ist dennoch brandaktuell. „Zum Teufel, der geht auf zwei Beinen herum – und das auch noch vor Publikum… er mag Menschen mehr als den eigenen Hund.. zeigt noch im hellsten Licht sein Gesicht und bricht statt Beischlaf Liebe vom Zaun – ist eben ein Clown”. So ein Clown ist heute wieder eine Provokation. Krawczyks Neueinspielung ist zurückhaltender als frühere Versionen, man könnte es auch resignierter nennen.Im ersten Lied „Bitte“ singt er „Hüte deinen guten Kern, sei das Unteilbare“. Diese Aufforderung findet sich unterschwellig in allen 18 Liedern wieder. Mit Krawzcyks sanfter, erotischer Stimme wirkt diese Aufforderung unwiderstehlich. Dazu die musikalische Begleitung in subtilen Arrangements, von Gitarre- und Akkordeon dominiert. Alle Instrumente werden von Krawczyk selbst gespielt.

Sehr eindringlich ist das eher politische „Wieder stehen“, der Hit in den Kirchen der DDR,. „Wer wieder stehen will, muss sich erst widersetzen“, sagte Krawczyk sein Lied damals an. Das trifft auch heute noch zu, denn: „Leben ist von kurzer Dauer, keine Zeit mehr zum Verzicht“.

Am berührendsten sind seine Liebeslieder. Das unendlich zarte Lied an den Mond – „das All ist unser Liebesnest“. Oder das fröhliche „Frühling“: „Unsrer Hüfte frohes Schwingen, lässt die Vöglein lauter singen“. Mein Lieblingslied ist „Heute“- „Nimm mich heut in Deine Arme, heute kannst Du mich verstehen.“ Auch wer gerade über keine aktuelle Liebe verfügt, kann sich an frühere Lieben erinnern und ist getröstet, weil niemand, der auch nur einmal in seinem Leben zur Liebe fähig war, umsonst gelebt hat.

Krawczyk singt seine Lieder, „was nicht heißt, dass es wem nützt“.

Aber: „Wenn wir uns mit uns begnügten und uns wärmten, wenn wir frier´n, könnte ich mit meinen Liedern, hilfreich eure Haut berührn.“

Das kann er, man muss ihm nur zuhören. Die CD wäre übrigens ein gutes Weihnachtsgeschenk, nicht nur, aber vor allem für die Liebsten.

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Kultur Reisen

New York – eine Spätherbstreise

Ursprünglich veröffentlicht auf vera-lengsfeld.de 03.12.19

Einen Vorgeschmack auf den Mentalitätswandel in den USA bekommt man schon, wenn man mit United Airlines von Berlin nach New York fliegt. Die hübschen Stewardessen in ihren adretten Uniformen waren gestern. Die politisch korrekte bunte Crew von heute ist dem Pensionsalter nahe und ziemlich vollschlank. Da können wenigstens keinem Passagier unziemliche Gedanken kommen. Aber freundlich sind sie, auch wenn die Bordverpflegung nicht mehr für die letzten Reihen reicht. Weil Vegetarier und Veganer Extra-Würstchen bestellen können, gibt es die Möglichkeit, Fluggäste, die leer ausgegangen sind, mit den veganen Resten zu beglücken.

Unser Flug kam pünktlich in Newark an. Auf dem Riesenflughafen kann man leicht die Orientierung verlieren. Aber keine Bange: Service is our first priority, ist eine häufig zu sehende Werbung. Tatsächlich stehen überall uniformierte Angestellte herum, die den hilflosen Passagieren die jeweiligen Automaten erklären, die Tickets ausspucken, die man früher von solchen Angestellten in die Hand gedrückt bekam. Schnell stellt sich heraus, dass diese Fachkräfte nur wissen, was sie zu erklären haben. Sie nach dem Weg zum Flughafen-Express nach NY zu fragen, ist zwecklos.Von drei Personen werde ich in ebenso viele Richtungen geschickt. Erst der vierte Befragte wusste, dass es sich um einen Bus handeln müsste, der irgendwo draußen zu finden sei. Der Hinweis erwies sich als hilfreich. Ich konnte den Bus besteigen und landete ohne Zwischenaufenthalt am Busterminal Port Authority in der Nähe des Times Square.

Zu meinem Hotel hätte ich die U-Bahn nehmen können, aber ich beschloss, den Broadway entlang zu Fuß zu gehen. Das war nicht ganz einfach. Einen Tag vor Thanksgiving, dem wichtigsten Feiertag der Amerikaner, schien die Stadt überzuquellen von Besuchern. Die gefühlte Hälfte zog wie ich einen Gepäcktrolley hinter sich her. An jedem Straßenübergang kam es zum Kampf aller gegen alle. Die Fußgänger betraten die Straße noch, wenn die Ampel längst auf Stopp geschaltet hatte und behinderten die anfahrenden Autos. Umgekehrt blockierten die Autos die Übergänge. Von der Gelassenheit der New Yorker, die ich bei früheren Aufenthalten schätzen gelernt hatte, ist nur noch wenig zu spüren. Immerhin wird man immer noch angesprochen, sobald man sich suchend umsieht. Das heißt, in der Menge befinden sich noch ein paar Ureinwohner.

Unser Hotel lag an der 29th Street/ Ecke Broadway und stellte sich als Pendant des Berliner Soho-House heraus. Die Lobby war als solche kaum zu erkennen, weil die zahllosen jungen Leute mit ihrem Laptops auf Sofas, Sesseln Stühlen und auf dem Boden sie in eine Art Großraumbüro verwandelt hatten. Ich glaubte schon, mich in der Tür geirrt zu haben, als ich die Rezeption in der rechten Ecke doch noch entdeckte. Nach dem freundlichen Empfang durch einen heftig an Fingern und Ohren beringten jungen Mann erwartete mich eine unangenehme Überraschung: Meine Visacard erwies sich als nicht einsetzbar. Sie hatte zuvor problemlos in Georgien, Polen, Litauen und Amsterdam funktioniert. Meine Reise schien schon zu Beginn im Desaster zu enden. Mein Hinweis, dass mein Sohn, der zur Zeit in den USA arbeitet, am nächsten Tag mit einer garantiert funktionierenden Kreditkarte käme, führte anfangs nicht dazu, dass ich mein Zimmer beziehen durfte. Erst meine Enkelin, die ich in Berlin angerufen hatte, überzeugte einen anderen Rezeptionisten mit ihrer Engelsstimme, mich aus dem Dilemma zu erlösen. Ich bekam ein sehr schönes Zimmer im elften Stock mit noch unverbautem Blick auf das Empire State Building und konnte mich erst einmal von dem Schock erholen. Zum Glück hatte ich noch genug Bargeld umgetauscht, um bis zur Ankunft meines Sohnes versorgt zu sein.

Was die Visacard betraf, fand ich schnell heraus, dass es nicht nur bei mir Schwierigkeiten gab. Auch bei meinem Sohn funktionierte nur seine amerikanische Firmenkarte. Telefonische Nachfragen ergaben, dass man wegen eines speziellen amerikanischen Sicherheitssystems vor jeder Transaktion bei der Visa-Hotline anrufen müsse, um die betreffende Summe freischalten zu lassen. Das scheint jedenfalls alle Karten zu betreffen, die von Sparkassen ausgestellt wurden. Unbekümmertes Shopping ist so kaum möglich, es sei denn, man deckt sich mit ausreichend Bargeld ein. Sollen die Touristen auf diese Weise sanft dazu bewegt werden, sich mit American Express auszustatten?

In den neunziger Jahren waren die USA noch billig. Man konnte sich mit günstiger Kleidung, Kosmetik und technischen Geräten eindecken und damit einen Teil seiner Reisekosten wieder reinholen. Die Zeiten sind längst vorbei. New York ist sündhaft teuer. Ein Stück Kuchen kostet zwischen 5 und 6 Dollar, ein Croissant ist nicht unter vier Dollar zu haben, für ein Glas Wein muss man 9 Dollar aufwärts hinblättern. Ein Frühstück zu zweit im Le pain quotidien schlägt mit vierzig bis fünfzig Dollar zu Buche, das Thanksgiving-Dinner zu zweit in einem Restaurant in Brooklyn ohne Weinbegleitung mit zweihundertfünfzig. Dafür ist alles bio.

Das vergisst man sofort, wenn man wie wir über die Brooklyn Bridge von Manhattan nach Brooklyn läuft und das großartige Panorama vor Augen hat, welches die nächtliche Stadt bietet. Noch schöner, weil ungestörter, fand ich den Blick vom kleinen Uferpark unter der Manhattan Bridge in der Nähe unseres Restaurants. Hier waren keine Touristen, nur ein paar Hundebesitzer, die ihre Lieblinge Gassi führten. Ab und zu rumpelte ein Zug über unseren Köpfen hinweg, der die innere Ruhe, die sich beim Anblick der grandiosen Kulisse von Big Apple einstellt, nicht stört.

Aber schon dieser Blick zeigt, wie sehr sich NY verändert. Seit meinem letzten Aufenthalt 2005 sind zahllose neue, schmale Hochhäuser entstanden, die wie Schornsteine in den Himmel stechen. Auf der 5th Avenue sahen wir eins, dass ein altes Haus, welches dem Investor offenbar nicht weichen wollte, unter den Arm nahm. Baugrund ist knapp. Die Frage ist, wer hier wohnt. So viel Millionäre kann es gar nicht geben, um all die Appartements zu bevölkern. Hinter die Glitzerfassaden kann man nicht schauen, aber in den alten Blocks ist viel Leerstand auszumachen.Die Straßen von Midtown sind ziemlich vermüllt, etwa wie die von Berlin-Wedding. Neben den Touristen sind ziemlich viele Obdachlose zu sehen. In der Nähe unseres Hotels hat sich einer mithilfe von sandgefüllten Plastesäcken, die er wie einen Schutzwall um sich gruppiert hat, dauerhaft eingerichtet. So oft wir dort vorbei gingen, lag er bewegungslos in seiner Festung. Gleich nebenan ein Café. Ob er dort die Waschräume benutzt? Apropos Toiletten. In den hippen Lokalitäten gibt es keine nach Männern und Frauen getrennte Toiletten mehr, ein Trend, der uns bald einholen wird.

Im Trump-Tower ist dagegen die Welt noch in Ordnung. Hier wird noch nach Männlein und Weiblein unterschieden. Das Trump Café und der Trump-Grill sind bis auf den letzten Platz besetzt. Das ganze Gebäude glänzt im Weihnachtsschmuck. Dem Andrang nach zu urteilen, ist Trumps Popularität außerhalb der linken Filterblase ungebrochen.Eine Überraschung ist die Bronx, die wir besuchen, um in den Zoo zu gehen. Hier sind die Straßen sauber, die Gebäude wirken gepflegt. Im Gegensatz zu Midtown wachsen hier Bäume, nicht nur in der riesigen Parkanlage, die den Zoo umschließt. Von dem Slum, der die Bronx mal war, ist nichts mehr zu spüren. Wenn ich in NY leben müsste, würde ich hier wohnen wollen. Ob das möglich wäre, ist allerdings zweifelhaft, denn es ist eine Black Neighborhood und heutzutage ist ein neuer Rassismus auf dem Vormarsch, der politisch-korrekt Menschen wieder nach Hautfarbe sortiert und separiert. Aber das ist ein anderes Kapitel.

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Kultur Reisen

Das Adventswunder von New York

Ursprünglich veröffentlicht auf vera-lengsfeld.de 03.12.19

Nein, man muss nicht unbedingt nach New York fliegen, um sich das Nussknacker-Ballett von Peter Tschaikowski anzusehen, schließlich gibt es jedes Jahr in Deutschland zur Adventszeit wunderbare Inszenierungen des russischen Balletts zu sehen, und auch deutsche Versionen müssen sich nicht verstecken.Aber wer sich in der Adventszeit in New York aufhält, sollte die Aufführung des New York City Ballet nicht verpassen. Die Truppe wurde 1946 vom Choreografen George Balanchine, geboren als Georgi Melitonowitsch Balantschiwadse, ein Russe mit georgischen Wurzeln, gemeinsam mit Lincoln Kirstein, der Balanchine nach New York geholt hatte, gegründet. Damit wurde die Welt des Balletts verändert. Balanchine führte die Kompanie mit seinem neuen, modernen Stil bald zur Weltgeltung. Die Idee war, jungen Tänzern die Gelegenheit zur Profilierung zu geben.Als er aber ankündigte, ausgerechnet Tschaikowskis Nussknacker nach vielen Tanzszenen als erstes Vollballett aufzuführen, war die Fachwelt überrascht. Der Nussknacker war nach seiner Premiere 1892 nie richtig beim Publikum angekommen. Außerdem war das Ballett nach all den abstrakten, neoklassizistischen Choreografien Ballanchines das klassische Gegenstück. Mehr alte Ballettschule war kaum möglich. Aber Balanchine, der als Student in St. Petersburg in dem Stück getanzt hatte, war überzeugt, dass der Charme der deutschen Weihnachtsgeschichte nach E.T.A. Hoffmanns Nussknacker und der Mäusekönig das Publikum begeistern würde. Er behielt recht. Die Aufführung ist seit 1954, also bald 70 Jahren, ein Kassenmagnet. Mehr noch, die New Yorker Aufführung machte Schule. Weltweit wurde der Nussknacker wieder auf den Spielplan gesetzt. Die letzte Inszenierung hatte ich vor einem Jahr in Nowosibirsk gesehen und war begeistert.

In New York sitzt man für 116$ in der Nachmittagsvorstellung im vierten Rang, aber wenigstens in der Mitte, mit gutem Blick über die Bühne. Das Haus ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Über dem vierten ist noch ein fünfter Rang. Das Publikum ist jung, das liegt nicht nur an den vielen Familien mit Kindern, sondern viele Jugendliche interessieren sich für die Aufführung. Welch ein Anblick, wenn man das 60+ Publikum von Deutschland gewohnt ist!

Dabei ist die Inszenierung, die seit 70 Jahren unverändert ist, ganz klassisch. Bühnenbild und Kostüme entsprechen der Märchenwelt. Die verstörenden Elemente der Hoffmann-Geschichte sind bei Tschaikowski abgemildert. Kein Kind bekommt Albträume wegen des Mäusekönigs und seiner grauen Soldateska. Sowieso wird er ja vom Nussknacker besiegt. Dann bricht der Zauber aus und aus dem Nussknacker wird ein Prinz, der aber aussieht, wie der Neffe des Lieblingsonkels der Hauptheldin Marie. Was Kinder begeistert ist, dass Kinder als Hauptpersonen in dem Stück auftreten und jedes Kind die Handlung ohne Schwierigkeiten verstehen kann.

Das ist besonders leicht im zweiten Teil, wo Marie und der Prinz im Land der Süßigkeiten ankommen. Sie werden von der Zuckerfee begrüßt und zu einem Thron geleitet, wo sie sich an den süßen Köstlichkeiten gütlich tun können.

Von nun an tanzen alle Bewohner des Zuckerlandes für sie: Schokolade aus Spanien, Tee aus China, Kaffee aus Arabien, Zuckerstangen, Marzipanfiguren und die Ingwer-Mutter mit ihren acht Polichinellen. Dann kommt der Walzer der Blumen, mit ihren Tautropfen und zum Schluss das Pas de deux der Zuckerfee und ihres Kavaliers! Alle diese Tänze scheinen nur gemacht, damit die Tänzer ihre heraustragende Kunst demonstrieren können. Das Publikum kommt aus dem Beifall-Klatschen kaum heraus.Wenn die Nachmittagsvorstellung von der zweiten Besetzung getanzt wurde, fragt man sich, wie die erste das in der Abendvorstellung übertreffen könnte. Schöner kann Tschaikowskis gloriose Musik nicht interpretiert werden! Als wir das Theater verließen und durch den Central Park zur 5th Avenue liefen, tönte das Nussknacker-Motiv am Rockefeller Center durch die Luft. Es begleitete die Weihnachtsshow an der Fassade eines Kaufhauses, die von hunderten Zuschauern mit glänzenden Augen verfolgt wurde.

In New York liegen höchste Kunst und gnadenloser Kommerz dicht beieinander.

Tanz der Blumen und der Schneeflocken:

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Der Auserwählte oder die Gefährlichkeit der Einheitsmeinung

Ein Freund empfahl mir kürzlich den Film „Stalins Tod“.
Auf der Suche danach bin ich bei Netflix erst zu „Er ist wieder da“ geleitet worden, was ich mir aber nicht antun wollte, dann über „Roman Empire“ zu „The Chosen“, wo ich hängengeblieben bin. Es ist nicht die Serie über Jesus Christus, sondern ein Film über den Mörder von Stalins Konkurrent Leo Trotzky, leider nur in Spanisch, mit englischen Untertiteln. Das Werk beginnt mit Originalaufnahmen von Lenin, Trotzky und Stalin, bis hin zu einer Erschießung.

Die eigentliche Story nimmt ihren Ausgang im spanischen Bürgerkrieg. Eine kommunistische Funktionärin fährt an die Front, um ihrem Sohn mitzuteilen, dass er für eine besondere Mission ausgewählt wurde. Der will eigentlich nicht, beugt sich aber dem Diktum, dass die Partei bestimmt, wohin er gestellt wird. In der Sowjetunion wird er in einer ablegenden Hütte, wo ihm als einziger Gefährte ein Hund beigeben wird, für seinen Auftrag trainiert. Er muss vergessen, je Spanier gewesen zu sein, sondern ist der belgische Staatsbürger Jacques. Am Ende des Trainings wird seine Härte gestetet, indem ihm sein Ausbilder befiehlt, den geliebten Hund zu erschießen, was er tut.

Der Auserwählte wird zuerst nach Paris geschickt, wo er der Sekretärin von Trotzky zugeführt wird. Er spielt ihr vor, sich in sie verliebt zu haben, so erfolgreich, dass sie ihm glaubt, dass er ihretwegen nach Mexiko kommen wird, wohin sie zurück muss. Der Film gibt interessante Einblicke , wie stark die GPU in Mexiko vertreten war und wie rücksichtslos sie Genossen aus dem Weg räumte.
Der Auserwählte wird in Mexiko Stadt auf der Straße von seinem verehrten ehemaligen Kommandeur aus dem Bürgerkrieg erkannt. Er versucht, ihn loszuwerden, wird aber von seine ewigen Begleiten aufgefordert, ihn zurückzurufen und abzulenken, bis er von den GPUlern abgeholt werden kann. Auch das tut er und stellt sich taub, als der Freund ihn um Hilfe ruft, weil er ahnt, was es bedeutet, in ein Auto gezerrt zu werden. Am Tag darauf findet man den Kommandeur ertrunken in einem Parkteich.

Auch als ein Anschlag auf Trotzky schief geht, weil es dem gelingt, sich und seine Frau Natalia rechtzeitig aus dem Bett zu retten, das von verkleideten Polizisten unter Beschuss genommen wird, wird der vermeintliche Verräter, der gänzlich unschuldig, aber frisch aus New York eingetroffen war, sofort beseitigt. Der Auserwählte fragt zwar, ob es nötig gewesen sei, zwei treue Genossen hinzurichten, gibt sich aber mit der Antwort seiner Mutter, die neben dem GPU-Ausbilder die Operation Trotzky leitet, dass die Sache der Partei eben manchmal Opfer erfordere, zufrieden.

Nun muss der Auserwählte selbst Hand an Trotzky legen. Ihm war es inzwischen gelungen, mittels seiner Geliebten, die bei seinen heimlichen Treffen mit der GPU nur „die Sekretärin“ genannt wird, Zugang zu Trotzkys Haus zu erhalten. Zwar mißtraut der deutsche Sicherheitschef Trotzkys dem Auserwählten zutiefst, auch Trotzkys Frau Natalia hat Vorbehalten gegen ihn, aber Trotzky ließ ihn weiter zu sich.
Am Tag des Mordes wunderte man sich , warum der Auserwählte einen Regenmantel über dem Arm trug, gab sich aber mit der Antwort, er wolle auf plötzliche Regengüsse vorbereitet sein, zufrieden.
Trotzky nahm ihn trotz aller Warnungen wegen eines nächsten Anschlags mit in sein Büro, ließ es sogar zu, dass der Mörder hinter seinen Schreibtischstuhl trat und gab ihn damit die Gelegenheit, den im Mantel versteckten Eispickel hervorzuholen und ihn zu erschlagen. Das gelingt nicht sofort, denn trotz intensiven Trainings erwischte er Trotzkys Kopf nur seitlich. Trotzky konnte ihm noch den Eispickel entwinden und um Hilfe rufen.
Der schwerst verwundete Trotzky befahl noch seinen Leuten, den Attentäter am Leben zu lassen, damit er seine Geschichte offenbaren könne. Das gelang aber nicht. Trotz erdrückender Gegenbeweise bestand der Auserwählte unter Folter, vor Gericht und in während seiner zwanzigjährigen Haft darauf, der belgische Staatsbürger Jaques zu sein.
Nach seiner Entlassung ging er in die Sowjetunion, wo er mit dem höchsten Titel „Held der Sowjetunion“ geehrt wurde. Seine Mutter war schon vor ihm da gewesen, hatte die Härten des realsozialistischen Lebens aber nicht ausgehalten und es vorgezogen nach Spanien zurückzukehren und ihr Leben als kleine Versicherungsangestellte zu beenden.
Den Auserwählten hielt es auch nicht im Vaterland aller aufrechten Kommunisten, er ging nach Cuba, wo er hochbetagt starb.

Das Interessante an dem Film war, wie tief alle Akteure ihr Marionettendasein verinnerlicht hatten. Sie taten, was die Partei ihn befahl und waren sich möglicher Konsequenzen durchaus bewußt. Der Trainer des Auserwählten sagte, jeder würde beobachtet, alle könnten vor dem Erschießungskommando enden. Wichtig wäre allein die Partei.

Jeder, dem nicht klar ist, wie gefährlich eine Einheitsmeinung ist, sollte sich diesen Film ansehen.
Der aktuelle Bezug ist, dass wieder massiv eine Einheitsmeinung gefordert wird. Wir sollten uns der Gefahr, die das bedeutet, bewußt sein.

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Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch!

Heute ist der 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin, Deutschlands Dichter-Genie, das bereits in seiner Zeit vom Zeitgeist in den Wahnsinn getrieben wurde. In der Zwangsquarantäne, die uns von  einer unfähigen Politik verordnet wird, um von deren Versagen abzulenken, sollten wir die Zeit nutzen und uns wieder darauf besinnen, was Europa stark gemacht hat. Ein erster guter Schritt wäre, das Fernsehen auszuschalten und zum Buch zu greifen. Zum Beispiel nach einer Hölderlin-Biografie.

Wenn es nach der literarischen Qualität ginge, müsste das Buch von Jürgen Hultenreich über Hölderlin ganz oben auf der Bestseller-Liste stehen. Eine poetische Biografie nennt der Autor sein Werk. Zu Recht. Aber es ist viel mehr als das. Es ist ein Überblick über den auch damals schon Zeitgeist genannten Zustand einer ganzen Epoche. Philosophie, Literatur, Wissenschaft, Technik und Politik waren miteinander verflochten. Mancher Herrscher war auch Poet, Maler oder Musiker, manchmal alles zusammen. Viele Poeten, Dichter, Philosophen betätigten sich mindestens zeitweise politisch. Deutschland war zersplittert. Das hatte nicht nur Nachteile. Es reichte, von Karlsruhe nach Mannheim zu reisen, um einem tyrannischen Fürsten zu entkommen. Trotzdem war man über die Grenzen hinaus vernetzt. Anfangs genügte es für Hölderlin, Friedrich Schillers Landsmann zu sein, um vom Genius unter die Fittiche genommen zu werden. Am Ende trug das leider dazu bei, dass Schiller die Genialität seines Schützlings nicht erkannte. Sein Gönnertum machte ihn blind.

Als Hölderlin im März 1770 in Lauffen am Neckar geboren wurde, brachte der mittlere Neckarraum jede Menge Forscher, Dichter, Künstler und Philosophen hervor. Hultenreich zitiert Gottfried Benn, der auf die „gemeinschaftliche Abstammung von Schelling, Hölderlin, Mörike und Uhland” hinweist, „von denen dann wieder verwandtschaftliche Verbindungslinien zu Mozart, Hegel, Hauff und Kerner laufen.“ Man fragt sich, wo dieser Geist im heutigen Deutschland geblieben ist. Er führt ein Nischendasein bei den Hultenreichs.

Hölderlin wurde in eine Welt des Umbruchs geboren. James Cook landet an der australischen Ostküste, Thomas Newcomen entwickelt die Dampfmaschine. Das Industriezeitalter springt von der britischen Insel nach Europa über. Die Französische Revolution wirft ihre Schatten in den Werken der Enzyklopädisten voraus.

Hölderlin verliert kurz hintereinander seinen Vater und seinen fortschrittlichen Stiefvater, Johann Christoph Gok, worauf er seinen ewigen Hang zur Trauer zurückführt. Er wächst in einem Frauenhaushalt auf, wird von seiner auf Sicherheit bedachten Mutter aber sehr bald auf eine Schule für künftige Theologen geschickt. Später soll er seine Studien am Tübinger Stift vervollständigen. Hier wohnt er auf der Stube mit Hegel und Schelling. Sie bilden ein „philosophisches Triumvirat“, das ihre Leben prägte, auch wenn sie sich Jahrzehnte später geistig weit voneinander entfernten.

Schon in jungen Jahren fällt Hölderlins Schwerblütigkeit und zeitweise Gereiztheit auf. Der sehr gut aussehende Mann kommt bei Frauen an, bringt ihnen aber kein Glück. Seine Jugendliebe Louise Nast verlässt er grundlos, dabei hätte sie ihn, wie Hultenreich feststellt vor seinem Schicksal retten können. Eine andere, die er als Hauslehrer bei Charlotte von Kalb kennenlernt und vielleicht sogar geschwängert hat, verlässt er ebenso. An andere Liebeleien kann er sich später nicht einmal mehr erinnern.

Hölderlin will nicht Pfarrer werden. Da er von seinem Schreiben nicht leben kann, bleibt ihm nur, wie vielen anderen Dichtern, eine Hauslehrerstelle. Alle enden eher früher als später mit seiner Entlassung. Aber eine davon wird sein Glück und Verhängnis zugleich. Sein Freund Sinclair hatte ihm die Stelle bei dem Frankfurter Bankier Jakob Gontard vermittelt. Dort trifft er auf die Frau des Hauses, Susette, die aufs Haar Hölderlins Vorstellungen von Diotima aus seinem „Hyperion“ gleicht. Überdies kannte sie sein Werk. Er wiederum hat verblüffende Ähnlichkeit mit Susettes geliebtem Bruder.
Es war wohl Liebe auf den ersten Blick, aber von Anfang an war klar, dass diese Liebe keine Zukunft hatte. Nur ein paar Wochen Glück, ausgerechnet im Schatten des Krieges, den die französischen Revolutionstruppen gegen Frankfurt führen. Wegen des Dauerbombardements schickt Gontard seine Familie aufs Land. Er selbst bleibt in der Stadt. Zurück in Frankfurt, unterrichtet eine eifersüchtige Gesellschafterin von Susette den Ehemann von dem innigen Verhältnis des Hauslehrers zu seiner Frau. Hölderlin wird umgehend entlassen. Es folgt eine qualvolle Zeit, in der sich die Liebenden noch ein paar Mal aus der Ferne sehen, dann wird auch das zu gefährlich.

Mit ersten Zeichen geistiger Zerrüttung wandert Hölderlin nach Frankreich, wo er in Bordeaux eine neue Hauslehrerstelle antritt, die aber nach drei Monaten schon wieder beendet wird. Die Rückreise aus Frankreich ist gleichzeitig eine Reise in den Wahnsinn. Hölderlin vernachlässigt sein Äußeres in einer Weise, die alte Bekannte, später Mutter und Schwester, in Angst und Schrecken versetzt. Es gibt viele Menschen, die helfen wollen. Der treue Freund Sinclair schafft auf eigene Kosten für seinen Freund sogar eine Bibliothekarsstelle beim Landgrafen von Hessen-Homburg, wo sich die Schwester des Grafen in den immer noch attraktiven Hölderlin verliebt. Der scheint das nicht einmal bemerkt zu haben.

Erstaunlich ist seine außerordentliche literarische Produktivität, die von den ersten Krankheitsschüben noch nicht gedämpft wird. Erst als der Dichter gewaltsam von seiner Bibliothekarsstelle entfernt werden muss, hörte sein systematisches Schaffen auf. Nach einem Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt, aus der er als unheilbar entlassen wird, bringt die Mutter den Kranken beim Schreinermeister Zimmermann in Tübingen unter, der sich dreißig Jahre lang rührend um Hölderlin kümmert.
Er ermöglicht Hölderlin ein ruhiges Leben im Turm, der seitdem berühmt ist. Obwohl er zu seinen Lebzeiten nicht die gebührende Anerkennung als Dichter erfährt, wird Hölderlin doch zur Legende. In der zweiten Hälfte seines Lebens ist er keineswegs vergessen, sondern wird von Heerscharen von Besuchern belagert. Besonders die Tübinger Studenten haben es sich zum Ritual gemacht, dem Dichter ihre Aufwartung zu machen. Manche fordern als Souvenir ein Gedicht – und bekommen eins zum gewünschten Thema.

Hölderlins literarischer Ruhm beginnt erst nach seinem Tod. Den Grundstein dafür hat Christoph Schwab gelegt, der Hölderlins Schriften in zwei Bänden herausgab. Es folgten immer wieder neue Würdigungen, ob von Ricarda Huch, Rainer Maria Rilke, Georg Trakl oder Georg Heym.

Hultenreich: „Eine andere Wirkung , außer Begeisterung, ging von ihm nicht aus. Er fand Nachahmer, keine Nachfolger.“

Mit Hultenreich hat Hölderlin einen Biographen gefunden, der ihm gerecht wird, wie kaum einer zuvor. Das Schönste daran ist, dass es Hultenreich gelingt, dieses tiefe Verständnis seinen Lesern zu vermitteln. Ich habe das Buch schon zweimal gelesen und dabei so viel Neues entdeckt, dass ich sicher bin, es zum dritten und vierten Mal mit Gewinn in die Hand zu nehmen.

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Das Wort zum Abend von Friedrich Hölderlin

Dies ist ein Artikel, ursprünglich veröffentlicht auf Vera-Lengsfeld.de Veröffentlicht am 20. 03. 2020

Die Deutschen „seien Barbaren von alters her …, in jedem Grad der Ärmlichkeit und der Übertreibung beleidigend für jede gut geartete Seele … Ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre. Handwerker siehst du, aber keine Menschen; Denker, aber keine Menschen; Priester, aber keine Menschen; Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen … Es ist auf Erden alles unvollkommen, ist das alte Lied der Deutschen. Wenn doch einmal diesen Gottverlaßnen einer sagte, daß bei ihnen nur so unvollkommen alles ist, weil sie nichts Reines unverdorben, nichts Heiliges unbetastet lassen mit den plumpen Händen …“
Aus diesem Konglomerat negativer Eigenschaften erwachse beständig ein tatenarmes Volk, was die unerläßliche geistige Beweglichkeit im Politischen betreffe, das aber jederzeit und mit viel Geräusch gedankenvoll sei.