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Geschichte

30 Jahre Friedliche Revolution – Vierter Dezember 1989

Ursprünglich Veröffentlicht auf vera-lengsfeld.de am 03.12.19

Kaum sind sie gestürzt, werden mehrere Politbüromitglieder auf Anweisung der Regierung Modrow verhaftet. Es trifft unter anderem Erich Mielke, der in die von ihm mit konzipierte Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen eingeliefert wird. Obwohl er zu keinem Zeitpunkt den üblichen Härten ausgesetzt ist – er bekommt Zeitungen, Bücher, darf fernsehen, in seiner Zelle werden sofort die Glasbausteine gegen normales Fensterglas ausgetauscht, seine Freigänge muss er nicht in der Frischluftzelle absolvieren, sondern darf sie im so genannten „Rosenhof“ verbringen, eine Grünanlage für die Stasioffiziere, beschwert sich Mielke bei erster Gelegenheit über die „unmenschlichen Haftbedingungen“. Wo er Recht hat, wollen wir dem Ex-Stasichef nicht widersprechen, müssen aber hinzufügen, dass Mielke sich niemals eingestanden hat, dass die Haftbedingungen etwas mit seiner politischen Verantwortung zu tun haben.

Während ihr langjähriger oberster Befehlsgeber hinter Gittern sitzt, sind die Stasimitarbeiter auf allen Ebenen fieberhaft damit beschäftigt, Akten zu vernichten. Der DDR-Hörfunk kommt seinem Versprechen nach, unabhängig zu berichten. Er bringt als erster Sender ein Stück über die Aktenvernichtung. Es wird schon am frühen Morgen ausgestrahlt und hat Folgen.

In Erfurt beschließen die Frauen der Bürgerinitiative „Frauen für Veränderung“ umgehend, gegen die Aktenvernichtung vorzugehen. Es gelang ihnen ohne Mühe, Mitstreiter unter den Oppositionellen, Kirchenleuten, rebellischen Betriebsbelegschaften und Angestellten zu mobilisieren. Die Menge umstellte das MfS-Gebäude. Autofahrer, unter anderem die städtische Müllabfuhr, blockierten die Auffahrt. Es dauert nicht lange und die Stasi gibt nach. Sie lässt erst einige Frauen ins Gebäude, dann weitere Demonstranten. Sie finden Beweise für eine umfangreiche Aktenvernichtung. Sofort werden die Archive versiegelt und eine Bürgerwache eingesetzt, um weitere Vernichtungen zu verhindern. Noch am gleichen Tag werden weitere Stasiobjekte in der Stadt
aufgespürt und besetzt.
In Rostock können sich die Oppositionellen noch nicht zu einer Besetzung der Stasizentrale durchringen. Sie organisieren eine Mahnwache vor den Toren: „Mahnwache gegen Vernichtung von Beweismitteln“. Die Stasi ist wenig beeindruckt. So lange sie kann, vernichtet sie weiter.

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Kultur Reisen

New York – eine Spätherbstreise

Ursprünglich veröffentlicht auf vera-lengsfeld.de 03.12.19

Einen Vorgeschmack auf den Mentalitätswandel in den USA bekommt man schon, wenn man mit United Airlines von Berlin nach New York fliegt. Die hübschen Stewardessen in ihren adretten Uniformen waren gestern. Die politisch korrekte bunte Crew von heute ist dem Pensionsalter nahe und ziemlich vollschlank. Da können wenigstens keinem Passagier unziemliche Gedanken kommen. Aber freundlich sind sie, auch wenn die Bordverpflegung nicht mehr für die letzten Reihen reicht. Weil Vegetarier und Veganer Extra-Würstchen bestellen können, gibt es die Möglichkeit, Fluggäste, die leer ausgegangen sind, mit den veganen Resten zu beglücken.

Unser Flug kam pünktlich in Newark an. Auf dem Riesenflughafen kann man leicht die Orientierung verlieren. Aber keine Bange: Service is our first priority, ist eine häufig zu sehende Werbung. Tatsächlich stehen überall uniformierte Angestellte herum, die den hilflosen Passagieren die jeweiligen Automaten erklären, die Tickets ausspucken, die man früher von solchen Angestellten in die Hand gedrückt bekam. Schnell stellt sich heraus, dass diese Fachkräfte nur wissen, was sie zu erklären haben. Sie nach dem Weg zum Flughafen-Express nach NY zu fragen, ist zwecklos.Von drei Personen werde ich in ebenso viele Richtungen geschickt. Erst der vierte Befragte wusste, dass es sich um einen Bus handeln müsste, der irgendwo draußen zu finden sei. Der Hinweis erwies sich als hilfreich. Ich konnte den Bus besteigen und landete ohne Zwischenaufenthalt am Busterminal Port Authority in der Nähe des Times Square.

Zu meinem Hotel hätte ich die U-Bahn nehmen können, aber ich beschloss, den Broadway entlang zu Fuß zu gehen. Das war nicht ganz einfach. Einen Tag vor Thanksgiving, dem wichtigsten Feiertag der Amerikaner, schien die Stadt überzuquellen von Besuchern. Die gefühlte Hälfte zog wie ich einen Gepäcktrolley hinter sich her. An jedem Straßenübergang kam es zum Kampf aller gegen alle. Die Fußgänger betraten die Straße noch, wenn die Ampel längst auf Stopp geschaltet hatte und behinderten die anfahrenden Autos. Umgekehrt blockierten die Autos die Übergänge. Von der Gelassenheit der New Yorker, die ich bei früheren Aufenthalten schätzen gelernt hatte, ist nur noch wenig zu spüren. Immerhin wird man immer noch angesprochen, sobald man sich suchend umsieht. Das heißt, in der Menge befinden sich noch ein paar Ureinwohner.

Unser Hotel lag an der 29th Street/ Ecke Broadway und stellte sich als Pendant des Berliner Soho-House heraus. Die Lobby war als solche kaum zu erkennen, weil die zahllosen jungen Leute mit ihrem Laptops auf Sofas, Sesseln Stühlen und auf dem Boden sie in eine Art Großraumbüro verwandelt hatten. Ich glaubte schon, mich in der Tür geirrt zu haben, als ich die Rezeption in der rechten Ecke doch noch entdeckte. Nach dem freundlichen Empfang durch einen heftig an Fingern und Ohren beringten jungen Mann erwartete mich eine unangenehme Überraschung: Meine Visacard erwies sich als nicht einsetzbar. Sie hatte zuvor problemlos in Georgien, Polen, Litauen und Amsterdam funktioniert. Meine Reise schien schon zu Beginn im Desaster zu enden. Mein Hinweis, dass mein Sohn, der zur Zeit in den USA arbeitet, am nächsten Tag mit einer garantiert funktionierenden Kreditkarte käme, führte anfangs nicht dazu, dass ich mein Zimmer beziehen durfte. Erst meine Enkelin, die ich in Berlin angerufen hatte, überzeugte einen anderen Rezeptionisten mit ihrer Engelsstimme, mich aus dem Dilemma zu erlösen. Ich bekam ein sehr schönes Zimmer im elften Stock mit noch unverbautem Blick auf das Empire State Building und konnte mich erst einmal von dem Schock erholen. Zum Glück hatte ich noch genug Bargeld umgetauscht, um bis zur Ankunft meines Sohnes versorgt zu sein.

Was die Visacard betraf, fand ich schnell heraus, dass es nicht nur bei mir Schwierigkeiten gab. Auch bei meinem Sohn funktionierte nur seine amerikanische Firmenkarte. Telefonische Nachfragen ergaben, dass man wegen eines speziellen amerikanischen Sicherheitssystems vor jeder Transaktion bei der Visa-Hotline anrufen müsse, um die betreffende Summe freischalten zu lassen. Das scheint jedenfalls alle Karten zu betreffen, die von Sparkassen ausgestellt wurden. Unbekümmertes Shopping ist so kaum möglich, es sei denn, man deckt sich mit ausreichend Bargeld ein. Sollen die Touristen auf diese Weise sanft dazu bewegt werden, sich mit American Express auszustatten?

In den neunziger Jahren waren die USA noch billig. Man konnte sich mit günstiger Kleidung, Kosmetik und technischen Geräten eindecken und damit einen Teil seiner Reisekosten wieder reinholen. Die Zeiten sind längst vorbei. New York ist sündhaft teuer. Ein Stück Kuchen kostet zwischen 5 und 6 Dollar, ein Croissant ist nicht unter vier Dollar zu haben, für ein Glas Wein muss man 9 Dollar aufwärts hinblättern. Ein Frühstück zu zweit im Le pain quotidien schlägt mit vierzig bis fünfzig Dollar zu Buche, das Thanksgiving-Dinner zu zweit in einem Restaurant in Brooklyn ohne Weinbegleitung mit zweihundertfünfzig. Dafür ist alles bio.

Das vergisst man sofort, wenn man wie wir über die Brooklyn Bridge von Manhattan nach Brooklyn läuft und das großartige Panorama vor Augen hat, welches die nächtliche Stadt bietet. Noch schöner, weil ungestörter, fand ich den Blick vom kleinen Uferpark unter der Manhattan Bridge in der Nähe unseres Restaurants. Hier waren keine Touristen, nur ein paar Hundebesitzer, die ihre Lieblinge Gassi führten. Ab und zu rumpelte ein Zug über unseren Köpfen hinweg, der die innere Ruhe, die sich beim Anblick der grandiosen Kulisse von Big Apple einstellt, nicht stört.

Aber schon dieser Blick zeigt, wie sehr sich NY verändert. Seit meinem letzten Aufenthalt 2005 sind zahllose neue, schmale Hochhäuser entstanden, die wie Schornsteine in den Himmel stechen. Auf der 5th Avenue sahen wir eins, dass ein altes Haus, welches dem Investor offenbar nicht weichen wollte, unter den Arm nahm. Baugrund ist knapp. Die Frage ist, wer hier wohnt. So viel Millionäre kann es gar nicht geben, um all die Appartements zu bevölkern. Hinter die Glitzerfassaden kann man nicht schauen, aber in den alten Blocks ist viel Leerstand auszumachen.Die Straßen von Midtown sind ziemlich vermüllt, etwa wie die von Berlin-Wedding. Neben den Touristen sind ziemlich viele Obdachlose zu sehen. In der Nähe unseres Hotels hat sich einer mithilfe von sandgefüllten Plastesäcken, die er wie einen Schutzwall um sich gruppiert hat, dauerhaft eingerichtet. So oft wir dort vorbei gingen, lag er bewegungslos in seiner Festung. Gleich nebenan ein Café. Ob er dort die Waschräume benutzt? Apropos Toiletten. In den hippen Lokalitäten gibt es keine nach Männern und Frauen getrennte Toiletten mehr, ein Trend, der uns bald einholen wird.

Im Trump-Tower ist dagegen die Welt noch in Ordnung. Hier wird noch nach Männlein und Weiblein unterschieden. Das Trump Café und der Trump-Grill sind bis auf den letzten Platz besetzt. Das ganze Gebäude glänzt im Weihnachtsschmuck. Dem Andrang nach zu urteilen, ist Trumps Popularität außerhalb der linken Filterblase ungebrochen.Eine Überraschung ist die Bronx, die wir besuchen, um in den Zoo zu gehen. Hier sind die Straßen sauber, die Gebäude wirken gepflegt. Im Gegensatz zu Midtown wachsen hier Bäume, nicht nur in der riesigen Parkanlage, die den Zoo umschließt. Von dem Slum, der die Bronx mal war, ist nichts mehr zu spüren. Wenn ich in NY leben müsste, würde ich hier wohnen wollen. Ob das möglich wäre, ist allerdings zweifelhaft, denn es ist eine Black Neighborhood und heutzutage ist ein neuer Rassismus auf dem Vormarsch, der politisch-korrekt Menschen wieder nach Hautfarbe sortiert und separiert. Aber das ist ein anderes Kapitel.

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Kultur Reisen

Das Adventswunder von New York

Ursprünglich veröffentlicht auf vera-lengsfeld.de 03.12.19

Nein, man muss nicht unbedingt nach New York fliegen, um sich das Nussknacker-Ballett von Peter Tschaikowski anzusehen, schließlich gibt es jedes Jahr in Deutschland zur Adventszeit wunderbare Inszenierungen des russischen Balletts zu sehen, und auch deutsche Versionen müssen sich nicht verstecken.Aber wer sich in der Adventszeit in New York aufhält, sollte die Aufführung des New York City Ballet nicht verpassen. Die Truppe wurde 1946 vom Choreografen George Balanchine, geboren als Georgi Melitonowitsch Balantschiwadse, ein Russe mit georgischen Wurzeln, gemeinsam mit Lincoln Kirstein, der Balanchine nach New York geholt hatte, gegründet. Damit wurde die Welt des Balletts verändert. Balanchine führte die Kompanie mit seinem neuen, modernen Stil bald zur Weltgeltung. Die Idee war, jungen Tänzern die Gelegenheit zur Profilierung zu geben.Als er aber ankündigte, ausgerechnet Tschaikowskis Nussknacker nach vielen Tanzszenen als erstes Vollballett aufzuführen, war die Fachwelt überrascht. Der Nussknacker war nach seiner Premiere 1892 nie richtig beim Publikum angekommen. Außerdem war das Ballett nach all den abstrakten, neoklassizistischen Choreografien Ballanchines das klassische Gegenstück. Mehr alte Ballettschule war kaum möglich. Aber Balanchine, der als Student in St. Petersburg in dem Stück getanzt hatte, war überzeugt, dass der Charme der deutschen Weihnachtsgeschichte nach E.T.A. Hoffmanns Nussknacker und der Mäusekönig das Publikum begeistern würde. Er behielt recht. Die Aufführung ist seit 1954, also bald 70 Jahren, ein Kassenmagnet. Mehr noch, die New Yorker Aufführung machte Schule. Weltweit wurde der Nussknacker wieder auf den Spielplan gesetzt. Die letzte Inszenierung hatte ich vor einem Jahr in Nowosibirsk gesehen und war begeistert.

In New York sitzt man für 116$ in der Nachmittagsvorstellung im vierten Rang, aber wenigstens in der Mitte, mit gutem Blick über die Bühne. Das Haus ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Über dem vierten ist noch ein fünfter Rang. Das Publikum ist jung, das liegt nicht nur an den vielen Familien mit Kindern, sondern viele Jugendliche interessieren sich für die Aufführung. Welch ein Anblick, wenn man das 60+ Publikum von Deutschland gewohnt ist!

Dabei ist die Inszenierung, die seit 70 Jahren unverändert ist, ganz klassisch. Bühnenbild und Kostüme entsprechen der Märchenwelt. Die verstörenden Elemente der Hoffmann-Geschichte sind bei Tschaikowski abgemildert. Kein Kind bekommt Albträume wegen des Mäusekönigs und seiner grauen Soldateska. Sowieso wird er ja vom Nussknacker besiegt. Dann bricht der Zauber aus und aus dem Nussknacker wird ein Prinz, der aber aussieht, wie der Neffe des Lieblingsonkels der Hauptheldin Marie. Was Kinder begeistert ist, dass Kinder als Hauptpersonen in dem Stück auftreten und jedes Kind die Handlung ohne Schwierigkeiten verstehen kann.

Das ist besonders leicht im zweiten Teil, wo Marie und der Prinz im Land der Süßigkeiten ankommen. Sie werden von der Zuckerfee begrüßt und zu einem Thron geleitet, wo sie sich an den süßen Köstlichkeiten gütlich tun können.

Von nun an tanzen alle Bewohner des Zuckerlandes für sie: Schokolade aus Spanien, Tee aus China, Kaffee aus Arabien, Zuckerstangen, Marzipanfiguren und die Ingwer-Mutter mit ihren acht Polichinellen. Dann kommt der Walzer der Blumen, mit ihren Tautropfen und zum Schluss das Pas de deux der Zuckerfee und ihres Kavaliers! Alle diese Tänze scheinen nur gemacht, damit die Tänzer ihre heraustragende Kunst demonstrieren können. Das Publikum kommt aus dem Beifall-Klatschen kaum heraus.Wenn die Nachmittagsvorstellung von der zweiten Besetzung getanzt wurde, fragt man sich, wie die erste das in der Abendvorstellung übertreffen könnte. Schöner kann Tschaikowskis gloriose Musik nicht interpretiert werden! Als wir das Theater verließen und durch den Central Park zur 5th Avenue liefen, tönte das Nussknacker-Motiv am Rockefeller Center durch die Luft. Es begleitete die Weihnachtsshow an der Fassade eines Kaufhauses, die von hunderten Zuschauern mit glänzenden Augen verfolgt wurde.

In New York liegen höchste Kunst und gnadenloser Kommerz dicht beieinander.

Tanz der Blumen und der Schneeflocken:

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Buch/Filmkritik Kultur

Der Auserwählte oder die Gefährlichkeit der Einheitsmeinung

Ein Freund empfahl mir kürzlich den Film „Stalins Tod“.
Auf der Suche danach bin ich bei Netflix erst zu „Er ist wieder da“ geleitet worden, was ich mir aber nicht antun wollte, dann über „Roman Empire“ zu „The Chosen“, wo ich hängengeblieben bin. Es ist nicht die Serie über Jesus Christus, sondern ein Film über den Mörder von Stalins Konkurrent Leo Trotzky, leider nur in Spanisch, mit englischen Untertiteln. Das Werk beginnt mit Originalaufnahmen von Lenin, Trotzky und Stalin, bis hin zu einer Erschießung.

Die eigentliche Story nimmt ihren Ausgang im spanischen Bürgerkrieg. Eine kommunistische Funktionärin fährt an die Front, um ihrem Sohn mitzuteilen, dass er für eine besondere Mission ausgewählt wurde. Der will eigentlich nicht, beugt sich aber dem Diktum, dass die Partei bestimmt, wohin er gestellt wird. In der Sowjetunion wird er in einer ablegenden Hütte, wo ihm als einziger Gefährte ein Hund beigeben wird, für seinen Auftrag trainiert. Er muss vergessen, je Spanier gewesen zu sein, sondern ist der belgische Staatsbürger Jacques. Am Ende des Trainings wird seine Härte gestetet, indem ihm sein Ausbilder befiehlt, den geliebten Hund zu erschießen, was er tut.

Der Auserwählte wird zuerst nach Paris geschickt, wo er der Sekretärin von Trotzky zugeführt wird. Er spielt ihr vor, sich in sie verliebt zu haben, so erfolgreich, dass sie ihm glaubt, dass er ihretwegen nach Mexiko kommen wird, wohin sie zurück muss. Der Film gibt interessante Einblicke , wie stark die GPU in Mexiko vertreten war und wie rücksichtslos sie Genossen aus dem Weg räumte.
Der Auserwählte wird in Mexiko Stadt auf der Straße von seinem verehrten ehemaligen Kommandeur aus dem Bürgerkrieg erkannt. Er versucht, ihn loszuwerden, wird aber von seine ewigen Begleiten aufgefordert, ihn zurückzurufen und abzulenken, bis er von den GPUlern abgeholt werden kann. Auch das tut er und stellt sich taub, als der Freund ihn um Hilfe ruft, weil er ahnt, was es bedeutet, in ein Auto gezerrt zu werden. Am Tag darauf findet man den Kommandeur ertrunken in einem Parkteich.

Auch als ein Anschlag auf Trotzky schief geht, weil es dem gelingt, sich und seine Frau Natalia rechtzeitig aus dem Bett zu retten, das von verkleideten Polizisten unter Beschuss genommen wird, wird der vermeintliche Verräter, der gänzlich unschuldig, aber frisch aus New York eingetroffen war, sofort beseitigt. Der Auserwählte fragt zwar, ob es nötig gewesen sei, zwei treue Genossen hinzurichten, gibt sich aber mit der Antwort seiner Mutter, die neben dem GPU-Ausbilder die Operation Trotzky leitet, dass die Sache der Partei eben manchmal Opfer erfordere, zufrieden.

Nun muss der Auserwählte selbst Hand an Trotzky legen. Ihm war es inzwischen gelungen, mittels seiner Geliebten, die bei seinen heimlichen Treffen mit der GPU nur „die Sekretärin“ genannt wird, Zugang zu Trotzkys Haus zu erhalten. Zwar mißtraut der deutsche Sicherheitschef Trotzkys dem Auserwählten zutiefst, auch Trotzkys Frau Natalia hat Vorbehalten gegen ihn, aber Trotzky ließ ihn weiter zu sich.
Am Tag des Mordes wunderte man sich , warum der Auserwählte einen Regenmantel über dem Arm trug, gab sich aber mit der Antwort, er wolle auf plötzliche Regengüsse vorbereitet sein, zufrieden.
Trotzky nahm ihn trotz aller Warnungen wegen eines nächsten Anschlags mit in sein Büro, ließ es sogar zu, dass der Mörder hinter seinen Schreibtischstuhl trat und gab ihn damit die Gelegenheit, den im Mantel versteckten Eispickel hervorzuholen und ihn zu erschlagen. Das gelingt nicht sofort, denn trotz intensiven Trainings erwischte er Trotzkys Kopf nur seitlich. Trotzky konnte ihm noch den Eispickel entwinden und um Hilfe rufen.
Der schwerst verwundete Trotzky befahl noch seinen Leuten, den Attentäter am Leben zu lassen, damit er seine Geschichte offenbaren könne. Das gelang aber nicht. Trotz erdrückender Gegenbeweise bestand der Auserwählte unter Folter, vor Gericht und in während seiner zwanzigjährigen Haft darauf, der belgische Staatsbürger Jaques zu sein.
Nach seiner Entlassung ging er in die Sowjetunion, wo er mit dem höchsten Titel „Held der Sowjetunion“ geehrt wurde. Seine Mutter war schon vor ihm da gewesen, hatte die Härten des realsozialistischen Lebens aber nicht ausgehalten und es vorgezogen nach Spanien zurückzukehren und ihr Leben als kleine Versicherungsangestellte zu beenden.
Den Auserwählten hielt es auch nicht im Vaterland aller aufrechten Kommunisten, er ging nach Cuba, wo er hochbetagt starb.

Das Interessante an dem Film war, wie tief alle Akteure ihr Marionettendasein verinnerlicht hatten. Sie taten, was die Partei ihn befahl und waren sich möglicher Konsequenzen durchaus bewußt. Der Trainer des Auserwählten sagte, jeder würde beobachtet, alle könnten vor dem Erschießungskommando enden. Wichtig wäre allein die Partei.

Jeder, dem nicht klar ist, wie gefährlich eine Einheitsmeinung ist, sollte sich diesen Film ansehen.
Der aktuelle Bezug ist, dass wieder massiv eine Einheitsmeinung gefordert wird. Wir sollten uns der Gefahr, die das bedeutet, bewußt sein.

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Buch/Filmkritik Kultur

Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch!

Heute ist der 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin, Deutschlands Dichter-Genie, das bereits in seiner Zeit vom Zeitgeist in den Wahnsinn getrieben wurde. In der Zwangsquarantäne, die uns von  einer unfähigen Politik verordnet wird, um von deren Versagen abzulenken, sollten wir die Zeit nutzen und uns wieder darauf besinnen, was Europa stark gemacht hat. Ein erster guter Schritt wäre, das Fernsehen auszuschalten und zum Buch zu greifen. Zum Beispiel nach einer Hölderlin-Biografie.

Wenn es nach der literarischen Qualität ginge, müsste das Buch von Jürgen Hultenreich über Hölderlin ganz oben auf der Bestseller-Liste stehen. Eine poetische Biografie nennt der Autor sein Werk. Zu Recht. Aber es ist viel mehr als das. Es ist ein Überblick über den auch damals schon Zeitgeist genannten Zustand einer ganzen Epoche. Philosophie, Literatur, Wissenschaft, Technik und Politik waren miteinander verflochten. Mancher Herrscher war auch Poet, Maler oder Musiker, manchmal alles zusammen. Viele Poeten, Dichter, Philosophen betätigten sich mindestens zeitweise politisch. Deutschland war zersplittert. Das hatte nicht nur Nachteile. Es reichte, von Karlsruhe nach Mannheim zu reisen, um einem tyrannischen Fürsten zu entkommen. Trotzdem war man über die Grenzen hinaus vernetzt. Anfangs genügte es für Hölderlin, Friedrich Schillers Landsmann zu sein, um vom Genius unter die Fittiche genommen zu werden. Am Ende trug das leider dazu bei, dass Schiller die Genialität seines Schützlings nicht erkannte. Sein Gönnertum machte ihn blind.

Als Hölderlin im März 1770 in Lauffen am Neckar geboren wurde, brachte der mittlere Neckarraum jede Menge Forscher, Dichter, Künstler und Philosophen hervor. Hultenreich zitiert Gottfried Benn, der auf die „gemeinschaftliche Abstammung von Schelling, Hölderlin, Mörike und Uhland” hinweist, „von denen dann wieder verwandtschaftliche Verbindungslinien zu Mozart, Hegel, Hauff und Kerner laufen.“ Man fragt sich, wo dieser Geist im heutigen Deutschland geblieben ist. Er führt ein Nischendasein bei den Hultenreichs.

Hölderlin wurde in eine Welt des Umbruchs geboren. James Cook landet an der australischen Ostküste, Thomas Newcomen entwickelt die Dampfmaschine. Das Industriezeitalter springt von der britischen Insel nach Europa über. Die Französische Revolution wirft ihre Schatten in den Werken der Enzyklopädisten voraus.

Hölderlin verliert kurz hintereinander seinen Vater und seinen fortschrittlichen Stiefvater, Johann Christoph Gok, worauf er seinen ewigen Hang zur Trauer zurückführt. Er wächst in einem Frauenhaushalt auf, wird von seiner auf Sicherheit bedachten Mutter aber sehr bald auf eine Schule für künftige Theologen geschickt. Später soll er seine Studien am Tübinger Stift vervollständigen. Hier wohnt er auf der Stube mit Hegel und Schelling. Sie bilden ein „philosophisches Triumvirat“, das ihre Leben prägte, auch wenn sie sich Jahrzehnte später geistig weit voneinander entfernten.

Schon in jungen Jahren fällt Hölderlins Schwerblütigkeit und zeitweise Gereiztheit auf. Der sehr gut aussehende Mann kommt bei Frauen an, bringt ihnen aber kein Glück. Seine Jugendliebe Louise Nast verlässt er grundlos, dabei hätte sie ihn, wie Hultenreich feststellt vor seinem Schicksal retten können. Eine andere, die er als Hauslehrer bei Charlotte von Kalb kennenlernt und vielleicht sogar geschwängert hat, verlässt er ebenso. An andere Liebeleien kann er sich später nicht einmal mehr erinnern.

Hölderlin will nicht Pfarrer werden. Da er von seinem Schreiben nicht leben kann, bleibt ihm nur, wie vielen anderen Dichtern, eine Hauslehrerstelle. Alle enden eher früher als später mit seiner Entlassung. Aber eine davon wird sein Glück und Verhängnis zugleich. Sein Freund Sinclair hatte ihm die Stelle bei dem Frankfurter Bankier Jakob Gontard vermittelt. Dort trifft er auf die Frau des Hauses, Susette, die aufs Haar Hölderlins Vorstellungen von Diotima aus seinem „Hyperion“ gleicht. Überdies kannte sie sein Werk. Er wiederum hat verblüffende Ähnlichkeit mit Susettes geliebtem Bruder.
Es war wohl Liebe auf den ersten Blick, aber von Anfang an war klar, dass diese Liebe keine Zukunft hatte. Nur ein paar Wochen Glück, ausgerechnet im Schatten des Krieges, den die französischen Revolutionstruppen gegen Frankfurt führen. Wegen des Dauerbombardements schickt Gontard seine Familie aufs Land. Er selbst bleibt in der Stadt. Zurück in Frankfurt, unterrichtet eine eifersüchtige Gesellschafterin von Susette den Ehemann von dem innigen Verhältnis des Hauslehrers zu seiner Frau. Hölderlin wird umgehend entlassen. Es folgt eine qualvolle Zeit, in der sich die Liebenden noch ein paar Mal aus der Ferne sehen, dann wird auch das zu gefährlich.

Mit ersten Zeichen geistiger Zerrüttung wandert Hölderlin nach Frankreich, wo er in Bordeaux eine neue Hauslehrerstelle antritt, die aber nach drei Monaten schon wieder beendet wird. Die Rückreise aus Frankreich ist gleichzeitig eine Reise in den Wahnsinn. Hölderlin vernachlässigt sein Äußeres in einer Weise, die alte Bekannte, später Mutter und Schwester, in Angst und Schrecken versetzt. Es gibt viele Menschen, die helfen wollen. Der treue Freund Sinclair schafft auf eigene Kosten für seinen Freund sogar eine Bibliothekarsstelle beim Landgrafen von Hessen-Homburg, wo sich die Schwester des Grafen in den immer noch attraktiven Hölderlin verliebt. Der scheint das nicht einmal bemerkt zu haben.

Erstaunlich ist seine außerordentliche literarische Produktivität, die von den ersten Krankheitsschüben noch nicht gedämpft wird. Erst als der Dichter gewaltsam von seiner Bibliothekarsstelle entfernt werden muss, hörte sein systematisches Schaffen auf. Nach einem Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt, aus der er als unheilbar entlassen wird, bringt die Mutter den Kranken beim Schreinermeister Zimmermann in Tübingen unter, der sich dreißig Jahre lang rührend um Hölderlin kümmert.
Er ermöglicht Hölderlin ein ruhiges Leben im Turm, der seitdem berühmt ist. Obwohl er zu seinen Lebzeiten nicht die gebührende Anerkennung als Dichter erfährt, wird Hölderlin doch zur Legende. In der zweiten Hälfte seines Lebens ist er keineswegs vergessen, sondern wird von Heerscharen von Besuchern belagert. Besonders die Tübinger Studenten haben es sich zum Ritual gemacht, dem Dichter ihre Aufwartung zu machen. Manche fordern als Souvenir ein Gedicht – und bekommen eins zum gewünschten Thema.

Hölderlins literarischer Ruhm beginnt erst nach seinem Tod. Den Grundstein dafür hat Christoph Schwab gelegt, der Hölderlins Schriften in zwei Bänden herausgab. Es folgten immer wieder neue Würdigungen, ob von Ricarda Huch, Rainer Maria Rilke, Georg Trakl oder Georg Heym.

Hultenreich: „Eine andere Wirkung , außer Begeisterung, ging von ihm nicht aus. Er fand Nachahmer, keine Nachfolger.“

Mit Hultenreich hat Hölderlin einen Biographen gefunden, der ihm gerecht wird, wie kaum einer zuvor. Das Schönste daran ist, dass es Hultenreich gelingt, dieses tiefe Verständnis seinen Lesern zu vermitteln. Ich habe das Buch schon zweimal gelesen und dabei so viel Neues entdeckt, dass ich sicher bin, es zum dritten und vierten Mal mit Gewinn in die Hand zu nehmen.

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Das Wort zum Abend von Friedrich Hölderlin

Dies ist ein Artikel, ursprünglich veröffentlicht auf Vera-Lengsfeld.de Veröffentlicht am 20. 03. 2020

Die Deutschen „seien Barbaren von alters her …, in jedem Grad der Ärmlichkeit und der Übertreibung beleidigend für jede gut geartete Seele … Ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre. Handwerker siehst du, aber keine Menschen; Denker, aber keine Menschen; Priester, aber keine Menschen; Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen … Es ist auf Erden alles unvollkommen, ist das alte Lied der Deutschen. Wenn doch einmal diesen Gottverlaßnen einer sagte, daß bei ihnen nur so unvollkommen alles ist, weil sie nichts Reines unverdorben, nichts Heiliges unbetastet lassen mit den plumpen Händen …“
Aus diesem Konglomerat negativer Eigenschaften erwachse beständig ein tatenarmes Volk, was die unerläßliche geistige Beweglichkeit im Politischen betreffe, das aber jederzeit und mit viel Geräusch gedankenvoll sei.