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Sonntagslektüre: Das Riesenrad – Die Erzählung zur Coronakrise

Der Schweizer Autor Volker Mohr ist nach wie vor ein Geheimtipp, obwohl seine Werke so etwas wie literarische Juwelen sind. Der 1962 geborene studierte Architekt schreibt neben Erzählungen Sachbücher, die nach Auskunft seines kleinen, aber feinen Loco-Verlags um die Themen individuelles und kollektives Schicksal, Individualität und  persönliche Souveränität kreisen. Seine Erzählung „Das Riesenrad“, die bereits 2019 erschien, ist viel mehr. Sie beschreibt das geradezu kafkaeske Schicksal eines Menschen, der sich unverhofft in einer Fürsorge-Diktatur wiederfindet. 

Der Architekt Michael Sternheim begleitet widerwillig seinen Sohn zu einem neuen Rummelplatz. Während sein Sprössling einem neumodischen „Flying Circus“ zustrebt, fühlt sich Sternheim überraschend von einem altmodischen Riesenrad angezogen. Kurz entschlossen löst er eine Fahrkarte und besteigt eine Gondel. Allerdings hört das Rad nicht auf, sich zu drehen. Während Sternheims Mitfahrer nichts zu bemerken scheinen, wächst seine Unruhe. Er kann dem immer schneller werdenden Gefährt aber nicht entkommen.

„Dann wurde es unvermittelt dunkel, der ohrenbetäubende Lärm nahm ab und wurde von einer fernen Melodie abgelöst…Sternheim schlug die Augen auf. Er stand an eine Hauswand gelehnt…ausdruckslose Häuser aus dem letzten Jahrhundert …lösten sich nach oben hin in einem gleissend-wässrigen Grau auf.“ Die Menschen in dieser Szenerie haben alle Hüte auf. Die Männer, die Sternheim sieht, tragen beigefarbene Regenmäntel über dunklen Anzügen, haben eine Zeitung in der Hand und streben einem Gebäude zu. Sternheim schließt sich aus ihm unerfindlichen Gründen an. 

Im Inneren des Hauses gewahrte er ein Podest, das aus zwei Borsalino-Hüten zu bestehen schien, auf dem ein schrulliger Mann stand. Sternheim musste lachen und wurde sofort zurechtgewiesen: „Lachen Sie nicht…Wir sind auf der Hut – zu jeder Zeit“. Bei allem, was Sternheim dann erlebte, blieb ihm tatsächlich das Lachen im Halse stecken. 

Nach einer Rede streben alle Männer einer Tür zu. Sternheim wird aufgefordert, sich einen Hut zu nehmen, damit er „behütet“ sei und den Anderen zu folgen. In einer Art Garderobe, entkleiden sich alle und werden in einem Nebenraum eingeseift. Der Schaum muss am Körper bleiben, denn , so der freundliche Einseifer: „Sie sind dann völlig immun gegen unliebsame Einflüsse, gegen Schmutz und Infektionen.“ Bei Wenigen, erfährt Sternheim, nütze das Einseifen nichts, da müssten andere Methoden angewendet werden.

Bald trifft Sternheim auf niedergeschlagene Männer und Frauen, die der Einseifung widerstanden hatten. Die werden geläutert und reingewaschen. Diesmal kommen nicht freundliche Einseifer, sondern grimmige Bürstenschwinger zum Einsatz, die Abgebürsteten wimmerten vor Schmerzen. Um den Schmutz abzuspülen, werden harte Wasserstrahlen eingesetzt, die den Behandelten „spitze Schreie“ entlocken. 

Auf seinem weiteren Weg durch das Gebäude traf Sternheim einen Jungen, der ihm vorführt, wie die Kinder „unter den Hut“ gebracht werden. Jedes sitzt unter einem überdimensionierten Spitzhut aus Weidenzweigen und darf weder spielen noch lachen. Auch sein Begleiter wird unter solch einem Hut gezwungen. Sternheim muss hilflos zusehen. Vorher gelingt es dem Jungen noch, ihn auf eine Tarnkappe aufmerksam zu machen. 

So kann er auf der nächsten Station an einer Gerichtsverhandlung teilnehmen, ohne gesehen zu werden. Die Angeklagten hatten alle gegen die Hutgesetze verstoßen, einer hatte sogar mit einer Hutnadel einen Anderen umgebracht. Alle Angeklagten, bis auf einen wurden, zu milden Strafen verurteilt. Sie mussten sich symbolisch auf eine Rutsche setzen und unten angekommen entweder auf festen Boden unter den Füßen gelangen, oder durchfallen. Nur der Hutkritiker fiel durch. Welche härtere Methode gegen ihn zur Anwendung kommen würden, blieb Sternheim verborgen. 

Nach dem Gericht gelangte er in einen Saal, in dem zahllose Angestellte auf Computern Lebensläufe bearbeiteten. Im System befanden sich alle Daten der betreffenden Person, von der Geburt bis zum aktuellen Tag. Sternheim erkannte entsetzt, dass hier nicht nur Daten, sondern Leben gefälscht wurden. 

„Begangene Wege wurden ausgelöscht und nie vollzogene Schritte eingefügt. Der einzelne wurde dadurch um Erfahrungen betrogen; Krisen und Glücksmomente wurden ihm gestohlen, Erfolge, die es nie gegeben hatte, wurden ihm angedichtet. Konnte man sich eine umfassendere Manipulation vorstellen?“.

Sternheim erschauderte, überlegte krampfhaft, wie er hierher gekommen war, konnte sich aber nicht erinnern. Schließlich gelang es ihm, diesen Albtraum zu entkommen. Er findet sich neben dem Riesenrad wieder, sieht seinen Sohn an einer Nachbarbude stehen. Sein Sohn trägt einen bunten Hut, auch andere Rummelplatzbesucher hatten diese Hüte auf ihren Köpfen. Die würden von lustigen Clowns verteilt, sagte ihm sein Sohn und bot ihm an, auch einen Hut für seinen Vater zu besorgen.

Ob Sternheim diesem Behütetsein widersteht, lässt Mohr offen.

Im Anhang findet der Leser zwei Verweise auf historische Hut-Ereignisse. 

Im Jahr 1766 gab es in Madrid einen Hutaufstand, nachdem die Regierung das Verbot erließ, den runden, breitkrempigen Hut und  den traditionellen langen Mantel zu tragen und stattdessen den französischen Dreispitz und Kurzmantel verordnete. 

Eine regelrechte Hutrevolution fand 1925 in der Türkei statt. „Die allgemeine Kopfbedeckung der Bevölkerung der Türkei ist der Hut, und die Regierung verbietet die Fortdauer einer gegenteiligen Gewohnheit.“

Es gab ähnlich Verordnungen wie die Corona-Maßnahmen schon früher. Sie hatten zum Glück keinen Bestand. Sternheims behütende Diktatur ist noch bloß ein Albtraum, aber die Clowns, die uns ihre Hüte aufdrängen wollen, sind schon unter uns.

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Niemandszeit

Ein deutsches Mittelgebirge mit sieben Buchstaben? Den wenigsten werden bei dieser Frage die Sudeten einfallen. Sudeten verbinden Generationen mit Revanchismus, die Vertriebenen mit Verlust. Drei Millionen Menschen wurden nach Ende des Zweiten Weltkrieges aus dem Sudetenland vertrieben. Sie wurden von den „Revolutionsgarden“ aus den Häusern geholt, ohne mehr mitnehmen zu dürfen, als was sie innerhalb einer Stunde an Gepäck von 30 kg zusammenraffen konnten.

Stützen des Nazisystems, oder was man dafür hielt, wurden auf der Stelle ohne Gerichtsurteil hingerichtet: Die Glücklicheren wurden erschossen, die weniger Glücklichen aufgehängt. Wer nach einem langen Marsch in Deutschland ankam, war ein Aussätziger. Im Westen bekamen die Vertriebenen die Chance auf einen Neuanfang unter Wahrung ihrer Identität, im Osten waren sie zum Schweigen über ihre Herkunft verurteilt. 

Jörg Bernig hat dem Schicksal der Sudetendeutschen in seinem Roman „Niemandszeit“ ein berührendes literarisches Denkmal gesetzt. Es ist ihm dabei gelungen, die ganze Komplexität der Geschichte in den Blick zu nehmen, mittels eines genialen Einfalls: In einem namenlosen Dorf nahe der deutschen Grenze, dessen einzige Zufahrtsstraße durch eine unbedachte Sprengung unpassierbar wurde, stranden in der zweiten Hälfte des Jahres 1945 wurzellos gewordene Menschen: Tschechen, Ungarn  und Deutsche.

Ihr Schicksal zeichnet Bernig mit viel Sensibilität, Gespür für die menschliche Psyche und profundem historischem Wissen nach.

Nachdem das Dorf von seinen Bewohnern aus eigenem Entschluss verlassen worden war, standen die Häuser den Sommer über leer. Im September 1945, wird es von Antonin Mrha, ein Deserteur der Revolutionsgarden entdeckt. Er holt bald zwei weitere Menschen nach: eine Deutsche, die nur die Unsichtbare genannt wird und seinen Freund Lipa. Bald kommen noch Andere an. Gabriele Mohaupt mit ihrem Sohn Frieder, die aus einem Treck ausgeschert sind, nachdem der Ehemann und Vater an den Strapazen auf der Straße verreckt ist, ein Schriftsteller, ein Lehrer, ein Ungar, dessen Familien es nach Kroatien verschlagen hatte, die alte Palackowá, der alte Bernat, Antonia Mende und andere. 

Ein Jahr lebten diese unterschiedlichen Menschen zusammen, vergessen vom Zeitgeist. Eine deutsch-tschechische Versöhnung von unten. Der Leser lernt die Protagonisten kennen, als sich der Jäger, der Pfadfinder der Revolutionsgarden, dem Ort nähert. Er hat sich für diese Position entschieden, damit er immer als Erster in einem Ort ankommt, bevor Stunden später die Revolutionsgarden ihn überfallen, denn er ist auf der Suche nach Theres, seiner großen Liebe, die er vor dem Schicksal der anderen Deutschen bewahren möchte. Er wird ihr, die im Dorf die Unsichtbare heißt, 48 Stunden später begegnen und sie aus Versehen erschießen, als die Revolutionsgardisten beginnen, den Ort auszuradieren.

Theres stammt aus Gablonz, wo ihr Vater nach der „Heimholung“ des Sudetenlandes ins Nazi-Reich der Chef der Ansiedlungsgesellschaft geworden war, die damit beschäftigt war, das Eigentum der vertriebenen Tschechen und der deportierten Juden an deutsche Siedler aus dem Südtirol zu verteilen. Die bange Frage seiner Frau, was wohl werden würde, wenn es einmal anders käme, wischte er vom Tisch. Das Dritte Reich sollte schließlich 1000 Jahre dauern. Außerdem verhält er sich korrekt, nach Recht und Gesetz, niemand könnte ihm nachsagen, er habe sich selbst bereichert.

Im Tausendjährigen Reich sollte es keinen Platz für Frieder geben. Seine Eltern bekamen für ihren Sohn eine Einweisung in die Nervenheilanstalt Pirna Sonnenstein, ergänzt mit Fahrkarten für die Reichsbahn. Eine Fahrkarte für Frieder und seine Mutter nach Pirna, ein Rückfahrkarte für sie ohne ihn. Die Eltern beschlossen, zu einem Onkel zu gehen, der allein tief im Gebirge wohnte. Sie entkamen den Nazi-Häschern, aber nicht den Revolutionsgarden nach dem Ende des Krieges. Sie gehörten zu den Ersten, die auf Treck geschickt wurden.

Antonin und sein Freund Lipa gehörten der Revolutionsgarde an, bis sie die verübten Grausamkeiten nicht mehr ertragen konnten. Lipa weigerte sich, an der Erschießung von Kindern teilzunehmen und wurde zusammengeschlagen im Dreck liegen gelassen, Mrha desertierte und fand seinen Freund später wieder. Es gelang ihm, ihn gesund zu pflegen.

Der Ungar hatte in Kroatien mit ansehen müssen, dass seine Eltern von den Tito-Partisanen willkürlich erschossen wurden. Die Palakckowá hatte vorbeiziehenden Deutschen Essen und Trinken angeboten und konnte danach nicht mehr in ihrem Heimatort bleiben.

Auch die Revolutionsgarden bekommen ein Gesicht, in Gestalt ihres Anführers, des Wachmeisters, der in seinem zivilen Leben Postbeamter gewesen war und nach den Benesch-Dekreten meinte, die Chance wahrnehmen zu müssen, Geschichte zu machen. Er entwickelte ein eigenes System der Vertreibung, das streng eingehalten wird. Erleichtert wird ihm seine Aufgabe von den obrigkeitsfixierten Dorfbewohnern, die auch noch ein Jahr, nachdem die Vertreibungen begonnen hatten, in ihren Dörfern ausharrten, bis die Reihe an ihnen war. Es sollte schließlich alles seine Ordnung haben.

Das sind nur einige Schlaglichter aus dem dichten Gewebe des Romans, der ein eindrückliches Bild der „Niemandszeit“ gibt. Bernig hat nicht nur ein wertvolles Stück Aufklärung über ein fast unbekanntes Kapitel unserer Geschichte geleistet, sondern er hat es in einer fast poetischen Sprache getan, die es allein wert macht, sein Buch zu lesen.

Erschienen ist der Roman übrigens 2002 bie DVA, der Mitteldeutsche Verlag hat eine Taschenbuchausgabe herausgebracht, sich inzwischen aber von Bernig getrennt, angeblich, weil sich seine Bücher zu schlecht verkauften. An ihrer Qualität kann das aber nicht liegen. Um so verdienstvoller ist es, dass die edition buchhaus loschwitz sich des Autors angenommen und für eine Neuauflage dieses wunderbaren Buches gesorgt hat.

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Imre Kertész: Der wissenschaftliche Geist als Inspirator des Totalitarismus

Imre Kertész, der ungarische Schriftsteller, wurde erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs weltberühmt. Genauer gesagt, in der westlichen Welt, zu der nach dem Zusammenbruch des so genannten sozialistischen Lagers auch Osteuropa zählt. Sein bekanntestes Buch „Roman eines Schicksallosen“, war in Ungarn bereits 1975 veröffentlicht worden, blieb aber weitgehend unbeachtet. Erst nachdem sein Werk 1996 In Deutschland erschien, trat es seinen Siegeszug an, der in der Verleihung des Literaturnobelpreises seinen Höhepunkt fand. Kertész bemerkte mit Verwunderung, dass er in Deutschland besonders geliebt wurde. Er lebte sogar viele Jahre in Berlin, bevor er schwer krank nach Budapest zurückkehrte. Allenfalls wurde kritisch angemerkt, dass er mit den Deutschen zu nachsichtig umgegangen wäre. Denn Kertész sieht Auschwitz nicht als Deutsches, nicht einmal als Antisemitisches, sondern als Problem des Totalitarismus, von dem er ganz Europa befallen sieht. Für ihn wirkt der totalitäre Geist bis heute fort. Man muss ihm unbedingt zustimmen, wenn man die Corona-Politik betrachtet, die in für den Westen bisher unvorstellbaren Maße die mühsam erkämpften emanzipatorischen Grundrechte außer Kraft setzt und die Freiheit abschafft.

Eines der letzten Bücher Von Kertész, „Der Betrachter – Aufzeichnungen von 1991 bis 2001, wurde in Deutschland überschwänglich gelobt. Wenn man die Notizen liest, fragt man sich, ob die Rezensenten das Bändchen wirklich gelesen haben. Denn es enthält geistigen Dynamit, der die selbstgerechte Verblendung des Westens, dessen Intellektuelle ihm den Boden unter den Füßen entziehen, anscheinend ohne es zu bemerken, oder schlimmer noch, gewollt, um eine „neue Normalität“, die diesmal ultimativ gerechte, ökologische und inklusive Gesellschaft zu erschaffen.

Kertész geht so weit, Nationalsozialismus und Kommunismus als die „kleinen Totalitarismen“ zu sehen, die er der „immer dynamischeren Totalität“ gegenüberstellt, die sich weltweit entwickelt. Hitler und Stalin scheiterten noch mit ihren Weltherrschaftsplänen, weil sie gegeneinander kämpften, statt sich zu verbünden. Für Kertész ist es offensichtlich, dass der Kommunismus „eine Art Irrsinn“ war, der nur eine andere Abart von Irrsinn folgen kann, da keine Heilung stattfand. Heilend wäre die Anerkennung des Individuums, das keiner „pyramidenbauenden Sklavenmentalität“ unterworfen ist und die Anerkennung der Freiheit. Freiheit kann aber nicht erlangt werden, indem man sich einem Zeitgeist oder einer gesellschaftlichen Norm anpasst.

Bereits Nietzsche hätte die Spannungen zwischen dem wissenschaftlichen und dem künstlerischen Geist erkannt. Seitdem hätte sich die Kluft zwischen beiden derart vergrößert, dass der wissenschaftliche Geist zum Inspirator des Totalitarismus geworden sei, der künstlerische Geist sich in die Subkultur zurückgezogen hätte, ebenso das individuelle Sein, der Geist, der außerhalb der Institutionen wirkt. Unser Problem sei das „Schicksal des Individuums, die Chancen für sein Fortbestehen die große Frage“.

Entgegen der Darwinschen Lehre, das in der Natur die Befähigsten überleben, herrscht in der modernen Gesellschaft die Kontraselektion. Nicht die Besten, sondern die „Schlechtesten“, kommen an die Spitze. Auschwitz wurde nicht wegen seines Seins abgeschafft, sondern lediglich, weil sich die Machtzustände geändert haben. Darum lässt sich die „conditio humana“ der gegenwärtigen Welt darin zum Ausdruck bringen, dass „seit Auschwitz keine moralische, ökonomische oder die Macht betreffende Wende“ stattfand, „die wir als Widerlegung von Auschwitz hätten erleben können…Was die Seele der Freiheit ausmacht, ist im System gesellschaftlichen Funktionierens nicht zu finden, höchstens im Inneren einzelner Existenzen, dort, wo diese sich gegen jene Ordnung wenden, in der sich unser Leben nicht nur abspielt, sondern die diesem Leben auch Legitimität gibt…Auschwitz…wird so lange abwendbar sein, solange der Mensch als einzelner, als Seele und als gebildetes moralisches Wesen seiner Daseinsweise Widerstand zu leisten vermag.“

Der (moderne) Mensch habe nicht nur seinen Glauben verloren, nicht nur an sein jenseitiges, sondern auch an sein diesseitiges Leben. Zweiteres ist besonders verhängnisvoll, denn das Verhältnis von Mensch zu Mensch ist zu einem feindseligen geworden, zum Verhältnis des Mörders zum Opfer“. Wer diese Aussage zu radikal findet, der sei daran erinnert, dass aktuell alle Maskenträger und Abstandhalter ihre Mitmenschen als Virenschleudern, also potentiell tödliche Gefahr sehen. Dass die übergroße Mehrheit der Bevölkerung das akzeptiert, ist ein trauriger Beweis für die Hellsichtigkeit von Kertész.

Seine Schlussfolgerung: “Nazi“, das ist „keine Ideologie, sondern eine Lebensform: folglich ist heute jeder Nazi, sofern er nicht die nötigen Anstrengungen macht, sich fernzuhalten – oder geradewegs aus der Zeit auszutreten“.

Diese Sätze möchte man der Antifa und allen Mitläufern ins Stammbuch schreiben. Mit der „Zeit“, um das noch einmal zu verdeutlichen, meint Kertész „das mit dem Bedürfnis nach öffentlicher Sicherheit bemäntelte Lagerwesen, die unter dem Vorwand sozialer Sicherheit stattfindende soziale Stümperei, die Verwahrlosung des Gesundheitswesens…“

Conclusio: „Ich fürchte, die Demokratie ist die prägnanteste Form der Dekadenz – noch manifester kann nur die Diktatur, die moderne Massendiktatur sein. (Die oft im Gewand der Demokratie auftritt).

Kaum zu glauben, dass diese Feststellung lange vor der Corona-Krise getroffen wurde.

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Sonntagslektüre: Wie wir durch die Veränderung unserer Umgebung manipuliert werden

Ich kann an keiner Bücherkiste vorbeigehen, auch nicht bei OBI. Obwohl ich weiß, dass außer den zur Plage gewordenen Krimis und Historienromanen kaum Brauchbares zu finden ist, muss ich nachsehen, ob sich nicht doch ein lohnenswerter Titel findet. Diesmal zog ich „Psychogeografie – Wie die Umgebung unser Verhalten und unsere Entscheidung beeinflusst“ von Colin Ellard aus dem Stapel. Weder hatte ich bisher vom Autor, noch von Psychogeografie etwas gehört. Aber der Titel machte mich neugierig. Im Teaser wurde versprochen, dass ich erfahre, warum in einem Café die Tische am Rand schneller besetzt werden, als die in der Mitte, warum auch große Plätze ehr am Rand bevölkert werden und Kranke schneller genesen, wenn sie ins Grüne blicken. Aber das Buch enthält sehr viel mehr. Eine Warnung vor dem heraufziehenden neuen Totalitarismus.

Colin Ellard ist ein im angelsächsischen Raum sehr bekannter Neurowissenschaftler und Experimentalpsychologe, der als einer der besten Wissenschaftsautoren gilt. Ellard ist ein Fan von neuen Technologien, sieht aber die Gefahren, die sie mit sich bringen können. Was er herausgefunden hat, sollte jeder wissen, der sich in unserer hochtechnologisierten Welt bewegen muss.

Unsere frühen Erfahrungen und die Orte, an denen wir sie gemacht haben, prägen uns. Als Erwachsene richten wir uns entsprechend dieser Prägung in unsere Umgebung und unserem Zuhause ein. Das Wissen, dass Gebäude und Räume Einfluss haben auf alles, was in ihnen und um sie herum stattfindet, ist uralt. Architektur war immer ein Machtinstrument. Sie diente der Machtentfaltung durch Repräsentation oder der Einschüchterung (Gerichtsgebäude, Gefängnisse, Kasernen). Gebäude haben offenbar Sinne und reagieren auf Ereignisse. Jeder, der einmal aus einer Wohnung, in der er längere Zeit gelebt hat, auszog, hat erlebt, wie fremd die vertrauten vier Wände werden, wenn das Heim geräumt ist. Wohnungen von Verstorbenen wirken seelenlos, sobald ihr Bewohner die Erde verlassen hat. Inzwischen werden Technologien entwickelt, die auf die Bedürfnisse der Bewohner von Häusern reagieren. Der automatische Temperaturregler an der Heizung ist nur ein Beispiel. Inzwischen sind ganze responsive Hüllen für Gebäude entwickelt worden, die auf alle möglichen Einflüsse durch Wetterveränderung reagieren. Auch für die Wohnung gibt es Technologien, die ihre Bewohner darauf aufmerksam machen, dass der Kühlschrank nicht mehr gefüllt ist, das Toilettenpapier fehlt, Shampoo besorgt werden muss. Das klingt verlockend, aber wie der ständige Gebrauch von GPS-Signalen unseren angeborenen Orientierungssinn zerstört, uns starke Suchmaschinen das Gedächtnis beeinträchtigen, kann uns ein Haus, das uns von allen realen Gefährdungen des Lebens abschottet, abstumpfen lassen gegen andere wichtige Bereiche des Lebens.

Jede neue Technologie bewirkt einen Bruch zwischen dem Sein und der Realität. Wir freuen uns über die technischen Neuheiten und meinen mit ihnen neue Freiheiten zu gewinnen, sehen aber unter Umständen nicht, was wir dafür aufgeben.

Walter Benjamin hat bereits in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts in seinem Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“ darauf hingewiesen, dass akkurate und massenhafte Reproduktionen von Kunstwerken neue Wege des Denkens erfordern, was „Echtheit“ noch bedeutet.

Wenn man alle Gefühle simulieren kann, was wird aus den echten Gefühlen? Können Designerkunst und technologische Spitzfindigkeiten das Gefühl echter Liebe und Behagens ersetzen, das wir für unsere Mitmenschen und unser Zuhause empfinden? Es mehren sich Bilder von Paaren, die sich am Restauranttisch gegenüber sitzen, sich aber nicht anschauen, sondern auf ihr Handy starren, als könnten sie nicht mehr miteinander sprechen, sondern nur noch per SMS kommunizieren.

Was wir als behaglich und sicher empfinden ist durch Jahrtausende geprägt. Wir fühlen uns am wohlsten, wenn wir alles im Blick haben, selbst aber nicht exponiert werden. Das ist die Überlebensformel der Jäger und Sammler gewesen, die sich stets vor Raubtieren und Invasoren schützen mussten. Historisch war der Mensch immer auf der Flucht vor diversen Gefahren. Wie überwindet man den Drang nach ständigem Ortswechsel? Indem man interessante Räume schafft, die Information und Abwechslung bieten. Das waren die Marktplätze, das soziale Kapital jeder Siedlung. Ein bedeutender Bruch in dieser Tradition war die Erfindung von Kaufhäusern, die darauf ausgerichtet sind, dass die Kunden so lange wie möglich drin bleiben. Waren die alten Kaufhäuser noch Prachtbauten mit großartigen Fassaden, sehen die Einkaufszentren von heute von außen öde und langweilig aus. Ist man aber drin, befindet man sich in einer eigenen, vollkommen abgeschotteten Umwelt wieder mit eigenem Klima und einer eigenen Topografie. Unzählige Spiegel und reflektierende Flächen laden zum langsamer gehen ein, gewundene Wege fördern die „gewollte Desorientierng“. Die allermeisten Kunden kaufen am Ende viel mehr, als das, was auf ihrer Besorgungsliste steht. Geschätzte 40 bis 70 Prozent der Erwerbungen in diesen Malls sind Spontankäufe. Aber heute gibt es längst andere Möglichkeiten. Wissenschaftler haben herausgefunden, das Gesichtsausdrücke über Kulturen hinweg universell sind. Unsere Gefühle bewegen dieselben Gesichtsmuskeln. Heute gibt es Technologien, die Schlangen an Supermarktkassen scannen, sehen, was die Kunden gekauft haben und ihnen an Ort und Stelle entsprechende Sonderangebote präsentieren.

„Insgesamt Bringen solche Technologien, die das derzeitige Kaufverhalten von Käufern ausspähen und deren Befindlichkeit auslesen, einen Wandel in unserem Verhältnis mit der gebauten Umwelt mit sich, der symptomatisch ist für sehr viel größere Veränderungen… Im Gefolge dieser Veränderung sehen wir in vielen Teilen der Welt einen starken Rückgang beim Bau von Einkaufszentren und Kaufhäusern.“ Der Online-Handel übernimmt. Ein Prozess, der durch die derzeitige Corona-Krise strak beschleunigt wird. Der öffentliche Raum ist nicht mehr nur zur Ware geworden, er wird reduziert. Damit wird die menschliche Begegnung eingeschränkt.

Das heißt, unsere Umwelt ist nicht mehr das, was sie früher war. Sie verlagert sich ins Virtuelle.

Dieser Trend der Vermischung realer und virtueller Räume hat ideologische Wurzeln. Hier zeichnet sich der neue Totalitarismus ab.

„Die Trends zur verkabelten Stadt und zur allgegenwärtigen Vernetzung werden als Beginn einer neuartigen Verbindung von Informationstechnologien und Architektur gepriesen, doch die Entwicklung ist schon seit geraumer Zeit im Gange. Genau wie die elektronische Verbundenheit die Globalisierung ermöglicht und die Bedeutung des physischen Raums und der physischen Dimensionen in vielen unserer alltäglichen Handlungen tendenziell hinfällig wird, macht die Homogenisierung der Architekturplanung die Bauerei in Backsteinen, Stahl und Beton obsolet. Rem Kohlhaas und Bruce Mau rühmen und befürworten in ihrem Buch S,M,L,XL die „empty box designs“ für die von ihnen sogenannte „generic city“. Die Autoren meinen, das jede Ornamentik, sei es ein besonders Fassadendesign, ein spezifischer Straßenverlauf oder eine bestimmte kulturelle Ikonografie, per definitionem in gewissem Sinne etwas Ausschließendes habe. In einer Welt, in der wir uns als Gruppen wiederfänden, deren Zusammensetzung über die alten kulturellen Grenzen hinausgehe, verprelle jeder Entwurf, der historische Assoziationen enthalte, unweigerlich die Menschen, deren Historie sich nicht darin spiegele.“

Die Autoren meinen, es sie einfacher für diese Bevölkerungsgruppen durch Dubai oder Singapur zu laufen, als durch schöne mittelalterliche Stadtkerne, die für diese Menschen angeblich nichts als Zurückweisung und Ausschluss ausstrahlen. In einem Zeitalter der massenhaften Immigration müsse es zu einer massenhaften Ähnlichkeit der Städte kommen. Diese Städte funktionierten wie Flughäfen: die immer gleichen Geschäfte an den immer gleichen Stellen.

Die Gedankenspiele, die ganze Welt in einen öden globalen Flughafen zu verwandeln sind bereits unter uns. Wir müssen uns fragen, ob wir in einem solchen Flughafen leben wollen.

Wie gut, dass es die Collin Ellards gibt, die uns auf diese Gefahr aufmerksam machen.

Collin Ellard: Psychogeografie

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Die Ruhe vor den großen Sturm – Sonntagslektüre: Aharon Appelfeld „Meine Eltern“

Das Leben des 1932 in der rumänischen Bukowina geborenen israelischen Schriftstellers Aharon Appelfeld ist selbst ein Roman. Er verbrachte seine glückliche frühe Kindheit in einem gutbürgerlichen Haushalt in Czernowitz, bevor seine Mutter, als er acht Jahre alt war, von rumänischen Antisemiten ermordet wurde und er mit seinem Vater aus dem Ghetto in ein Zwangsarbeitslager gebracht und von ihm getrennt wurde. Aharon, der fließend Deutsch, Jiddisch und Ukrainisch sprach, gelang die Flucht. Er versteckte sich in den Wäldern und verdiente seinen Lebensunterhalt als Gelegenheitsarbeiter auf rumänischen Bauernhöfen. Da er blond und blauäugig war, gelang es ihm dank seiner Sprachkenntnisse, sich als Ukrainer auszugeben. Als die Rote Armee vorrückte, schloss er sich ihr als Küchenjunge an. Er blieb bis zum Kriegsende bei der Armee. Ein Jahr danach ging er mit einer Aussiedlergruppe nach Palästina. Erst in den 50er Jahren erfuhr er, dass auch sein Vater den Krieg überlebt hatte. Die beiden trafen sich wieder, als es dem Vater gelang, aus der Sowjetunion nach Israel auszureisen.

Appelfelds Werken ist anzumerken, wie sehr ihn seine kurze und glückliche Kindheit für das ganze Leben gestärkt hat. Sie hat auch sein Schreiben beeinflusst.

„Im Lauf meines Lebens kehrte ich immer wieder in das Haus meiner Eltern in der Stadt und das Haus meiner Großeltern in den Karpaten zurück… aber das ist nicht ganz richtig. Denn die Häuser meiner Eltern und Großeltern sind fast immer um mich, obwohl es sie schon lange nicht mehr gibt.“

In seinem Buch „Meine Eltern“ beschreibt Appelfeld die untergegangene jüdische Welt seiner Kindheit in meisterhaften Szenen an Hand des letzten Sommerurlaubs mit seinen Eltern am Ufer der Pruth, wo sich seit Jahren überwiegend säkularisierte Juden während der Sommerferien versammelten. Seien Schilderungen sind so lebendig, dass die Menschen vor den Augen auferstehen: Die schlanken jüdischen Mädchen, die mit der Strömung des Flusses spielen und mit silbrigen Wassertropfen bedeckt aus seinen Fluten steigen, P., die hingebungsvoll ihre schönen Beine pflegt, aber todunglücklich ist, weil ihr Liebhaber sie verlassen hat, der Einbeinige mit der Militärmütze, der immer etwas abseits sitzt und außer mit P. mit fast niemandem spricht, der Schriftsteller Körner, der tagsüber in seiner Klause sitzt und mit dem nächsten Kapitel kämpft und nur abends erscheint, Gusta, die von einem Prinzen geliebt wurde, der sich schließlich umbrachte, weil sie ihn nicht wieder liebte, die Opernsängerin, die am Pruth nach gelungener Krebsoperation ihre Stimme wiederfindet, der Sanitäter Slobo, der den großen Krieg mitgemacht hat und den nichts mehr schreckt, die Wahrsagerin Rosa, die ihr Handwerk von Zigeunerinnen gelernt hat und mit ihren Prophezeiungen meist richtig liegt und schließlich der Arzt Dr. Zajger, der seine Patienten mehr liebt, als das Geld. Eine besondere Rolle spielt Tante Julia, die nach einer gescheiterten Liebe in einem einsam gelegenen Haus weiter unten am Fluss lebt, vormittags ihren Garten bearbeitet und nachmittags Marcel Proust oder Thomas Mann liest und Bach hört.

Sie alle genießen den Sommer, der prächtig ist, obwohl sich die Schatten kommenden Unheils schon bemerkbar machen. Die Sommerfrischler haben ihre Hütten von ukrainischen Bauern gemietet, von denen sie auch versorgt werden. Aber die Vermieter verbergen ihre Verachtung gegenüber ihren Mietern nur selten. Es kommt wegen des ausbleibenden Regens während einer Bittprozession sogar zu einem kleinen Pogrom, bei den P. und eine andere Frau verletzt werden.

Auch Gerüchte vom bevorstehenden Krieg machen die Runde und werden eifrig diskutiert. Alle spüren irgendwie, dass ihre Zeit zu Ende geht. Manche sind so besorgt, dass sie früher abreisen, andere sind der Meinung, dass die Juden immer viel zu ängstlich seien und überall Unheil wittern.

Die Eltern des zehnjährigen Erwin, aus dessen Perspektive das Sommerstück geschildert wird, sind gespaltener Meinung. Die Mutter neigt dazu, den Unheils-Gerüchten zu glauben, der Vater lehnt sie ab. Auch das zweitwichtigste Diskussionsthema, was dem Menschen bleibt, wenn er nicht mehr an Gott glaubt, wird von den Eltern unterschiedlich beantwortet. Die Mutter ist gläubig und betet jeden Tag, der Vater hat Gott schon vor Jahren verloren, hadert aber mit sich, weil er nicht weiß, wie er die entstandene Leere füllen soll.

Schließlich reisen auch die Eltern vorzeitig ab. In unsichern Zeiten will die Mutter lieber in ihrem gemütlichen Haus sein, wo dem schönen Salon, in den man sich wie in ein Schneckenhaus zurückzieht, kein Ungemach widerfahren kann.

Erwin muss wieder in die Schule, wo der Raufbold Pjotr schon auf ihn wartet, um den Scheiß-Juden zu verprügeln. Aber diesmal wehrt sich Erwin. Sein Vater hat den Sommer lang mit ihm trainiert, besonders Boxen. Erwin kommt angeschlagen, aber als Sieger nach Hause. Man ahnt an dieser Stelle, was Appelfeld befähigt hat, das kommende Unheil zu überleben.

Zu den kommenden großen Veränderungen, die sich ankündigen, gehört der Konkurs der väterlichen Fabrik. Bei der Beerdigung des Einbeinigen sehen sich die Sommerfrischler noch einmal wieder. Keiner hatte gewusst, wie reich der Mann, den niemand so recht gemocht hatte, wirklich war. Schon am Ufer der Pruth hatte er Bedürftigen immer mal mit Geld ausgeholfen. Nun wird bekannt, dass er in seinem Testament verfügt hat, seinen Besitz zu verkaufen und das Geld unter die Armen der Stadt, die er sorgfältig aufgelistet hat, zu verteilen. Der Fonds würde noch Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte ausreichen, um die Not der Besitzlosen zu lindern. Keiner der Trauergäste ahnte, dass es nur noch ein Jahr dauern würde, bis der Krieg begann, der sie und ihre Welt unwiederbringlich zerstören würde.

Aharon Applefeld: Meine Eltern

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Buch/Filmkritik

Sonntagslektüre: Wie ein Insider die Selbstfesselung der Medien erlebte

Birk Meinhardts Buch „Wie ich meine Zeitung verlor“ macht derzeit vor allem in den sozialen Medien Furore. Wenn es von denen besprochen wird, die früher als Leitmedien galten, wird es meist mit dem Attribut „umstritten“ belegt. Angefeindet wäre der genauere Ausdruck, denn Meinhardts Analyse des journalistischen Niedergangs der Süddeutschen Zeitung trifft auf alle Mainstream-Medien zu. Wer bisher nur ahnte, dass etwas gewaltig schief läuft im Journalismus, findet bei Meinhardt nicht nur die Bestätigung, sondern auch schlüssige Beweise.

Wie kommt ein mehrfach mit dem prestigeträchtigen Egon Erwin Kisch-Preis honorierte Edelfeder dazu, sich gegen sein Blatt und seine Karriere zu wenden? Es ist kein Zufall, dass dieses Buch von einem Ostdeutschen geschrieben wurde.

Der Schlüsselsatz steht auf Seite 47.

„Ganz am Anfang… habe ich mich den Kollegen gegenüber im Nachteil gewähnt. Sie traten alle so sicher auf. Sie waren alle so weit gereist… Es schien mir, als seien sie mir voraus. Es dauerte eine Weile, ehe ich begriff, dass es umgedreht war: Die größte und wichtigste Erfahrung, die des Zusammenbruchs eines Systems, hatte ich gemacht… Es war und ist ein Privileg, über sie zu verfügen… Nimm nichts als gegeben, nie wieder. Reih dich nicht noch einmal bei denen ein, die etwas für gegeben und unumstößlich halten… Bleibe auf Abstand.“

Meinhardt war kein Dissident in der DDR, aber er lehnte es ab, Stellvertretender Chefredakteur zu werden, weil er nicht die Parteianweisungen an seine Kollegen weiter geben wollte. Er eckte ab und zu an, weil er schrieb, was er erlebte, nicht, was gewünscht war.

Nach der Vereinigung, als westdeutsche Redaktionen begannen, sich nach einem ostdeutschen Journalisten umzusehen, bekam Meinhardt mehrere Angebote. Eins scheiterte beim Gespräch mit dem Verleger, als er bekannte, nicht gezwungenermaßen, sondern freiwillig aus Überzeugung der SED beigetreten zu sein. Mit einem Opportunisten hätte der Verleger gut leben können, mit einem, der lieber in der Wahrheit lebt, wie Vaclav Havel das ausgedrückt hat, nicht.

Zum guten Schluss landete Meinhardt bei der Süddeutschen und, wie er dachte, im Siebten Himmel. Er machte eine steile Karriere vom Sportressort zum Feuilleton als Starreporter. Ein erster Missklang war 2004 eine Auftragsreportage über die Schwierigkeiten der Deutschen Bank. Nicht gerade sein Thema. Aber er begann zu recherchieren und kam zu dem Ergebnis, dass die DB sich dumm angestellt hatte, als sie für 2,7 Mrd DM die Investmentbank Morgan Grenfell kaufte und die Banker im Voraus mit Boni von 15 Millionen Mark bedachte. Am Ende machte die Bank 1 Million Gewinn und blieb auf 14 Millionen Verlust sitzen. Darin erkannte Meinhardt keine einzelne Fehlentscheidung, sondern einen Systemfehler, der dadurch nicht kleiner wurde, dass sich die meisten großen Banken der Welt der Investment-Zockerei ergeben hatten. Der Chef des Wirtschaftsressorts der Süddeutschen bescheinigte ihm er stelle sich die Wirtschaft wie Klein-Fritzchen vor und verhinderte die Veröffentlichung. Vier Jahre später, mit der Bankenkrise 2008 stellte sich heraus, dass „Klein-Fritzchen“ mit seiner Einschätzung richtig gelegen hatte.

Ab 2010 fiel Meinhardt auf, dass die Berichterstattungen über Auseinandersetzungen zwischen rechten oder für rechts gehaltenen Jugendlichen und Migranten asymmetrisch waren. Ihm schienen die Schuldzuweisungen nach rechts nicht immer stimmig zu sein. Wieder begann er zu recherchieren und fand sich bestätigt. Er schrieb eine Reportage über gravierende Falschverurteilungen. Fall eins, Gerald, ein stadtbekannter rechter Kleinkrimineller, wurde zu acht Jahren Gefängnis verurteilt für eine Brandstiftung an einem Imbiss, die er nicht begangen hatte. Er lag zur fraglichen Zeit zu Hause in seinem Bett. Seine Mutter konnte das bezeugen, aber der Richter fand es gewichtiger, dass eine Postbotin nicht zwei Brandstifter am Tatort gesehen haben wollte, sondern schemenhaft einen Dritten. Weil Geralds Kumpel, mit denen er den frühen Abend verbracht hatte, die Täter waren, wurde auch er verhaftet und verurteilt. Erst nach vier Jahren gab es am Landgericht Frankfurt/Oder ein Wiederaufnahmeverfahren, das erste im Land Brandenburg nach 2200 abgelehnten Anträgen, in dem Gerald freigesprochen wurde. Wurde ein Justizirrtum korrigiert? Meinhardt zweifelt, ob es das trifft. Der Richter, der Gerald verurteilte, war vorher zweimal öffentlich wegen angeblich zu milder Urteile gegen rechte Jugendliche angegriffen worden. Es handelte sich also eher um Beflissenheit, Beeinflussbarkeit, Zweifelsverdrängung. Aber was ist ein Rechtsstaat noch wert, der seinen Prinzipien nicht mehr folgt und sich sein Vorgehen von Meinungsmache diktieren lässt?

Im zweiten Fall, den Meinhardt aufgriff, war das Dilemma noch deutlicher. Es ist ein Beispiel dafür, „was geschehen kann, wenn im Kampf gegen Rechts der Blick auf die Tatsachen verloren geht“. Es handelt sich um den des spektakulären Angriffs auf einen Jamaikaner 2006 in Potsdam. Als die Polizei einen halben Handymitschnitt ins Internet stellte, auf dem zu hören war, dass eine hohe männliche Stimme „Oller Nigger“ sagt, glaubt ein Mann Björn Liebscher erkannt zu haben. Das reicht, um Liebscher mit äußerst brutaler Gewalt zu verhaften und sein Bild als Täter in „Bild“ zu präsentieren. Mehr noch. „Weil Teile der Gesellschaft nur noch ihren Reflexen folgen. und weil unter diesen Reflexen die Gewissheit lag, auf der richtigen Seite zu sein“, passierte Folgendes:

Kanzlerin Merkel gab den Ton vor: „Mir liegt daran, dass dieser Fall schnell aufgeklärt wird und dass wir deutlich machen, dass wir Fremdenfeindlichkkeit, Gewalt, rechtsradikale Gewalt aufs Äußerste verurteilen.“

Generalbundesanwalt Kai Nehm hörte die Signale und zog die Ermittlungen an sich. Er ließ Liebscher im Hubschrauber mit verbundenen Augen, Ohrenschutz und Handschellen nach Karlsruhe fliegen, wo er den Mann, gegen den er ermitteln wollte, bereits als Täter präsentierte.

Der oberste Jurist Deutschlands setzte die Rechtstaatsprinzipien, zuvörderst das oberste – in dubio pro reo – außer Kraft, um dem Zeitgeist gefällig zu sein.

Liebscher wurde hinter Gitter gesperrt, obwohl die lokalen Ermittlungsbehörden sehr bald wussten, dass er nicht der Täter war. Nur weil ein Kriminalbeamter den Mut aufbrachte, der Freundin Liebschers zu sagen, dass er unschuldig sei, kam es letztendlich zu seiner Entlassung. Der Mann, der mit voller Namensnennung und Foto als Täter durch die Medien gezerrt wurde, leidet noch heute unter den Folgen. Er bekommt keine Wohnung, weil man neben so einem nicht wohnen will. Er hat seine Lebensfreude verloren. Er ist ein zerstörter Mensch. Das sind die Folgen der Aufforderung, wie sie von der stasispitzelgeführten Amadeu Antonio-Stiftung formuliert wurde: Lieber einen Rechten zu viel, als einen zu wenig anzuzeigen.

„Ein Mann wie Kay Nehm weiß bis heute nicht, was er angerichtet hat, mit seinem Furor…“. Auch der Vorsitzende des Vereins „Gesicht zeigen“, Uwe Karsten Heye, der Zahlen über rechtsextremistische Straftaten herunterrattert, alle 26 Minuten eine, (gehören auch die „Propagandadelikte“, die es links nicht gibt dazu?), weiß nicht, dass 90% der Intensivtäter der Stadt Potsdam Migranten sind. Auch Talkshow-Moderator Jauch würde seine Sendungen, in denen er den Jamaikaner zweimal, die Mutter von Liebscher einmal einschlägig vorgeführt hat, wieder so machen, sagt er Meinhardt in einem Interview. Er scheint keinerlei schlechtes Gewissen zu haben, sich an der Zerstörung eines Menschen beteiligt zu haben.

Im Rechtsstaat ist erst schuldig, der rechtskräftig von einem Gericht verurteilt wurde, im Kampf gegen Rechts wird auf rechtsstaatliche Prinzipien verzichtet. Was ist der Rechtsstaat dann noch wert?

Jauch interveniert übrigens bei einer Silvesterfeier erfolgreich beim Stellvertretenden Chefredakteur der Süddeutschen gegen eine Veröffentlichung der Reportage Meinhardts. Offenbar ist ihm klar, wie zweifelhaft seine Position ist und möchte sich damit lieber nicht in der Zeitung sehen.

Er hat damit Erfolg. Die Reportage erscheint nicht, weil sie den „Rechten in die Hände spielen“ könnte. Sie könne „als Testat dafür genommen werden, dass sie ungerechtfertigt verfolgt werden.“ Das steht allerdings nicht in Meinhardts Reportage, die er vollständig im Buch dokumentiert, damit sich jeder Leser selbst ein Bild machen kann. In der DDR, erinnert Meinhardt, hieß es übrigens, die Kritik möge ja berechtigt sein, aber sie könnte dem Klassenfeind nützen.

Meinhardt analysiert, wie die gesamte Berichterstattung, nicht nur die der Süddeutschen, „nur noch in eine Richtung gebürstet“ ist. Es wird einer „Haltung“Ausdruck verliehen. Aber das Haltung zu nennen ist schon falsch.

„Wenn es eine Haltung wäre, was Selbstdurchdachtes, Selbsterarbeitetes, was vielleicht unter Mühen Erworbenes, was Eigenständiges, würden doch von den Individuen so große Teile der Realität nicht so gemeinschaftlich, so geschlossen, so uniform ausgeblendet werden; so identisch zeigen sich eigentlich nur Späne, die sich nach dem Magneten ausrichten…“

Meinhardts Fazit: „…Sie kennen die journalistischen Grundregeln, aber sie befolgen sie nicht mehr, handsreichartig setzen sie sie außer Kraft, wie selbstherrlich, wie töricht.“

Und er fragt: „Wieso kommen all die Weglasser und Hervorheber nicht auf die Idee, dass sie selber einen gehörigen Beitrag leisten zur Radikalisierung, der sich vor ihren Augen vollzieht?“

Birk Meinhardt: Wie ich meine Zeitung verlor

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Sonntagslektüre: Georgien und Russland – Eine schwierige Beziehung

Zuerst erschienen in der weltwoche

Der letzte sowjetische Botschafter in Bonn Juli Kwizinski äußerte einmal, dass die Russen beim Zerfall der Sowjetunion die Sezession der islamischen Staaten Mittelasiens, ja selbst der Baltischen Staaten relativ schmerzlos verkraftet haben. Aber der Verlust des Kaukasus, immerhin eine russische Seelenlandschaft, sei äußerst schmerzhaft gewesen. Michail Gorbatschow ging am 25. Februar 1991, dem 70. Jahrestag des Einmarsches der Roten Armee in das unabhängige Georgien, so weit, dem Anführer der georgischen Nationalbewegung Swiad Gamsachurdia mit dem abfall Abchasiens und Südossietiens, sollte die Georgische Sowjetrepublik nicht den neuen Unionsvertrag zur Rettung des Sowjetimperiums unterstützen. Tatsächlich kam es zur Sezession dieser beiden Gebiete nach der Unabhängigkeitserklärung Georgiens am 9. April 1991. die daraus resultierenden blutigen Konflikte dauern bis heute an und vergiften das Verhältnis zwischen Russland und Georgien.

In seinem Buch “Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation geht Philipp Ammon der Frage nach, wie es zur Konfrontation zweier Völker kam, die keine tief verwurzelte Feindschaft trennt. Die Antwort findet, wer sich tief in die Geschichte Georgiens versenkt. Philipp Ammon hat das getan. Sein Buch ist voll von historischen Details, die nur scheinbar nebensächlich, in Wirklichkeit unverzichtbare Teile im komplizierten Mosaik der georgischen Geschichte sind. Wer die Gegenwart verstehen will, muss sich auf diese Spurensuche einlassen.

Georgien gehört zu den alten, geschichtlich geprägten Nationen, im Gegensatz zu den jüngeren Vertragsgesellschaften wie die USA. Es war das zweite christianisierte Land der Kaukasusregion nach Armenien. Zuerst nahm das georgische Volk den christlichen Glauben an, die Heilige Nino aus Kappadokien bekehrte dann das georgische Königshaus. Die christlichen Kulturelemente, die bis heute in unglaublicher Zahl in Georgein zu bewundern sind, gelangten früh nach Russland. Georgien leistete durch diesen Kulturtransfer einen grundlegenden Beitrag zur Christianisierung Russlands. deshalb fiel es den Georgiern im 19. Jahrhundert schwer, sich von ihren ehemaligen Schülern bevormunden zu lassen.

Die Beziehung Russlands zum Kaukasus ist ebenso alt. Sie reicht in vormongolische Zeiten zurück. In der russischen Folklore wird Georgein als der Paradiesgarten südlich der Rus besungen. Seit den Kreuzzügen standen die Georgier auch in Verbindung mit dem Westen. Die Ära von David, dem Erbauer bis zu Königin Tamar ist sein „Goldenes Zeitalter“. Damals standen Wissenschaft, Dichtung und Kunst in vollster Blüte. Unter Tamar gelangten byzantinisch-georgische, persische und arabische Kultureinflüsse zu einer glücklichen Synthese. Damals entstand Dichtung von Weltgeltung, wie „Der Recke im Tigerfell“von Sota Rustaveli, ein Epos, das widerhall im deutschen Minnesang, etwa dem „Parzifal“ von Wolfram von Eschenbach fand.

Seit Tamar wurden Volk und Klerus als begriff für die Gesamtnation betrachtet. Wobei das Volk bäuerlich geprägt ist. Es fehlt ein georgisches Bürgertum. Handel und Handwerk liegen in dne Händen von Armeniern, Juden und Persern. Die Feudalordnung des Landes ist aber durchlässig. praktisch jeder kann vom Leibeigenen zum adligen aufsteigen. Deshalb entwickelte der georgische Adel, anders als der europäische, nie einen Standesdünkel.

Der Niedergang Georgiens begann mit den Mongoleneinfällen 1221. Der Fall von Konstantinopel schnitt Georgien dann vom Westen ab. Es begann die osmanishce Unterwerfung. der Adel war bereit, zum Isalm zu konvertieren, das Volk bewahrte und verteidigte seinen christlichen Glauben.

Seit dem Fall Konstantinopels sah Georgein in Russland eine Schutzmacht. Im Laufe der wechselvollen Geschichte schätzten die Russen die Dienste der mit dem Orient vertrauten Georgier. Diese Dienste waren oft sehr wertvoll. Ein Beispiel dafür ist General Peter Bragation, der für die Russen im Krieg gegen Napoleon die entscheidenden Siege erfocht und den Napoleon als einzigen ernsthaften Gegner ansah.

Jedoch war der Schutz Georgiens nie das Hauptaugenmerk russischer Politik. Das bekamen die Georgier mehr als einmal zu spüren, was das Verhältnis immer wieder belastete.

Dabei brachte das Bündnis mit Russland georgein in Gegensatz zu seinen muslimischen Nachbarn. besonders in der Schlacht von Kreanisi im Jahre 1795 fühlte sich Georgein von Russland betrogen. In diesem Jahr war unerwartet Aga Mohammed Khan in das Land einmarschiert und hatte Tiflis verwüstet. Bis heute wird das mangelnde Engagement Russlands in Georgien mit dem Verrat der Sowjets an der Polnischen Heimatarmee während des Warschauer Aufstands 1944 gleichgesetzt. Russland schütze Georgien weder vor den Dagestanern, noch vor den Persern. Das Empfinden dieses Verrats ist bis heute von erheblicher psychologischer Bedeutung.

Georgien bot am Vorabend der russischen Annexion ein Bild des Niedergangs, deshalb entstand der Wunsch nach einem Protektorat. Georgein begab sich freiwillig unter russische Herrschaft. Die Inkorporation brachte aber nicht nur Schutz, sondern auch die Erfahrung von Korruption und Willkür, weswegen es immer wieder zu Aufständen kam. Die Rebellen schrieben: „Wir suchten den Schutz des zaren, Gott gab ihn uns, aber die Ungerechtigkeit und Grausamkeit seiner Diener haben uns zur Verzweiflung getrieben“. Nicht nur das Volk erhob sich, es gab 1832 eien Adelsverschwörung, die ebenfalls scheiterte.

Positiv für das Land war, dass mit der russischen Herrschaft die Jahrzehnte der Verwüstung und Entvölkerung endeten. Relikte muslimischer Herrschaft blieben erhalten. Im westlichen georgeien gab es bis zum Krimkrieg Sklavenhandel.

Die so genannte Bauernbefreiung Mitte des 19. Jahrhunderts schuf ein ländliches Proletariat, das mit der Arbeiterschaft in den Industriestädten Baku und Poti die soziale Basis für die revolutionären Bewegungen im Kaukasus bildete. Als Träger des Radikalismus fungierten die Bauernsöhne, die in die Industrieregionen gingen und von dort mit radikalen Ideen in ihre Heimatdörfer zurückkehrten.

Die panslawischen Repressionen unter Zar Alexander, der die Russifizierung vorantrieb, brachte eine nationale Gegenbewegung hervor. Bis heute gibt es den starken Willen, Sprache, Nationalität und Religion zu verteidigen. zu den großen Irrtümern Russlands gehörte, den Kaukasus als Objekt zivilisatorischer Bildung zu betrachten, was heftige Gegenreaktionen auslöste. Bis heute lautet der Gruß der Tschetschnen: „Bleibe frei“. Russische Intellektuelle sahen diesen Fehler sehr wohl. Der Schriftsteller Gribojedow beschrieb den kaukasischen Widerstand als „Verteidigung der Freiheit in Bergen und Wäldern gegen das Aufklärungsgetrommel“. Allerdings steht die poetische Vereherung des Freiheitswillends in Widerspruch zu den politischen Vorstellungen der Überlegenheit Russlands, die man besonders deutlich bei den Dekrabristen beobachten kann.

Ab den 1860er Jahren begann die kraftvolle georgische Nationalbewegung. Das von Akadi Cereteli verfasst Lied „Suliko“, das Stalins Lieblingslied gewesen sein soll, erlangte als Allegorie für Georgein große Popularität. es wird bis heute aufgeführt.

Als Abkehr vom Nationalismus entwickelte sich die Sozialdemokratie, die den Siegeszug des Marxismus hervorbrachte. Eine wichtige Rolle spielte dabei das Tifliser Theologische Seminar, das, neben andern späteren Revolutionären, auch Stalin zu seinen Schülern zählte.

Die revolutionären Auseinandersetzungen von 1905 fanden vor allem in Baku statt. Die Niederlage trieb viele Revolutionäre ins Exil, andere, wie Stalin, in die Verbannung.

Im Ersten Weltkrieg versuchten die Deutschen, sich der georgischen Nationalisten gegen Russland zu bedienen, mit mäßigem Erfolg. Die Sozialdemokraten hielten Russland die Treue.

Am 26.Mai 1918 wurde im Palast des russischen Statthalters von den Menschewiken die „Demokrtische Republik Georgien“ ausgerufen, die aber schon im Februar 1921 mit dem Einmarsch der Roten Armee endet. Die Georgische Sowjetrepublik wird ausgerufen und besteht bis 1991. Die mit vielerlei Emotionen beladene Konfliktgeschichte Russlands und Georgiens mündete 2008 in einem offenen Krieg. Der Konflikt ist lediglich eingefroren, nicht beigelegt.

Er kann jederzeit wieder ausbrechen.

Philipp Ammon stellt am Ende seien Buches die entscheidende Frage: „ Rührt die russische Gleichgültigkeit gegenüber den vom russischen Imperium erfahrenen Traumata fremder Völker aus der Erfahrung der Ohnmacht gegenüber dem eigenen Staat? Werden die Verletzung der Rechte fremder Nationen nicht wahrgenommen aufgrund der eigene Rechtlosigkeit?“. Die richtige Antwort auf diese Frage wird entscheidend sein für die Lösung des russich-georgischen Konflikts.

Philipp Ammon: Georgien ziwschen Eigenstaatlichkeit und Opposition FaM 2020.

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Roter Hunger – Stalins Krieg gegen die Ukraine

Es gibt Bücher, die zu lesen es viel Überwindung kostet. Bei der Lektüre von Anne Applebaums „Roter Hunger“ musste ich mich mehrmals zwingen, weiterzumachen. Was hier über die politisch inszenierte und exekutierte Hungerkatastrophe in der Ukraine Anfang der 30er Jahre des totalitären 20. Jahrhunderts geschrieben wird erfordert starke Nerven und einen ebensolchen Magen. Aber ich sagte mir immer wieder, dass, was Menschen erleiden mussten, ich wenigstens zur Kenntnis nehmen muss. Wir müssen in den Abgrund blicken, um Mittel zu finden, nicht endgültig in ihm zu versinken.

Die Ukraine ist Teil Europas und ihr Schicksal ist eng mit der europäischen Geschichte verknüpft. Wer die heutigen Konflikte um die Ukraine verstehen will, muss diese Geschichte zur Kenntnis nehmen.

Während eines großen Teils der Geschichte war das Gebiet, das wir heute Ukraine nennen, was im russischen und im polnischen Grenzland bedeutet, eine Kolonie anderer europäischer Mächte. Seit dem späten Mittelalter gibt es eine ukrainische Sprache, eine ukrainische Küche, Sitten, Bräuche, Legenden und Helden wie Bösewichte. Im 18. und 19. Jahrhundert bildete sich, wie bei anderen europäischen Völkern ein Nationalbewusstsein heraus. Aber fehlende natürliche Grenzen verhinderten lange die Bildung eines eigenen Staates. Das gelang erstmals in der ukrainischen Revolution 1917, die eine Ukrainische Volksrepublik innerhalb der Russischen Föderation hervorbrachte. Diese Republik war den Bolschewisten von Anfang an ein Dorn im Auge. Sie starteten im Januar 1918 ihren ersten Angriff. Von da an gab es eine fast ununterbrochene ukrainische Nationalbewegung gegen die Bolschewiki. Diese Bewegung war selbst sozialistisch, wollte aber einen eigenständigen Weg. Um die lange Geschichte des Bürgerkrieges kurzzufassen, kann man sagen, dass es in der Ukraine den heftigsten und längsten Widerstand gegen die Bolschewisten gab.

Neben ihrem nationalen Vorurteil hatten die Bolschewiki auch besondere politische Gründe, die ukrainische Unabhängigkeit abzulehnen. Hier lebten hauptsächlich Bauern und laut marxistischer Theorie waren die Bauern zweifelhafte Elemente.

Hinzu kam, dass die Bolschewiki den Zusammenhang zwischen Ernährung und Macht sehr gut kannten. Sie betrachteten Lebensmittel, wie heute noch die koreanischen Herrscher, als Waffe.

Erstmals wurde diese Waffe im „Kriegskommunismus“ eingesetzt. Im Mai 1918 rief der Rat der Volkskommissare eine „Ernährungsdiktatur“ aus, stellte eine „Ernährungsarmee“ auf und rief den Kampf an der „Ernährungsfront“ aus. Hier finden sich alle Elemente des künftigen Holodomor. Der brutalste Ernährungskrieger war Stalin, der mit 450 Rotarmisten nach Zarizyn , heute Wolgograd fuhr und dort mit solcher Härte Getreide beschaffte, dass Leo Trotzky bei Lenin auf Stalins Abberufung drängte. Lenin folgte Trotzkys Argumenten und holte Stalin zurück. Stalin empfand sein Wirken in der Stadt aber so wichtig, dass er später ihre Umbenennung in Stalingrad verfügte.Als die Bolschewiki den Bürgerkrieg gewonnen hatten, begannen sie umgehend, ihre Vorstellungen von Landwirtschaft durchzusetzen. Der Kampf gegen die Kulaken wurde ausgerufen, der später in der Liquidierung der Menschen endete, die als Kulaken eingestuft wurden. Wer waren die Kulaken? Es handelt sich hier um eine Begriffsschöpfung, die im Verlauf der Entkulakiierung immer mehr erweitert wurde. Im August 1929 erließ der ukrainische Rat der Volkskommissare ein Dekret, welches „Kulakenhöfe“ definierte: Höfe, auf denen regelmäßig Saisonarbeiter angestellt wurden, zu denen eine Mühle, eine Gerberei, Ziegelei gehörten und deren Besitzer regelmäßig Gebäude oder landwirtschaftliche Geräte mieteten. Bald fielen darunter aber auch Bauern, auf die das alles nicht zutraf, die aber trotzdem enteignet wurden. Sie wurden als Podkulaschniki, Unterkulaken bezeichnet. Es genügte, einmal eine Unzufriedenheit geäußert zu haben. Auf den Höhepunkt des Holodomor 1932 wurde allen Bauern alles weggenommen, auch das Saatgut und die Vorräte für den eigenen Verbrauch.

Die erste Hungersnot ereignete sich Anfang der Zwanzigerjahre. Sie unterschied sich grundsätzlich vom Holodomor. Das Regime gab zu, dass es eine Hungersnot gab, und ließ internationale Hilfe zu. Auslöser der Katastrophe waren das Scheitern des Kriegskommunismus und der ersten Welle der Kollektivierung der Landwirtschaft. Um diese Krise zu beenden, erfand Lenin die „Neue Ökonomische Politik“, die wieder private Initiative und Handel zuließ. Der Erfolg der NEP zeigte, dass auch eine gefesselte rudimentäre Marktwirtschaft viel Kraft entfaltet. Der Hunger hörte schnell auf, aber die Bolschewiki lernten nicht aus ihren Fehlern, sondern wiederholten sie unter Stalin in verschärfter Form.

Was wir heute als Holodomor bezeichnen, die politisch organisierte und exekutierte Aushungerung der ukrainischen Bauernschaft begann Anfang der 30er Jahre mit der zweiten Kampagne zur Kollektivierung der Landwirtschaft. Stalin und seine Sowjetführung führten „außerordentliche Maßnahmen“, d. h. den Ausnahmezustand ein. Die Gewalt, die Stalin zehn Jahre zuvor in Zarizyn angewandt hatte, kam in der Sprache des Kriegskommunismus zurück. Seien Kollektivierungspolitik war das ideologische Werkzeug, das Stalin zum unangefochtenen Führer der KPdSU machte. Er entledigte sich erst der „Linklabweichler“ wie Trotzky, nach dem Holodomor beseitigte er die „Rechtsabweichler“ wie Bucharin.

In der ersten Welle der Kollektivierung ging es darum, die Bauern durch immer höhere Abgaben zum Aufgeben und Übertritt in die Kolchosen zu bewegen. Als das nicht zum gewünschten Ergebnis führte, begann die Vertreibung der Kulaken aus ihrem Besitz und die Deportationen.

Manchmal konnten die Kulaken in ihrer Region bleiben, aber sie durften sich nur auf den schlechtesten Böden niederlassen. Die meisten aber wurden umgesiedelt, nach Sibirien oder nach Mittelasien. Mit diesen Kulakentransporten begann die Entwicklung des Gulag, des Zwangsarbeitslager-Systems. Die Deportationen fanden mit großer Brutalität statt. Applebaum schildert, dass auch Babys nackt ausgezogen und mit ihren ebenfalls nackten Müttern im Schnee ausgesetzt wurden, während man ihr Haus plünderte. Verantwortlich dafür waren die Trupps der 25.000, Komsomolzen aus der Stadt, ländliches Lumpenproletariat und Kriminelle, die auf Anweisung der Partei die Entkulakisierung ausführten. Ein im Westen bekannter Entkulakisierer war der spätere Dissident Lew Kopelew, der im Alter tief beschämt war, wenn er an seine Beteiligung zurückdachte. Er konnte es nicht mehr fassen, dass er so mitleidlos, weil ideologisch verblendet war. Auch Wassili Grossman, der später als Kriegsberichterstatter berühmt wurde und der bewegende Romane über den Kampf der Roten Armee verfasste, gehörte zu diesen Trupps.

„Ich bin nicht mehr behext und sehe die Menschen. Warum war ich wie Eis? Die Menschen haben doch so gelitten und was wurde ihnen nicht alles angetan! Aber immer wieder heiß es: Das sind keine Menschen, das ist Kulakenpack.“

Natürlich konnten diese Zustände nicht verborgen bleiben. Es gab immer wieder Genossen, die es wagten, ihm das Elend zu schildern. Schließlich hielt es Stalin für notwendig, Stellung zu nehmen. In einem Prawda-Artikel schob er den Akteuren vor Ort die Schuld an allen Exzessen zu. Sie hätten, trunken von ihren Erfolgen, das richtige Maß verloren. Es sei die Aufgabe der Partei, diese gefährlichen und schädlichen Tendenzen „auszumerzen“. Wer sich nun eine Änderung der Politik erhofft hatte, lag nicht falsch, aber es war eine Veränderung zum Schlimmeren. Am 18. November 1932 wurde eine Resolution verabschiedet, nach der „die vollständige Erfüllung der Getreideabgabepläne erste Pflicht“ sei, der alles untergeordnet werden müsse, einschließlich der Saatgutreserven, des Viehfutters und der Lebensmittelrationen. Danach wurden die Dörfer von der Geheimpolizei abgeriegelt und den Bauern alles weggenommen.

Die dritte Terrorwelle im Holodomor war auf die vollständige Vernichtung der Bauern durch Hunger ausgerichtet. Die Grenzen der Ukraine wurden abgesperrt, um die Flüchtlinge zu stoppen. Bauern, die es in die Städte geschafft hatten, in der Hoffnung, etwas zum Essen zu ergattern, wurden eingefangen und zurück in ihre Dörfer gebracht. Selbst etwas zu kaufen, wurde ihnen nicht gestattet. Sie waren in den Menschenschlangen, die nach Brot anstanden, leicht an ihren Lumpen zu erkennen. Sie wurden rausgezerrt, auf LKWs verladen und zum Schluss, als sie schon schwach genug waren, einfach in eine Schlucht gekippt, wo sie verendeten. Die Trupps, die durch die Dörfer zogen, requirierten nicht mehr, sie vernichteten alle Lebensmittel, die sie fanden. Sie waren mit langen Eisenstangen bewaffnet, die sie in Wände, Öfen, Böden stachen, um versteckte Lebensmittel zu finden. Sie holten Brote aus den Öfen, nahmen Suppen vom Feuer und kippten sie aus. Sie bezogen auf Hügeln Stellung, um zu beobachten, ob aus einem Schornstein Rauch aufsteigt, weil gekocht wurde. Zum Schluss war jeder verdächtig, der noch lebte. „Warum seid ihr noch nicht tot?“ schreien sie, wenn sie Menschen noch am Leben fanden, denen sie doch bereits alles weggenommen hatten.

Das alles hatte nichts mehr mit Nahrungsmittelbeschaffung zu tun, sondern mit bloßer Vernichtung. Wie es diese Komsomolzen fertig brachten, Menschen so in den Tod zu treiben, ist ein Phänomen, das zeigt, wie weit Ideologien entmenschlichen können. Natürlich waren es nicht die Komsomalzen allein. Sie hatten willige Helfer unter den Ukrainern. Applebaum schreibt, dass etwa die Hälfte dieser ukrainische Helfer selbst verhungerte, weil man ihnen nicht den versprochenen Anteil an requirierter Nahrung ließ, sondern ihnen ihre Beute vollständig abnahm.

Am Ende waren die Menschen so erschöpft, dass jeder Widerstand aufhörte.

Wer sich der Aushungerung der effektivsten Bauern entgegenstellte, auch nur leise Kritik anmeldete, oder als ineffizient bei der Ausführung der Befehle betrachtet wurde, geriet in die stalinsche Vernichtungsmaschinerie. Davon war Stalins eigene Familie nicht ausgenommen. Als ersten traf es Stalins Schwager Stalislaw Reddens, der Chef des ukrainischen Geheimdienstes. Er wurde auf Stalins Befehl abgesetzt und erschossen. Seine Witwe erfuhr erst in der Chrustschow-Ära von seinem Tod. Stalins Frau Nadeshda Allilujewa, die von Kommilitonen des Moskauer Technikums erfuhr, was sich in der Ukraine abspielte, verübte Selbstmord.

Es gibt keine verlässlichen Zahlen, wie viele während des Holodomor verhungert sind. Die Angaben schwanken zwischen 4 und 10 Million. Während die Menschen verhungerten, exportierten die Sowjets Getreide, Fleisch, Obst, Gemüse und andere Lebensmittel.

Mindestens ebenso viel Energie wie in die Entkulakisierung steckte die Partei in die Kampagne zur Vertuschung des Holodomor. Obwohl hunderttausende zum Skelett abgemagerte Menschen die Bahnhöfe, Bahnstrecken und Städte bevölkerten, kamen die Bolschewiki mit ihrer Leugnung durch. Das gelang, weil die Intellektuellen in der Sowjetunion schwiegen und es willige Helfer im Westen gab, wie der New-York Times Journalist Walter Duranty, der in einem wirksamen Artikel die Berichte über die Verhungernden in der Ukraine für unglaubwürdig erklärte. Erst nach dem Ende der Sowjetunion war es möglich, Licht in dieses dunkle Kapitel der Geschichte zu bringen.

Anne Applebaums Buch ist ein unverzichtbarer Beitrag.

Anne Applebaum : Roter Hunger

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Sonntagslektüre: Die Wende im Leben des jungen W.

Es gab wenige literarische Sensationen in der DDR. Ulrich Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“war unzweifelhaft eine Sensation. Die Geschichte erschien als Buch und als Bühnenstück und eroberte beide Deutschlands im Sturm. Edgar Wibeau, Plenzdorfs Held, findet auf dem Klo einer Berliner Laube, in die er sich geflüchtet hat, ein Buch, und benutzt die ersten sowie die letzten Seiten als Klopapier. Dann beginnt er zu lesen und ist von Werthers Geschichte so gefesselt, dass er sich mit ihm und seinem Schicksal identifiziert. Wie gut es gelang, die Geschichte aus der Goethe-Zeit in die DDR der 70er Jahre zu transferieren zeigt, dass es Probleme gibt, die unabhängig von Epoche und Zeitgeist sind. Dass das westdeutsche Publikum Plenzdorf las und dabei vergaß, dass die Geschichte in der DDR spielt, beweist, dass die Deutschen trotz Teilung ein Volk geblieben waren, auch wenn die westdeutsche linke Intelligenzija das heftig bestritten hat.

Frederic Wianka wagt sehr viel, indem er in seinem Debut-Roman so eng an Plenzdorf anknüpft.

Sein Protagonist stammt, wie Wibeau, aus einer gemütlichen mittleren Stadt, sein Vater hat ebenfalls die Mutter verlassen, nicht nach fünf Jahren, sondern direkt nach der Zeugung. Die Mutter kümmert sich nicht sonderlich um den Jungen, der Stiefvater lehnt ihn ab. Bei den häufigen sonntäglichen Wanderungen wird W, hauptsächlich als Gepäckträger mißbraucht, bis er eines Tages den teuren Fotoapparat seiner Mutter einen Abhang runterfallen lässt. Wie in Wibeau steckt in Wiankas Protagonist ein Rebell. Wie er landet er in Berlin, versucht sich auf dem Bau und fühlt sich als Maler. Anders als Wibeau hat der Protagonist allerdings Erfolg mit seiner Malerei, die schon bei der ersten Ausstellung ihre Käufer findet. Allerdings spornt das den Protagonisten nicht an, sondern er beendet seine künstlerische Karriere, weil er seine Unvermögen erkennt, den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden.

Wianka erzählt die Geschichte an Hand der Reisen seines Protagonisten. Die erste Auslandsreise führte ihn nach Ungarn im Revolutionsjahr 1989. Da ist er schon ein Gezeichneter, denn er hat schon politische Haft in der DDR hinter sich. Zum Verhängnis wurde ihm eine übermütige Schießübung während der vormilitärischen Ausbildung, die am Ende nicht die Zielscheiben ins Visier nahm, sondern die Bilder der Partei- und Staatsführung in der Ausbildungsbaracke. Eine dubiose Rolle spielt dabei Freund Ingo, der auch sein Begleiter auf der Reise nach Ungarn ist.

Am Balaton, auf der Burg Szigliget sieht der Protagonist sein Lottchen, umgeben von Kindern. Aber er spricht sie nicht an. Später trifft er in Berlin eine Frau, die ihm etwas bedeuten könnte, aber wie Wibeaus Charlie gibt es da einen anderen Mann, so wird aus der Liebe nichts.

Überhaupt wirkt Wiankas Figur wie eingekerkert im eigenen Selbst. Seine Beobachtungen sind von einer Genauigkeit, die ihn zu erdrücken scheint. Interessant sind die Schlaglichter auf das Leben in der DDR mit seinen Zumutungen. Die Details stimmen alle, müssen aber zum Teil im Glossar erklärt werden, weil sie schon vergessen sind. Dabei haben sie ganze Generationen geprägt und verbogen. Was geschieht mit den Prägungen eines Systems, das es dann nicht mehr gibt? Was bedeutet Flucht, wenn es keine Heimat mehr gibt? Warum scheitert ein Mensch, der begabt ist? Warum können Prägungen so schwer überwunden werden, auch wenn ihre Ursachen längst Geschichte sind? Was hindert einen Menschen, die Möglichkeiten wahrzunehmen, die sich ihm bieten, was trennt ihn von anderen Menschen, was hemmt ihn, sich zu öffnen?

Allen diesen zeitlosen Fragen versucht sich der Autor zu nähern. Die meisten bleiben unbeantwortet. Das Geheimnis dahinter scheint zu sein, dass sie eben zeitlos und damit unbeantwortbar sind. Jede neue Generation muss sich wieder damit herumschlagen. Blaupausen scheint es nicht zu geben.

Am Ende scheitert der Protagonist nicht wie Wibeau am versuch, etwas Neues zu entwickeln, sonder setzt seinem Leben ein Ende. Ein Testament hat er nicht hinterlassen. Seine Mutter lehnt die Erbschaft ab. Der Nachlassverwalter erkennt den künstlerischen Wert der hinterlassenen Gemälde und bittet ausgerechnet den dubiosen Jugendfreund, der auch im neuen System Karriere gemacht hat, das Werk vor der Vernichtung zu bewahren. Ob er es tut, bleibt offen.

Den Protagonisten schien sein Nachruhm nicht zu interessieren:

„Ich habe meine Geschichte geschrieben, verschiedene Wahrheiten zusammengeschrieben, meine Erinnerung überschrieben…Es gibt mich nicht mehr.

Das ist kein optimistischer, aber leider realistischer Schluss. Wer etwas über das Drama unserer Gegenwart erfahren will, greife zu diesem Buch.

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Sonntagslektüre: „Marzahn mon Amour – Geschichten einer Fußpflegerin“

Nachdem die CSU-Jugend auf einem Plakat, welches ein Beitrag zum Antirassismus sein soll, die Arbeit in der CSU-Parteizentrale als superior gegenüber der in Nagelstudios dargestellt und damit ihre arrogante Verachtung für die Frauen, die dort arbeiten, demonstriert hat, ist es mir ein besonderes Bedürfnis, dieses Buch von Katja Oskamp vorzustellen.

Von Schriftstellerei allein können nur wenige Bestseller-Autoren leben. Viele Schreiber haben nebenbei einen anderen Broterwerb, wenn sie sich nicht von staatlicher Förderung zum nächsten Stipendium hangeln wollen oder können. Katja Oskamp, die nach Theaterwissenschaft auch am Leipziger Literaturinstitut studierte und ein paar Romane und Erzählungen veröffentlicht hat, entschließt sich mit Mitte Vierzig, ihrem Leben eine ganz neue Wendung zu geben.

„Mein Leben war fad geworden – das Kind flügge, der Mann krank, die Schreiberei, mit der ich es bisher verbracht hatte, mehr als fragwürdig. Ich trug etwas Bitteres vor mir her und machte damit die Unsichtbarkeit, die Frauen jenseits der Vierzig befällt, vollkommen“.

Oskamp meldet sich zu einer Fußpflege-Ausbildung an, absolviert sie erfolgreich. Als sie freudig lachend mit ihrem Zertifikat wedelte, schlugen ihr „Ekel, Unverständnis und schwer zu ertragendes Mitleid entgegen. Von der Schriftstellerin zur Fußpflegerin – ein fulminanter Absturz“, war die Meinung ihrer Intellektuellen-Clique. Oskamp fiel ein „wie sie mir auf die Nerven gegangen waren“, scherte sich nicht um sie und begann, in einem kleinen Fußpflegestudio in Berlin-Marzahn zu arbeiten. Es wurde ein überaus erfolgreicher Befreiungsschlag und ihr Aufstieg als Schriftstellerin.

Marzahn, die sozialistische Plattenbausiedlung am Rande der Stadt gehört nicht zu den Sehnsuchtsorten von Berlin. Viele würden es heute als Strafe betrachten, dort wohnen zu müssen. Oskamp entdeckt nicht nur, dass das Wetter in Marzahn intensiver ist als in der Innenstadt und die Jahreszeiten stärker riechen, sie trifft unter den Bewohnern jede Menge liebenswürdige, interessante, skurrile, besondere Menschen. Während sie die Füße ihrer Kunden bearbeitet, bekommt sie jede Menge Lebensläufe zu hören. Oskamp entwickelt sich dabei zum Kommunikationsgenie. Sie weiß, dass nur ein Bruchteil des Gesprächs dem Informationsaustausch dient, der Rest eine „virtuose Verquickung“ von Erwartung, Hoffnung, Trost.

Mit Frau Guse mit dem Brustkrebs führt sie alle sechs Wochen das gleiche Gespräch. Frau Guse bringt stets ein eigenes Handtuch mit, um den Wäscheberg des Studios zu reduzieren, dafür bekommt sie jedes Mal ein Lob. Oskamp kennt alle Nebenwirkungen der Medikamente, die Frau Guse seit sieben Jahren einnehmen muss, sie kann auch die Namen der fünf Kinder aufzählen, wenn sich Frau Guse nicht gleich erinnert. Im Laufe der Zeit beobachtet Oskamp, wie sich die Frau „langsam und im Rückwärtsgang von der Welt, die sie kannte, entfernt.

Herr Paulke, Marzahner Ureinwohner seit 1983, war einer der ersten Kunden von Oskamp. Sein Leben lang hatte der Mann geschuftet, bei Autotrans hat er nicht nur jede Menge Wohnungsumzüge gemacht, sondern ganze Betriebe von A nach B verpflanzt. Dabei ging nach und nach sein Körper kaputt. Als er nicht mehr schleppen konnte, verwehrte ihm sein Betrieb eine Arbeit im Büro. Paulke wich unter Inkaufnahme von finanziellen Einbußen mit 57 Jahren in den Vorruhestand aus. Der Mauerfall 1989 kam für ihn gerade noch rechtzeitig. Er konnte mit seiner Frau noch einige Jahre reisen. Während Oskamp seine Füße bearbeitete, denen man die Schwerstarbeit eines Lebens ansah, erzählte Paulke von den Fjorden Norwegens, von den Pubs in Dublin, den Palmen im Tessin. Glücklich war er, das „wir dit noch abjegriffen haben“. Als Oskamp ihn kennenlernte, konnte der Mann schon lange nicht mehr reisen. Sein Körper war ein einziger Reparaturfall geworden. Von Besuch zu Besuch wurde sein Aktionsradius kleiner. Schließlich musste Oskamp den nächsten Termin streichen, denn Paulke war gestorben.

Frau Blumeier wohnt im 14. Stock des Hauses, in dem sich das Studio befindet. Wenn Oskamp rauchend vor der Tür steht und Blumeier von ferne auftaucht, wendet sie mit dem Joystick ihren Rollstuhl und fährt auf einen kurzen Plausch heran.

„Dann muss sie zur Physiotherapie, zum Einkaufen, zum Friseur oder zu Bekannten, düst davon in ihrem Elektromodell, den Oberkörper weit nach vorn gebeugt wie ein Rennfahrer, und der Wind fegt ihr die Haare aus der Stirn. Die sechs km/h Höchstgeschwindigkeit, die ihr fahrbarer Untersatz hergibt, sind ihr zu wenig. Sie würde lieber mit sieben, acht, neun km/h über die Piste rollen“. Eine solche Frau macht alles, sogar Behindertenwitze. Sie findet Rollstuhlfahrer, die sich „von Hacke bis Nacke bedienen lassen“ unmöglich. Mit ihrem Humor und ihrer verlässlich guten Laune sind die Behandlungen von Frau Blumeier immer mit Witz und Heiterkeit verbunden.

Das sind nur drei von den über ein Dutzend Kunden von Oskamp, die Eingang in ihr Buch bekommen haben.

Aber natürlich sind nicht alle so erfreuliche Mitmenschen.

In Marzahn lebt das Volk, von dem die Politik in der Corona-Krise zur Kenntnis nehmen musste, dass es „systemrelevant“ ist. Oskamp betreute Füße von Maurern, Fleischern, Krankenschwestern, Tankwarten, Rinderzüchtern und Elektrofacharbeitern. Parteifunktionäre, die nicht nur von der CSU-Jugend offenbar für ein höhere Spezies gehalten werden, sind eher nicht dabei.

Mit einer Ausnahme: Herr Pietzsch, ehemaliger SED-Funktionär. Pietzsch, das wandelnde Klischee, steht pünktlich zum Termin vor der Tür des Studios und „glotzt ernst durch die Scheibe. Es ist unter seiner Würde, irgendwo anzuklopfen oder zu klingeln, alle Türen haben sich von selbst zu öffnen, wenn Herr Pietzsch auftaucht; so kennt er es, davon geht er aus, auch wenn es seit dreißig Jahren nicht mehr klappt“.

Im Studio wirkt Pietzsch, „als sei er dienstlich hier und müsse irgendwas prüfen“. In seinen besten Jahren befand sich Herr Pietzsch ziemlich weit oben, war sogar Westreisekader. Er oben, die andern unten. Dieses Schema hat er beibehalten. Das Schema gibt es auch außerhalb der SED, heute Linke, noch.

Bei der Behandlung erzählt er, was für ein toller Hecht er war, bis seine Ehefrau die Seitensprünge satt hatte und ihn vor die Tür setzte. Jede Sekretärin konnte er haben, nun soll, in Ermangelung einer Vorzimmerdame, die Fußpflegerin die Leerstelle füllen. Dafür erscheint Pietzsch nun alle vier Wochen, mit einem Fläschchen Sekt, was er für verführerisch hält. Er versteht nicht, dass Oskamp auf seine Avancen nicht eingehen mag. Er hat sein Leben lang seinen Posten mit seiner Person verwechselt.

Eines Tages steht ein Neukunde, Herr Hübner, im Studio. Ein verwahrloster Mittfünfziger in Schlabberpulli und Jogginghosen, eingerahmt von einer Frau mit leuchtend roten Haaren und einem bleichen Mädchen mit schwarz umrandeten Augen. Die Frauen redeten Hübner ununterbrochen zu, sich auf den Stuhl zu setzen und sich behandeln zu lassen. Seine Füße hatten einen Verwahrlosungsgrad erreicht, der seinesgleichen suchte. Wie sie rochen, musste Oskamp sofort verdrängen. Für die Rollkrallen musste die größte Zange her, sie ließen sich nur in Etappen kürzen. Wer die beiden Frauen waren, erfuhr Oskamp erst, als sie Punkt 16 Uhr unerwartet das Studio verließen, weil ihr Dienst zu Ende war. Oskamp blieb mit dem Mann allein, der nur gekommen war, weil er das für seine Fortschrittsbericht an das Sozialamt brauchte. Wenn Oskamp ihm später auf der Straße begegnete, grüßte er nie. Aus dem rundum betreuten Sozialfall war schon längst ein Sozialkrüppel geworden.

Das Buch wäre nicht vollständig ohne ein Porträt von Tiffy, der Chefin von Oskamp, Inhaberin des Studios. Eine der vielen tapferen Frauen, die sich nicht nur ihren Lebensunterhalt selbst verdienen, sondern Arbeitsplätze schaffen und für das Steuergeld sorgen, ohne welches es keine Parteizentralen gäbe. Das Buch ist eine eindrückliche Hommage an die so genannten kleinen Leute, ohne die in der Gesellschaft nichts laufen würde und die Besseres verdient haben, als von Jungpolitikern verachtet zu werden.

Es ist ein liebevoller Blick in das andere Leben. Wer das Buch gelesen hat, versteht den Titel. Es zu lesen tut der Seele gut.