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Sonntagslektüre: Die Villa

Hans-Joachim Schädlich wird von den Kritikern als einer der „ganz Großen der zeitgenössischen Literatur“ gewürdigt. Das liegt an seiner besondern Sprache, mit der er in knappen Worten lebhafte Bilder in der Phantasie seiner Leser entstehen lässt. So gelingt es ihm zu beschreiben, was als unsagbar gilt. Wer wissen will, was das 20. Jahrhundert ausmachte, sollte zu Schädlichs Prosa greifen.

In seinem neuesten Buch „Die Villa“ erzählt Schädlich die Geschichte einer Familie aus seinem heimatlichen Vogtland. Die Geschichte umfasst den Zeitraum von Anfang der 30er  bis in die frühen 50er Jahre, also die der umstürzlerischsten Zeit der Deutschen. Er entdämonisiert die Geschichte, macht aber gleichzeitig klar, wie ein Volk in den finstersten Totalitarismus seiner Geschichte hineinwachsen konnte.

Elisabeth, die weibliche Hauptfigur, wollte eigentlich gar nicht heiraten, sondern als erwerbstätige Frau ein unabhängiges Leben führen. Aber dann traf sie Hans, den dunkelhaarigen Mann, von dem ihr Bruder sagte, der sähe aus wie ein „Jud“ und alles wurde anders. Sie gebar vier Kinder, nach drei Jungen endlich das ersehnte Mädchen und wurde Mutterkreuzträgerin statt Geschäftsfrau. Hans, der sehr bald NSDAP-Ortsgruppenleiter wurde, musste vorher wegen seines verdächtig nichtarischen Aussehens einen lückenlosen Herkunftsnachweis erbringen, um zu beweisen, dass sein Aussehen trog.

Der Aufstieg der Familie vollzog sich schnell und sichtbar. Erst konnte von den Einkünften aus dem Wollhandel, der damals einer der Hauptwirtschaftszweige von Reichenbach waren, ein Haus in einem der Stadt benachbarten Dorf gekauft werden. Die große Politik wurde nur am Rande wahrgenommen. Durch den Vertrag von München wurde das Sudetenland heim ins Dritte Reich geholt. Für die Familie brachte das den Vorteil, dass man nun eine Schwester Elisabeths besuchen konnte, ohne eine Grenze überschreiten zu müssen. Bald wurde das Haus zu klein und Hans musste sich nach einer größeren Bleibe umsehen. Er wählte die Gründerzeitvilla in Reichenbach, gebaut von einem Industriellen, die seit ein paar Jahren leer stand. Was mit den Besitzern geworden ist, wird verschwiegen, das war damals so üblich. Auch der jüdische Lehrer, der immer mit seinem Auto zur Schule gefahren war und in dessen Garten seine Schüler mit Vorliebe Obst klauten, war eines Tages verschwunden und sein Auto wurde jetzt von dem neuen Besitzer des Lehrer-Hauses gefahren.

Als 1939 Der Krieg begann, fragte Elisabeth ihren Mann, ob man sich jetzt Sorgen machen müsste. Nein, denn es wird schnell zu Ende gehen. Hans brauchte keine Einberufung zu befürchten, denn er hatte einen Herzklappenfehler. Als die Villa 1940 bezogen wurde, hatte sich der Krieg schon ausgeweitet, aber war zu weit weg, als dass man sich Sorgen machte. In die Villa kam jeden tag Pierre, ein französischer Zivilzwangsarbeiter, der sich gemeinsam mit dem Hausmeister um den weitläufigen Garten kümmern musste. Dafür bekam er Essen und ab und zu heimlich eine Zigarette, weil der Hausmeister nur Pfeife rauchte, in die er lieber getrocknete Rosenblätter steckte, wenn der Pfeifentaback alle war, statt des Zigarettentabacks.

Im Jahr 1943 wurde Hans Herzklappenfehler akut. Parallel zur dramatischen Entwicklung an der Front nach der verlorenen Schlacht um Stalingrad und aufkommenden Gerüchten, was mit den Juden im Osten geschah, erkannte er, dass er sein Leben einer verbrecherischen Sache gewidmet hatte:

„Ich habe Angst um dich und die Kinder. Die Schuld kommt über uns alle…Und da fragt Goebbels noch, ob wir den totalen Krieg wollen. Der Krieg ist längst total gegen Deutschland“. Elisabeth sagte: „Du darfst Dich nicht aufregen, es it zu spät“.

Nach dem Tod von Hans muss Elisabeth die Villa verkaufen, darf aber im obern Stockwerk wohnen bleiben, während unten das Rote Kreuz einzieht.

Nun kommt der Krieg mit voller Wucht nach Reichenbach, mit Bombenangriffen und Einquartierung aus Berlin. Die Berlinerin spricht mit Pierre Französisch.

Die Zwangsarbeiter wohnen abseits in Baracken, von dort hört man ab und zu Gesang, aber zu sehen sind sie erst, als sie nach dem Einmarsch der Amerikaner in Kolonnen durch die Straßen Reichenbachs ziehen, zu den Repatriierungspunkten. Pierre winkt den Kindern der Familie zu, als er zum letzten Mal an der Villa vorbeikommt. Die Frauen tragen seltsame Kopftücher und werden gegen ihren Willen in die Sowjetunion abgeschoben.

Nach der Übergabe des Vogtlandes an die Rote Armee muss Elisabeth aus der Villa ausziehen und sich in einer kleinen Mietwohnung einrichten. Da ist sie immer noch besser dran als ihre sudetendeutsche Schwester, die über Nacht Haus und Hof verlassen musste, ohne mehr mitnehmen zu dürfen, las was in einen Rucksack passte. Es beginnt die Hungerzeit. Erwachsenen werden 1500 Kalorien zugestanden. Wer nicht verhungern will, muss hamstern gehen. Zum Glück hat Elisabeth Möbel und Teppiche zu bieten, für die sie sowieso keine Platz mehr hat. Sie bringt sich und ihre vier Kinder durch.

Die Villa wurde dann Volkseigentum und nach dem Mauerfall von der AWO übernommen. Nachdem die AWO ausgezogen war, wurde das Grundstück von einem bundesdeutschen Investor gekauft, der in Reichenbach eine Produktionsstätte für Aktenvernichter bauen ließ. Dabei stand die Villa im Weg. Obwohl sie unter Denkmalsschutz stand, wurde sie abgerissen. Vorher wurde aber eine Fotodokumentation erstellt und verfügt, was beim Abriss geborgen werden sollte: Stuckdecken, Innentüren, Fenster, Bleiglas, Geländer, Dielen, Parkett, Natursteinstufen und Fußböden. Die deutsche Geschichte endet als Abrissunternehmen. Die Villa ist ein Gleichnis, exemplarisch für die Umbrüche des 20. Jahrhunderts.

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Die letzten Tage der DDR

Beinahe hätte es, außer der SPD, keine neu gegründete Partei in der ersten und letzten frei gewählten Volkskammer gegeben. Am Runden Tisch, der die finalen Wochen der Regierung Modrow moderierte, war der Antrag eingebracht worden, dass die Volkskammerwahlen am 18. März mit einer 5%-Hürde stattfinden sollten, denn nur das wäre demokratisch.

Einem unbekannten Bürgerrechtler ist es zu verdanken, dass er den Einwand erhob, der vom Runden Tisch gebildete Kommission, die dabei war, einen neue Verfassung für die DDR zu schreiben müsste der Antrag vorgelegt werden, bevor er abgestimmt werden konnte.

Ich war in dieser Kommission die Vertreterin der Grünen Partei und obwohl meine Partei am Runden Tisch dafür gewesen war, erhob ich heftige Einwände. Es waren 7 neue Parteien gegründet worden, die gegen alle Altparteien antreten mussten. Unwahrscheinlich, dass alle 5% erreichen würden. Damit wäre ausgerechnet den Vertretern der Friedlichen Revolution, denen die freien Wahlen zu verdanken waren, der Zugang zur Volkskammer erschwert oder unmöglich gemacht worden. Wie immer, wenn das Mitglied einer Neupartei ein Argument vehement vortrug, wagten die Altparteien kaum Widerspruch. So verschwand der Antrag, die Wahl fand ohne Prozenthürde statt.

Am Wahlabend stellte sich heraus, dass mit Ausnahme der SPD, die bei knapp 22% landete, obwohl ihr die absolute Mehrheit vorausgesagt worden war, alle anderen Neuparteien zusammen gerade bei 5% landeten. Als wir Abgeordneten der Grünen Partei aber mit dem Neuen Forum, Demokratie Jetzt und der Initiative für Frieden und Menschenrechte, die ein Wahlbündnis eingegangen waren, eine Fraktion bilden wollten, bekamen Matthias Platzeck und ich Schwierigkeiten mit dem Parteivorstand. Man drohte uns den Rausschmiß an, denn wir sollten grüne Themen in das Parlament einbringen und uns nicht verwässern lassen. Es gelang uns aber, den Vorstand zu überzeugen, dass wir unseren Themen in einer größeren Fraktion besser Gehör verschaffen könnten. Damit stand der Geburt von Bündnis 90/ Grüne nichts mehr im Weg.

Bevor ich aber eine der drei Fraktionsvorsitzenden wurde, neben mir waren das Jens Reich und Marianne Birthler, hatte ich noch etwas zu überstehen, was man heute Shit-Storm nennen würde.

Die Grüne Partei war mit der Frauenpartei ein Wahlbündnis eingegangen. Als der größere Partner standen Grüne auf den ersten Plätzen, auf den zweiten folgten Vertreterinnen der Frauenpartei. Wegen des schlechten Wahlergebnisses, wir hatten kaum 2% gewonnen, zogen nur die ersten Plätze. Bereits in der Wahlnacht erhoben die Frauen die Forderung, ein Drittel der Grünen sollten auf ihre Mandate verzichten, damit Frauen nachrücken könnten. Vor allem aber wollten sie Christina Schenk, die hinter mir auf der Liste stand, in der Volkskammer sehen. Also konzentrierte sich der Druck auf mich. Ich wurde mehrere Tage lang von einem Pulk Journalistinnen regelrecht verfolgt. Ich solle Platz machen für „Frauenthemen“. Das ich eine Frau war und zwar eine der nur zwei Frauen von acht grünen Abgeordneten, zählte für die Feministinnen nicht. Um den Druck aufrecht erhalten zu können, lehnten sie den freiwilligen Rücktritt dreier Männer ab. Ich blieb hart und so bekamen die Frauen am Ende kein Mandat.

Die Volkskammerzeit würde ich die die schönste und intensivste in meinem Leben nennen, wenn ich vorher nicht in Cambridge gewesen wäre, wo ich mich als postgraduale Studentin behaupten konnte und nach einem Jahr mit einem Begabtenstipendium meines Colleges ausgezeichnet wurde. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Die Volkskammer, die recht bald als Laienspieltruppe verunglimpft wurde, war so lebendig, und volksnah, wie ein Parlament nur sein kann. Trotz der intensiven Bemühungen der Berater der Regierungskoalition aus dem Westen, die bei unseren Debatten auf der Besuchertribüne saßen, uns davon abzuhalten, mit wechselnden Mehrheiten abzustimmen, gelang ihnen das nicht immer. Je nach Temperament gestikulierten sie, schüttelten die Köpfe oder zogen Grimassen, wenn wir mit Leidenschaft Abgeordnete anderer Fraktionen überzeugten, gegen ihre Vorgaben mit uns abzustimmen.

Es kamen auch immer wieder überparteiliche Initiativen zustande, die von den Fraktionsführungen der Koalition nicht unterdrückt werden konnten. Eine war die versuchte Abwahl von Innenminister Diestel, dessen fragwürdiger Umgang mit den Stasiakten Anlass war, ihn ablösen zu wollen. Eine andere war der überparteiliche Antrag auf sofortigen Beitritt zur BRD am 17. Juni. Der Grundgedanke dieses Antrags war, dass die Vereinigung kommen würde und ein sofortiger Beitritt ohne Übergangsregelungen Rechtssicherheit schaffen und Vereinigungskriminalität verhindern würde. Wie recht wir mit unserem Verdacht hatten zeigte sich, als nach der Vereinigung eine Zentrale Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) gebildet werden musste.

An diesem 17.Juni saß Bundeskanzler Kohl mit seiner Entourage auf der Besuchertribühne. Er wollte der Gedenkfeier für den Volksaufstand am 17. Juni 1953 beiwohnen. Als unser Antrag trotz aller Verhinderungsversuche verlesen und zur Abstimmung gestellt wurde, verließ Kohl fluchtartig den Saal. Er hatte noch nicht alle Zusagen für die Vereinigung in der Tasche. Kohls Flucht ist ein Argument gegen die immer häufiger vorgetragene Behauptung, die deutsche Vereinigung wäre auf Befehl Gorbatschows erfolgt. Wenn es tatsächlich der Wunsch der Sowjetunion wäre und nicht der Volkswille der DDR, hätte Kohl an diesem Tag den Antrag begrüßen müssen, satt in Panik auszubrechen.

Aber auch ohne Sofortbeitrittt nahm die Vereinigung immer schnellere Fahrt auf. Waren wir Abgeordneten beim Zusammentritt der Volkskammer und der ersten Regierungserklärung von Ministerpräsident de Maizière noch der Meinung, dass wir vier, aber mindestens zwei Jahre brauchen würden, um die Forderungen der Straße nach Deutschland einig Vaterland zu erfüllen, war im Juni schon klar, dass es nur noch wenige Wochen dauern würde.

Am 31. August wurde der 1000 Seiten starke Einigungsvertrag von den Verhandlungsführern Wolfgang Schäuble und Günther Krause unterzeichnet. Drei Wochen später, am 20 September, stimmten wir in der Volkskammer über diesen Vertrag ab.

Ich stimmte dagegen, nicht weil ich gegen die Vereinigung war, sondern weil ich dem Vertrag mißtraute. Damals wußte ich nur, dass die westdeutsche Industrielobby ihre Interessen durchgesetzt und per Vertrag unliebsame Konkurrenz aus dem Osten schachmatt gesetzt hatte. In Thüringen war VEB Nordbrand Nordhausen einer der wenigen ganz modernen Betriebe der DDR. Er stellte nicht nur den beliebten Nordhäuser Doppelkorn her, der erfolgreich in den Export ging, sondern auch hochwertigen Industriealkohol. Im Einigungsvertrag wurde eine Deckelung der Industriealkoholproduktion auf dem Gebiet der ehemaligen DDR festgelegt, die VEB Nordbrand das wirtschaftliche Genick brach.

Noch schwerer wog, dass im Einigungsvertrag das Berggesetz der DDR fortgeschrieben wurde, was hieß, dass weiter alle Abbauvorhaben Vorrang vor allen anderen Belangen, auch des Natur- und Landschaftsschutzes, haben würden. Das hätte großflächige Landschaftszerstörungen zur Folge, ein Problem vor allem der Regionen, die touristisch genutzt werden.

Ich machte es mir später als Bundestagsabgeordnete zu meiner Hauptaufgabe, diese Einungsvertragsklausel zu ändern. Das gelang mir dann in der Legislaturperiode von 1994-1998, als es wieder eine grüne Fraktion gab, nachdem die Westgrünen wegen der getrennten Wahlgebiete aus dem ersten gesamtdeutschen Bundestag geflogen waren. Als Mitglied des Umweltausschusses konnte ich einen Gesetzentwurf entwickeln, der von der Fraktion angenommen wurde und in zahllosen Gesprächen die Kollegen der anderen Fraktionen überzeugen. Zum Schluss musste ich allein mit Wolfgang Schäuble verhandeln, weil es die Unionskollegen nicht wagten. Schäuble war sehr gut vorbereitet, stellte präzise Fragen un war mit meinen Antworten offenbar zufrieden. Der Einigungsvertrag wurde in punkto Bergrecht geändert, seitdem gilt gleiches Bergrecht in ganz Deutschland.

Nach und nach stellten sich weitere Fehlentscheidungen im Einigungsvertrag heraus. Unter anderem die, auch den Absolventen der Stasihochschule in Potsdam Eiche ihre Abschlüsse anzuerkennen. Sie durften ihre Doktortitel behalten, obwohl die „Dissertationen“ zum Teil sogar Kollektivarbeiten waren, die jegliche wissenschaftlichen Standards vermissen ließen.

Die Zeit zwischen dem 20. September und dem 3. Oktober war dann noch einmal sehr spannend. Das Datum der Vereinigung war das Ergebnis eines wirklichen Kuhhandels. Alle Fraktionen tagten gleichzeitig, Emissäre liefen zwischen den Beratungsräumen hin-und her. Wir präferierten den 9. November, den Tag des Mauerfalls. Das kam für die Union nicht in Frage, denn angeblich wollte Kohl unbedingt den 41. Republikgeburtstag verhindern. Es war weit nach Mitternacht, als sich alle Fraktionen auf einen Termin verständigt hatten. Der 3. Oktober ist immer ein uninspiriertes Kunstdatum geblieben.

Während die Vereinigungsvorbereitungen auf Hochtouren liefen und so wichtige Fragen diskutiert wurden, wann genau die DDR-Fahne eingeholt und die deutsche Fahne geflaggt werden sollte, konzentrierten wir uns auf zwei Fragen, die wir unbedingt noch in der Volkskammer abgestimmt haben wollten.

Die eine betraf den Umgang mit den Stasiakten. Wir wollten unbedingt durchsetzen, dass die Hinterlassenschaften des Unterdrückungsapparates öffentlich zugänglich gemacht werden.

Der Widerstand dagegen war sehr strak, nicht nur auf Seiten der DDR-Altparteien, sondern auch der westlichen Politiker.

Die DDR-Volkskammer hatte am 24. August das “Gesetz zur Sicherung und Nutzung der personenbezogenen Akten” des Ministeriums für Staatssicherheit beschlossen. Die Forderung unserer Fraktion und vieler Bürgerrechtler war, dass ein solches Gesetz zum Umgang mit den Stasi-Akten auch in den Einigungsvertrag aufgenommen werden sollte.

Doch dies geschah nicht. Statt dessen gab es den Plan, die Akten 30 Jahre lang ins Bundesarchiv zu sperren. Das führte zu heftigen Protesten.

Am 4. September besetzten dutzende Bürgerrechtler die Räume der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin und traten in den Hungerstreik. Der Druck wurde so stark, dass am 18. September Wolfgang Schäuble und Günther Krause schließlich eine Zusatzklausel zum Einigungsvertrag zum Umgang mit den Stasi-Akten vereinbarten. Hierin wurde festgeschrieben, dass der Bundestag nach der Wiedervereinigung ein entsprechendes Gesetz erlassen sollte. Das war ein halber Sieg.

Allerdings bedurfte es nach der Vereinigung im Bundestag der ganzen Energie der Bundestagsgruppe von Bündnis 90/ Grüne, die Kollegen der anderen Fraktionen zu überzeugen, dieses Gesetz auch zu beschließen. Die Koalitionsfraktionen hätten es nicht auf die Tagesordnung gesetzt, die SPD-Opposition auch nicht. Es wurde schließlich eine überparteiliche Initiative, die das Vermächtnis der Volkskammer erfüllte.

Ein Vorgeschmack darauf, wie schwierig dieses Thema werden würde war der schließlich erfolgreiche Versuch, die Namen der stasibelasteten Abgeordneten der Volkskammer vorzulesen. Die Liste war in einem Unterausschuss erarbeitet worden, dem der spätere Stasiunterlagenbeauftragte und noch spätere Bundespräsident Joachim Gauck vorsaß. Wir waren schon wegen der Asbest-Belastung aus dem Palast der Republik verbannt worden und saßen im ebenso asbestbelasteten Saal des ehemaligen ZK-Gebäudes. Der Vizepräsident unserer Fraktion Wolfgang Ullmann stieg aufs Podium und wollte die Namen verlesen. Er wurde von Ministerpräsident de Maizière, Volkskammerpräsidentin Sabine Bergmann-Pohl, nach meiner Erinnerung auch PDS-Fraktionsvorsitzenden Gregor Gysi immer wieder am Reden gehindert. Es gipfelte in dem Vorwurf, die Liste sei illegal kopiert worden. Erst als ein Mitglied des Unterausschusses rief, er können die Namen auswendig von vorn nach hinten, aber wenn gewünscht auch von hinten nach vorn aufsagen, war der Widerstand gebrochen und Ullmann konnte seines Amtes walten.

Um nicht mit der Stasi zu enden, möchte ich erzählen, was ich persönlich für einen der größten Erfolge unserer Volkskammertätigkeit halte. Am letzten Sitzungstag gelang es uns, eine Mehrheit für unser Nationalparkprogramm zu bekommen. Damit wurden wichtige schützenswerte Gebiete zum Nationalpark erklärt. Das wäre nicht ohne die jahrelange Vorarbeit innerhalb der Umweltbewegung der DDR möglich gewesen. Wir hatten etliche Biologen, Botaniker, Geologen und Geobotaniker in unseren Reihen, die seit Jahren an solch einem Programm gearbeitet hatten, ohne zu wissen, ob sie jemals die Chance haben würden, es zu verwirklichen. Die bot sich und die erste und letzte frei Volkskammer hat sie genutzt. Sie hat dafür gesorgt, dass die DDR nicht nur verrottete Betriebe, kontaminierte Böden, tote Flüsse und dreckige Luft in die Vereinigung einbrachte, sondern einen Naturschatz, der heute zum Wertvollsten gehört, was Deutschland auf diesem Gebiet zu bieten hat.

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Sonntagslektüre: Der Angstfresser

An einem der letzten schönen Sommertage diesen Jahres fand im Schloss Schönhausen in Pankow eine für dieses Ambiente eher ungewöhnliche Lesung statt. Veranstalter waren die Buchhandlung Buchsegler in der Pankower Ossietzkystraße, die regelmäßig Lesungen im Schloss organisiert, und die Robert-Havemann-Gesellschaft, eine der wenigen kleinen Gruppen, die sich noch um die Verfolgten des SED-Regimes kümmern. Grit Poppe las aus ihrem neuen Roman „Angstfresser“, in dem sie die Folgen der schrecklichen Zustände in den DDR-Jugendwerkhöfen oder Jugendgefängnissen – ja, die gab es auch, sogar für Kinder – schildert. Im  prächtigen Ballsaal waren leider nicht alle der im großen Abstand aufgestellten Stühle belegt. Hauptsächlich waren Zuhörer gekommen, die sich ohnehin mit der Aufarbeitung der SED-Diktatur beschäftigen. Dabei wäre Poppes Buch gerade für die wichtig, die den Sozialismus immer noch für eine gute Idee halten, die nur noch nie richtig ausgeführt wurde.

Poppe hat sich schon in ihren früheren Büchern mit dem Thema Jugendwerkhöfe befasst. Ihr kommt das große Verdienst zu, erreicht zu haben, dass eines der düstersten Kapitel der DDR-Realität nicht unter den Teppich gekehrt wurde. Wie leicht das hätte der Fall sein können zeigt die traurige Tatsache, dass einer der übelsten „Sonderpädagogen“, Eberhard Mannschatz, verantwortlich für die menschenverachtenden Zustände in den Jugendwerkhöfen, nach der Wiedervereinigung gebeten wurde, für ein Fachbuch der evangelischen Hochschule des Rauhen Hauses in Hamburg ein Kapitel zu liefern. Erst nach heftigen, öffentlichkeitswirksamen Protesten, war die Hochschule bereit, ihren Fehler einzuräumen.

Poppes Hauptfigur Mira hat die Segnungen der Jugenwerkhof-Pädagogik drei Jahre lang am eigenen Leib erfahren, aber sie kann sich nicht mehr daran erinnern. Sie erinnert sich überhaupt kaum an ihr früheres Leben. Jetzt ist sie eine dreißigjährige Frau, nennt sich Kyra und ist von diffusen Angstattacken geplagt, die sie körperlich stark mitnehmen. Die Ärztin ist hilflos und verordnet Medikamente, die beruhigend wirken sollen, aber vor allem zwischen Kyra und die Welt eine Art Sperrmauer bilden. Poppe schildert die Angstzustände so meisterhaft, dass man als Leser unwillkürlich an Gustave Flaubert denken muss. Der hatte bei der Schilderung von Emma Bovarys Arsen-Vergiftungssymptomen selbst unter solchen gelitten. Hoffentlich ging es Poppe nicht ähnlich.

Kyra findet in ihrem Briefkasten immer wieder Flyer einer chinesischen Heilerin. Als sie der Frau zufällig auf einem Markt begegnet, stimmt sie zu, sich von ihr helfen zu lassen. Die Heilerin behauptet, ein spezielles Mittel für Kyra zu haben. Es handelt sich um einen Parasiten, einen Hirudo Timor,  gezüchtet von Li Lings Vater in China, der einem Menschen, dessen Blut er saugt und mit seinen Sekreten versorgt, die Angst nimmt. Lings Vater hat damit erfolgreich Menschen von ihren Traumata geheilt, die sie in chinesischen Umerziehungslagern erlitten haben. Deshalb wird er in China verfolgt und schließlich ermordet. Von Ling erfährt Kyra Bruchstücke über den Umgang des chinesischen Regimes mit seinen Dissidenten. Die werden wegen Nichtigkeiten zum Tode verurteilt, anschließend ausgeschlachtet und ihre Organe verkauft. Das haben Sie noch nie gehört? Eben. Der Organhandel ist ein zu lukratives Geschäft, als dass unbequeme Fragen gestellt würden. Von chinesischen Organen profitieren auch europäische Kranke. Da hatten wir in der DDR noch Glück, dass die ihre politischen Gefangenen lebend und intakt für Devisen verkaufte.

Kyra beginnt mit dem seltsamen Tier zu leben, die Angstzustände werden weniger, der Blutdruck sinkt, aber sie bekommt Halluzinationen.

Erst, als sie Leonhard begegnet, nähert sie sich ihrem früheren Leben.

Leonhard ist eigentlich Hans, der die 15jährige Mira 1986 überredete, die Leiter ihrer Eltern zu besorgen, die ihm als Fluchthelfer über die Berliner Mauer dienen sollte. Er, der viel ältere, ignoriert die Gefühle des verliebten Mädchens und lässt sie, ohne sich umzudrehen, einfach zurück. Ihm gelingt die Flucht, es fällt ein einziger Schuss, der gilt aber nicht ihm. Hans denkt nicht nach, was der Schuss zu bedeuten hatte, er verdrängt alle Gedanken an Mira, bis er nach dem Mauerfall von Miras Vater, der sein Freund gewesen ist, erfährt, dass Mira verhaftet worden war und im Jugendwerkhof gelandet ist. Es dauert aber noch Jahre, bis er sich auf die Suche nach Mira macht und sie durch einen Zufall auch findet. Mit seiner Hilfe gelingt es Mira, die Erinnerungen an ihre zerstörte Jugend zurückzuholen und damit zu überwinden. Was die Leser en passant über die Zustände in den Jugendwerkhöfen erfahren, ist so haarsträubend, wie es die Wirklichkeit war.

Gibt es ein Happy-End? Es spricht für Poppes Meisterschaft, dass sie darauf verzichtet hat. Sie lässt Mira und Hans am Schluss noch einmal die Strecke gehen, die sie am Abend von Hans´ Flucht zurückgelegt haben. Auf dem Friedhof, wo Hans sie damals zurückgelassen hat, zieht Mira plötzlich eine Pistole und fordert ihn auf, zu fliehen. Poppe überlässt es der Phantasie der Leser, was dann geschieht.

Mir bleibt nur zu wünschen, dass Grit Poppe ihr beachtliches Schreibtalent in Zukunft auch für andere Themen benutzt. Ihr wäre ein größeres Publikum zu wünschen.

Grit Poppe: Der Angstfresser

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Wendezeit – Die Neuordnung der Welt nach 1989

Die Joachim Hertz Stiftung, die sich die Förderung der deutsch-US-amerikanischen Beziehungen zum Zweck gesetzt hat, präsentierte am 24. September im Kleinen Saal der Elbphilharmonie das neueste Buch der Politikwissenschaftlerin Kristina Spohr „Wendezeit“ über die Neuordnung der Welt nach 1989. 

Das fast 1000-seitige Buch liegt seit einem Jahr griffbereit neben meinem Schreibtisch. Es ist anders als viele andere politikwissenschaftliche Bücher gut lesbar und spannend wie ein Krimi. Spohr ist der Frage nachgegangen, was genau sich in dieser turbulenten Zeit, da sich die Welt beinahe über Nacht komplett änderte, abgespielt hat. Sie hat hunderte oder sogar tausende Quellen ausgewertet: Reden, Berichte, Erlasse, Briefe, Tagebücher, Interviews, Statements der damaligen politischen Akteure. Entstanden ist das weitaus beste Buch zu diesem Thema, das ich kenne. 

Spohr kontrastiert im ersten Teil die beiden Umbrüche, die sich im Jahr 1989 ereignet haben: Den in China, wo sich das Land der kapitalistischen Weltwirtschaft öffnete, die kommunistische Partei aber ihre Macht mit einem Blutbad verteidigte und das beinahe friedliche Verschwinden des Kommunismus im Ostblock. Spohrs These, dass in der Zeit zwischen 1989 und 1992, den Scharnierjahren, entscheidende Weichen gestellt wurden, die uns heute noch zu schaffen machen, wird von ihr gut nachvollziehbar belegt. Es handelte sich um einen Umbruch, wie es keinen zuvor gab. Er ging nicht von der Politik, sondern von den Völkern aus. Durch den Druck der Straße wurde in einem weitgehend friedlichen Prozess durch internationale Abkommen, die in einem beispiellosen Geist der Zusammenarbeit ausgehandelt wurden, eine neue Weltordnung entwickelt. 

Aber die Neuordnung der Welt geschah nicht, indem man neue, der Entwicklung angemessene Instrumente erschuf, sondern weiter mit den alten Instrumenten hantierte. Das ist die tiefste Ursache der heutigen Krisen der EU, der NATO und der UNO.

Statt gemeinsame Werte zu entwickeln, wurde der Osten ermuntert, die westlichen Muster „aufzuholen“. Die westlichen Eliten gingen davon aus, dass sich bald die ganze Welt nach den amerikanischen Werten richten würde. Es war sogar vom „Ende der Geschichte“ die Rede. Nichts hatte die Politiker auf so einen Umbruch vorbereitet. Sie hatten sich im Kalten Krieg eingerichtet. Anfang 1989 gab es noch die NATO-Übung Wintex 89, in der ein Szenario geprobt wurde, in dem die NATO auf eine sowjetische Invasion mit Atomschlägen reagierte. Ein Zeichen der anbrechenden neuen Zeit war allenfalls, dass der Mann aus dem Kanzleramt, der im Manöver Bundeskanzler Helmut Kohl spielen musste, sich weigerte, den Befehl zum zweiten atomaren Vergeltungsschlag zu geben. 

Die Politiker, die sich jahrzehntelang mit solchen Szenarien beschäftigten, hatten keinen Gedanken daran verschwendet, Blaupausen für einen friedlichen Ausgang des Kalten Krieges zu entwickeln. Deutschland hatte zwar ein innerdeutsches Ministerium, was aber im Vereinigungsprozess nichts beitragen konnte, weil es sich am Ende nicht mehr mit einer möglichen Wiedervereinigung beschäftigt hatte.

Angesichts der völligen Ahnungslosigkeit der Politiker und des Fehlens jeglicher Vorbereitung und jeglicher Blaupause ist es geradezu ein Wunder, wie gut der Umbruch vollzogen wurde. Selbst als die Sowjetunion auseinanderfiel kam es zu keiner atomaren Katastrophe, sondern zur geordneten Übernahme der atomaren Befehlsgewalt durch den russischen Präsidenten Boris Jelzin. 

Bis zum Schluss hatten sich die westlichen Politiker lieber an den Sowjetführer Michail Gorbatschow geklammert, als sich mit den tiefgreifenden politischen und strukturellen Problemen der zusammenbrechenden Sowjetunion zu befassen. Sie klammerten sich einerseits an Gorbatschow, waren aber andererseits unfähig, seine Anregungen für die Neuordnung Europas („Unser gemeinsames Haus“) aufzunehmen. 

Sie griffen lieber zu den konservativen Maßnahmen, indem sie von den bereits bestehenden westlichen Strukturen und Institutionen Gebrauch machten, statt neue zu schaffen, die auf die Herausforderungen der neuen Ära zugeschnitten gewesen wären. Zwar bemühten sich einige wenige Politiker, insbesondere Genscher, Gorbatschow und Mitterand von 1989 bis 1991 um eine neue paneuropäische Architektur, die beide Hälften des Kontinents umfasste und die Russland in eine gemeinsame Sicherheitsstruktur eingebunden hätte. Das kam aber nicht zustande. Stattdessen wurde ein immer noch mächtiger und statusbewusster russischer Rumpfstaat sich selbst überlassen und an die Peripherie Europas abgedrängt. Mit den Folgen haben wir heute zu kämpfen.

Roman Herzog, der Alt-Bundespräsident bezeichnete 1995 die Ära nach dem Fall des Eisernen Vorhangs als die „Zeit, die noch keinen Namen hat“. Fünfundzwanzig Jahre später hat sie immer noch keinen, da die besonderen Kennzeichen dieser Epoche immer noch schwer zu verstehen sind. 

Zum Teil liegt es daran, dass sich zu viele Legenden um diesen Abschnitt der Geschichte ranken. Einige Legenden sollen klar dazu dienen, von der Rolle der Bevölkerung beim Umbruch abzulenken. Jetzt, am Vorabend des 30. Jahrestages der Wiedervereinigung der beiden deutschen Teilstaaten, wird verstärkt die Legende in die Welt gesetzt, die Vereinigung wäre kein Wille des überwiegenden Teil der DDR-Bevölkerung gewesen, sondern wäre auf Befehl Moskaus erfolgt. 

Eine Schlüsselrolle wird dabei dem Mitglied des ZK der KPdSU Nikolai Portugalow zugewiesen, der angeblich der Mastermind hinter dem Sowjetischen Vereinigungsplan gewesen sein soll. Tatsächlich hat Protugalow am 21.November 1989 um ein dringendes Gespräch mit Kanzlerberater Horst Teltschik gebeten. Während dieses Gesprächs übergab Portugalow Teltschik eine mehrere handgeschriebene Seiten umfassende Botschaft an Helmut Kohl. Es handelte sich um sowjetische Überlegungen zur Wiedervereinigung, unterteilt in eine „amtlichen“ und einen „weiterführenden“ Teil.

Im amtlichen Teil wurden hauptsächlich die Zusagen bestätigt, die Gorbatschow bereits in Bezug auf Nichteinmischung in DDR-Angelegenheiten gegeben hatte. Man könne Modrows Vorschlag einer Vertragsgemeinschaft ins Auge fassen. Sonst werde sich die DDR in ihrer Existenz bedroht fühlen. Eine gesamteuropäische Friedensordnung sei eine unabdingbare Voraussetzung für die Lösung der deutschen Frage. Das Dokument lässt den Schluss zu, dass eine deutsch-deutsche Annäherung in Form einer Konförderation im Politbüro diskutiert und akzeptiert worden war. Ein sowjetischer Befehl zur deutschen Vereinigung lässt sich daraus nicht ableiten. Tatsächlich hatte der sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse am 17. November die unilaterale Veränderung des Staus Quo abgelehnt, aber friedlichen Veränderungen im „gesamteuropäischen Konsens“ zugestimmt. 

Bei Bundeskanzler Kohl hatte das Papier die Wirkung, dass ihm erstmals die Idee eines stufenweisen Vorgehens kam. Endlich begann eine politische Gesamtstrategie zu keimen. Die hat sich dann als äußerst erfolgreich erwiesen.

Die Welt hat nach dem Mauerfall eine große Wegstrecke zurückgelegt. Ein Ende der Geschichte hat es nicht gegeben, sondern eine Fortsetzung mit anderen Mitteln. Sie ist keineswegs sicherer geworden, sondern störanfälliger, weil komplexer.

Einer der damaligen Akteure, George H.W. Bush, der seine Präsidentschaft an eine neue Politikergeneration um Bill Clinton verloren hat, erwies sich in seiner Abschiedsrede als erstaunlich vorausschauend. Er warnte, dass „eine Welt der zunehmenden Instabilität und des feindseligen Nationalismus die globalen Märkte stören, Handelskriege auslösen und uns auf den Weg des wirtschaftlichen Niedergangs führen wird…Die neue Welt könnte mit der Zeit genauso bedrohlich werden, wie die alte.

Kristina Spohr: Wendezeit 

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Sonntagslektüre: Das Riesenrad – Die Erzählung zur Coronakrise

Der Schweizer Autor Volker Mohr ist nach wie vor ein Geheimtipp, obwohl seine Werke so etwas wie literarische Juwelen sind. Der 1962 geborene studierte Architekt schreibt neben Erzählungen Sachbücher, die nach Auskunft seines kleinen, aber feinen Loco-Verlags um die Themen individuelles und kollektives Schicksal, Individualität und  persönliche Souveränität kreisen. Seine Erzählung „Das Riesenrad“, die bereits 2019 erschien, ist viel mehr. Sie beschreibt das geradezu kafkaeske Schicksal eines Menschen, der sich unverhofft in einer Fürsorge-Diktatur wiederfindet. 

Der Architekt Michael Sternheim begleitet widerwillig seinen Sohn zu einem neuen Rummelplatz. Während sein Sprössling einem neumodischen „Flying Circus“ zustrebt, fühlt sich Sternheim überraschend von einem altmodischen Riesenrad angezogen. Kurz entschlossen löst er eine Fahrkarte und besteigt eine Gondel. Allerdings hört das Rad nicht auf, sich zu drehen. Während Sternheims Mitfahrer nichts zu bemerken scheinen, wächst seine Unruhe. Er kann dem immer schneller werdenden Gefährt aber nicht entkommen.

„Dann wurde es unvermittelt dunkel, der ohrenbetäubende Lärm nahm ab und wurde von einer fernen Melodie abgelöst…Sternheim schlug die Augen auf. Er stand an eine Hauswand gelehnt…ausdruckslose Häuser aus dem letzten Jahrhundert …lösten sich nach oben hin in einem gleissend-wässrigen Grau auf.“ Die Menschen in dieser Szenerie haben alle Hüte auf. Die Männer, die Sternheim sieht, tragen beigefarbene Regenmäntel über dunklen Anzügen, haben eine Zeitung in der Hand und streben einem Gebäude zu. Sternheim schließt sich aus ihm unerfindlichen Gründen an. 

Im Inneren des Hauses gewahrte er ein Podest, das aus zwei Borsalino-Hüten zu bestehen schien, auf dem ein schrulliger Mann stand. Sternheim musste lachen und wurde sofort zurechtgewiesen: „Lachen Sie nicht…Wir sind auf der Hut – zu jeder Zeit“. Bei allem, was Sternheim dann erlebte, blieb ihm tatsächlich das Lachen im Halse stecken. 

Nach einer Rede streben alle Männer einer Tür zu. Sternheim wird aufgefordert, sich einen Hut zu nehmen, damit er „behütet“ sei und den Anderen zu folgen. In einer Art Garderobe, entkleiden sich alle und werden in einem Nebenraum eingeseift. Der Schaum muss am Körper bleiben, denn , so der freundliche Einseifer: „Sie sind dann völlig immun gegen unliebsame Einflüsse, gegen Schmutz und Infektionen.“ Bei Wenigen, erfährt Sternheim, nütze das Einseifen nichts, da müssten andere Methoden angewendet werden.

Bald trifft Sternheim auf niedergeschlagene Männer und Frauen, die der Einseifung widerstanden hatten. Die werden geläutert und reingewaschen. Diesmal kommen nicht freundliche Einseifer, sondern grimmige Bürstenschwinger zum Einsatz, die Abgebürsteten wimmerten vor Schmerzen. Um den Schmutz abzuspülen, werden harte Wasserstrahlen eingesetzt, die den Behandelten „spitze Schreie“ entlocken. 

Auf seinem weiteren Weg durch das Gebäude traf Sternheim einen Jungen, der ihm vorführt, wie die Kinder „unter den Hut“ gebracht werden. Jedes sitzt unter einem überdimensionierten Spitzhut aus Weidenzweigen und darf weder spielen noch lachen. Auch sein Begleiter wird unter solch einem Hut gezwungen. Sternheim muss hilflos zusehen. Vorher gelingt es dem Jungen noch, ihn auf eine Tarnkappe aufmerksam zu machen. 

So kann er auf der nächsten Station an einer Gerichtsverhandlung teilnehmen, ohne gesehen zu werden. Die Angeklagten hatten alle gegen die Hutgesetze verstoßen, einer hatte sogar mit einer Hutnadel einen Anderen umgebracht. Alle Angeklagten, bis auf einen wurden, zu milden Strafen verurteilt. Sie mussten sich symbolisch auf eine Rutsche setzen und unten angekommen entweder auf festen Boden unter den Füßen gelangen, oder durchfallen. Nur der Hutkritiker fiel durch. Welche härtere Methode gegen ihn zur Anwendung kommen würden, blieb Sternheim verborgen. 

Nach dem Gericht gelangte er in einen Saal, in dem zahllose Angestellte auf Computern Lebensläufe bearbeiteten. Im System befanden sich alle Daten der betreffenden Person, von der Geburt bis zum aktuellen Tag. Sternheim erkannte entsetzt, dass hier nicht nur Daten, sondern Leben gefälscht wurden. 

„Begangene Wege wurden ausgelöscht und nie vollzogene Schritte eingefügt. Der einzelne wurde dadurch um Erfahrungen betrogen; Krisen und Glücksmomente wurden ihm gestohlen, Erfolge, die es nie gegeben hatte, wurden ihm angedichtet. Konnte man sich eine umfassendere Manipulation vorstellen?“.

Sternheim erschauderte, überlegte krampfhaft, wie er hierher gekommen war, konnte sich aber nicht erinnern. Schließlich gelang es ihm, diesen Albtraum zu entkommen. Er findet sich neben dem Riesenrad wieder, sieht seinen Sohn an einer Nachbarbude stehen. Sein Sohn trägt einen bunten Hut, auch andere Rummelplatzbesucher hatten diese Hüte auf ihren Köpfen. Die würden von lustigen Clowns verteilt, sagte ihm sein Sohn und bot ihm an, auch einen Hut für seinen Vater zu besorgen.

Ob Sternheim diesem Behütetsein widersteht, lässt Mohr offen.

Im Anhang findet der Leser zwei Verweise auf historische Hut-Ereignisse. 

Im Jahr 1766 gab es in Madrid einen Hutaufstand, nachdem die Regierung das Verbot erließ, den runden, breitkrempigen Hut und  den traditionellen langen Mantel zu tragen und stattdessen den französischen Dreispitz und Kurzmantel verordnete. 

Eine regelrechte Hutrevolution fand 1925 in der Türkei statt. „Die allgemeine Kopfbedeckung der Bevölkerung der Türkei ist der Hut, und die Regierung verbietet die Fortdauer einer gegenteiligen Gewohnheit.“

Es gab ähnlich Verordnungen wie die Corona-Maßnahmen schon früher. Sie hatten zum Glück keinen Bestand. Sternheims behütende Diktatur ist noch bloß ein Albtraum, aber die Clowns, die uns ihre Hüte aufdrängen wollen, sind schon unter uns.

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Niemandszeit

Ein deutsches Mittelgebirge mit sieben Buchstaben? Den wenigsten werden bei dieser Frage die Sudeten einfallen. Sudeten verbinden Generationen mit Revanchismus, die Vertriebenen mit Verlust. Drei Millionen Menschen wurden nach Ende des Zweiten Weltkrieges aus dem Sudetenland vertrieben. Sie wurden von den „Revolutionsgarden“ aus den Häusern geholt, ohne mehr mitnehmen zu dürfen, als was sie innerhalb einer Stunde an Gepäck von 30 kg zusammenraffen konnten.

Stützen des Nazisystems, oder was man dafür hielt, wurden auf der Stelle ohne Gerichtsurteil hingerichtet: Die Glücklicheren wurden erschossen, die weniger Glücklichen aufgehängt. Wer nach einem langen Marsch in Deutschland ankam, war ein Aussätziger. Im Westen bekamen die Vertriebenen die Chance auf einen Neuanfang unter Wahrung ihrer Identität, im Osten waren sie zum Schweigen über ihre Herkunft verurteilt. 

Jörg Bernig hat dem Schicksal der Sudetendeutschen in seinem Roman „Niemandszeit“ ein berührendes literarisches Denkmal gesetzt. Es ist ihm dabei gelungen, die ganze Komplexität der Geschichte in den Blick zu nehmen, mittels eines genialen Einfalls: In einem namenlosen Dorf nahe der deutschen Grenze, dessen einzige Zufahrtsstraße durch eine unbedachte Sprengung unpassierbar wurde, stranden in der zweiten Hälfte des Jahres 1945 wurzellos gewordene Menschen: Tschechen, Ungarn  und Deutsche.

Ihr Schicksal zeichnet Bernig mit viel Sensibilität, Gespür für die menschliche Psyche und profundem historischem Wissen nach.

Nachdem das Dorf von seinen Bewohnern aus eigenem Entschluss verlassen worden war, standen die Häuser den Sommer über leer. Im September 1945, wird es von Antonin Mrha, ein Deserteur der Revolutionsgarden entdeckt. Er holt bald zwei weitere Menschen nach: eine Deutsche, die nur die Unsichtbare genannt wird und seinen Freund Lipa. Bald kommen noch Andere an. Gabriele Mohaupt mit ihrem Sohn Frieder, die aus einem Treck ausgeschert sind, nachdem der Ehemann und Vater an den Strapazen auf der Straße verreckt ist, ein Schriftsteller, ein Lehrer, ein Ungar, dessen Familien es nach Kroatien verschlagen hatte, die alte Palackowá, der alte Bernat, Antonia Mende und andere. 

Ein Jahr lebten diese unterschiedlichen Menschen zusammen, vergessen vom Zeitgeist. Eine deutsch-tschechische Versöhnung von unten. Der Leser lernt die Protagonisten kennen, als sich der Jäger, der Pfadfinder der Revolutionsgarden, dem Ort nähert. Er hat sich für diese Position entschieden, damit er immer als Erster in einem Ort ankommt, bevor Stunden später die Revolutionsgarden ihn überfallen, denn er ist auf der Suche nach Theres, seiner großen Liebe, die er vor dem Schicksal der anderen Deutschen bewahren möchte. Er wird ihr, die im Dorf die Unsichtbare heißt, 48 Stunden später begegnen und sie aus Versehen erschießen, als die Revolutionsgardisten beginnen, den Ort auszuradieren.

Theres stammt aus Gablonz, wo ihr Vater nach der „Heimholung“ des Sudetenlandes ins Nazi-Reich der Chef der Ansiedlungsgesellschaft geworden war, die damit beschäftigt war, das Eigentum der vertriebenen Tschechen und der deportierten Juden an deutsche Siedler aus dem Südtirol zu verteilen. Die bange Frage seiner Frau, was wohl werden würde, wenn es einmal anders käme, wischte er vom Tisch. Das Dritte Reich sollte schließlich 1000 Jahre dauern. Außerdem verhält er sich korrekt, nach Recht und Gesetz, niemand könnte ihm nachsagen, er habe sich selbst bereichert.

Im Tausendjährigen Reich sollte es keinen Platz für Frieder geben. Seine Eltern bekamen für ihren Sohn eine Einweisung in die Nervenheilanstalt Pirna Sonnenstein, ergänzt mit Fahrkarten für die Reichsbahn. Eine Fahrkarte für Frieder und seine Mutter nach Pirna, ein Rückfahrkarte für sie ohne ihn. Die Eltern beschlossen, zu einem Onkel zu gehen, der allein tief im Gebirge wohnte. Sie entkamen den Nazi-Häschern, aber nicht den Revolutionsgarden nach dem Ende des Krieges. Sie gehörten zu den Ersten, die auf Treck geschickt wurden.

Antonin und sein Freund Lipa gehörten der Revolutionsgarde an, bis sie die verübten Grausamkeiten nicht mehr ertragen konnten. Lipa weigerte sich, an der Erschießung von Kindern teilzunehmen und wurde zusammengeschlagen im Dreck liegen gelassen, Mrha desertierte und fand seinen Freund später wieder. Es gelang ihm, ihn gesund zu pflegen.

Der Ungar hatte in Kroatien mit ansehen müssen, dass seine Eltern von den Tito-Partisanen willkürlich erschossen wurden. Die Palakckowá hatte vorbeiziehenden Deutschen Essen und Trinken angeboten und konnte danach nicht mehr in ihrem Heimatort bleiben.

Auch die Revolutionsgarden bekommen ein Gesicht, in Gestalt ihres Anführers, des Wachmeisters, der in seinem zivilen Leben Postbeamter gewesen war und nach den Benesch-Dekreten meinte, die Chance wahrnehmen zu müssen, Geschichte zu machen. Er entwickelte ein eigenes System der Vertreibung, das streng eingehalten wird. Erleichtert wird ihm seine Aufgabe von den obrigkeitsfixierten Dorfbewohnern, die auch noch ein Jahr, nachdem die Vertreibungen begonnen hatten, in ihren Dörfern ausharrten, bis die Reihe an ihnen war. Es sollte schließlich alles seine Ordnung haben.

Das sind nur einige Schlaglichter aus dem dichten Gewebe des Romans, der ein eindrückliches Bild der „Niemandszeit“ gibt. Bernig hat nicht nur ein wertvolles Stück Aufklärung über ein fast unbekanntes Kapitel unserer Geschichte geleistet, sondern er hat es in einer fast poetischen Sprache getan, die es allein wert macht, sein Buch zu lesen.

Erschienen ist der Roman übrigens 2002 bie DVA, der Mitteldeutsche Verlag hat eine Taschenbuchausgabe herausgebracht, sich inzwischen aber von Bernig getrennt, angeblich, weil sich seine Bücher zu schlecht verkauften. An ihrer Qualität kann das aber nicht liegen. Um so verdienstvoller ist es, dass die edition buchhaus loschwitz sich des Autors angenommen und für eine Neuauflage dieses wunderbaren Buches gesorgt hat.

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Imre Kertész: Der wissenschaftliche Geist als Inspirator des Totalitarismus

Imre Kertész, der ungarische Schriftsteller, wurde erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs weltberühmt. Genauer gesagt, in der westlichen Welt, zu der nach dem Zusammenbruch des so genannten sozialistischen Lagers auch Osteuropa zählt. Sein bekanntestes Buch „Roman eines Schicksallosen“, war in Ungarn bereits 1975 veröffentlicht worden, blieb aber weitgehend unbeachtet. Erst nachdem sein Werk 1996 In Deutschland erschien, trat es seinen Siegeszug an, der in der Verleihung des Literaturnobelpreises seinen Höhepunkt fand. Kertész bemerkte mit Verwunderung, dass er in Deutschland besonders geliebt wurde. Er lebte sogar viele Jahre in Berlin, bevor er schwer krank nach Budapest zurückkehrte. Allenfalls wurde kritisch angemerkt, dass er mit den Deutschen zu nachsichtig umgegangen wäre. Denn Kertész sieht Auschwitz nicht als Deutsches, nicht einmal als Antisemitisches, sondern als Problem des Totalitarismus, von dem er ganz Europa befallen sieht. Für ihn wirkt der totalitäre Geist bis heute fort. Man muss ihm unbedingt zustimmen, wenn man die Corona-Politik betrachtet, die in für den Westen bisher unvorstellbaren Maße die mühsam erkämpften emanzipatorischen Grundrechte außer Kraft setzt und die Freiheit abschafft.

Eines der letzten Bücher Von Kertész, „Der Betrachter – Aufzeichnungen von 1991 bis 2001, wurde in Deutschland überschwänglich gelobt. Wenn man die Notizen liest, fragt man sich, ob die Rezensenten das Bändchen wirklich gelesen haben. Denn es enthält geistigen Dynamit, der die selbstgerechte Verblendung des Westens, dessen Intellektuelle ihm den Boden unter den Füßen entziehen, anscheinend ohne es zu bemerken, oder schlimmer noch, gewollt, um eine „neue Normalität“, die diesmal ultimativ gerechte, ökologische und inklusive Gesellschaft zu erschaffen.

Kertész geht so weit, Nationalsozialismus und Kommunismus als die „kleinen Totalitarismen“ zu sehen, die er der „immer dynamischeren Totalität“ gegenüberstellt, die sich weltweit entwickelt. Hitler und Stalin scheiterten noch mit ihren Weltherrschaftsplänen, weil sie gegeneinander kämpften, statt sich zu verbünden. Für Kertész ist es offensichtlich, dass der Kommunismus „eine Art Irrsinn“ war, der nur eine andere Abart von Irrsinn folgen kann, da keine Heilung stattfand. Heilend wäre die Anerkennung des Individuums, das keiner „pyramidenbauenden Sklavenmentalität“ unterworfen ist und die Anerkennung der Freiheit. Freiheit kann aber nicht erlangt werden, indem man sich einem Zeitgeist oder einer gesellschaftlichen Norm anpasst.

Bereits Nietzsche hätte die Spannungen zwischen dem wissenschaftlichen und dem künstlerischen Geist erkannt. Seitdem hätte sich die Kluft zwischen beiden derart vergrößert, dass der wissenschaftliche Geist zum Inspirator des Totalitarismus geworden sei, der künstlerische Geist sich in die Subkultur zurückgezogen hätte, ebenso das individuelle Sein, der Geist, der außerhalb der Institutionen wirkt. Unser Problem sei das „Schicksal des Individuums, die Chancen für sein Fortbestehen die große Frage“.

Entgegen der Darwinschen Lehre, das in der Natur die Befähigsten überleben, herrscht in der modernen Gesellschaft die Kontraselektion. Nicht die Besten, sondern die „Schlechtesten“, kommen an die Spitze. Auschwitz wurde nicht wegen seines Seins abgeschafft, sondern lediglich, weil sich die Machtzustände geändert haben. Darum lässt sich die „conditio humana“ der gegenwärtigen Welt darin zum Ausdruck bringen, dass „seit Auschwitz keine moralische, ökonomische oder die Macht betreffende Wende“ stattfand, „die wir als Widerlegung von Auschwitz hätten erleben können…Was die Seele der Freiheit ausmacht, ist im System gesellschaftlichen Funktionierens nicht zu finden, höchstens im Inneren einzelner Existenzen, dort, wo diese sich gegen jene Ordnung wenden, in der sich unser Leben nicht nur abspielt, sondern die diesem Leben auch Legitimität gibt…Auschwitz…wird so lange abwendbar sein, solange der Mensch als einzelner, als Seele und als gebildetes moralisches Wesen seiner Daseinsweise Widerstand zu leisten vermag.“

Der (moderne) Mensch habe nicht nur seinen Glauben verloren, nicht nur an sein jenseitiges, sondern auch an sein diesseitiges Leben. Zweiteres ist besonders verhängnisvoll, denn das Verhältnis von Mensch zu Mensch ist zu einem feindseligen geworden, zum Verhältnis des Mörders zum Opfer“. Wer diese Aussage zu radikal findet, der sei daran erinnert, dass aktuell alle Maskenträger und Abstandhalter ihre Mitmenschen als Virenschleudern, also potentiell tödliche Gefahr sehen. Dass die übergroße Mehrheit der Bevölkerung das akzeptiert, ist ein trauriger Beweis für die Hellsichtigkeit von Kertész.

Seine Schlussfolgerung: “Nazi“, das ist „keine Ideologie, sondern eine Lebensform: folglich ist heute jeder Nazi, sofern er nicht die nötigen Anstrengungen macht, sich fernzuhalten – oder geradewegs aus der Zeit auszutreten“.

Diese Sätze möchte man der Antifa und allen Mitläufern ins Stammbuch schreiben. Mit der „Zeit“, um das noch einmal zu verdeutlichen, meint Kertész „das mit dem Bedürfnis nach öffentlicher Sicherheit bemäntelte Lagerwesen, die unter dem Vorwand sozialer Sicherheit stattfindende soziale Stümperei, die Verwahrlosung des Gesundheitswesens…“

Conclusio: „Ich fürchte, die Demokratie ist die prägnanteste Form der Dekadenz – noch manifester kann nur die Diktatur, die moderne Massendiktatur sein. (Die oft im Gewand der Demokratie auftritt).

Kaum zu glauben, dass diese Feststellung lange vor der Corona-Krise getroffen wurde.

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Sonntagslektüre: Wie wir durch die Veränderung unserer Umgebung manipuliert werden

Ich kann an keiner Bücherkiste vorbeigehen, auch nicht bei OBI. Obwohl ich weiß, dass außer den zur Plage gewordenen Krimis und Historienromanen kaum Brauchbares zu finden ist, muss ich nachsehen, ob sich nicht doch ein lohnenswerter Titel findet. Diesmal zog ich „Psychogeografie – Wie die Umgebung unser Verhalten und unsere Entscheidung beeinflusst“ von Colin Ellard aus dem Stapel. Weder hatte ich bisher vom Autor, noch von Psychogeografie etwas gehört. Aber der Titel machte mich neugierig. Im Teaser wurde versprochen, dass ich erfahre, warum in einem Café die Tische am Rand schneller besetzt werden, als die in der Mitte, warum auch große Plätze ehr am Rand bevölkert werden und Kranke schneller genesen, wenn sie ins Grüne blicken. Aber das Buch enthält sehr viel mehr. Eine Warnung vor dem heraufziehenden neuen Totalitarismus.

Colin Ellard ist ein im angelsächsischen Raum sehr bekannter Neurowissenschaftler und Experimentalpsychologe, der als einer der besten Wissenschaftsautoren gilt. Ellard ist ein Fan von neuen Technologien, sieht aber die Gefahren, die sie mit sich bringen können. Was er herausgefunden hat, sollte jeder wissen, der sich in unserer hochtechnologisierten Welt bewegen muss.

Unsere frühen Erfahrungen und die Orte, an denen wir sie gemacht haben, prägen uns. Als Erwachsene richten wir uns entsprechend dieser Prägung in unsere Umgebung und unserem Zuhause ein. Das Wissen, dass Gebäude und Räume Einfluss haben auf alles, was in ihnen und um sie herum stattfindet, ist uralt. Architektur war immer ein Machtinstrument. Sie diente der Machtentfaltung durch Repräsentation oder der Einschüchterung (Gerichtsgebäude, Gefängnisse, Kasernen). Gebäude haben offenbar Sinne und reagieren auf Ereignisse. Jeder, der einmal aus einer Wohnung, in der er längere Zeit gelebt hat, auszog, hat erlebt, wie fremd die vertrauten vier Wände werden, wenn das Heim geräumt ist. Wohnungen von Verstorbenen wirken seelenlos, sobald ihr Bewohner die Erde verlassen hat. Inzwischen werden Technologien entwickelt, die auf die Bedürfnisse der Bewohner von Häusern reagieren. Der automatische Temperaturregler an der Heizung ist nur ein Beispiel. Inzwischen sind ganze responsive Hüllen für Gebäude entwickelt worden, die auf alle möglichen Einflüsse durch Wetterveränderung reagieren. Auch für die Wohnung gibt es Technologien, die ihre Bewohner darauf aufmerksam machen, dass der Kühlschrank nicht mehr gefüllt ist, das Toilettenpapier fehlt, Shampoo besorgt werden muss. Das klingt verlockend, aber wie der ständige Gebrauch von GPS-Signalen unseren angeborenen Orientierungssinn zerstört, uns starke Suchmaschinen das Gedächtnis beeinträchtigen, kann uns ein Haus, das uns von allen realen Gefährdungen des Lebens abschottet, abstumpfen lassen gegen andere wichtige Bereiche des Lebens.

Jede neue Technologie bewirkt einen Bruch zwischen dem Sein und der Realität. Wir freuen uns über die technischen Neuheiten und meinen mit ihnen neue Freiheiten zu gewinnen, sehen aber unter Umständen nicht, was wir dafür aufgeben.

Walter Benjamin hat bereits in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts in seinem Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“ darauf hingewiesen, dass akkurate und massenhafte Reproduktionen von Kunstwerken neue Wege des Denkens erfordern, was „Echtheit“ noch bedeutet.

Wenn man alle Gefühle simulieren kann, was wird aus den echten Gefühlen? Können Designerkunst und technologische Spitzfindigkeiten das Gefühl echter Liebe und Behagens ersetzen, das wir für unsere Mitmenschen und unser Zuhause empfinden? Es mehren sich Bilder von Paaren, die sich am Restauranttisch gegenüber sitzen, sich aber nicht anschauen, sondern auf ihr Handy starren, als könnten sie nicht mehr miteinander sprechen, sondern nur noch per SMS kommunizieren.

Was wir als behaglich und sicher empfinden ist durch Jahrtausende geprägt. Wir fühlen uns am wohlsten, wenn wir alles im Blick haben, selbst aber nicht exponiert werden. Das ist die Überlebensformel der Jäger und Sammler gewesen, die sich stets vor Raubtieren und Invasoren schützen mussten. Historisch war der Mensch immer auf der Flucht vor diversen Gefahren. Wie überwindet man den Drang nach ständigem Ortswechsel? Indem man interessante Räume schafft, die Information und Abwechslung bieten. Das waren die Marktplätze, das soziale Kapital jeder Siedlung. Ein bedeutender Bruch in dieser Tradition war die Erfindung von Kaufhäusern, die darauf ausgerichtet sind, dass die Kunden so lange wie möglich drin bleiben. Waren die alten Kaufhäuser noch Prachtbauten mit großartigen Fassaden, sehen die Einkaufszentren von heute von außen öde und langweilig aus. Ist man aber drin, befindet man sich in einer eigenen, vollkommen abgeschotteten Umwelt wieder mit eigenem Klima und einer eigenen Topografie. Unzählige Spiegel und reflektierende Flächen laden zum langsamer gehen ein, gewundene Wege fördern die „gewollte Desorientierng“. Die allermeisten Kunden kaufen am Ende viel mehr, als das, was auf ihrer Besorgungsliste steht. Geschätzte 40 bis 70 Prozent der Erwerbungen in diesen Malls sind Spontankäufe. Aber heute gibt es längst andere Möglichkeiten. Wissenschaftler haben herausgefunden, das Gesichtsausdrücke über Kulturen hinweg universell sind. Unsere Gefühle bewegen dieselben Gesichtsmuskeln. Heute gibt es Technologien, die Schlangen an Supermarktkassen scannen, sehen, was die Kunden gekauft haben und ihnen an Ort und Stelle entsprechende Sonderangebote präsentieren.

„Insgesamt Bringen solche Technologien, die das derzeitige Kaufverhalten von Käufern ausspähen und deren Befindlichkeit auslesen, einen Wandel in unserem Verhältnis mit der gebauten Umwelt mit sich, der symptomatisch ist für sehr viel größere Veränderungen… Im Gefolge dieser Veränderung sehen wir in vielen Teilen der Welt einen starken Rückgang beim Bau von Einkaufszentren und Kaufhäusern.“ Der Online-Handel übernimmt. Ein Prozess, der durch die derzeitige Corona-Krise strak beschleunigt wird. Der öffentliche Raum ist nicht mehr nur zur Ware geworden, er wird reduziert. Damit wird die menschliche Begegnung eingeschränkt.

Das heißt, unsere Umwelt ist nicht mehr das, was sie früher war. Sie verlagert sich ins Virtuelle.

Dieser Trend der Vermischung realer und virtueller Räume hat ideologische Wurzeln. Hier zeichnet sich der neue Totalitarismus ab.

„Die Trends zur verkabelten Stadt und zur allgegenwärtigen Vernetzung werden als Beginn einer neuartigen Verbindung von Informationstechnologien und Architektur gepriesen, doch die Entwicklung ist schon seit geraumer Zeit im Gange. Genau wie die elektronische Verbundenheit die Globalisierung ermöglicht und die Bedeutung des physischen Raums und der physischen Dimensionen in vielen unserer alltäglichen Handlungen tendenziell hinfällig wird, macht die Homogenisierung der Architekturplanung die Bauerei in Backsteinen, Stahl und Beton obsolet. Rem Kohlhaas und Bruce Mau rühmen und befürworten in ihrem Buch S,M,L,XL die „empty box designs“ für die von ihnen sogenannte „generic city“. Die Autoren meinen, das jede Ornamentik, sei es ein besonders Fassadendesign, ein spezifischer Straßenverlauf oder eine bestimmte kulturelle Ikonografie, per definitionem in gewissem Sinne etwas Ausschließendes habe. In einer Welt, in der wir uns als Gruppen wiederfänden, deren Zusammensetzung über die alten kulturellen Grenzen hinausgehe, verprelle jeder Entwurf, der historische Assoziationen enthalte, unweigerlich die Menschen, deren Historie sich nicht darin spiegele.“

Die Autoren meinen, es sie einfacher für diese Bevölkerungsgruppen durch Dubai oder Singapur zu laufen, als durch schöne mittelalterliche Stadtkerne, die für diese Menschen angeblich nichts als Zurückweisung und Ausschluss ausstrahlen. In einem Zeitalter der massenhaften Immigration müsse es zu einer massenhaften Ähnlichkeit der Städte kommen. Diese Städte funktionierten wie Flughäfen: die immer gleichen Geschäfte an den immer gleichen Stellen.

Die Gedankenspiele, die ganze Welt in einen öden globalen Flughafen zu verwandeln sind bereits unter uns. Wir müssen uns fragen, ob wir in einem solchen Flughafen leben wollen.

Wie gut, dass es die Collin Ellards gibt, die uns auf diese Gefahr aufmerksam machen.

Collin Ellard: Psychogeografie

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Die Ruhe vor den großen Sturm – Sonntagslektüre: Aharon Appelfeld „Meine Eltern“

Das Leben des 1932 in der rumänischen Bukowina geborenen israelischen Schriftstellers Aharon Appelfeld ist selbst ein Roman. Er verbrachte seine glückliche frühe Kindheit in einem gutbürgerlichen Haushalt in Czernowitz, bevor seine Mutter, als er acht Jahre alt war, von rumänischen Antisemiten ermordet wurde und er mit seinem Vater aus dem Ghetto in ein Zwangsarbeitslager gebracht und von ihm getrennt wurde. Aharon, der fließend Deutsch, Jiddisch und Ukrainisch sprach, gelang die Flucht. Er versteckte sich in den Wäldern und verdiente seinen Lebensunterhalt als Gelegenheitsarbeiter auf rumänischen Bauernhöfen. Da er blond und blauäugig war, gelang es ihm dank seiner Sprachkenntnisse, sich als Ukrainer auszugeben. Als die Rote Armee vorrückte, schloss er sich ihr als Küchenjunge an. Er blieb bis zum Kriegsende bei der Armee. Ein Jahr danach ging er mit einer Aussiedlergruppe nach Palästina. Erst in den 50er Jahren erfuhr er, dass auch sein Vater den Krieg überlebt hatte. Die beiden trafen sich wieder, als es dem Vater gelang, aus der Sowjetunion nach Israel auszureisen.

Appelfelds Werken ist anzumerken, wie sehr ihn seine kurze und glückliche Kindheit für das ganze Leben gestärkt hat. Sie hat auch sein Schreiben beeinflusst.

„Im Lauf meines Lebens kehrte ich immer wieder in das Haus meiner Eltern in der Stadt und das Haus meiner Großeltern in den Karpaten zurück… aber das ist nicht ganz richtig. Denn die Häuser meiner Eltern und Großeltern sind fast immer um mich, obwohl es sie schon lange nicht mehr gibt.“

In seinem Buch „Meine Eltern“ beschreibt Appelfeld die untergegangene jüdische Welt seiner Kindheit in meisterhaften Szenen an Hand des letzten Sommerurlaubs mit seinen Eltern am Ufer der Pruth, wo sich seit Jahren überwiegend säkularisierte Juden während der Sommerferien versammelten. Seien Schilderungen sind so lebendig, dass die Menschen vor den Augen auferstehen: Die schlanken jüdischen Mädchen, die mit der Strömung des Flusses spielen und mit silbrigen Wassertropfen bedeckt aus seinen Fluten steigen, P., die hingebungsvoll ihre schönen Beine pflegt, aber todunglücklich ist, weil ihr Liebhaber sie verlassen hat, der Einbeinige mit der Militärmütze, der immer etwas abseits sitzt und außer mit P. mit fast niemandem spricht, der Schriftsteller Körner, der tagsüber in seiner Klause sitzt und mit dem nächsten Kapitel kämpft und nur abends erscheint, Gusta, die von einem Prinzen geliebt wurde, der sich schließlich umbrachte, weil sie ihn nicht wieder liebte, die Opernsängerin, die am Pruth nach gelungener Krebsoperation ihre Stimme wiederfindet, der Sanitäter Slobo, der den großen Krieg mitgemacht hat und den nichts mehr schreckt, die Wahrsagerin Rosa, die ihr Handwerk von Zigeunerinnen gelernt hat und mit ihren Prophezeiungen meist richtig liegt und schließlich der Arzt Dr. Zajger, der seine Patienten mehr liebt, als das Geld. Eine besondere Rolle spielt Tante Julia, die nach einer gescheiterten Liebe in einem einsam gelegenen Haus weiter unten am Fluss lebt, vormittags ihren Garten bearbeitet und nachmittags Marcel Proust oder Thomas Mann liest und Bach hört.

Sie alle genießen den Sommer, der prächtig ist, obwohl sich die Schatten kommenden Unheils schon bemerkbar machen. Die Sommerfrischler haben ihre Hütten von ukrainischen Bauern gemietet, von denen sie auch versorgt werden. Aber die Vermieter verbergen ihre Verachtung gegenüber ihren Mietern nur selten. Es kommt wegen des ausbleibenden Regens während einer Bittprozession sogar zu einem kleinen Pogrom, bei den P. und eine andere Frau verletzt werden.

Auch Gerüchte vom bevorstehenden Krieg machen die Runde und werden eifrig diskutiert. Alle spüren irgendwie, dass ihre Zeit zu Ende geht. Manche sind so besorgt, dass sie früher abreisen, andere sind der Meinung, dass die Juden immer viel zu ängstlich seien und überall Unheil wittern.

Die Eltern des zehnjährigen Erwin, aus dessen Perspektive das Sommerstück geschildert wird, sind gespaltener Meinung. Die Mutter neigt dazu, den Unheils-Gerüchten zu glauben, der Vater lehnt sie ab. Auch das zweitwichtigste Diskussionsthema, was dem Menschen bleibt, wenn er nicht mehr an Gott glaubt, wird von den Eltern unterschiedlich beantwortet. Die Mutter ist gläubig und betet jeden Tag, der Vater hat Gott schon vor Jahren verloren, hadert aber mit sich, weil er nicht weiß, wie er die entstandene Leere füllen soll.

Schließlich reisen auch die Eltern vorzeitig ab. In unsichern Zeiten will die Mutter lieber in ihrem gemütlichen Haus sein, wo dem schönen Salon, in den man sich wie in ein Schneckenhaus zurückzieht, kein Ungemach widerfahren kann.

Erwin muss wieder in die Schule, wo der Raufbold Pjotr schon auf ihn wartet, um den Scheiß-Juden zu verprügeln. Aber diesmal wehrt sich Erwin. Sein Vater hat den Sommer lang mit ihm trainiert, besonders Boxen. Erwin kommt angeschlagen, aber als Sieger nach Hause. Man ahnt an dieser Stelle, was Appelfeld befähigt hat, das kommende Unheil zu überleben.

Zu den kommenden großen Veränderungen, die sich ankündigen, gehört der Konkurs der väterlichen Fabrik. Bei der Beerdigung des Einbeinigen sehen sich die Sommerfrischler noch einmal wieder. Keiner hatte gewusst, wie reich der Mann, den niemand so recht gemocht hatte, wirklich war. Schon am Ufer der Pruth hatte er Bedürftigen immer mal mit Geld ausgeholfen. Nun wird bekannt, dass er in seinem Testament verfügt hat, seinen Besitz zu verkaufen und das Geld unter die Armen der Stadt, die er sorgfältig aufgelistet hat, zu verteilen. Der Fonds würde noch Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte ausreichen, um die Not der Besitzlosen zu lindern. Keiner der Trauergäste ahnte, dass es nur noch ein Jahr dauern würde, bis der Krieg begann, der sie und ihre Welt unwiederbringlich zerstören würde.

Aharon Applefeld: Meine Eltern

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Buch/Filmkritik

Sonntagslektüre: Wie ein Insider die Selbstfesselung der Medien erlebte

Birk Meinhardts Buch „Wie ich meine Zeitung verlor“ macht derzeit vor allem in den sozialen Medien Furore. Wenn es von denen besprochen wird, die früher als Leitmedien galten, wird es meist mit dem Attribut „umstritten“ belegt. Angefeindet wäre der genauere Ausdruck, denn Meinhardts Analyse des journalistischen Niedergangs der Süddeutschen Zeitung trifft auf alle Mainstream-Medien zu. Wer bisher nur ahnte, dass etwas gewaltig schief läuft im Journalismus, findet bei Meinhardt nicht nur die Bestätigung, sondern auch schlüssige Beweise.

Wie kommt ein mehrfach mit dem prestigeträchtigen Egon Erwin Kisch-Preis honorierte Edelfeder dazu, sich gegen sein Blatt und seine Karriere zu wenden? Es ist kein Zufall, dass dieses Buch von einem Ostdeutschen geschrieben wurde.

Der Schlüsselsatz steht auf Seite 47.

„Ganz am Anfang… habe ich mich den Kollegen gegenüber im Nachteil gewähnt. Sie traten alle so sicher auf. Sie waren alle so weit gereist… Es schien mir, als seien sie mir voraus. Es dauerte eine Weile, ehe ich begriff, dass es umgedreht war: Die größte und wichtigste Erfahrung, die des Zusammenbruchs eines Systems, hatte ich gemacht… Es war und ist ein Privileg, über sie zu verfügen… Nimm nichts als gegeben, nie wieder. Reih dich nicht noch einmal bei denen ein, die etwas für gegeben und unumstößlich halten… Bleibe auf Abstand.“

Meinhardt war kein Dissident in der DDR, aber er lehnte es ab, Stellvertretender Chefredakteur zu werden, weil er nicht die Parteianweisungen an seine Kollegen weiter geben wollte. Er eckte ab und zu an, weil er schrieb, was er erlebte, nicht, was gewünscht war.

Nach der Vereinigung, als westdeutsche Redaktionen begannen, sich nach einem ostdeutschen Journalisten umzusehen, bekam Meinhardt mehrere Angebote. Eins scheiterte beim Gespräch mit dem Verleger, als er bekannte, nicht gezwungenermaßen, sondern freiwillig aus Überzeugung der SED beigetreten zu sein. Mit einem Opportunisten hätte der Verleger gut leben können, mit einem, der lieber in der Wahrheit lebt, wie Vaclav Havel das ausgedrückt hat, nicht.

Zum guten Schluss landete Meinhardt bei der Süddeutschen und, wie er dachte, im Siebten Himmel. Er machte eine steile Karriere vom Sportressort zum Feuilleton als Starreporter. Ein erster Missklang war 2004 eine Auftragsreportage über die Schwierigkeiten der Deutschen Bank. Nicht gerade sein Thema. Aber er begann zu recherchieren und kam zu dem Ergebnis, dass die DB sich dumm angestellt hatte, als sie für 2,7 Mrd DM die Investmentbank Morgan Grenfell kaufte und die Banker im Voraus mit Boni von 15 Millionen Mark bedachte. Am Ende machte die Bank 1 Million Gewinn und blieb auf 14 Millionen Verlust sitzen. Darin erkannte Meinhardt keine einzelne Fehlentscheidung, sondern einen Systemfehler, der dadurch nicht kleiner wurde, dass sich die meisten großen Banken der Welt der Investment-Zockerei ergeben hatten. Der Chef des Wirtschaftsressorts der Süddeutschen bescheinigte ihm er stelle sich die Wirtschaft wie Klein-Fritzchen vor und verhinderte die Veröffentlichung. Vier Jahre später, mit der Bankenkrise 2008 stellte sich heraus, dass „Klein-Fritzchen“ mit seiner Einschätzung richtig gelegen hatte.

Ab 2010 fiel Meinhardt auf, dass die Berichterstattungen über Auseinandersetzungen zwischen rechten oder für rechts gehaltenen Jugendlichen und Migranten asymmetrisch waren. Ihm schienen die Schuldzuweisungen nach rechts nicht immer stimmig zu sein. Wieder begann er zu recherchieren und fand sich bestätigt. Er schrieb eine Reportage über gravierende Falschverurteilungen. Fall eins, Gerald, ein stadtbekannter rechter Kleinkrimineller, wurde zu acht Jahren Gefängnis verurteilt für eine Brandstiftung an einem Imbiss, die er nicht begangen hatte. Er lag zur fraglichen Zeit zu Hause in seinem Bett. Seine Mutter konnte das bezeugen, aber der Richter fand es gewichtiger, dass eine Postbotin nicht zwei Brandstifter am Tatort gesehen haben wollte, sondern schemenhaft einen Dritten. Weil Geralds Kumpel, mit denen er den frühen Abend verbracht hatte, die Täter waren, wurde auch er verhaftet und verurteilt. Erst nach vier Jahren gab es am Landgericht Frankfurt/Oder ein Wiederaufnahmeverfahren, das erste im Land Brandenburg nach 2200 abgelehnten Anträgen, in dem Gerald freigesprochen wurde. Wurde ein Justizirrtum korrigiert? Meinhardt zweifelt, ob es das trifft. Der Richter, der Gerald verurteilte, war vorher zweimal öffentlich wegen angeblich zu milder Urteile gegen rechte Jugendliche angegriffen worden. Es handelte sich also eher um Beflissenheit, Beeinflussbarkeit, Zweifelsverdrängung. Aber was ist ein Rechtsstaat noch wert, der seinen Prinzipien nicht mehr folgt und sich sein Vorgehen von Meinungsmache diktieren lässt?

Im zweiten Fall, den Meinhardt aufgriff, war das Dilemma noch deutlicher. Es ist ein Beispiel dafür, „was geschehen kann, wenn im Kampf gegen Rechts der Blick auf die Tatsachen verloren geht“. Es handelt sich um den des spektakulären Angriffs auf einen Jamaikaner 2006 in Potsdam. Als die Polizei einen halben Handymitschnitt ins Internet stellte, auf dem zu hören war, dass eine hohe männliche Stimme „Oller Nigger“ sagt, glaubt ein Mann Björn Liebscher erkannt zu haben. Das reicht, um Liebscher mit äußerst brutaler Gewalt zu verhaften und sein Bild als Täter in „Bild“ zu präsentieren. Mehr noch. „Weil Teile der Gesellschaft nur noch ihren Reflexen folgen. und weil unter diesen Reflexen die Gewissheit lag, auf der richtigen Seite zu sein“, passierte Folgendes:

Kanzlerin Merkel gab den Ton vor: „Mir liegt daran, dass dieser Fall schnell aufgeklärt wird und dass wir deutlich machen, dass wir Fremdenfeindlichkkeit, Gewalt, rechtsradikale Gewalt aufs Äußerste verurteilen.“

Generalbundesanwalt Kai Nehm hörte die Signale und zog die Ermittlungen an sich. Er ließ Liebscher im Hubschrauber mit verbundenen Augen, Ohrenschutz und Handschellen nach Karlsruhe fliegen, wo er den Mann, gegen den er ermitteln wollte, bereits als Täter präsentierte.

Der oberste Jurist Deutschlands setzte die Rechtstaatsprinzipien, zuvörderst das oberste – in dubio pro reo – außer Kraft, um dem Zeitgeist gefällig zu sein.

Liebscher wurde hinter Gitter gesperrt, obwohl die lokalen Ermittlungsbehörden sehr bald wussten, dass er nicht der Täter war. Nur weil ein Kriminalbeamter den Mut aufbrachte, der Freundin Liebschers zu sagen, dass er unschuldig sei, kam es letztendlich zu seiner Entlassung. Der Mann, der mit voller Namensnennung und Foto als Täter durch die Medien gezerrt wurde, leidet noch heute unter den Folgen. Er bekommt keine Wohnung, weil man neben so einem nicht wohnen will. Er hat seine Lebensfreude verloren. Er ist ein zerstörter Mensch. Das sind die Folgen der Aufforderung, wie sie von der stasispitzelgeführten Amadeu Antonio-Stiftung formuliert wurde: Lieber einen Rechten zu viel, als einen zu wenig anzuzeigen.

„Ein Mann wie Kay Nehm weiß bis heute nicht, was er angerichtet hat, mit seinem Furor…“. Auch der Vorsitzende des Vereins „Gesicht zeigen“, Uwe Karsten Heye, der Zahlen über rechtsextremistische Straftaten herunterrattert, alle 26 Minuten eine, (gehören auch die „Propagandadelikte“, die es links nicht gibt dazu?), weiß nicht, dass 90% der Intensivtäter der Stadt Potsdam Migranten sind. Auch Talkshow-Moderator Jauch würde seine Sendungen, in denen er den Jamaikaner zweimal, die Mutter von Liebscher einmal einschlägig vorgeführt hat, wieder so machen, sagt er Meinhardt in einem Interview. Er scheint keinerlei schlechtes Gewissen zu haben, sich an der Zerstörung eines Menschen beteiligt zu haben.

Im Rechtsstaat ist erst schuldig, der rechtskräftig von einem Gericht verurteilt wurde, im Kampf gegen Rechts wird auf rechtsstaatliche Prinzipien verzichtet. Was ist der Rechtsstaat dann noch wert?

Jauch interveniert übrigens bei einer Silvesterfeier erfolgreich beim Stellvertretenden Chefredakteur der Süddeutschen gegen eine Veröffentlichung der Reportage Meinhardts. Offenbar ist ihm klar, wie zweifelhaft seine Position ist und möchte sich damit lieber nicht in der Zeitung sehen.

Er hat damit Erfolg. Die Reportage erscheint nicht, weil sie den „Rechten in die Hände spielen“ könnte. Sie könne „als Testat dafür genommen werden, dass sie ungerechtfertigt verfolgt werden.“ Das steht allerdings nicht in Meinhardts Reportage, die er vollständig im Buch dokumentiert, damit sich jeder Leser selbst ein Bild machen kann. In der DDR, erinnert Meinhardt, hieß es übrigens, die Kritik möge ja berechtigt sein, aber sie könnte dem Klassenfeind nützen.

Meinhardt analysiert, wie die gesamte Berichterstattung, nicht nur die der Süddeutschen, „nur noch in eine Richtung gebürstet“ ist. Es wird einer „Haltung“Ausdruck verliehen. Aber das Haltung zu nennen ist schon falsch.

„Wenn es eine Haltung wäre, was Selbstdurchdachtes, Selbsterarbeitetes, was vielleicht unter Mühen Erworbenes, was Eigenständiges, würden doch von den Individuen so große Teile der Realität nicht so gemeinschaftlich, so geschlossen, so uniform ausgeblendet werden; so identisch zeigen sich eigentlich nur Späne, die sich nach dem Magneten ausrichten…“

Meinhardts Fazit: „…Sie kennen die journalistischen Grundregeln, aber sie befolgen sie nicht mehr, handsreichartig setzen sie sie außer Kraft, wie selbstherrlich, wie töricht.“

Und er fragt: „Wieso kommen all die Weglasser und Hervorheber nicht auf die Idee, dass sie selber einen gehörigen Beitrag leisten zur Radikalisierung, der sich vor ihren Augen vollzieht?“

Birk Meinhardt: Wie ich meine Zeitung verlor