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Buch/Filmkritik

Notizen von unterwegs – Vorwort: Hinter den Fassaden des Alltäglichen von Chaim Noll

Vera Lengsfeld ist in ihrem Leben weit gereist. Ihre Notizen von unterwegs hat sie zu kurzen, prägnanten Reiseberichten kompiliert, die tagebuchartig festhalten, wo sie war, was sie gesehen und gehört hat, und gelegentlich, doch nie dominierend, was sie darüber denkt. So berichtet sie von Reisen in alle Himmelsrichtungen, nach Argentinien, Litauen, Israel, China, Rumänien, Spanien, Zypern, Estland, Kuba, Deutschland, Polen, Chile oder Sibirien, auch in Gegenden, über die sonst kaum etwas Vernünftiges zu erfahren ist wie das quasi-autonome Gebiet Transnistrien.

Die Autorin gibt keine unnötigen Erklärungen ab, warum sie sich an diesem oder jenem Ort aufhielt, teilt über sich nur das Nötige mit und vermeidet die bei anderen Reiseautoren üblichen Abschweifungen in eigene Reflexionen und Weltgedanken. Gegenstand ihres Berichts ist immer der besuchte Ort. Den versucht sie, soweit möglich, zu Fuß zu erkunden. So, „auf Augenhöhe“, in direktem vis à vis, begegnet sie dem Unbekannten, das sie fernen Orts erwartet, stellt sich ihm mit Neugier und Offenheit, mit einem jugendlich wirkenden Interesse an den Problemlösungen anderer.

Wie genau sie die Atmosphäre einer Stadt oder Landschaft einzufangen weiß, kann ich dort nachvollziehen, wo sie mir bekannte Orte besucht, etwa Petrosawodsk in Karelien. Genau so habe ich selbst diese weltferne Gegend in Erinnerung. Ihre Neugier geht in die Tiefe, oft schmerzhaft, auf Kosten der Idyllik des Reisens. Ihrerseits früh mit Geschichte konfrontiert, erweist sie sich als unerschrockene Spurensucherin, versessen auf das Historische hinter den Fassaden des Alltäglichen.

In Moskau sieht sie die Schönheit des rekonstruierten alten Arbat, doch sie wirft auch einen Blick auf das Hotel Lux, in dem in den dreißiger Jahren, zur Zeit der „Großen Säuberung“, die emigrierten Ausländer wohnten und in hypnotischer Starre warteten, bis die Männer in den Ledermänteln kamen, meist im Morgengrauen, und sie abholten. Gleich nebenan ist die Lubjanka, das Gefängnis der sowjetischen Staatssicherheit, in der abgeurteilt, nach Sibirien verschickt, nicht selten auch gleich hingerichtet wurde. Vera Lengsfeld, kundig in der Literatur des Schreckens, erkennt das Dom na Nabereshnoj, das „Haus an der Uferstraße“, dessen Insassen, Funktionäre und hohe Offiziere, fast alle den Weg in die Lager gingen. Zugleich ist sie imstande, die grandiose Ausstrahlung der alten russischen Metropole zu beschreiben, die den Schatten standhält, die eine wechselvolle, nicht selten tragische Geschichte auf sie wirft.

Die meisten Orte, die sie besucht hat, befinden sich in einem rapiden, manchmal radikalen Wandel. So dass es an sich verdienstvoll ist, den Jetzt-Zustand gewissenhaft zu beschreiben, weil er zum Zeitpunkt der Niederschrift schon aufgehört hat zu bestehen und womöglich nur in Lengsfelds Notizen überdauert. Das gilt für die Wunden und Krater des Krieges auf dem Balkan nach dem Zerfall Jugoslawiens, für die Foltermale Rumäniens, das bunte Elend Kubas der späten Castro-Zeit. Novosibirsk nennt sie in diesem Nebeneinander von alt und neu, von gestriger Misere und sich abzeichnendem Aufschwung eine „Patchworkstadt“. Das Wort trifft in dieser Zeit schneller Veränderung auf manchen der besuchten Orte zu. Sogar Ushuaia auf Feuerland, am Rand der bewohnbaren Welt, kurz vor dem Übergang ins ewige Eis, hat sich verwandelt: aus der ehemaligen argentinischen Strafkolonie von achthundert Seelen wurde, wie die Reisende festhält, binnen weniger Jahrzehnte „eine boomende Stadt mit 60 000 Einwohnern.“

Viele historische Details, die Vera Lengsfeld recherchiert und repetiert, waren mir unbekannt, und jetzt davon zu erfahren, macht dieses Buch für mich zur spannenden Lektüre. Weil sich im Historischen immer die Geheimnisse des Heutigen verbergen, über die nachzudenken wir sanft genötigt werden. Ich wusste bisher wenig oder nichts über Beijings Stadtentwicklung, über die strukturellen Probleme chinesischer Mega-Metropolen, oder über Kuba, wo ich nie war. Oder über die Wechselfälle in der Geschichte der Insel Helgoland. Oder die Tragödie der Stadt Warschau, die von den Nazis „zu neunzig Prozent dem Erdboden gleich gemacht“ wurde.

Doch das Unheimliche, Bedrohliche kann auch mitten im Frieden geschehen, in einer westlichen Demokratie. Bei einem Besuch in Madrid beobachtet Vera Lengsfeld die Diskrepanz zwischen Medienbild und Wirklichkeit, die neue, heimliche Art der Desinformation: „Als ich am anderen Morgen die Nachrichten im Fernsehen anschaue, stelle ich fest, dass die Zahl der Teilnehmer des Protestzuges absurd niedrig angegeben wurde. Sechshundert sollen es nur gewesen sein, wo ich mehrere Tausend an dieser Kreuzung gesehen habe (…) Arroganz der Macht? Auf die Dauer werden sie damit nicht durchkommen.“

Arroganz und Schwäche westlicher Politik entgehen ihr nicht, vor allem nicht die Zeichen einer verfehlten, antiquierten Außenpolitik der europäischen Staaten: „Die Türkei denkt nicht daran, die griechische Stadt Famagusta zurückzugeben, wie sie sich verpflichtet hat. Sie kann darauf vertrauen, dass die EU von ihr die Vertragserfüllung nicht einfordert.“ Und sie ahnt die Folgen dieser schwachen Politik: „Ich werde das beklemmende Gefühl nicht los, dass unsere Reise in die Vergangenheit des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien eine Zeitreise in die Zukunft Europas ist.“

Vera Lengsfeld ist eine Frau mit großer Lebenserfahrung und politischem Gespür. Wie ihre Reise-Impressionen zeigen, ist sie weit in der Welt herum gekommen. Dabei bodenständig geblieben mit ihrem Hanggrundstück voller Obstbäume, das sie von ihrer Großmutter in Thüringen geerbt hat. Einmal bin ich mit ihr in der Wüste gewandert und habe ihre unglaubliche Ausdauer erlebt. Die sie auch anderswo zeigt, zum Beispiel in ihrem Eintreten für demokratische Freiheiten. Sie erkletterte die Sandhügel und Felsen der Negev-Wüste schneller als jeder andere. Training, sagte sie. Denn sie muss, um ihre Obstbäume zu ernten, ständig hügelauf und -ab laufen. Reisen ist nur eine Seite ihre Lebens. Und sie ist davon nicht, wie viele andere, konfus, „für alles offen“ und meinungslos geworden. Vera ist auf ihren weiten Fahrten durch die Welt ein Mensch geblieben, der ein Zuhause hat, eine klare Orientierung.

Chaim Noll

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Buch/Filmkritik Kultur

Der Auserwählte oder die Gefährlichkeit der Einheitsmeinung

Ein Freund empfahl mir kürzlich den Film „Stalins Tod“.
Auf der Suche danach bin ich bei Netflix erst zu „Er ist wieder da“ geleitet worden, was ich mir aber nicht antun wollte, dann über „Roman Empire“ zu „The Chosen“, wo ich hängengeblieben bin. Es ist nicht die Serie über Jesus Christus, sondern ein Film über den Mörder von Stalins Konkurrent Leo Trotzky, leider nur in Spanisch, mit englischen Untertiteln. Das Werk beginnt mit Originalaufnahmen von Lenin, Trotzky und Stalin, bis hin zu einer Erschießung.

Die eigentliche Story nimmt ihren Ausgang im spanischen Bürgerkrieg. Eine kommunistische Funktionärin fährt an die Front, um ihrem Sohn mitzuteilen, dass er für eine besondere Mission ausgewählt wurde. Der will eigentlich nicht, beugt sich aber dem Diktum, dass die Partei bestimmt, wohin er gestellt wird. In der Sowjetunion wird er in einer ablegenden Hütte, wo ihm als einziger Gefährte ein Hund beigeben wird, für seinen Auftrag trainiert. Er muss vergessen, je Spanier gewesen zu sein, sondern ist der belgische Staatsbürger Jacques. Am Ende des Trainings wird seine Härte gestetet, indem ihm sein Ausbilder befiehlt, den geliebten Hund zu erschießen, was er tut.

Der Auserwählte wird zuerst nach Paris geschickt, wo er der Sekretärin von Trotzky zugeführt wird. Er spielt ihr vor, sich in sie verliebt zu haben, so erfolgreich, dass sie ihm glaubt, dass er ihretwegen nach Mexiko kommen wird, wohin sie zurück muss. Der Film gibt interessante Einblicke , wie stark die GPU in Mexiko vertreten war und wie rücksichtslos sie Genossen aus dem Weg räumte.
Der Auserwählte wird in Mexiko Stadt auf der Straße von seinem verehrten ehemaligen Kommandeur aus dem Bürgerkrieg erkannt. Er versucht, ihn loszuwerden, wird aber von seine ewigen Begleiten aufgefordert, ihn zurückzurufen und abzulenken, bis er von den GPUlern abgeholt werden kann. Auch das tut er und stellt sich taub, als der Freund ihn um Hilfe ruft, weil er ahnt, was es bedeutet, in ein Auto gezerrt zu werden. Am Tag darauf findet man den Kommandeur ertrunken in einem Parkteich.

Auch als ein Anschlag auf Trotzky schief geht, weil es dem gelingt, sich und seine Frau Natalia rechtzeitig aus dem Bett zu retten, das von verkleideten Polizisten unter Beschuss genommen wird, wird der vermeintliche Verräter, der gänzlich unschuldig, aber frisch aus New York eingetroffen war, sofort beseitigt. Der Auserwählte fragt zwar, ob es nötig gewesen sei, zwei treue Genossen hinzurichten, gibt sich aber mit der Antwort seiner Mutter, die neben dem GPU-Ausbilder die Operation Trotzky leitet, dass die Sache der Partei eben manchmal Opfer erfordere, zufrieden.

Nun muss der Auserwählte selbst Hand an Trotzky legen. Ihm war es inzwischen gelungen, mittels seiner Geliebten, die bei seinen heimlichen Treffen mit der GPU nur „die Sekretärin“ genannt wird, Zugang zu Trotzkys Haus zu erhalten. Zwar mißtraut der deutsche Sicherheitschef Trotzkys dem Auserwählten zutiefst, auch Trotzkys Frau Natalia hat Vorbehalten gegen ihn, aber Trotzky ließ ihn weiter zu sich.
Am Tag des Mordes wunderte man sich , warum der Auserwählte einen Regenmantel über dem Arm trug, gab sich aber mit der Antwort, er wolle auf plötzliche Regengüsse vorbereitet sein, zufrieden.
Trotzky nahm ihn trotz aller Warnungen wegen eines nächsten Anschlags mit in sein Büro, ließ es sogar zu, dass der Mörder hinter seinen Schreibtischstuhl trat und gab ihn damit die Gelegenheit, den im Mantel versteckten Eispickel hervorzuholen und ihn zu erschlagen. Das gelingt nicht sofort, denn trotz intensiven Trainings erwischte er Trotzkys Kopf nur seitlich. Trotzky konnte ihm noch den Eispickel entwinden und um Hilfe rufen.
Der schwerst verwundete Trotzky befahl noch seinen Leuten, den Attentäter am Leben zu lassen, damit er seine Geschichte offenbaren könne. Das gelang aber nicht. Trotz erdrückender Gegenbeweise bestand der Auserwählte unter Folter, vor Gericht und in während seiner zwanzigjährigen Haft darauf, der belgische Staatsbürger Jaques zu sein.
Nach seiner Entlassung ging er in die Sowjetunion, wo er mit dem höchsten Titel „Held der Sowjetunion“ geehrt wurde. Seine Mutter war schon vor ihm da gewesen, hatte die Härten des realsozialistischen Lebens aber nicht ausgehalten und es vorgezogen nach Spanien zurückzukehren und ihr Leben als kleine Versicherungsangestellte zu beenden.
Den Auserwählten hielt es auch nicht im Vaterland aller aufrechten Kommunisten, er ging nach Cuba, wo er hochbetagt starb.

Das Interessante an dem Film war, wie tief alle Akteure ihr Marionettendasein verinnerlicht hatten. Sie taten, was die Partei ihn befahl und waren sich möglicher Konsequenzen durchaus bewußt. Der Trainer des Auserwählten sagte, jeder würde beobachtet, alle könnten vor dem Erschießungskommando enden. Wichtig wäre allein die Partei.

Jeder, dem nicht klar ist, wie gefährlich eine Einheitsmeinung ist, sollte sich diesen Film ansehen.
Der aktuelle Bezug ist, dass wieder massiv eine Einheitsmeinung gefordert wird. Wir sollten uns der Gefahr, die das bedeutet, bewußt sein.

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Über Menschen – Juli Zehs erstaunlicher Roman

Mir geht es wie Juli Zehs Romanheldin Dora: Ich habe schon lange aufgehört, Gegenwartsliteratur zu lesen, außer ich kenne den Autor persönlich und weiß ihn zu schätzen. 

Dass ich zu Juli Zehs Buch griff, habe ich meiner Enkeltochter (23) zu verdanken, die Zeh in ihre Auszeit nach Teneriffa mitgenommen und schon gelesen hatte, als ich nachkam. Was sie mir von ihrer Lektüre erzählte, weckte meine Neugier.

Binnenflüchtling Dora, die aus ihrem Kreuzberger Heim in ein Brandenburgisches Gutsverwalterhaus zieht, wo sie ihrem Prenzlauer Berg-Kreativjob im Home-Office nachkommen will, wird von ihrem Nachbarn begrüßt mit: „Ich bin der Dorfnazi“. Ihren sofort einsetzenden erneuten Fluchtreflex kann sie nur entkommen, weil die Abneigung, nach Berlin zu ihrem Lebensgefährten zurückzukehren, stärker ist. Robert, bis dahin ihr Lebensabschnittspartner, war erst zum fanatischen Thunberg-Jünger, dann zum Corona-Fan mutiert. Als er ihr ernsthaft verbieten wollte, die gemeinsame Wohnung für einsame Spaziergänge zu verlassen, packte sie ihre Sachen. Das Haus hatte sie schon vorher heimlich gekauft.

Gote, ihr Nazi-Nachbar, ist nicht nur hässlich mit seinen dicken Tränensäcken, sondern gebärdete sich auch verbal abscheulich. Als erstes droht er, Doras kleinen Hund zu zertreten, sollte der noch einmal sein Frühkartoffelbeet umbuddeln. Die groteske Szene spielt sich an der Mauer ab, die beide Grundstücke trennt. Um sich am Ende ihres Vorstellungsgesprächs ganz altmodisch die Hand geben zu können, muss Dora auf einem Stuhl, er auf einer Obstkiste stehen. Dieses wacklige Arrangement soll sich in ihrer Beziehung als sehr stabil erweisen.

Gote verschwindet für ein paar Tage, als er wieder auftaucht, sägt und poliert er auf seiner Seite an einem halben Dutzend Paletten herum. Zum Glück entgeht Dora dem Lärm, weil sie an diesem Tag nach Berlin muss, um ihren Vater zu treffen, der alle 14 Tage in der Berliner Charité operiert und bei dieser Gelegenheit seine Kinder sehen will. Als sie nachts in ihr Haus zurückkommt, steht im ansonsten leeren Schlafzimmer ein Palettenbett, frisch geweißt. Als sie Gote am nächsten Tag fragt, warum er das gemacht hat, ist die Antwort: „Du hattest kein Bett“. Über den Hausschlüssel verfügt er, weil er sich um das Haus, als es leer stand, gekümmert hatte. „Einer musste es ja tun“.

Das es jemand war, der bei einer abendlichen Sause mit drei Freunden das Horst Wessel-Lied singt, verstört Dora zutiefst, gleichzeitig fühlt sie sich von diesem Kerl seltsam angezogen. Als vier frisch geweißte Küchenstühle vor ihrer Haustür stehen, will sie Gote verbieten, sie weiter zu beschenken. Dabei rutscht ihr ein: „Ich brauche keine Möbel, es sind ja nicht einmal die Wände gestrichen“ heraus.

Prompt hupt der Nachbar sie am nächsten Morgen aus dem Schlaf, um mit ihr zum 18km entfernten Baumarkt zu fahren und Farbe zu kaufen. An der Renovierung beteiligen sich dann noch ein weiterer Nachbar und ein kleines Mädchen, wie sich herausstellt Gotes Tochter, die eigentlich mit ihrer Mutter nach Berlin gezogen ist, aber coronabedingt nicht in die Schule muss und zum Vater zurückgekehrt ist. 

Zehs Dorfpersonentableau wird ergänzt durch das schwule Paar Tom, Blumenhändler und Steffen, Kabarettist und Blumengesteckkünstler. Zwischen diesen Personen entfaltet sich die Handlung, die so unglaublich die Tücken des modernen Lebens aufdeckt, das eine ältere Person, wie ich, aus einem anderen Universum zu stammen scheint. 

Meine Generation hatte keine Probleme, ihr Leben zu genießen, brauchte weder Selbstoptimierung noch Social Media-Auftritte und schon gar kein Tinder (da musste ich erst mal nachschlagen, was das ist) für die Partnersuche. Bei den Diskussionen in meiner Studenten- und frühen Berufszeit ging es um Ästhetik, Philosophie, Literatur (die Klassiker von der Romantik bis zu Thomas Mann), aber höchstens am Rand um das Damoklesschwert der atomaren Bedrohung. Selbst in der Diktatur, in der ich lebte, gestatteten wir der Politik nicht, so bestimmend für unser Leben zu werden, wie es in Corona-Zeiten der Fall ist. Wie Zehs Hauptheldin begeisterten wir uns für Marin Luther Kings „I have a dream“. Ein starker, inspirierender Kontrast zu Gretas „How dare you!“, der die Gesellschaft spaltet. 

Dora passt nicht in die großstädtische Kunstwelt. Für sie ist die Provinz das Eintauchen in die Realität. Sie hatte immer geglaubt, keine Kinder zu mögen. Als die kleine Franzi in ihr Leben tritt, merkt sie, dass es ihr ehemaliger Lebenspartner Robert war, der den Kinderwunsch in ihr unterdrückt hat.

Keine Angst, aus dem Dorfnazi, der natürlich kein wirklicher ist, und der Kreativen wird kein Paar. Juli Zeh hat solch einen Kitsch klug vermieden. Sie lässt Grote an einem irreparablen Gehirntumor leiden, der ihn in einer Phase, wo es ihm noch einmal gut geht, Selbstmord verüben lässt. 

Das Gesellschaftspanorama, das Zeh in ihrem Buch entwirft, ist verstörend, aber nicht deprimierend, denn es gelingt ihr glaubhaft zu zeigen, dass es Hoffnung gibt.

Dora weiß nach Grotes Tod, dass es mehr gibt als die von Algorithmen gesteuerten Lebensläufe. Grote und Dora wären sich auf Tinder niemals begegnet, das hätten die Algorithmen ausgeschlossen. Insofern ist Zehs Roman auch eine Antwort auf Yuval Noahs Hararis in „Homo Deus“ geäußerte Befürchtung, eines Tages könnten uns die Algorithmen besser kennen als wir uns selbst. Der Mensch ist zu komplex dafür. 

Juli Zeh: „Über Menschen“

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Tod in Venedig bei Arte

Seit ich Luchino Viscontis geniale Verfilmung der Novelle von Thomas Mann zu ersten Mal gesehen habe, ist das mein absoluter Lieblingsfilm. Er kam Mitte der 70er Jahre auch in die Kinos der DDR und ich habe ihn wohl ein Dutzend Mal gesehen. Einmal wurden in der Thüringischen Provinz die Filmrollen verwechselt, der Schluß des Filmes wurde in der Mitte gezeigt und  die Mitte am Schluss. Wenn die Zuschauer das bemerkt haben sollten, habe ich nichts davon mitbekommen. Sie waren zu tief beeindruckt, um Fragen zu stellen. Ein andernmal nahm ich einen hohen FDJ-Funktionär meiner Sektion Philosophie mit in die Vorstellung. Er maulte etwas, warum er sich dieses bürgerliche Zeugs ansehen sollte, nach Venedig käme er ohnehin nie. Ich sagte ihm, er solle sich einfach am Anfang mit Dirk Bogade ins Boot setzen und mit ihm zum Lido rüber fahren. Er tat das anscheinend, denn er löste über die ganze Länge des Films nicht mehr den Blick von der Leinwand. Danach kaufte er sich alle verfügbaren Schallplatten mit Musik von Mahler, dessen Musik den Film kongenial untermalt.

Gestern Abend bei Arte habe ich „Tod in Venedig“ nach Jahrzehnten wieder gesehen. Er zog mich erneut in seinen Bann. Nicht nur das. Ich habe viel mehr in ihm gesehen, als früher. So ist das mit zeitlosen Meisterwerken. 

Dirk Bogarde als Gustav von Aschenbach hat mich schon damals fasziniert, aber was für ein unerreicht großartiger  Schauspieler er ist, weiß ich erst seit gestern. Er kann allein mit seiner Mimik alles ausdrücken, wofür sonst viele  Worte gebraucht werden. Er sagt in diesem Film nicht viel, denn er ist in Venedig allein und darauf beschränkt, Tadzio zu folgen. 

Die Erleichterung in seinem Gesicht, als er am Bahnhof, wo er in den Zug nach München steigen wollte, um seinem Konflikt zu entkommen, erfährt, dass sein Koffer aus Versehen nach Como geschickt wurde und er einen Vorwand hat, um ins Hotel zurück zu fahren. Die erwartungsvolle Freude bei der Überfahrt zum Lido, die scheue Anbetung, die er Tadzio bei den seltenen Aufeinandertreffen entgegen bringt – Bogarde ist auf der Höhe seiner Kunst.

Nur in den Rückblenden hat Bogarde mehr Text. Visconti hat Dialogszenen aus Manns „Doktor Faustus“ eingebaut, in denen es um das Problem der Schönheit, ist sie ein künstlerisches Produkt, oder ein spontanes Erleben und um Musikästhetik geht. Doch auch hier zeigt sich die Zerrissenheit des Komponisten Aschenbach eher in seinen Zügen, als in seinen Worten.

Das dieser Ausnahme-Schauspieler nie in Hollywood Fuß fassen konnte, kann nur darin liegen, dass es dort keinen Bedarf an Subtilität gibt. 

Das Arte diesen Film gerade jetzt ausgestrahlt hat, liegt daran, dass kürzlich der Dokumentarfilm „The Most Beautiful Boy in The World“ auf den Markt gekommen ist. Arte hat ihn im Anschluss an „Tod in Venedig“ gezeigt. Björn Andrésen, der von Visconti nach langer Suche in verschiedenen Ländern, auch der damaligen Sowjetunion, in Schweden entdeckt wurde, hat die Rolle des Tadzio kein Glück gebracht. 

Im Film nun habe ich gesehen, warum das so gewesen ist. Tadzio wird wie ein Model präsentiert. Seine  Auftritte sind eher statisch, auch wenn er Posen einnehmen muss, die einen Michelangelo entzückt hätten. Selbst in den wenigen Auftritten mit andern Jugendlichen am Strand, wenn er sich balzt oder eine Anweisung zum Bau einer Strandburg gibt, wirkt er eher hölzern. Nur in der Szene, als er glücklich und schön wie ein junger Gott aus dem Meer in die Arme seiner Gouvernante gerannt kommt und mit ihr Fangen spielt, ahnt man das schauspielerische Potential Andrésens, das Visconti aber außer Acht gelassen hat.

In der Doku spricht Andrésen davon, wie er nach der Premiere des Films über Nacht zum Star wurde, den Männer und Frauen ,mit sexuellen Offerten überschüttet haben, mit denen er allein gelassen wurde. Nach einer Pressekonferenz hat ihn Visconti mit in eine Schwulenbar geschleppt, ohne sich anscheinend weiter darum zu kümmern, wie das auf den Jungen wirkt. In einem Interview beteuerte Andrésen, Tadzio wäre kein Trauma für ihn gewesen, aber eine Last. 

Wenn ich mir den Mann anschaue, der jetzt allein in einer verwahrlosten Wohnung in Stockholm lebt, die ihm weggenommen zu werden droht, weil das Ungeziefer und der Gestank die Nachbarn stören, frage ich mich, ob es sich nicht doch um ein Trauma handelt, das er niemals abschütteln konnte.

Dabei hat er viel getan, um Tadzio zu entkommen. Andrésen hat sich immer mehr als Musiker, denn als Schauspieler gesehen. Er wurde in Japan, wohin er sich nach dem Film zurückzog, mit seiner Musik zum Jugendstar, hat später auch in Schweden mit seiner Band Erfolg gehabt und zeitweise ein kleines Theater geleitet. Anscheinend hat das alles nicht bewirkt, aus dem Schatten von Tadzio zu treten.

Als Filmfigur ist er jedenfalls unsterblich, wenigstens so lange es Filme gibt. Der Film ist noch in der Arte-Mediathek zu sehen. Das sollte Niemand verpassen. 

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Der junge Michelangelo

Wer in Florenz ist, kommt an Michelangelo nicht vorbei. Zumindest hat er neben der Signoria die Figur des David gesehen und die Medici-Kapelle besucht. Weniger beachtet wird ein frühes Kunstwerk des 18-Jährigen, vom dem gleich die Rede sein wird.

Michelangelo Buonarroti ist ein echter Sohn der Stadt. Er wurde 1475 als Sohn eines verarmten Patriziers geboren. Die Schönheit seiner Heimat hat ihn geprägt. Schon als Kind wollte er nie etwas anderes sein als Künstler. Sein Vater versuchte erfolglos, ihn durch Prügel vom Zeichnen abzuhalten. Michelangelo ertrotzte sich mit 13 Jahren die Erlaubnis, eine unstandesgemäße Malerausbildung zu beginnen. Zwei Jahre später wurde er bereits Stipendiat in der Skulpturensammlung der Bankiersfamilie Medici. Dort lernte er Bildhauerei. Er begnügte sich nicht damit, Vorbilder in den Meistern der Antike zu suchen. Er studierte die Natur selbst und sezierte dafür Leichen, obwohl das streng verboten war. Das wurde ihm durch den Prior der Basilika di Santo Spitito, Nicholas Bichielli, ermöglicht, der ihm mit 18 Jahren das Studium der Anatomie des menschlichen Körpers durch Sezieren im nebenan befindlichen Krankenhaus erlaubte.

Seine Dankbarkeit drückte Michelangelo durch die Schaffung eines Kruzifixes aus Lindenholz aus, das heute noch in der Basilika zu sehen ist. Es hängt nicht mehr am ursprünglichen Ort über dem Chor der Mönche, weil es später durch einen barocken Altaraufsatz verdeckt wurde.

Der jetzige Standort, die Sangallo-Sakristei, erscheint wie für diese eine Figur gemacht. Nachdem man in einem Vorraum 2 Euro bei einem Mönch entrichtet hat, kann man eintreten. Ich bin überzeugt, dass ich nicht die Einzige bin, der bei dem Anblick dieses Meisterwerkes der Atem stockte. 

Ich habe schon hunderte Gekreuzigte gesehen, aber keinen wie diesen. Jesus ist so schön und verletzlich, dass es schmerzt. Er schwebt mehr, als dass er hängt. Leiden und Schönheit verschmelzen zu einer Einheit. Ob Michelangelo dabei tatsächlich an den Text des heiligen Augustinus gedacht hat, der zu Psalm 44 kommentierte, „dass Christus als Heiland und Erretter selbst am Kreuz von schöner Gestalt sei“, wie es im Prospekt heißt, sei dahingestellt. 

Für mich ist Michelangelo das Beispiel eines Genies, dem in jungen Jahren schon bewusst wurde, dass er sich nur in seinen Werken ausdrücken kann, weil er unter den Menschen keinen gleichwertigen findet. Michelangelos „der Göttliche“, wie er von seinen Verehrern genannt wurde, war Zeit seines Lebens ein einsamer Mensch. Von Freunden weiß man wenig. Seine einzige Bezugsperson scheint sein Diener gewesen zu sein. Sein Grab in der Basilika di Santa Croce in Florenz ist leicht zu übersehen. Seine Bedeutung für die Kunst ist unsterblich. 

Das Fotografieren war leider verboten, deshalb hier die Abbildung des Prospektes, um einen Eindruck zu vermitteln.

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Florenz in Zeiten von Corona

Wenn mir zu DDR-Zeiten jemand gesagt hätte, dass mehr als dreißig Jahre vergehen würden, ehe ich mich nach Florenz aufmache, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Aber so war es. Wenn die Welt offensteht, eilt es nicht mehr. Man kann sie heute, morgen, oder auch erst übermorgen ansehen. In Zeiten von Corona kehrte das DDR-Gefühl, eingesperrt zu sein, unerwartet zurück. Mit ihm der Druck, nun endlich anzusehen, was man schon lange wollte, aber nicht getan hat.

Für diese Reise habe ich mich extra impfen lassen. In Italien sind die Corona-Regeln noch strikter als in Deutschland. Es herrscht Impfpass-Zwang für alle. Zwar kommt man unkontrolliert ins Land, wird auch beim Einchecken im Hotel nicht nach Impfungen oder Tests gefragt, kommt aber in kein Museum, keine Kirche und kein Restaurant ohne Impfpass. An vielen Stellen kommt noch eine Fiebermessung hinzu.

Florenz ist eine ganz besondere Stadt. Das fühlt man überall, aber in höchstem Maße am Dom mit seinem Campanile und dem Baptisterium daneben. Die Fassaden dieser Gebäude sind ganz in farbigen Marmor gekleidet. Im Abendlicht, in dem ich das Ensemble zum ersten Mal sah, bot sich mir ein märchenhafter, fast unwirklicher Eindruck. Das kostbare Material wird allen Bürgern und Besuchern täglich dargeboten. Dazu kommen die kunstvollen Türen des Baptisteriums, mit ihren Reliefs, die in der Abendsonne rotgolden schimmern. Ghibertis berühmte Bronzearbeiten sind für jedermann sichtbar. Das ist ein Merkmal der Stadt, die ihre Kunstwerke offen darbietet, um zu beeindrucken – ob Bürger oder Besucher, Freund oder Feind. Die Florentiner wussten um die Wirkung des Schönen. Sie haben diese Schönheit zu ihrem Credo gemacht. „Piu belloche si può“, „so schön wie möglich“, sollten die Künstler im Auftrag der Stadt ihre Werke schaffen.

In einer Urkunde von 1294 kann man lesen, dass der Dom „vollendet werden [sollte] mit jener höchsten und prunkvollsten Großartigkeit, wie man sie überhaupt erfinden kann. Als ein Werk des menschlichen Strebens und Vermögens, das nicht schöner und prächtiger sein könnte“. Überwältigt von dieser Schönheit fragte ich mich, wo die Sehnsucht nach Schönheit hingeraten ist. Bei den Architekten, die unsere Städte mit gesichtslosen, faden Bauten überziehen, hat sie keine Heimat mehr. Aber auch die Hervorbringungen angesagter Künstler sind frei davon.

In Florenz läuft gerade eine Schau des Projektkünstlers Jeff Koons mit dem irreführenden Titel „Shine“ im Palazzo Strozzi, die den Beweis antritt, dass heutzutage grell-bunte Pompösität geschätzt und hoch bezahlt wird. Im Hof des Palastes steht eine quietschblaue Schöpfung aus Metall und Glanzlack, die Koons, wie angeblich alle seine Werke, von seinen Mitarbeitern anfertigen lässt. Als „Luxury and Degradation” wird das Objekt angepriesen. Der Luxus beschränkt sich auf den Geldbeutel, eine Bedeutung von Degradation ist Erniedrigung, was als Bezeichnung für diese Kunst ziemlich treffend ist.

Das Gegenstück dazu präsentiert die Piazza Signoria; wahre Kunst und wahren Luxus. Beherrscht wird der Platz vom Palazzo Vecchio, einem strengen Baukörper aus grob behauenem Gestein, die Referenz des damals herrschenden Geistes an die Natur. Auf Dach und Turm der Zinnenkranz als Erinnerung an die Stadtmauer, das Symbol einer selbstbewussten städtischen Autonomie.

Die Strenge des Kommunalpalastes wirkt abweisend, deshalb haben ihm die Florentiner die Loggia dei Lanzi zur Seite gestellt, auf der in früheren Tagen Zeremonien und Empfänge stattgefunden haben. Von hier aus hat man aber auch einen unverstellten Blick auf die Stelle, an der Savonarolas Scheiterhaufen errichtet wurde.

Heute ist die Loggia ein Freilichtmuseum der Skulpturen. Auffällig ist, dass fast ausschließlich Tötungsszenen dargestellt werden. Sie vermitteln die Botschaft: Kommt uns nicht zu nahe. Donatellos „Judith“ mit dem Kopf von Holofernes und Michelangelos „David“ verkörpern die städtische Freiheit.

Aber auch das stolze und wehrhafte Florenz wurde aus einer Republik zu einem Bestandteil des Herzogtums Toskana. Spätestens hier wird klar, dass Florenz verstehen heißt, seine Geschichte zu kennen.

Diese Geschichte ist für uns schon teilweise verschüttet. Wie kam es zu einer förmlichen Explosion in der Wissenschaft, Technik und Kunst, durch die großen Geister, die von dieser Stadt angezogen wurden? Leonardo da Vinci entwarf hier Maschinen und Geräte, die uns ein Rätsel geworden sind. Die Spuren, die Michelangelo hinterlassen hat, bevor er sich nach Rom aufmachte, sind auch in ihrer Unvollendetheit genial. Donatello hat mit seinem nackten David die unbekleidete Figur in die Bildhauerei zurückgeführt. Die Statuen entlang der Fassade der Uffizien sind eine Galerie menschlicher Genialität: Dante, Donatello, Leonardo, Boccaccio, Giotto, aber auch Machiavelli und andere Größen, die heute weniger bekannt sind.

Das sind die Männer, die Europa geprägt und die Erfolgsgeschichte des Abendlandes geschrieben haben. Diese Geschichte ist eine christliche, da hilft alles Leugnen und Relativieren nichts. Wenn man einen Tag in den Uffizien verbringt, dann weiß man, dass diese Wahrheit unumstößlich ist. Kaum ein Kunstwerk ohne christliche Symbolik. Gleichzeitig bekommt man vorgeführt, wie viel von dieser Geschichte bereits vergessen ist. In früheren Jahrhunderten wussten die Betrachter dieser Bilder und Skulpturen, welche Geschichte sie erzählen, sie konnten mühelos die Botschaften entschlüsseln. Heute müssen wir mühsam danach suchen, was uns mit dem Dargestellten gesagt werden soll. Man muss sich in die Geschichte der Stadt vertiefen, wenn man sie verstehen will.

Über Jahrhunderte hat sich Florenz gegenüber den Feudalmächten, dem Kaiser und dem Landadel behauptet. Rivalisierende Familien haben darüber gewacht, dass keine zu mächtig wurde. Aber schließlich wurde die Familie Medici zur Alleinherrscherin. Von bürgerlicher Herkunft war sie aber bemüht, ihre Herrschaft mittels Förderung der Künste nachträglich zu legitimieren und ihren Anspruch zu sichern. Die Paläste der Medici und ihre Gärten prägen die Stadt noch heute. Der Boboli-Garten hinter dem Palazzo Pitti ist sogar zum Weltkulturerbe erklärt worden. In Florenz ist die Vergangenheit noch mächtig, sie beschenkt die Gegenwart. Wer dieses Geschenk annimmt, verlässt die Stadt bereichert und klüger.

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Ich denke auf eigene Rechnung – Ettersburger Gespräche über Horaz

Es gibt viele Gründe, das Schloss Ettersburg bei Weimar zu besuchen. Seit diesem Jahr ist einer dazugekommen. Der Schlossgarten von Goethes Lieblingsaufenthalt wurde aufwendig restauriert und präsentiert sich jetzt im Gewand der Goethezeit, samt wunderbar duftenden historischen Rosen. Aber Hauptgrund bleibt das von Peter Krause organisierte künstlerische Programm, das seit Jahren Schauspieler, Musiker, Literaten, Philosophen und ihr Publikum magisch anzieht. Dazu gehören die Ettersburger Gespräche, die in der Regel sonntags um 16.00 stattfinden. Letzten Sonntag wurden sie nach anderthalbjähriger Corona-Zwangspause unter dem Motto „Weltlosigkeit“ wieder aufgenommen.

Zu Gast waren Uwe Tellkamp und Christoph Schmitz-Scholemann, der 22 Briefe von Horaz neu übersetzt hat. Und was für ein Übersetzung! Deutschland hat nicht nur Hidden Champions in der Wirtschaft. Es gibt sie auch in der Literatur. Einer davon ist Schmitz-Scholemann, ein ehemaliger Arbeitsrichter, also ein Humorist (Tellkamp),von der Neigung aber Altsprachler, der sich in seiner Freizeit literarischen Übersetzungen widmete. Seine Horaz-Übersetzung erschien unter dem Titel: „Und zum Glück fehlt mit nichts – nur Du“. Horaz wollte im letzten Drittel seines Lebens etwas schreiben, das „den Armen ebenso nützt, wie den Reichen, etwas, worüber sich niemand, ob alt oder jung, ohne Schaden hinwegsetzt“. Gewählt hat er die Form des literarischen Briefes, der ihm die besten, privatesten Ausdrucksmöglichkeiten bot. Verfasst sind dieses Briefe in Hexametern. Es gibt zahlreiche Übersetzungen, auch von Wieland und Herder, die aber mehr um die Hexameter als um die Leser kümmerten. Schmitz-Scholemann wollte es anders machen. Er war überrascht gewesen vom „unverbrauchten, humorvollen Ton und dem großstädtischen Tempo dieser Gedichte“, die ihn brüderlich ansprachen. Diesen Ton wollte er den Lesern vermitteln. Das ist vollkommen gelungen.

Horaz Briefe lesen sich, als wären sie gestern abgeschickt. „Krieg an den Rändern des Imperiums, billige Arbeitskräfte aus dem Osten drängen in die Metropole. Unermesslicher Reichtum der Eliten. Empfängnisverhütung, Kochbücher und Schminke haben Konjunktur, die Geburtenrate sinkt, die Scheidungsrate steigt. Die Massen rennen in die Stadien und brüllen vor Begeisterung, wenn Männer aus fremden Ländern einander bekämpfen. Die Gerichte werden mit Klagen überschwemmt, die Redekunst der Anwälte ist exquisit […] Ingenieure verfeinern die Heizungstechnik, den Straßenbau, die Waffen. Wen mitten in den lukullischen und venerischen Orgien die Langeweile anfällt, dem helfen öffentliche Spaßvögel und Philosophen, die ihren Zynismus für teures Geld unters Volk bringen“. Rom, wenige Jahrzehnte vor der Geburt Christi, oder heutige Zeiten? Diese Skizze römischen Lebens liest sich wie eine aktuelle Zustandsbeschreibung.

Horaz will seinen Zeitgenossen vermitteln, wie sich der Mensch in solchen Verhältnissen verhalten kann. Wie soll man leben? Zu allen Zeiten haben Menschen an den sie umgebenden Zuständen oder ihrer Unfähigkeit gelitten. Horaz ist Optimist: „Ob Jähzorn Dich quält, oder Geiz, ob du ein Hurenbock bist, ein Trunkenbold oder ein Faulpelz – niemand ist so verwildert, dass er sein Leiden nicht mildern könnte. Nur muss er bereits sein, zu lernen“.

Horaz plädiert also für ein selbstbestimmtes Leben, ohne die Erwartung, dass der Staat alles richten soll. Das ist eine wichtige Botschaft für unsere Zeit, in der die Meinung allgegenwärtig ist, dass man die Vorstellung vom richtigen Leben besser nicht dem Einzelnen überlassen sollte. Im Gegenteil, es herrscht die Idee, wie Schmitz-Scholemann in seinem Nachwort schreibt, dass dies eine Sache von Verordnungen, ja Programmierungen ist, die dem Einzelnen nicht mehr unterschieden lassen soll, was er will. Er zitiert einen Soziologen, der im Radio äußerte: „Die Menschen müssen das, was sie sollen, auch wollen können“. Das ist ein Plädoyer dafür, dass Politiker, Beamte, externe Berater festlegen, wie ein richtiges Leben auszusehen hat. Gegen diese Zumutung hilft die Lektüre von Horaz.

Was der auf seinem Landgut, das von Maecenas, an den der erste Brief gerichtet ist, gesponsort wurde, aufschreibt, ist eine zeitlose Orientierung für eine gelungene Existenz. Entgegen dem eben zitierten Leben nach Gebrauchsanweisung kommen Horaz Ratschläge als Gesprächsangebote daher, nicht als Direktiven. Um „Haltung und wenn möglich Heiterkeit zu bewahren, braucht der Mensch keine tausend Steuertricks, keine Tofu-Schnitzel und keine disruptiven Narrative. Er braucht einen anderen Menschen, um mit ihm zu reden. Zum Glück fehlt Horaz nichts, außer ein Gegenüber. Wir Corona-Maßnahmen-Opfer wissen, dass er Recht hat. Wir brauchen die Anderen. Horaz lädt ein: wenn Du Lust hast, zu lachen, komm zu Besuch.

Diese Botschaft hat das Publikum des Ettersburger Gesprächs sehr beschwingt, wie an den lebhaften Diskussionen nach der Veranstaltung zu merken war. Jeder ist bereichert nach Hause gegangen mit dem frohen Wissen, dass die nächste Ettersburger Gespräche bereits fest geplant sind.

Am 5.September kommt Monika Maron, über alle Gespräche kann man sich hier informieren.

https://schlossettersburg.de/kultur/kalender/?

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Was ist eigentlich los?

Monika Maron, die in diesem Jahr ihren 80.Geburtstag und ihr vierzigjähriges Jubiläum als Schriftstellerin feierte, hat in ihrem neuen Verlag einen Band mit Essays aus vier Jahrzehnten herausgebracht. Was man da lesen kann, ist keineswegs verstaubt, sondern überwiegend brandaktuell. Maron gehört zweifelsohne zu den schärfsten Analytikerinnen des Zeitgeistes. Ihre Beobachtungen sind genau, ihre Schlussfolgerungen präzise. Das bekommen ihre Kontrahenten zu spüren, denen sie keine Ungenauigkeit durchgehen lässt.

Jürgen Kaube bringt in seinem Vorwort ein Beispiel aus dem öffentlichen Briefwechsel mit dem Autor Joseph von Westpahlen, mit dem sie 1987 einem größeren westdeutschen Publikum bekannt wurde, weil er wöchentlich in der Zeit abgedruckt wurde.

„Unvergesslich bleibt, wie Westphalen den Spruch „Schwerter zu Bierdosen“ aufnahm, eine Persiflage auf das friedensbewegte „Schwerter zu Pflugscharen!“, um Monika Maron zu fragen, ob der „pfiffige Aufruf“ womöglich aus der DDR stamme. Maron: In der DDR gäbe es gar kein Dosenbier. Und kein Verwaltungsrecht, das einem im Umgang mit dem Staat womöglich nützlicher sei, als Pfiffigkeit. Man könne sich beschweren, aber nicht klagen.“ Solche Sätze liest man in Zeiten der Bundesnotbremse, mit der die Verwaltungsgerichtsbarkeit ausgehebelt wurde, um die vielen Klagen gegen undurchdachte Corona-Schutzmaßnahmen zu drosseln, ganz neu.

Es ist immer schwierig, einen Band mit vielen Essays zu besprechen, deshalb konzentriere ich mich auf eins aus dem Jahr 2002, um meine oben getroffenen Feststellungen zu belegen.

„Lebensentwürfe und Zeitenumbrüche“ ist der Titel des Textes, der in der Süddeutschen Zeitung erschien.

„Wer es sich zu einfach macht beim Rückblick auf seine Geschichte, beraubt sich seiner Biografie.“ Dieser hätte nicht nur Annalena Baerbock als Warnung dienen müssen, bevor sie mit einem zusammenphantasierten Lebenslauf in den Kampf ums Kanzleramt zog. Er ist essentiell, um zu verstehen, was nach der Vereinigung der zwei deutschen Teilstaaten schief lief.

Man solle sich seine Biografien erzählen, forderte die Schriftstellerin Christa Wolf im Osten und Bundespräsident Richard von Weizäcker im Westen. Das gegenseitige Verständnis wurde damit nicht wesentlich gefördert.

„Es schien sogar, als ob die ostdeutschen Lebensberichte über Stasiverfolgung, Bildungsbehinderung, Berufsverbote oder auch nur den täglichen Irrsinn, die, da sie ein eintöniges  Leben beschrieben auch eintönig anzuhören waren, die Westdeutschen bald langweilten, zumal sie selbst wenig zu Wort kamen.“ Außerdem konnten die Ostdeutschen ihr Leben verklären, wenn es gelang, „den eigenen Lebensfaden“ mit „dem grandiosen historischen Ereignis, dem Sturz eines Regimes und dem Vollzug der nationalen Einheit“ zu verschmelzen. Die Ostdeutschen hatten die Revolution gemacht, von der die Westdeutschen, jedenfalls die 68er nur geträumt hatten.

Es wurde aber weitgehend übersehen, was die nachhaltigste Hinterlassenschaft der DDR war, ihre Bürger in einer Art Dauerpubertät gehalten zu haben. „Wer ein Leben lang gehindert wird, die berechenbaren Folgen seines Tuns zu verantworten und im Dialog mit seiner Umwelt die eigenen Konturen und Grenzen zu erfahren, wird ein Leben lang nicht erwachsen werden, sondern sich, je nach Temperament, in infantilen Trotz, ziellose Rebellion oder andere Ausweichstrategien flüchten; die defensiven Talente werden bis zur Perfektion entwickelt, während die offensiven verkümmern.“

Wer als Staatsfeind endete, begann möglicherweise nur mit einem unbeherrschten Ausbruch gegen einen Lehrer oder Polizisten und setzte damit einen Mechanismus in Gang…bis der aufsässige Mensch außerhalb der Gesellschaft wiederfand, zu der er ursprünglich hatte gehören wollen, aber als der, der er war.“

Maron beschreibt hier Mechanismen, wie sie im vereinten Deutschland seit 20 Jahren wieder erstehen.

Der Hirnforscher Gerald Hüther beschreibt die Infantilisierung unserer Gesellschaft, in der Menschen nicht mehr erwachsen werden wollen. Unsere Gesellschaft besteht aus Betreuungsmodulen, die vom Kindergarten bis zum Altersheim reichen. Das macht Menschen abhängig und unfähig, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Wie soll jemand Verantwortung übernehmen, der das für sich selbst nicht kann?

Das vereinte Deutschland hätte aus der Erfahrung der Diktatur den Schluss ziehen müssen, dass es alles tun muss, die Autonomie und Selbstverantwortung des Menschen zu stärken. Stattdessen hat es seine Bürger zu abhängigen Betreuungsfällen gemacht. Andersdenken und Individualität sind ebenso wenig gewünscht, wie in der DDR. Wie gefährlich es ist, sich abhängig machen zu lassen, beschreibt Maron so:

„Wer in einer Diktatur, und sei es in einer gemäßigten lebt, neigt dazu, was immer geschieht, oder nicht geschieht, dem anzulasten, der ungebeten in sein Leben eingreift. Misserfolge im Beruf, vergeudete Talente, gescheiterte Ehen, schwere Krankheiten werden den äußeren Zwängen zugeschrieben…verschwindet die Diktatur, bleiben die Menschen mit ihren als unzureichend oder gar als misslungen empfundenen Biografien allein zurück.“

Auch das sollte eine Warnung sein.

Die Ostberliner Mauer, so Maron, erschien anfangs so unfassbar, dass auch ihre Befürworter an ihre Dauerhaftigkeit nicht glauben konnten. Aber sie wurde mit den Jahren zur Normalität.

„Was nicht zu ändern ist und dauerhaft zu unseren gewohnten Lebensbedingungen gehört, nimmt, so unnormal es auch sein mag, allmählich die Gestalt des Normalen an…“

Genau das geschah mit den Corona-Maßnahmen, die inzwischen zur kaum noch hinterfragten Gewohnheit geworden sind, so dass sie fast widerstandslos nach Abebben der Pandemie weitergeführt werden können. Sollten sie von einer Gesundheitsschutzmaßnahme in eine Klimaschutzmaßnahme überführt werden, ist zu befürchten, dass dies auf wenig Widerspruch stoßen wird.

Wer wissen will, was eigentlich los ist und wie es dazu kommen konnte, der sollte die Essays von Monika Maron lesen.

Monika Maron „Was ist eigentlich los?“

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Maria Stuart im Globe Charlottenburg – ein Sommernachtsereignis!

Es gibt sie noch – die Lichtblicke mitten im Corona-Frust, wo sich der von Politikwillkür und Behördenversagen geplagte Zeitgenosse erholen und wieder Hoffnung schöpfen kann. Einer dieser Lichtblicke ist das Globe Berlin, ein ganz besonders Theaterprojekt. Nach eigener Aussage möchten die Betreiber zu einem „kulturellen Höhepunkt“ Berlins werden.

Das ist ihnen voll und ganz gelungen. Sie bieten Theater vom Feinsten. Bis zum Wiederaufbau des hölzernen Theaterhauses bespielt das Globe-Ensemble ein aus hölzernen Versatzstücken des künftigen Baus zusammengesetzten offenen Ort, dessen kreisförmiger Innenraum einen unmittelbare Verbindung zwischen Schauspielen und Publikum herstellt. Das funktioniert so gut, wie im nachgebauten Globe aus Shakespeares Zeiten in London, nur ist es noch intimer, unmittelbarer.

Wenn die Zuschauer den Innenraum betreten, sitzt Maria Stuart (Wiebke Acion), ganz in leuchtendes Blau gehüllt auf einem hölzernen Podest, das an ein Schafott erinnert, summt vor sich hin und schreibt in ein Heft. Die Stühle der ersten Reihe sind nicht mehr als zwei Meter von der Bühne entfernt. Zusätzlich hat der Bühnenbildner (Thomas Lorenz Hertig) am Rand Stege aufgestellt, die kreisförmig um den Zuschauerraum angeordnet sind. Von dort kommen, wenn das Drama beginnt, die Herren Mortimer, der Kerkermeister (Benjamin Krüger) und Graf Leicester (Anselm Lipgens) als das nahende Unheil. Angedeutet wird das nur, indem sie rhythmisch auf ihre Rüstung, zeitgemäß aus Plastik nachgebildet, klopfen. Noch wiegt sich die schottische Königin in scheinbarer Sicherheit. Das Gericht, vor das sie gestellt wurde, bestand nicht aus Personen ihresgleichen. Eine Königin kann nur von einer Königin gerichtet werden, glaubt sie. Das ihre Gegenspielerin   Elisabeth (Saskia von Winterfeld) sagen könnte „Ihr Leben ist mein Tod, ihr Tod mein Leben“, übersteigt Marias Vorstellungsvermögen. Vor den Augen der Zuschauer entfaltet sich die ganze Härte des Dramas um politische Intrigen, Machtkampf, Irrtümer, abruptem Seitenwechsel, Verrat, menschlicher Schwäche und Wahnvorstellungen.

Schillers Stück wurde für diese Aufführung neu gefasst und auf vier Personen reduziert, was den Konflikt verdichtet und verdeutlicht. Die Regisseurin verzichtet auf alle Mätzchen und Knalleffekte, technische Raffinesse ist sowieso nicht möglich.

Die magische Wirkung der Vorstellung, die das Publikum von Anfang an in ihren Bann zieht und bis zum Schluss nicht mehr loslässt, beruht allein auf Schillers Wortgewalt und der hohen Darstellungskunst der vier Akteure auf der Bühne. Einen der Vier hervorzuheben, vermag ich nicht. Sie haben alle die leider etwas leisen Bravos während des Schlussapplauses mehr als verdient.

Wenn es nach der Pause dunkel wird und der Halbmond der Szenerie zusätzlichen Reiz verleiht, gibt es nichts mehr, das dieses Theatererlebnis noch steigern könnte.

Tatsächlich ist gelungen, was sich die Akteure vorgenommen hatten; wie in Shakespeares Zeiten, die darstellende Kunst in direktem Kontakt zu erfahren. Was Globe bietet, ist tatsächlich echtes Volkstheater. Dies zu erleben, tut der Seele gut.

Also: wer sich etwas Gutes tun und gleichzeitig dem um sein Überleben spielendes Projekt Unterstützung zukommen lassen möchte, sollte sich nach Berlin-Charlottenburg aufmachen. Das Globe spielt bis zum 18.September. Maria Stuart gibt es erst am 9., 10., 16., und 17. September wieder. Aber vorher kann man „Romeo und Julia“ oder Shakespeares „Sturm“ erleben, die, ich wage es zu sagen, obwohl ich diese Stücke noch nicht gesehen habe, von ähnlicher Qualität sein werden. Es gibt aber auch Lesungen am Montag und die „Swinging Hermlins“ am Dienstag.

Das vollständige Programm finden Sie hier: https://globe.berlin/index.php/spielplan-tickets

In diesen Corona-Zeiten sind wir alle aufgefordert „uns zum gesellschaftlichen Stellenwert von Kunst und Kultur zu positionieren“, wie es Christian Leonhard in seinem Geleitwort im Programmheft formuliert. „Wo wir gehen und stehen, kann künstlerische Schaffenskraft zur Lebensqualität beitragen und man darf behaupten […] dass wir geistig, emotional und seelisch ärmer wären, wenn es keine Konzerte, Opern, Ausstellungen, Lesungen, Kleinkunstauftritte, Tanzveranstaltungen und keine Theateraufführungen mehr gäbe“.

Wir dürfen nicht zulassen, dass „Andere darüber entscheiden wollen, ob wie, wo und was wir leben relevant sei“. Es ist an uns, das unmissverständlich klar zu machen!

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Die Wüste als Ort der Literatur

Jemanden in die Wüste schicken heißt, ihn auszuschließen, kalt zu stellen. Das Sprichwort drückt aus, dass die Wüste bis heute überwiegend als Ort der Verbannung, des Verlassenseins und der Todesgefahr wahrgenommen wird. Wer weiß heute noch, dass diese Worte bereits als Metapher für Sühne bei 3 Mose 16.10 stehen?

Dass die Wüste eine Landschaft ist, die seit Beginn der Schriftkultur die Menschen inspiriert und Ausdruck uralter Konflikte ist, die uns bis in die heutige Zeit begleiten, ist nahezu unbekannt. Dabei handelt es sich um eines der ältesten, zentralen Themen der Menschheit. So wird bereits im Gilgamesch-Epos der Gegensatz zwischen Stadt und Land thematisiert.

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Gelebte Toleranz: Rahel Varnhagen und ihr Salon

Der Eulenspiegel-Verlag hat die Porträts von Dorothee Nolte über Persönlichkeiten der Goethezeit mit einem Bändchen über Rahel Varnhagen fortgesetzt. Es bietet faszinierende und inspirierende Einblicke in die Geschichte Berlins.

Wenn man heute in der verkehrsumtosten Brache der ehemaligen Mitte Berlins steht, etwa am Neptunbrunnen, mit dem Rücken zum Fernsehturm, braucht man sehr viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass hier einmal ein Zentrum geistig – kulturellen Lebens war, ein Treffpunkt für die besten Köpfe, die Deutschland je hervorgebracht hat. In Sichtweite stand das Haus Spandauer Straße 68, der Wohnort von Moses Mendelsohn, der als mittelloser Jude in der Stadt ankam und als hochgeehrter Philosoph und Gelehrter hier starb. Seine Tochter Brendel, spätere Dorothea Schlegel, verdiente als eine der ersten Frauen ihren und den Lebensunterhalt ihres Mannes Friedrich als Schriftstellerin und Literaturkritikerin. Wenige hundert Meter entfernt stand das Haus, in dem Henriette Hertz geboren wurde, die später mit ihrem Salon Furore und Rahel Varnhagen Konkurrenz machte. Sie sprach ein halbes Dutzend Sprachen, darunter Hebräisch, Griechisch und Sanskrit und widmete sich in der zweiten Hälfte ihres Lebens der Unterrichtung von mittellosen Kindern. Schräg gegenüber dem Roten Rathaus, wo sich heute Spandauer- und Rathausstraße kreuzen, stand das Eckhaus Nr. 26, in dem Rahel Levin geboren wurde, die von keinem Geringeren als Heinrich Heine als „die geistreichste Frau des Universums“ genannt wurde.

Rahel selbst war nie literarisch tätig. Von ihr sind nur tausende Briefe überliefert und ihre Statements in Gesprächen mit den Größen ihrer Zeit, die von ihrem Mann, Karl August Varnhagen sorgfältig aufgeschrieben, redigiert und veröffentlicht wurden. Die drei Frauen, die eine entscheidende Rolle im geistigen Leben der Goethezeit spielten, kannten sich, seit sie Kinder waren und blieben einander als Freund-Feindinnen lebenslang verbunden.

Rahel, die sich selbst für unendlich häßlich hielt, ob sie es tatsächlich war, lässt sich heute nicht mehr feststellen, übte sich früh in der Kunst, Menschen, besonders Männer, mit ihrem Geist und Esprit zu verzaubern. Darin wurde sie zur Meisterin. Höhere Bildung, wie sie Henriette Hertz genoß, blieb Rahel verwehrt. Ihre Brüder besuchten Schulen, sie nicht. Sie leidet unter den Grenzen, die ihr als Frau und Jüdin gesetzt sind und versucht, ihnen durch Heirat zu entfliehen. Aber Graf Finck von Finckenkenstein löst nach jahrelanger Beziehung sein Eheversprechen nicht ein. Rahel bleibt lange ledig.

Als ihre Familie in die vornehme Friedrichstadt zieht, eröffnet sie in ihrer Dachstube einen Salon, der damals noch nicht so hieß. Sie bittet zum Tee. Und alle kommen. Teils ist es die Anziehungskraft von Rahels geistreichen Reden und Repliken, teils ist es das einzigartige Publikum, das man bei Rahel treffen konnte. Schriftsteller, Künstler, Schauspieler, Gelehrte, Naturforscher, sogar Prinz Louis Ferdinand, Juden und Christen beider Konfessionen geben sich die Klinke in die Hand. Rahels Dachstube war ein Hort geistiger Freiheit und vorurteilslosen Austauschs.

Aber wer war die Frau, die es schaffte, die größten Geister ihrer Zeit bei sich zu vereinen? Dorothee Nolte versucht in ihrem Buch „Rahel Varnhagen – Lebensbild einer Salonière“ den Menschen hinter dem Mythos zu entdecken. Sie bedient sich dabei eines Stils, den Rahel ihr diktiert haben könnte. Das Buch ist wie ein Gespräch aufgebaut, das von Gegenstand zu Gegenstand springt und schlaglichtartig charakteristische Szenen erhellt.

Rahel und ihre Männer. Sie bevorzugt große, schöne, vorzugsweise blonde, später auch sehr viel jüngere Männer, mit denen sie innige, wenn auch manchmal nur platonische Verhältnisse pflegt. Ihre letzte große Liebe ist der fast zwanzig Jahre jüngere Alexander von der Marwitz, der jung in einer Schlacht gegen Napoleon fällt, so dass er seine hervorragenden Anlagen, auch er spricht mehr als ein halbes Dutzend Sprachen, nicht mehr zur Entfaltung bringen kann.

Während sie von der Marwitz liebt, ist sie schon mit Varnhagen liiert, den sie mit Ende 30 eher aus Vernunftsgründen als aus übergroßer Neigung heiratet. Er betet sie seit frühester Jugend an, ohne ihn gäbe es die Rahel, die wir kennen nicht. Zum Beispiel den Schlagabtausch zwischen Rahel und dem Historiker Friedrich von Raumer. Auf dessen Frage, was er noch werden könnte, um sich zu vervollkommnen antwortete sie : „Werden sie ein Denker“. Ohne ihn wüßten wir nichts von Szenen wie dieser: Als mal eine Freundin versuchte, Varnhagen in Paris zu verführen, reagiert Rahel gelassen: Pölle wollte Ralles Mann kosten. Das konnte sie verstehen.

So charmant sie zu Männern war, so ambivalent war ihr Verhältnis zu Frauen. Sie beneidete Henriette Herz um ihre Schönheit und wünschte ihr deshalb den Tod. Sie überwarf sich mit fast allen ihren Freundinnen, die sie erst mit Schmeicheleien, später mit Gehässigkeiten überschüttete. Besonders erfolgreiche Frauen, die ihr Konkurrenz machen konnten, hat ihr Bannstrahl getroffen. Aber gerade diese menschlichen Schwächen, die Nolte zwar nennt, aber nicht beurteilt, bringen Rahel dem Leser näher, als es jede Lobhudelei vermag.

Rahels Faszination ist über die Jahrhunderte ungebrochen. Sie hat herausragende Denkerinnen wie Hannah Arendt und Carola Stern inspiriert. Dank Rahels Briefen und Gesprächen haben wir ein faszinierendes Bild eines freien, toleranten, innovativen Berlin, wie es vorher und nachher nicht existiert hat.

Wem die Gesammelten Werke (10 Bände) zu umfangreich sind, kann zu Noltes Buch greifen. Der Autorin ist es gelungen, Rahels Gedanken in komprimierter Form nahe zu bringen. Am Ende wird man feststellen, dass der kleine Band nicht nur vergnüglich zu lesen war, sondern die Lektüre den Leser gebildet hat, ohne ihn zu belehren. Ganz im Sinne Rahels.

Dorothee Nolte: „Rahel Varnhagen – Lebensbild einer Salonière

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Die unheimliche Ähnlichkeit eines Thrillers mit der Wirklichkeit

Normalerweise würde ich einen Thriller von Sebastian Fitzek nie gelesen haben. Ich kann aber, wie schon oft an dieser Stelle gestanden, an keinem Give-and-Take-Regal vorbei gehen, ohne hineinzusehen. In diesem Fall habe ich den Band in die Hand genommen, um zu schauen, was dahintersteht. Dabei fiel mein Blick auf die Rückseite: „Zur Geburt Jesu Christi lebten 300 Millionen Menschen auf unserem Planeten. Heute sind es sieben Milliarden. Wie viel ist zu viel?“ Dazu der Titel Noah. Meine Neugier war geweckt und wurde durch mein Erstaunen übertroffen, als ich anfing, zu lesen.

Es beginnt mit einer beklemmenden Schilderung des Lebens einer vaterlosen Familie in einem am Rande einer Müllkippe gelegenen Slum von Manila. Alicia in ihrer 4 Quadartmeter großen Blechhütte hat keine Milch für ihr neu geborenes Baby. Ihr 7-jähriger Sohn Jay klaubt auf der Müllkippe nach Kupferdraht und Plastik. Er ist der Ernährer der Familie. Leider hat er zurzeit wenig Glück, das heißt, Alicia hat außer Wasser nichts im Kochtopf. Dann beginnt ein Hubschrauber über dem Slum zu kreisen und ein Cousin von Alicia kommt in die Hütte mit der Nachricht, dass die Polizei alle Ausgänge des Slums abriegelt. Sie müssten sofort hier raus. „Ich glaube, sie wollen uns töten“.

Zur selben Zeit erwacht in Berlin ein Mann mit einem Schulterdurchschuss aus der Ohnmacht. Er weiß nicht, wer er ist und wie er nach Berlin kam. Der obdachlose Oskar hatte den gut gekleideten Fremden auf den U-Bahngleisen gefunden, in sein unterirdisches Versteck gebracht und gepflegt. Er will natürlich wissen, wer dieser Mann mit der guten Kleidung ist, der sichtbar nicht auf der Straße gelebt hat. Einziger Hinweis ist eine primitive Tätowierung auf dem Handteller des Verletzten: Noah. Ist das sein Name, oder eine Art Code?

Beide Ereignisse spielen sich ab in einer Zeit, die von Eingeweihten die Stufe eins genannt wird. Eine extremistische Abspaltung der Bilderberger, Konzernchefs, Politiker, Top-Journalisten, die sich seit den 50er Jahren jährlich in den nobelsten Hotels der Welt treffen, um hinter verschlossenen Türen über das Schicksal der Welt zu beraten, hat sich entschlossen, nicht nur zu reden, sondern zu handeln. Der Plan, den die Gruppe unter Führung des Multimilliardärs Zaphire ausgeheckt hat, sieht drei Stufen vor. In der Stufe eins wird die Weltbevölkerung mittels Chemtrails mit einem Virus infiziert, der an sich harmlos ist. In Stufe zwei werden die Menschen mit einem zweiten Virus kontaminiert, der in Verbindung mit dem ersten heftige Grippesymptome, die neuartige Manila-Grippe auslöst.  Bald nach Auftreten dieser Grippe, wird sie zur Pandemie erklärt, was dazu führt, dass weltweit Quarantänen ausgelöst werden. Die Fernsehstationen übermitteln dramatische Bilder von abgesperrten Flughäfen, es setzen weltweit Fluchtbewegungen ein.

In dieser aufgewühlten Situation verkündet Zaphire, dem unter anderem ein Pharmakonzern gehört, der Öffentlichkeit, dass er ein Medikament gegen die Manila-Grippe entwickelt habe, das er aber hauptsächlich den Entwicklungsländern zur Verfügung stellen wolle. In Wahrheit löst dieses Medikament, dessen Verteilung die Stufe drei in Bewegung setzt, erst die tödlichen Symptome aus. Geplant ist die drastische Reduzierung der Weltbevölkerung, um den Planeten zu retten. Natürlich gibt es ein zweites Medikament, das an Auserwählte verteilt wird und gegen die Krankheit immunisiert.

Wenn man den Thriller liest, bekommt man Gänsehaut ob der Parallelen zum aktuellen Corona-Geschehen. Hier wie da bestimmen Konzernbosse; die Politiker, bei Fitzeck beispielhaft der amerikanische Präsident, wissen zwar Bescheid, wollen oder können aber nichts gegen diesem teuflischen Plan tun. Die Begründung ist auch schwer zu widerlegen. Als Noah nach qualvoller Suche endlich herausfinden musste, dass er ein Sohn des Ungeheuers Zaphire ist und sein Zwillingsbruder das tödliche Medikament entwickelt hat, kommt es, nachdem es Noah gelungen war, den Plan zu enthüllen und damit die Ausführung der Stufe drei zu stoppen, zum Showdown zwischen Vater und Sohn.

„Was glaubst Du denn geschieht mit all den Seelen, die Du gerettet hast? […] Sie sterben trotzdem. Nur qualvoller. Und ihr Todeskampf dauert länger. Sie verdursten, verhungern, schlachten sich gegenseitig in Kriegen ab und verrecken an Krankheiten für die wir ihnen die Medikamente verweigern. In vierzig Jahren geht das Öl aus. Dabei beginnen China, Indien und die anderen Schwellenländer gerade damit, die Rohstoffe zu vernichten, um die sich bald neun Milliarden Menschen die Köpfe einschlagen werden. Eine Milliarde Menschen haben schon jetzt keinen Zugang zu Trinkwasser. Beinahe sekündlich stirbt ein Baby an Unterernährung. Alle vier Minuten erblindet ein Mensch, weil er sich kein Vitamin A leisten kann. 13 Millionen pro Jahr davon sind Kinder.“

„Also ermorden wir sie lieber gleich? Wie lange hast Du schon Deinen Verstand verloren? Wir reden hier über Menschen, nicht über ein Pferd, dem man den Gnadenschuss gibt“, erwidert Noah, der aber auch keinen Ausweg aus diesem Dilemma weiß.

Die Parallelen zur Corona-Pandemie sind erschreckend. Zwar sind es nicht die klandestinen Bilderberger, oder ihre nichtexistierende extremistische Untergruppe, die für die Blaupause des Infektionsgeschehens verantwortlich sind, sondern in der Realität hat das Weltwirtschaftsforum diese Rolle übernommen, und das ganz offen. In „Covid-19: The Great Reset“ beschreibt der Gründer des WWF, Klaus Schwab, wie die „goldene Gelegenheit“ (Prinz Charles) wahrgenommen werden soll, die gesamte Welt, wie wir sie kennen, umzubauen. Nichts soll mehr so sein, wie es vor der Pandemie war. Ganze Wirtschaftszweige, Tourismus, Individualverkehr, Einzelhandel, Gastronomie sollen verschwinden. Der Mittelstand wird durch die Corona-Maßnahmen liquidiert, die Konzerne werden übernehmen. Schon jetzt konnte Amazon seine Gewinne um ein Drittel steigern. Über die verheerenden Folgen, die das besonders für die Entwicklungsländer hat, wird nicht gesprochen. Bereits jetzt kann man klar erkennen, dass die Kollateralschäden der politischen Pandemiebekämpfung größer sind, als die Schäden, die durch die Pandemie angerichtet wurden.

Was im Roman das Medikament, sind in der Realität die Impfungen. Die finden weltweit massenhaft statt, mit Mitteln, die nur eine vorläufige Zulassung haben, weil die Nebenwirkungen und Langzeitschäden nicht erforscht sind. Es handelt sich um den wohl größten Feldversuch in der Geschichte der Menschheit – und kein Noah in Sicht. Im Buch wie in der Realität spielt das Robert-Koch – Institut eine fragwürdige Rolle. Das RKI liefert die Zahlen, die als Begründung für die Verstetigung des Ausnahmezustands herhalten, obwohl sie das wirkliche Infektionsgeschehen nicht abbilden, weil auch positiv auf das Corona-Virus Getestete, die nicht infektiös sind, als Neuinfektionen mitgezählt werden.

Wie im Thriller profitieren die Konzerne an der Produktion der Impfstoffe und der Antigentests. Wie Zaphire denkt Bill Gates global. Er hat 2020 in der Tagesschau verkündet, dass sein Ziel die Impfung der Weltbevölkerung ist. Kanzlerin Merkel, die angeblich mächtigste Frau der Welt, hat dasselbe als ihr politisches Ziel verkündet.

In einem Nachwort schreibt Fitzek, dass er Teil des Dilemmas ist, das er in seinem Werk beschrieben hat. Er weiß keine Lösung, nur, dass schnell eine gefunden werden muss.

Wenn sein Thriller dazu beiträgt, das Problembewusstsein seiner Leser zu schärfen, hat er schon viel erreicht.

Sebastian Fitzek: Noah