Kategorien
Buch/Filmkritik

Notizen von unterwegs – Vorwort: Hinter den Fassaden des Alltäglichen von Chaim Noll

Vera Lengsfeld ist in ihrem Leben weit gereist. Ihre Notizen von unterwegs hat sie zu kurzen, prägnanten Reiseberichten kompiliert, die tagebuchartig festhalten, wo sie war, was sie gesehen und gehört hat, und gelegentlich, doch nie dominierend, was sie darüber denkt. So berichtet sie von Reisen in alle Himmelsrichtungen, nach Argentinien, Litauen, Israel, China, Rumänien, Spanien, Zypern, Estland, Kuba, Deutschland, Polen, Chile oder Sibirien, auch in Gegenden, über die sonst kaum etwas Vernünftiges zu erfahren ist wie das quasi-autonome Gebiet Transnistrien.

Die Autorin gibt keine unnötigen Erklärungen ab, warum sie sich an diesem oder jenem Ort aufhielt, teilt über sich nur das Nötige mit und vermeidet die bei anderen Reiseautoren üblichen Abschweifungen in eigene Reflexionen und Weltgedanken. Gegenstand ihres Berichts ist immer der besuchte Ort. Den versucht sie, soweit möglich, zu Fuß zu erkunden. So, „auf Augenhöhe“, in direktem vis à vis, begegnet sie dem Unbekannten, das sie fernen Orts erwartet, stellt sich ihm mit Neugier und Offenheit, mit einem jugendlich wirkenden Interesse an den Problemlösungen anderer.

Wie genau sie die Atmosphäre einer Stadt oder Landschaft einzufangen weiß, kann ich dort nachvollziehen, wo sie mir bekannte Orte besucht, etwa Petrosawodsk in Karelien. Genau so habe ich selbst diese weltferne Gegend in Erinnerung. Ihre Neugier geht in die Tiefe, oft schmerzhaft, auf Kosten der Idyllik des Reisens. Ihrerseits früh mit Geschichte konfrontiert, erweist sie sich als unerschrockene Spurensucherin, versessen auf das Historische hinter den Fassaden des Alltäglichen.

In Moskau sieht sie die Schönheit des rekonstruierten alten Arbat, doch sie wirft auch einen Blick auf das Hotel Lux, in dem in den dreißiger Jahren, zur Zeit der „Großen Säuberung“, die emigrierten Ausländer wohnten und in hypnotischer Starre warteten, bis die Männer in den Ledermänteln kamen, meist im Morgengrauen, und sie abholten. Gleich nebenan ist die Lubjanka, das Gefängnis der sowjetischen Staatssicherheit, in der abgeurteilt, nach Sibirien verschickt, nicht selten auch gleich hingerichtet wurde. Vera Lengsfeld, kundig in der Literatur des Schreckens, erkennt das Dom na Nabereshnoj, das „Haus an der Uferstraße“, dessen Insassen, Funktionäre und hohe Offiziere, fast alle den Weg in die Lager gingen. Zugleich ist sie imstande, die grandiose Ausstrahlung der alten russischen Metropole zu beschreiben, die den Schatten standhält, die eine wechselvolle, nicht selten tragische Geschichte auf sie wirft.

Die meisten Orte, die sie besucht hat, befinden sich in einem rapiden, manchmal radikalen Wandel. So dass es an sich verdienstvoll ist, den Jetzt-Zustand gewissenhaft zu beschreiben, weil er zum Zeitpunkt der Niederschrift schon aufgehört hat zu bestehen und womöglich nur in Lengsfelds Notizen überdauert. Das gilt für die Wunden und Krater des Krieges auf dem Balkan nach dem Zerfall Jugoslawiens, für die Foltermale Rumäniens, das bunte Elend Kubas der späten Castro-Zeit. Novosibirsk nennt sie in diesem Nebeneinander von alt und neu, von gestriger Misere und sich abzeichnendem Aufschwung eine „Patchworkstadt“. Das Wort trifft in dieser Zeit schneller Veränderung auf manchen der besuchten Orte zu. Sogar Ushuaia auf Feuerland, am Rand der bewohnbaren Welt, kurz vor dem Übergang ins ewige Eis, hat sich verwandelt: aus der ehemaligen argentinischen Strafkolonie von achthundert Seelen wurde, wie die Reisende festhält, binnen weniger Jahrzehnte „eine boomende Stadt mit 60 000 Einwohnern.“

Viele historische Details, die Vera Lengsfeld recherchiert und repetiert, waren mir unbekannt, und jetzt davon zu erfahren, macht dieses Buch für mich zur spannenden Lektüre. Weil sich im Historischen immer die Geheimnisse des Heutigen verbergen, über die nachzudenken wir sanft genötigt werden. Ich wusste bisher wenig oder nichts über Beijings Stadtentwicklung, über die strukturellen Probleme chinesischer Mega-Metropolen, oder über Kuba, wo ich nie war. Oder über die Wechselfälle in der Geschichte der Insel Helgoland. Oder die Tragödie der Stadt Warschau, die von den Nazis „zu neunzig Prozent dem Erdboden gleich gemacht“ wurde.

Doch das Unheimliche, Bedrohliche kann auch mitten im Frieden geschehen, in einer westlichen Demokratie. Bei einem Besuch in Madrid beobachtet Vera Lengsfeld die Diskrepanz zwischen Medienbild und Wirklichkeit, die neue, heimliche Art der Desinformation: „Als ich am anderen Morgen die Nachrichten im Fernsehen anschaue, stelle ich fest, dass die Zahl der Teilnehmer des Protestzuges absurd niedrig angegeben wurde. Sechshundert sollen es nur gewesen sein, wo ich mehrere Tausend an dieser Kreuzung gesehen habe (…) Arroganz der Macht? Auf die Dauer werden sie damit nicht durchkommen.“

Arroganz und Schwäche westlicher Politik entgehen ihr nicht, vor allem nicht die Zeichen einer verfehlten, antiquierten Außenpolitik der europäischen Staaten: „Die Türkei denkt nicht daran, die griechische Stadt Famagusta zurückzugeben, wie sie sich verpflichtet hat. Sie kann darauf vertrauen, dass die EU von ihr die Vertragserfüllung nicht einfordert.“ Und sie ahnt die Folgen dieser schwachen Politik: „Ich werde das beklemmende Gefühl nicht los, dass unsere Reise in die Vergangenheit des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien eine Zeitreise in die Zukunft Europas ist.“

Vera Lengsfeld ist eine Frau mit großer Lebenserfahrung und politischem Gespür. Wie ihre Reise-Impressionen zeigen, ist sie weit in der Welt herum gekommen. Dabei bodenständig geblieben mit ihrem Hanggrundstück voller Obstbäume, das sie von ihrer Großmutter in Thüringen geerbt hat. Einmal bin ich mit ihr in der Wüste gewandert und habe ihre unglaubliche Ausdauer erlebt. Die sie auch anderswo zeigt, zum Beispiel in ihrem Eintreten für demokratische Freiheiten. Sie erkletterte die Sandhügel und Felsen der Negev-Wüste schneller als jeder andere. Training, sagte sie. Denn sie muss, um ihre Obstbäume zu ernten, ständig hügelauf und -ab laufen. Reisen ist nur eine Seite ihre Lebens. Und sie ist davon nicht, wie viele andere, konfus, „für alles offen“ und meinungslos geworden. Vera ist auf ihren weiten Fahrten durch die Welt ein Mensch geblieben, der ein Zuhause hat, eine klare Orientierung.

Chaim Noll

Kategorien
Buch/Filmkritik Kultur

Der Auserwählte oder die Gefährlichkeit der Einheitsmeinung

Ein Freund empfahl mir kürzlich den Film „Stalins Tod“.
Auf der Suche danach bin ich bei Netflix erst zu „Er ist wieder da“ geleitet worden, was ich mir aber nicht antun wollte, dann über „Roman Empire“ zu „The Chosen“, wo ich hängengeblieben bin. Es ist nicht die Serie über Jesus Christus, sondern ein Film über den Mörder von Stalins Konkurrent Leo Trotzky, leider nur in Spanisch, mit englischen Untertiteln. Das Werk beginnt mit Originalaufnahmen von Lenin, Trotzky und Stalin, bis hin zu einer Erschießung.

Die eigentliche Story nimmt ihren Ausgang im spanischen Bürgerkrieg. Eine kommunistische Funktionärin fährt an die Front, um ihrem Sohn mitzuteilen, dass er für eine besondere Mission ausgewählt wurde. Der will eigentlich nicht, beugt sich aber dem Diktum, dass die Partei bestimmt, wohin er gestellt wird. In der Sowjetunion wird er in einer ablegenden Hütte, wo ihm als einziger Gefährte ein Hund beigeben wird, für seinen Auftrag trainiert. Er muss vergessen, je Spanier gewesen zu sein, sondern ist der belgische Staatsbürger Jacques. Am Ende des Trainings wird seine Härte gestetet, indem ihm sein Ausbilder befiehlt, den geliebten Hund zu erschießen, was er tut.

Der Auserwählte wird zuerst nach Paris geschickt, wo er der Sekretärin von Trotzky zugeführt wird. Er spielt ihr vor, sich in sie verliebt zu haben, so erfolgreich, dass sie ihm glaubt, dass er ihretwegen nach Mexiko kommen wird, wohin sie zurück muss. Der Film gibt interessante Einblicke , wie stark die GPU in Mexiko vertreten war und wie rücksichtslos sie Genossen aus dem Weg räumte.
Der Auserwählte wird in Mexiko Stadt auf der Straße von seinem verehrten ehemaligen Kommandeur aus dem Bürgerkrieg erkannt. Er versucht, ihn loszuwerden, wird aber von seine ewigen Begleiten aufgefordert, ihn zurückzurufen und abzulenken, bis er von den GPUlern abgeholt werden kann. Auch das tut er und stellt sich taub, als der Freund ihn um Hilfe ruft, weil er ahnt, was es bedeutet, in ein Auto gezerrt zu werden. Am Tag darauf findet man den Kommandeur ertrunken in einem Parkteich.

Auch als ein Anschlag auf Trotzky schief geht, weil es dem gelingt, sich und seine Frau Natalia rechtzeitig aus dem Bett zu retten, das von verkleideten Polizisten unter Beschuss genommen wird, wird der vermeintliche Verräter, der gänzlich unschuldig, aber frisch aus New York eingetroffen war, sofort beseitigt. Der Auserwählte fragt zwar, ob es nötig gewesen sei, zwei treue Genossen hinzurichten, gibt sich aber mit der Antwort seiner Mutter, die neben dem GPU-Ausbilder die Operation Trotzky leitet, dass die Sache der Partei eben manchmal Opfer erfordere, zufrieden.

Nun muss der Auserwählte selbst Hand an Trotzky legen. Ihm war es inzwischen gelungen, mittels seiner Geliebten, die bei seinen heimlichen Treffen mit der GPU nur „die Sekretärin“ genannt wird, Zugang zu Trotzkys Haus zu erhalten. Zwar mißtraut der deutsche Sicherheitschef Trotzkys dem Auserwählten zutiefst, auch Trotzkys Frau Natalia hat Vorbehalten gegen ihn, aber Trotzky ließ ihn weiter zu sich.
Am Tag des Mordes wunderte man sich , warum der Auserwählte einen Regenmantel über dem Arm trug, gab sich aber mit der Antwort, er wolle auf plötzliche Regengüsse vorbereitet sein, zufrieden.
Trotzky nahm ihn trotz aller Warnungen wegen eines nächsten Anschlags mit in sein Büro, ließ es sogar zu, dass der Mörder hinter seinen Schreibtischstuhl trat und gab ihn damit die Gelegenheit, den im Mantel versteckten Eispickel hervorzuholen und ihn zu erschlagen. Das gelingt nicht sofort, denn trotz intensiven Trainings erwischte er Trotzkys Kopf nur seitlich. Trotzky konnte ihm noch den Eispickel entwinden und um Hilfe rufen.
Der schwerst verwundete Trotzky befahl noch seinen Leuten, den Attentäter am Leben zu lassen, damit er seine Geschichte offenbaren könne. Das gelang aber nicht. Trotz erdrückender Gegenbeweise bestand der Auserwählte unter Folter, vor Gericht und in während seiner zwanzigjährigen Haft darauf, der belgische Staatsbürger Jaques zu sein.
Nach seiner Entlassung ging er in die Sowjetunion, wo er mit dem höchsten Titel „Held der Sowjetunion“ geehrt wurde. Seine Mutter war schon vor ihm da gewesen, hatte die Härten des realsozialistischen Lebens aber nicht ausgehalten und es vorgezogen nach Spanien zurückzukehren und ihr Leben als kleine Versicherungsangestellte zu beenden.
Den Auserwählten hielt es auch nicht im Vaterland aller aufrechten Kommunisten, er ging nach Cuba, wo er hochbetagt starb.

Das Interessante an dem Film war, wie tief alle Akteure ihr Marionettendasein verinnerlicht hatten. Sie taten, was die Partei ihn befahl und waren sich möglicher Konsequenzen durchaus bewußt. Der Trainer des Auserwählten sagte, jeder würde beobachtet, alle könnten vor dem Erschießungskommando enden. Wichtig wäre allein die Partei.

Jeder, dem nicht klar ist, wie gefährlich eine Einheitsmeinung ist, sollte sich diesen Film ansehen.
Der aktuelle Bezug ist, dass wieder massiv eine Einheitsmeinung gefordert wird. Wir sollten uns der Gefahr, die das bedeutet, bewußt sein.

Kategorien
Allgemein

Ich denke auf eigene Rechnung – Ettersburger Gespräche über Horaz

Es gibt viele Gründe, das Schloss Ettersburg bei Weimar zu besuchen. Seit diesem Jahr ist einer dazugekommen. Der Schlossgarten von Goethes Lieblingsaufenthalt wurde aufwendig restauriert und präsentiert sich jetzt im Gewand der Goethezeit, samt wunderbar duftenden historischen Rosen. Aber Hauptgrund bleibt das von Peter Krause organisierte künstlerische Programm, das seit Jahren Schauspieler, Musiker, Literaten, Philosophen und ihr Publikum magisch anzieht. Dazu gehören die Ettersburger Gespräche, die in der Regel sonntags um 16.00 stattfinden. Letzten Sonntag wurden sie nach anderthalbjähriger Corona-Zwangspause unter dem Motto „Weltlosigkeit“ wieder aufgenommen.

Zu Gast waren Uwe Tellkamp und Christoph Schmitz-Scholemann, der 22 Briefe von Horaz neu übersetzt hat. Und was für ein Übersetzung! Deutschland hat nicht nur Hidden Champions in der Wirtschaft. Es gibt sie auch in der Literatur. Einer davon ist Schmitz-Scholemann, ein ehemaliger Arbeitsrichter, also ein Humorist (Tellkamp),von der Neigung aber Altsprachler, der sich in seiner Freizeit literarischen Übersetzungen widmete. Seine Horaz-Übersetzung erschien unter dem Titel: „Und zum Glück fehlt mit nichts – nur Du“. Horaz wollte im letzten Drittel seines Lebens etwas schreiben, das „den Armen ebenso nützt, wie den Reichen, etwas, worüber sich niemand, ob alt oder jung, ohne Schaden hinwegsetzt“. Gewählt hat er die Form des literarischen Briefes, der ihm die besten, privatesten Ausdrucksmöglichkeiten bot. Verfasst sind dieses Briefe in Hexametern. Es gibt zahlreiche Übersetzungen, auch von Wieland und Herder, die aber mehr um die Hexameter als um die Leser kümmerten. Schmitz-Scholemann wollte es anders machen. Er war überrascht gewesen vom „unverbrauchten, humorvollen Ton und dem großstädtischen Tempo dieser Gedichte“, die ihn brüderlich ansprachen. Diesen Ton wollte er den Lesern vermitteln. Das ist vollkommen gelungen.

Horaz Briefe lesen sich, als wären sie gestern abgeschickt. „Krieg an den Rändern des Imperiums, billige Arbeitskräfte aus dem Osten drängen in die Metropole. Unermesslicher Reichtum der Eliten. Empfängnisverhütung, Kochbücher und Schminke haben Konjunktur, die Geburtenrate sinkt, die Scheidungsrate steigt. Die Massen rennen in die Stadien und brüllen vor Begeisterung, wenn Männer aus fremden Ländern einander bekämpfen. Die Gerichte werden mit Klagen überschwemmt, die Redekunst der Anwälte ist exquisit […] Ingenieure verfeinern die Heizungstechnik, den Straßenbau, die Waffen. Wen mitten in den lukullischen und venerischen Orgien die Langeweile anfällt, dem helfen öffentliche Spaßvögel und Philosophen, die ihren Zynismus für teures Geld unters Volk bringen“. Rom, wenige Jahrzehnte vor der Geburt Christi, oder heutige Zeiten? Diese Skizze römischen Lebens liest sich wie eine aktuelle Zustandsbeschreibung.

Horaz will seinen Zeitgenossen vermitteln, wie sich der Mensch in solchen Verhältnissen verhalten kann. Wie soll man leben? Zu allen Zeiten haben Menschen an den sie umgebenden Zuständen oder ihrer Unfähigkeit gelitten. Horaz ist Optimist: „Ob Jähzorn Dich quält, oder Geiz, ob du ein Hurenbock bist, ein Trunkenbold oder ein Faulpelz – niemand ist so verwildert, dass er sein Leiden nicht mildern könnte. Nur muss er bereits sein, zu lernen“.

Horaz plädiert also für ein selbstbestimmtes Leben, ohne die Erwartung, dass der Staat alles richten soll. Das ist eine wichtige Botschaft für unsere Zeit, in der die Meinung allgegenwärtig ist, dass man die Vorstellung vom richtigen Leben besser nicht dem Einzelnen überlassen sollte. Im Gegenteil, es herrscht die Idee, wie Schmitz-Scholemann in seinem Nachwort schreibt, dass dies eine Sache von Verordnungen, ja Programmierungen ist, die dem Einzelnen nicht mehr unterschieden lassen soll, was er will. Er zitiert einen Soziologen, der im Radio äußerte: „Die Menschen müssen das, was sie sollen, auch wollen können“. Das ist ein Plädoyer dafür, dass Politiker, Beamte, externe Berater festlegen, wie ein richtiges Leben auszusehen hat. Gegen diese Zumutung hilft die Lektüre von Horaz.

Was der auf seinem Landgut, das von Maecenas, an den der erste Brief gerichtet ist, gesponsort wurde, aufschreibt, ist eine zeitlose Orientierung für eine gelungene Existenz. Entgegen dem eben zitierten Leben nach Gebrauchsanweisung kommen Horaz Ratschläge als Gesprächsangebote daher, nicht als Direktiven. Um „Haltung und wenn möglich Heiterkeit zu bewahren, braucht der Mensch keine tausend Steuertricks, keine Tofu-Schnitzel und keine disruptiven Narrative. Er braucht einen anderen Menschen, um mit ihm zu reden. Zum Glück fehlt Horaz nichts, außer ein Gegenüber. Wir Corona-Maßnahmen-Opfer wissen, dass er Recht hat. Wir brauchen die Anderen. Horaz lädt ein: wenn Du Lust hast, zu lachen, komm zu Besuch.

Diese Botschaft hat das Publikum des Ettersburger Gesprächs sehr beschwingt, wie an den lebhaften Diskussionen nach der Veranstaltung zu merken war. Jeder ist bereichert nach Hause gegangen mit dem frohen Wissen, dass die nächste Ettersburger Gespräche bereits fest geplant sind.

Am 5.September kommt Monika Maron, über alle Gespräche kann man sich hier informieren.

https://schlossettersburg.de/kultur/kalender/?

Kategorien
Allgemein

Was ist eigentlich los?

Monika Maron, die in diesem Jahr ihren 80.Geburtstag und ihr vierzigjähriges Jubiläum als Schriftstellerin feierte, hat in ihrem neuen Verlag einen Band mit Essays aus vier Jahrzehnten herausgebracht. Was man da lesen kann, ist keineswegs verstaubt, sondern überwiegend brandaktuell. Maron gehört zweifelsohne zu den schärfsten Analytikerinnen des Zeitgeistes. Ihre Beobachtungen sind genau, ihre Schlussfolgerungen präzise. Das bekommen ihre Kontrahenten zu spüren, denen sie keine Ungenauigkeit durchgehen lässt.

Jürgen Kaube bringt in seinem Vorwort ein Beispiel aus dem öffentlichen Briefwechsel mit dem Autor Joseph von Westpahlen, mit dem sie 1987 einem größeren westdeutschen Publikum bekannt wurde, weil er wöchentlich in der Zeit abgedruckt wurde.

„Unvergesslich bleibt, wie Westphalen den Spruch „Schwerter zu Bierdosen“ aufnahm, eine Persiflage auf das friedensbewegte „Schwerter zu Pflugscharen!“, um Monika Maron zu fragen, ob der „pfiffige Aufruf“ womöglich aus der DDR stamme. Maron: In der DDR gäbe es gar kein Dosenbier. Und kein Verwaltungsrecht, das einem im Umgang mit dem Staat womöglich nützlicher sei, als Pfiffigkeit. Man könne sich beschweren, aber nicht klagen.“ Solche Sätze liest man in Zeiten der Bundesnotbremse, mit der die Verwaltungsgerichtsbarkeit ausgehebelt wurde, um die vielen Klagen gegen undurchdachte Corona-Schutzmaßnahmen zu drosseln, ganz neu.

Es ist immer schwierig, einen Band mit vielen Essays zu besprechen, deshalb konzentriere ich mich auf eins aus dem Jahr 2002, um meine oben getroffenen Feststellungen zu belegen.

„Lebensentwürfe und Zeitenumbrüche“ ist der Titel des Textes, der in der Süddeutschen Zeitung erschien.

„Wer es sich zu einfach macht beim Rückblick auf seine Geschichte, beraubt sich seiner Biografie.“ Dieser hätte nicht nur Annalena Baerbock als Warnung dienen müssen, bevor sie mit einem zusammenphantasierten Lebenslauf in den Kampf ums Kanzleramt zog. Er ist essentiell, um zu verstehen, was nach der Vereinigung der zwei deutschen Teilstaaten schief lief.

Man solle sich seine Biografien erzählen, forderte die Schriftstellerin Christa Wolf im Osten und Bundespräsident Richard von Weizäcker im Westen. Das gegenseitige Verständnis wurde damit nicht wesentlich gefördert.

„Es schien sogar, als ob die ostdeutschen Lebensberichte über Stasiverfolgung, Bildungsbehinderung, Berufsverbote oder auch nur den täglichen Irrsinn, die, da sie ein eintöniges  Leben beschrieben auch eintönig anzuhören waren, die Westdeutschen bald langweilten, zumal sie selbst wenig zu Wort kamen.“ Außerdem konnten die Ostdeutschen ihr Leben verklären, wenn es gelang, „den eigenen Lebensfaden“ mit „dem grandiosen historischen Ereignis, dem Sturz eines Regimes und dem Vollzug der nationalen Einheit“ zu verschmelzen. Die Ostdeutschen hatten die Revolution gemacht, von der die Westdeutschen, jedenfalls die 68er nur geträumt hatten.

Es wurde aber weitgehend übersehen, was die nachhaltigste Hinterlassenschaft der DDR war, ihre Bürger in einer Art Dauerpubertät gehalten zu haben. „Wer ein Leben lang gehindert wird, die berechenbaren Folgen seines Tuns zu verantworten und im Dialog mit seiner Umwelt die eigenen Konturen und Grenzen zu erfahren, wird ein Leben lang nicht erwachsen werden, sondern sich, je nach Temperament, in infantilen Trotz, ziellose Rebellion oder andere Ausweichstrategien flüchten; die defensiven Talente werden bis zur Perfektion entwickelt, während die offensiven verkümmern.“

Wer als Staatsfeind endete, begann möglicherweise nur mit einem unbeherrschten Ausbruch gegen einen Lehrer oder Polizisten und setzte damit einen Mechanismus in Gang…bis der aufsässige Mensch außerhalb der Gesellschaft wiederfand, zu der er ursprünglich hatte gehören wollen, aber als der, der er war.“

Maron beschreibt hier Mechanismen, wie sie im vereinten Deutschland seit 20 Jahren wieder erstehen.

Der Hirnforscher Gerald Hüther beschreibt die Infantilisierung unserer Gesellschaft, in der Menschen nicht mehr erwachsen werden wollen. Unsere Gesellschaft besteht aus Betreuungsmodulen, die vom Kindergarten bis zum Altersheim reichen. Das macht Menschen abhängig und unfähig, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Wie soll jemand Verantwortung übernehmen, der das für sich selbst nicht kann?

Das vereinte Deutschland hätte aus der Erfahrung der Diktatur den Schluss ziehen müssen, dass es alles tun muss, die Autonomie und Selbstverantwortung des Menschen zu stärken. Stattdessen hat es seine Bürger zu abhängigen Betreuungsfällen gemacht. Andersdenken und Individualität sind ebenso wenig gewünscht, wie in der DDR. Wie gefährlich es ist, sich abhängig machen zu lassen, beschreibt Maron so:

„Wer in einer Diktatur, und sei es in einer gemäßigten lebt, neigt dazu, was immer geschieht, oder nicht geschieht, dem anzulasten, der ungebeten in sein Leben eingreift. Misserfolge im Beruf, vergeudete Talente, gescheiterte Ehen, schwere Krankheiten werden den äußeren Zwängen zugeschrieben…verschwindet die Diktatur, bleiben die Menschen mit ihren als unzureichend oder gar als misslungen empfundenen Biografien allein zurück.“

Auch das sollte eine Warnung sein.

Die Ostberliner Mauer, so Maron, erschien anfangs so unfassbar, dass auch ihre Befürworter an ihre Dauerhaftigkeit nicht glauben konnten. Aber sie wurde mit den Jahren zur Normalität.

„Was nicht zu ändern ist und dauerhaft zu unseren gewohnten Lebensbedingungen gehört, nimmt, so unnormal es auch sein mag, allmählich die Gestalt des Normalen an…“

Genau das geschah mit den Corona-Maßnahmen, die inzwischen zur kaum noch hinterfragten Gewohnheit geworden sind, so dass sie fast widerstandslos nach Abebben der Pandemie weitergeführt werden können. Sollten sie von einer Gesundheitsschutzmaßnahme in eine Klimaschutzmaßnahme überführt werden, ist zu befürchten, dass dies auf wenig Widerspruch stoßen wird.

Wer wissen will, was eigentlich los ist und wie es dazu kommen konnte, der sollte die Essays von Monika Maron lesen.

Monika Maron „Was ist eigentlich los?“

Kategorien
Allgemein

Maria Stuart im Globe Charlottenburg – ein Sommernachtsereignis!

Es gibt sie noch – die Lichtblicke mitten im Corona-Frust, wo sich der von Politikwillkür und Behördenversagen geplagte Zeitgenosse erholen und wieder Hoffnung schöpfen kann. Einer dieser Lichtblicke ist das Globe Berlin, ein ganz besonders Theaterprojekt. Nach eigener Aussage möchten die Betreiber zu einem „kulturellen Höhepunkt“ Berlins werden.

Das ist ihnen voll und ganz gelungen. Sie bieten Theater vom Feinsten. Bis zum Wiederaufbau des hölzernen Theaterhauses bespielt das Globe-Ensemble ein aus hölzernen Versatzstücken des künftigen Baus zusammengesetzten offenen Ort, dessen kreisförmiger Innenraum einen unmittelbare Verbindung zwischen Schauspielen und Publikum herstellt. Das funktioniert so gut, wie im nachgebauten Globe aus Shakespeares Zeiten in London, nur ist es noch intimer, unmittelbarer.

Wenn die Zuschauer den Innenraum betreten, sitzt Maria Stuart (Wiebke Acion), ganz in leuchtendes Blau gehüllt auf einem hölzernen Podest, das an ein Schafott erinnert, summt vor sich hin und schreibt in ein Heft. Die Stühle der ersten Reihe sind nicht mehr als zwei Meter von der Bühne entfernt. Zusätzlich hat der Bühnenbildner (Thomas Lorenz Hertig) am Rand Stege aufgestellt, die kreisförmig um den Zuschauerraum angeordnet sind. Von dort kommen, wenn das Drama beginnt, die Herren Mortimer, der Kerkermeister (Benjamin Krüger) und Graf Leicester (Anselm Lipgens) als das nahende Unheil. Angedeutet wird das nur, indem sie rhythmisch auf ihre Rüstung, zeitgemäß aus Plastik nachgebildet, klopfen. Noch wiegt sich die schottische Königin in scheinbarer Sicherheit. Das Gericht, vor das sie gestellt wurde, bestand nicht aus Personen ihresgleichen. Eine Königin kann nur von einer Königin gerichtet werden, glaubt sie. Das ihre Gegenspielerin   Elisabeth (Saskia von Winterfeld) sagen könnte „Ihr Leben ist mein Tod, ihr Tod mein Leben“, übersteigt Marias Vorstellungsvermögen. Vor den Augen der Zuschauer entfaltet sich die ganze Härte des Dramas um politische Intrigen, Machtkampf, Irrtümer, abruptem Seitenwechsel, Verrat, menschlicher Schwäche und Wahnvorstellungen.

Schillers Stück wurde für diese Aufführung neu gefasst und auf vier Personen reduziert, was den Konflikt verdichtet und verdeutlicht. Die Regisseurin verzichtet auf alle Mätzchen und Knalleffekte, technische Raffinesse ist sowieso nicht möglich.

Die magische Wirkung der Vorstellung, die das Publikum von Anfang an in ihren Bann zieht und bis zum Schluss nicht mehr loslässt, beruht allein auf Schillers Wortgewalt und der hohen Darstellungskunst der vier Akteure auf der Bühne. Einen der Vier hervorzuheben, vermag ich nicht. Sie haben alle die leider etwas leisen Bravos während des Schlussapplauses mehr als verdient.

Wenn es nach der Pause dunkel wird und der Halbmond der Szenerie zusätzlichen Reiz verleiht, gibt es nichts mehr, das dieses Theatererlebnis noch steigern könnte.

Tatsächlich ist gelungen, was sich die Akteure vorgenommen hatten; wie in Shakespeares Zeiten, die darstellende Kunst in direktem Kontakt zu erfahren. Was Globe bietet, ist tatsächlich echtes Volkstheater. Dies zu erleben, tut der Seele gut.

Also: wer sich etwas Gutes tun und gleichzeitig dem um sein Überleben spielendes Projekt Unterstützung zukommen lassen möchte, sollte sich nach Berlin-Charlottenburg aufmachen. Das Globe spielt bis zum 18.September. Maria Stuart gibt es erst am 9., 10., 16., und 17. September wieder. Aber vorher kann man „Romeo und Julia“ oder Shakespeares „Sturm“ erleben, die, ich wage es zu sagen, obwohl ich diese Stücke noch nicht gesehen habe, von ähnlicher Qualität sein werden. Es gibt aber auch Lesungen am Montag und die „Swinging Hermlins“ am Dienstag.

Das vollständige Programm finden Sie hier: https://globe.berlin/index.php/spielplan-tickets

In diesen Corona-Zeiten sind wir alle aufgefordert „uns zum gesellschaftlichen Stellenwert von Kunst und Kultur zu positionieren“, wie es Christian Leonhard in seinem Geleitwort im Programmheft formuliert. „Wo wir gehen und stehen, kann künstlerische Schaffenskraft zur Lebensqualität beitragen und man darf behaupten […] dass wir geistig, emotional und seelisch ärmer wären, wenn es keine Konzerte, Opern, Ausstellungen, Lesungen, Kleinkunstauftritte, Tanzveranstaltungen und keine Theateraufführungen mehr gäbe“.

Wir dürfen nicht zulassen, dass „Andere darüber entscheiden wollen, ob wie, wo und was wir leben relevant sei“. Es ist an uns, das unmissverständlich klar zu machen!

Kategorien
Allgemein

Die Wüste als Ort der Literatur

Jemanden in die Wüste schicken heißt, ihn auszuschließen, kalt zu stellen. Das Sprichwort drückt aus, dass die Wüste bis heute überwiegend als Ort der Verbannung, des Verlassenseins und der Todesgefahr wahrgenommen wird. Wer weiß heute noch, dass diese Worte bereits als Metapher für Sühne bei 3 Mose 16.10 stehen?

Dass die Wüste eine Landschaft ist, die seit Beginn der Schriftkultur die Menschen inspiriert und Ausdruck uralter Konflikte ist, die uns bis in die heutige Zeit begleiten, ist nahezu unbekannt. Dabei handelt es sich um eines der ältesten, zentralen Themen der Menschheit. So wird bereits im Gilgamesch-Epos der Gegensatz zwischen Stadt und Land thematisiert.

Kategorien
Allgemein

Gelebte Toleranz: Rahel Varnhagen und ihr Salon

Der Eulenspiegel-Verlag hat die Porträts von Dorothee Nolte über Persönlichkeiten der Goethezeit mit einem Bändchen über Rahel Varnhagen fortgesetzt. Es bietet faszinierende und inspirierende Einblicke in die Geschichte Berlins.

Wenn man heute in der verkehrsumtosten Brache der ehemaligen Mitte Berlins steht, etwa am Neptunbrunnen, mit dem Rücken zum Fernsehturm, braucht man sehr viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass hier einmal ein Zentrum geistig – kulturellen Lebens war, ein Treffpunkt für die besten Köpfe, die Deutschland je hervorgebracht hat. In Sichtweite stand das Haus Spandauer Straße 68, der Wohnort von Moses Mendelsohn, der als mittelloser Jude in der Stadt ankam und als hochgeehrter Philosoph und Gelehrter hier starb. Seine Tochter Brendel, spätere Dorothea Schlegel, verdiente als eine der ersten Frauen ihren und den Lebensunterhalt ihres Mannes Friedrich als Schriftstellerin und Literaturkritikerin. Wenige hundert Meter entfernt stand das Haus, in dem Henriette Hertz geboren wurde, die später mit ihrem Salon Furore und Rahel Varnhagen Konkurrenz machte. Sie sprach ein halbes Dutzend Sprachen, darunter Hebräisch, Griechisch und Sanskrit und widmete sich in der zweiten Hälfte ihres Lebens der Unterrichtung von mittellosen Kindern. Schräg gegenüber dem Roten Rathaus, wo sich heute Spandauer- und Rathausstraße kreuzen, stand das Eckhaus Nr. 26, in dem Rahel Levin geboren wurde, die von keinem Geringeren als Heinrich Heine als „die geistreichste Frau des Universums“ genannt wurde.

Rahel selbst war nie literarisch tätig. Von ihr sind nur tausende Briefe überliefert und ihre Statements in Gesprächen mit den Größen ihrer Zeit, die von ihrem Mann, Karl August Varnhagen sorgfältig aufgeschrieben, redigiert und veröffentlicht wurden. Die drei Frauen, die eine entscheidende Rolle im geistigen Leben der Goethezeit spielten, kannten sich, seit sie Kinder waren und blieben einander als Freund-Feindinnen lebenslang verbunden.

Rahel, die sich selbst für unendlich häßlich hielt, ob sie es tatsächlich war, lässt sich heute nicht mehr feststellen, übte sich früh in der Kunst, Menschen, besonders Männer, mit ihrem Geist und Esprit zu verzaubern. Darin wurde sie zur Meisterin. Höhere Bildung, wie sie Henriette Hertz genoß, blieb Rahel verwehrt. Ihre Brüder besuchten Schulen, sie nicht. Sie leidet unter den Grenzen, die ihr als Frau und Jüdin gesetzt sind und versucht, ihnen durch Heirat zu entfliehen. Aber Graf Finck von Finckenkenstein löst nach jahrelanger Beziehung sein Eheversprechen nicht ein. Rahel bleibt lange ledig.

Als ihre Familie in die vornehme Friedrichstadt zieht, eröffnet sie in ihrer Dachstube einen Salon, der damals noch nicht so hieß. Sie bittet zum Tee. Und alle kommen. Teils ist es die Anziehungskraft von Rahels geistreichen Reden und Repliken, teils ist es das einzigartige Publikum, das man bei Rahel treffen konnte. Schriftsteller, Künstler, Schauspieler, Gelehrte, Naturforscher, sogar Prinz Louis Ferdinand, Juden und Christen beider Konfessionen geben sich die Klinke in die Hand. Rahels Dachstube war ein Hort geistiger Freiheit und vorurteilslosen Austauschs.

Aber wer war die Frau, die es schaffte, die größten Geister ihrer Zeit bei sich zu vereinen? Dorothee Nolte versucht in ihrem Buch „Rahel Varnhagen – Lebensbild einer Salonière“ den Menschen hinter dem Mythos zu entdecken. Sie bedient sich dabei eines Stils, den Rahel ihr diktiert haben könnte. Das Buch ist wie ein Gespräch aufgebaut, das von Gegenstand zu Gegenstand springt und schlaglichtartig charakteristische Szenen erhellt.

Rahel und ihre Männer. Sie bevorzugt große, schöne, vorzugsweise blonde, später auch sehr viel jüngere Männer, mit denen sie innige, wenn auch manchmal nur platonische Verhältnisse pflegt. Ihre letzte große Liebe ist der fast zwanzig Jahre jüngere Alexander von der Marwitz, der jung in einer Schlacht gegen Napoleon fällt, so dass er seine hervorragenden Anlagen, auch er spricht mehr als ein halbes Dutzend Sprachen, nicht mehr zur Entfaltung bringen kann.

Während sie von der Marwitz liebt, ist sie schon mit Varnhagen liiert, den sie mit Ende 30 eher aus Vernunftsgründen als aus übergroßer Neigung heiratet. Er betet sie seit frühester Jugend an, ohne ihn gäbe es die Rahel, die wir kennen nicht. Zum Beispiel den Schlagabtausch zwischen Rahel und dem Historiker Friedrich von Raumer. Auf dessen Frage, was er noch werden könnte, um sich zu vervollkommnen antwortete sie : „Werden sie ein Denker“. Ohne ihn wüßten wir nichts von Szenen wie dieser: Als mal eine Freundin versuchte, Varnhagen in Paris zu verführen, reagiert Rahel gelassen: Pölle wollte Ralles Mann kosten. Das konnte sie verstehen.

So charmant sie zu Männern war, so ambivalent war ihr Verhältnis zu Frauen. Sie beneidete Henriette Herz um ihre Schönheit und wünschte ihr deshalb den Tod. Sie überwarf sich mit fast allen ihren Freundinnen, die sie erst mit Schmeicheleien, später mit Gehässigkeiten überschüttete. Besonders erfolgreiche Frauen, die ihr Konkurrenz machen konnten, hat ihr Bannstrahl getroffen. Aber gerade diese menschlichen Schwächen, die Nolte zwar nennt, aber nicht beurteilt, bringen Rahel dem Leser näher, als es jede Lobhudelei vermag.

Rahels Faszination ist über die Jahrhunderte ungebrochen. Sie hat herausragende Denkerinnen wie Hannah Arendt und Carola Stern inspiriert. Dank Rahels Briefen und Gesprächen haben wir ein faszinierendes Bild eines freien, toleranten, innovativen Berlin, wie es vorher und nachher nicht existiert hat.

Wem die Gesammelten Werke (10 Bände) zu umfangreich sind, kann zu Noltes Buch greifen. Der Autorin ist es gelungen, Rahels Gedanken in komprimierter Form nahe zu bringen. Am Ende wird man feststellen, dass der kleine Band nicht nur vergnüglich zu lesen war, sondern die Lektüre den Leser gebildet hat, ohne ihn zu belehren. Ganz im Sinne Rahels.

Dorothee Nolte: „Rahel Varnhagen – Lebensbild einer Salonière

Kategorien
Allgemein

Die unheimliche Ähnlichkeit eines Thrillers mit der Wirklichkeit

Normalerweise würde ich einen Thriller von Sebastian Fitzek nie gelesen haben. Ich kann aber, wie schon oft an dieser Stelle gestanden, an keinem Give-and-Take-Regal vorbei gehen, ohne hineinzusehen. In diesem Fall habe ich den Band in die Hand genommen, um zu schauen, was dahintersteht. Dabei fiel mein Blick auf die Rückseite: „Zur Geburt Jesu Christi lebten 300 Millionen Menschen auf unserem Planeten. Heute sind es sieben Milliarden. Wie viel ist zu viel?“ Dazu der Titel Noah. Meine Neugier war geweckt und wurde durch mein Erstaunen übertroffen, als ich anfing, zu lesen.

Es beginnt mit einer beklemmenden Schilderung des Lebens einer vaterlosen Familie in einem am Rande einer Müllkippe gelegenen Slum von Manila. Alicia in ihrer 4 Quadartmeter großen Blechhütte hat keine Milch für ihr neu geborenes Baby. Ihr 7-jähriger Sohn Jay klaubt auf der Müllkippe nach Kupferdraht und Plastik. Er ist der Ernährer der Familie. Leider hat er zurzeit wenig Glück, das heißt, Alicia hat außer Wasser nichts im Kochtopf. Dann beginnt ein Hubschrauber über dem Slum zu kreisen und ein Cousin von Alicia kommt in die Hütte mit der Nachricht, dass die Polizei alle Ausgänge des Slums abriegelt. Sie müssten sofort hier raus. „Ich glaube, sie wollen uns töten“.

Zur selben Zeit erwacht in Berlin ein Mann mit einem Schulterdurchschuss aus der Ohnmacht. Er weiß nicht, wer er ist und wie er nach Berlin kam. Der obdachlose Oskar hatte den gut gekleideten Fremden auf den U-Bahngleisen gefunden, in sein unterirdisches Versteck gebracht und gepflegt. Er will natürlich wissen, wer dieser Mann mit der guten Kleidung ist, der sichtbar nicht auf der Straße gelebt hat. Einziger Hinweis ist eine primitive Tätowierung auf dem Handteller des Verletzten: Noah. Ist das sein Name, oder eine Art Code?

Beide Ereignisse spielen sich ab in einer Zeit, die von Eingeweihten die Stufe eins genannt wird. Eine extremistische Abspaltung der Bilderberger, Konzernchefs, Politiker, Top-Journalisten, die sich seit den 50er Jahren jährlich in den nobelsten Hotels der Welt treffen, um hinter verschlossenen Türen über das Schicksal der Welt zu beraten, hat sich entschlossen, nicht nur zu reden, sondern zu handeln. Der Plan, den die Gruppe unter Führung des Multimilliardärs Zaphire ausgeheckt hat, sieht drei Stufen vor. In der Stufe eins wird die Weltbevölkerung mittels Chemtrails mit einem Virus infiziert, der an sich harmlos ist. In Stufe zwei werden die Menschen mit einem zweiten Virus kontaminiert, der in Verbindung mit dem ersten heftige Grippesymptome, die neuartige Manila-Grippe auslöst.  Bald nach Auftreten dieser Grippe, wird sie zur Pandemie erklärt, was dazu führt, dass weltweit Quarantänen ausgelöst werden. Die Fernsehstationen übermitteln dramatische Bilder von abgesperrten Flughäfen, es setzen weltweit Fluchtbewegungen ein.

In dieser aufgewühlten Situation verkündet Zaphire, dem unter anderem ein Pharmakonzern gehört, der Öffentlichkeit, dass er ein Medikament gegen die Manila-Grippe entwickelt habe, das er aber hauptsächlich den Entwicklungsländern zur Verfügung stellen wolle. In Wahrheit löst dieses Medikament, dessen Verteilung die Stufe drei in Bewegung setzt, erst die tödlichen Symptome aus. Geplant ist die drastische Reduzierung der Weltbevölkerung, um den Planeten zu retten. Natürlich gibt es ein zweites Medikament, das an Auserwählte verteilt wird und gegen die Krankheit immunisiert.

Wenn man den Thriller liest, bekommt man Gänsehaut ob der Parallelen zum aktuellen Corona-Geschehen. Hier wie da bestimmen Konzernbosse; die Politiker, bei Fitzeck beispielhaft der amerikanische Präsident, wissen zwar Bescheid, wollen oder können aber nichts gegen diesem teuflischen Plan tun. Die Begründung ist auch schwer zu widerlegen. Als Noah nach qualvoller Suche endlich herausfinden musste, dass er ein Sohn des Ungeheuers Zaphire ist und sein Zwillingsbruder das tödliche Medikament entwickelt hat, kommt es, nachdem es Noah gelungen war, den Plan zu enthüllen und damit die Ausführung der Stufe drei zu stoppen, zum Showdown zwischen Vater und Sohn.

„Was glaubst Du denn geschieht mit all den Seelen, die Du gerettet hast? […] Sie sterben trotzdem. Nur qualvoller. Und ihr Todeskampf dauert länger. Sie verdursten, verhungern, schlachten sich gegenseitig in Kriegen ab und verrecken an Krankheiten für die wir ihnen die Medikamente verweigern. In vierzig Jahren geht das Öl aus. Dabei beginnen China, Indien und die anderen Schwellenländer gerade damit, die Rohstoffe zu vernichten, um die sich bald neun Milliarden Menschen die Köpfe einschlagen werden. Eine Milliarde Menschen haben schon jetzt keinen Zugang zu Trinkwasser. Beinahe sekündlich stirbt ein Baby an Unterernährung. Alle vier Minuten erblindet ein Mensch, weil er sich kein Vitamin A leisten kann. 13 Millionen pro Jahr davon sind Kinder.“

„Also ermorden wir sie lieber gleich? Wie lange hast Du schon Deinen Verstand verloren? Wir reden hier über Menschen, nicht über ein Pferd, dem man den Gnadenschuss gibt“, erwidert Noah, der aber auch keinen Ausweg aus diesem Dilemma weiß.

Die Parallelen zur Corona-Pandemie sind erschreckend. Zwar sind es nicht die klandestinen Bilderberger, oder ihre nichtexistierende extremistische Untergruppe, die für die Blaupause des Infektionsgeschehens verantwortlich sind, sondern in der Realität hat das Weltwirtschaftsforum diese Rolle übernommen, und das ganz offen. In „Covid-19: The Great Reset“ beschreibt der Gründer des WWF, Klaus Schwab, wie die „goldene Gelegenheit“ (Prinz Charles) wahrgenommen werden soll, die gesamte Welt, wie wir sie kennen, umzubauen. Nichts soll mehr so sein, wie es vor der Pandemie war. Ganze Wirtschaftszweige, Tourismus, Individualverkehr, Einzelhandel, Gastronomie sollen verschwinden. Der Mittelstand wird durch die Corona-Maßnahmen liquidiert, die Konzerne werden übernehmen. Schon jetzt konnte Amazon seine Gewinne um ein Drittel steigern. Über die verheerenden Folgen, die das besonders für die Entwicklungsländer hat, wird nicht gesprochen. Bereits jetzt kann man klar erkennen, dass die Kollateralschäden der politischen Pandemiebekämpfung größer sind, als die Schäden, die durch die Pandemie angerichtet wurden.

Was im Roman das Medikament, sind in der Realität die Impfungen. Die finden weltweit massenhaft statt, mit Mitteln, die nur eine vorläufige Zulassung haben, weil die Nebenwirkungen und Langzeitschäden nicht erforscht sind. Es handelt sich um den wohl größten Feldversuch in der Geschichte der Menschheit – und kein Noah in Sicht. Im Buch wie in der Realität spielt das Robert-Koch – Institut eine fragwürdige Rolle. Das RKI liefert die Zahlen, die als Begründung für die Verstetigung des Ausnahmezustands herhalten, obwohl sie das wirkliche Infektionsgeschehen nicht abbilden, weil auch positiv auf das Corona-Virus Getestete, die nicht infektiös sind, als Neuinfektionen mitgezählt werden.

Wie im Thriller profitieren die Konzerne an der Produktion der Impfstoffe und der Antigentests. Wie Zaphire denkt Bill Gates global. Er hat 2020 in der Tagesschau verkündet, dass sein Ziel die Impfung der Weltbevölkerung ist. Kanzlerin Merkel, die angeblich mächtigste Frau der Welt, hat dasselbe als ihr politisches Ziel verkündet.

In einem Nachwort schreibt Fitzek, dass er Teil des Dilemmas ist, das er in seinem Werk beschrieben hat. Er weiß keine Lösung, nur, dass schnell eine gefunden werden muss.

Wenn sein Thriller dazu beiträgt, das Problembewusstsein seiner Leser zu schärfen, hat er schon viel erreicht.

Sebastian Fitzek: Noah

Kategorien
Allgemein

Leben im vergessenen Krieg

Ja, es gibt ihn, den Krieg in Europa, aber kaum jemand spricht darüber. Seit ein bröckeliger Waffenstillstand ausgehandelt wurde, wird ein Mantel des Schweigens über die Kampfhandlungen gebreitet. Doch plötzlich flammt der Konflikt wieder hoch. Aktuell gibt es die unbewiesene Behauptung, Russland hätte „mehr als 150.000 Soldaten“ an der Grenze zur Ukraine und auf der annektierten Halbinsel Krim stationiert. Das sagt der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell, ohne die Quelle seiner Angaben zu benennen.

Aber: Ist diese Ukraine, die lange Bestandteil der Sowjetunion war, überhaupt Europa? Wenn man von ihr gehört hat, dann am ehesten vom Reaktorunglück im Tschernobyl, dessen 35. Jahrestag noch nicht so weit zurückliegt.

Und dann kommt dieser Ausnahmeschriftsteller Andrej Kurkow und schreibt ein Buch über das Leben in diesem Krieg, das von der ersten bis zur letzten Seite fesselt.

Kurkow, geboren 1961 in Leningrad, bald jedoch nach Kiew verfrachtet, wo er heute noch lebt, war, bevor er anfing, Bestseller zu schreiben Journalist und während seines Militärdienstes Gefängniswärter. Danach wurde er Kameramann und schrieb zahlreiche Drehbücher, bis er sich als freier Autor etabliert hatte. Sein Roman „Picknick auf dem Eis“ wurde ein Welterfolg. Sein jüngstes Werk „Graue Bienen“ hat ebenfalls das Zeug dazu.

Sein Held Sergej Sergejitsch lebt in Malaja Starogradowka, einem verlassenen Dorf in der „grauen Zone“ zwischen den Fronten der Ukraine und der Freien Republik Donezk, die von den Separatisten ausgerufen wurde, im Bestreben, den Donbass von der Ukraine loszulösen und zu einem Teil Russlands werden zu lassen. Seit Jahren beschießen sich die Kriegsparteien über die graue Zone hinweg. Sergejitsch ist nicht wie die meisten anderen Dorfbewohner geflüchtet. Er wollte Haus, Hof und Bienen nicht allein lassen. Der Leser begegnet Sergejitsch zum erstmals gegen drei Uhr nachts, als er von der Kälte aufwacht. Der von ihm selbst gebaute Kaminofen spendete keine Wärme mehr. Die Kohleeimer waren leer. Also ging Sergejitsch mit Mantel und Filzstiefeln bekleidet nach draußen, um Nachschub zu holen.

„Irgendwo in der Ferne feuerte ein Geschütz. Eine halbe Minute später wieder ein Schuss.“ Können die nicht schlafen, oder wollen sie sich aufwärmen, fragte sich Sergejitsch, als er ins Haus zurückkehrte.

Der Krieg war Alltag geworden, an den er sich gewöhnt hatte. In all den Jahren hatte es in Malaja Starogradowka nur die Kirche und ein Haus erwischt. Allerdings gab es schon lange keinen Strom mehr, also keinen Fernseher, keine Nachrichten. Lebensmittel zu beschaffen, war eine Aufgabe, die viel Zeit und Kraft in Anspruch nahm. Außer Sergejitsch ist nur sein Kindsfeind Pascha im Dorf geblieben. Die beiden Männer sehen sich ab und zu, helfen sich auch einmal, aber kommen sich kaum näher. Noch hat der Winter das Leben fest im Griff, es fließt unter der Kälte gemächlich dahin. Sergejitsch vermißt nicht viel. Er hat seine täglichen Verrichtungen und seine Erinnerungen, die wie ein Film ablaufen.

Eines Tages bekommt er überraschend Besuch von Pedro, einem Soldaten. Der liegt seit über einem Jahr im ukrainischen Schützengraben und beobachtet das Dorf. Nun will er den Mann, den er täglich durch den Feldstecher sieht, kennenlernen. Pedro bringt etwas Essen mit und verspricht, Sergejitschs Handy aufgeladen wiederzubringen. Er kann nur nachts kommen, tagsüber hat ein Scharfschütze die Gegend unter Kontrolle. Den lernt Sergejitsch später auch kennen, denn es ist ein Bekannter seines Freundfeindes Pascha, ein Sibirier, der beschlossen hat, die Separatisten zu unterstützen. Allerdings gibt der Sibirier nur ein kurzes Gastspiel, denn nachdem Sergejitsch Pedro dessen Liegplatz verraten hat, wird er von den Ukrainern unschädlich gemacht.

Als sich der Frühling nähert, beschließt Sergejitsch, seine Bienen in ruhigere Gefilde zu bringen. Zum Glück ist sein alter grüner Shiguli bei der Requirierung von Fahrzeugen für den Krieg übersehen worden. Er kann seine sechs Bienenkästen auf den Hänger laden und in die Ukraine fahren. Am Checkpoint wird er nachsichtig behandelt. Einem aus der grauen Zone verzeiht man sogar die sowjetische Fahrerlaubnis. Er bekommt ein Paier, das er bei künftigen Kontrollen vorweisen soll und darf durch.

Er lässt sich von seinem Bauchgefühl leiten, landet an einem Waldrand, der an Felder grenzt, schlägt dort sein Zelt auf und lädt die Bienenkästen ab. Im nahen Dorf lernt er die Verkäuferin Galja kennen, die ihm nicht nur seinen Honig abnimmt und verkauft, sondern täglich mit frisch gekochten Mahlzeiten bringt, sogar Bortsch, von dem er seit Kriegsbeginn nur träumen konnte. Die Frühlings-Idylle endet jäh, nachdem ein gefallener Soldat ins Dorf zurückgebracht wurde. In der Westukraine werden solche Gefallenen von den Bewohnern ihrer Heimatorte am Straßenrand kniend empfangen. Sergejitsch kniet sich zwar neben Galja hin, spürt aber gleichzeitig seine Fremdheit und dass er nie Teil dieser Gemeinschaft werden würde.

Er zieht weiter, auf die Krim. Vor zwanzig Jahren hatte er auf einem Bienenzüchterkongreß Achtem, einen Krimtataren, kennengelernt. Ein Bienenzüchter wird einen andern nicht abweisen. Der Grenzübergang nach Russland, zu dem die Krim wieder gehört, war nicht einfach. Sergejitsch bekommt 90 Tage Aufenthaltserlaubnis und wird darauf hingewiesen, dass ihm Asyl nicht gewährt wird.

Auf der Krim ist es warm, die Vegetation ist üppig, es gibt Wein. Hier müsste man wohnen, ist Sergejitschs erste Reaktion. Er findet Achtems Dorf und sein Haus. Achtem selbst ist aber vor Jahren von russischen Milizen mitgenommen worden und nicht wieder aufgetaucht. Es ist ein tatarisches Dorf, Albat, das jetzt Kujbyschewo heißt und auch von Russen bewohnt wird. Tataren und Russen reden nicht miteinander. Sergejitsch wird schief angesehen, weil er in einem tatarischen Haus verkehrt.

Als Achtems Frau Sergejitsch bittet, bei der Kriminalpolizei in der Kreisstadt nach dem Schicksal ihres Mannes zu fragen, kommen die Dinge in ungute Bewegung. Zwar bekommt Sergejitsch keine direkte Auskunft, aber zwei Tage später werden die Überreste von Achtem seiner Witwe übergeben. Es gibt aber keinerlei Erklärung, wie Achtem ums Leben kam. Bald darauf wird Achtems 18-jähriger Sohn verhaftet, weil er angeblich Kirchenkerzen gestohlen hätte. Zwar kann Sergejitsch beweisen, dass diese Bienenwachskerzen ein Geschenk von ihm sind, damit die Familie bei Stromausfall nicht im Dunklen sitzen muss. Aber das führt nicht zur Freilassung des jungen Mannes. Er muss ins Gefängnis, oder zum Militär, das kann er wählen. Es gibt sogar ein Drittes:  Seine Mutter könnte ihn freikaufen, wenn sie genug Geld hätte.

Sergejitsch erfährt, dass der Krieg auch die schöne Krim beherrscht, nur verdeckt.

Als seine 90 Tage sich dem Ende nähern, bekommt er Besuch von zwei Geheimdienstagenten. Sie nehmen einen Bienenkasten mit. Den bekommt er vor seiner Abfahrt zwar wieder, aber die Bienen sehen irgendwie grau aus und neigen zum Schwärmen, obwohl das Volk nicht stark genug dafür ist. Sergejitsch steht vor einem Rätsel, umso mehr, als er zwischen den Waben eine Handgranate findet.Er entschließt sich, mit dieser Handgranate den Bienenstock zu zerstören. Eine graue Biene überlebt, wird aber nicht in einem der anderen Bienenkästen aufgenommen, sondern von den Wächterbienen verjagt.

Im Krieg ist es am besten, zuhause zu bleiben, schlussfolgert Sergejitsch.  Auf dem Weg zum Donbass nimmt er Achtems Tochter mit über die Grenze in die Ukraine. Das Land ist riesig und in Winnyzia, in der Nähe von Lemberg, tief im Westen, wohin Sergejitschs Frau gegangen ist, herrscht Frieden. Seine Frau wird sich um Achtems Tochter kümmern. Vielleicht wird auch Sergejitsch sich eines Tages nach Winnyzia aufmachen, aber vorerst kehrt er in sein Heimatdorf zurück. Der Winter ist nicht mehr fern. Die Baptisten werden Kohlen für den Winter bringen, aber nur denen, die zu hause sind.

Andrej Kurkow: Graue Bienen

Kategorien
Allgemein

Rembrandts Orient oder der Genuss, eine Ausstellung zu besuchen

In Potsdams nobelsten Museum – dem Barberini – ist eine neue, sensationelle Ausstellung eröffnet worden und man darf sie tatsächlich besuchen. Wie lange noch, ist fraglich, da Kanzlerin Merkel die Notbremse ziehen und Deutschland in den totalen Lockdown treiben möchte. Wir waren kurz entschlossen, reservierten die Tickets online, bekamen eine Eintrittszeit – 10.45 – zugeteilt und waren nach einem Sicherheitscheck und Temperaturmessung tatsächlich drin. Wir betraten die Ausstellungsräume ehrfürchtig und mit dem kindischen Gefühl, etwas, wenn nicht Verbotenes, dann doch wenigstens nicht gut Geheißenes zu tun. Ein Abenteuer der „neuen  Normalität“.

Die Schau erfüllt alle Erwartungen, die man haben kann. Von den insgesamt 57 Gemälden stammen 9 von Rembrandt selbst, wenn man die unter Werkstattbedingungen und die seiner Schule mitzählt. Zu Rembrandts Zeit lernten die Schüler zu malen, wie der Meister selbst. Viele Gemälde entstanden in Co-Produktion, so dass eine spätere Zuordnung nur schwer möglich ist. Neben den Gemälden sind vier Zeichnungen und 19 Kupferstiche zu sehen.

Die Werke entführen in die Zeit, da Amsterdam die reichste Stadt der Welt war und Holland das Land mit den weitreichensten Handelsverbindungen. Die Schiffe brachten nie gesehene exotische Waren, Waffen, Gewänder, Stoffe, Turbane, Teppiche, Gewürze, Pflanzen und Tiere aus dem „Orient“ nach Holland. Das löste eine regelrechte Orientmanie aus. Wer was auf sich hielt ließ sich in exotischer Aufmachung in Szene setzen.

Rembrandt war der Auslöser dieser Modewelle. Sein Haus in Amsterdam stand direkt neben dem Hafen, in dem die Schiffe der Ostindischen Kompanie anlandeten. Von seinem Dachatelierfenster konnte er sehen, wann ein Schiff angedockt hatte und entladen wurde. Die Legende sagt, dass der gut bezahlte Maler manchmal ganze Schiffsladungen aufkaufte. In seinem Haus unterhielt er eine Schatzkammer mit orientalischen Devotionalien, die er als Vorlage für seinen Gemälde verwendete. Rembrandts Erfolg ermunterte seine Zeitgenossen, es ihm nachzutun.

Die Gemälde zeigen, wie eine eher nüchterne, calvinistische Gesellschaft dem Reiz des Fremden verfällt. Die leuchtenden Farben, die kunstvollen Muster, die glänzenden Stoffe. Die schimmernden Muscheln regten die Phantasie ebenso an, wie die Berichte aus den fernen Ländern, zu denen nicht nur die arabische Halbinsel, sondern auch China und Japan gehörten. Man sieht den Bildern an, dass die Aufnahme des Fremden mit allen Sinnen erfolgte. Die Adaption ging so weit, dass man eigene Hochzeiten, Familienszenen oder Porträts in eine exotische Umgebung versetzen ließ. Adelige mit japanischen Gewändern, Handelsherren der Ostindien-Kompanie mit Turbanen und Krummsäbeln, Amsterdamer Damen in orientalischer Seide zeugen von der Genussfreude, die damals empfunden wurde und noch heute auf den Betrachter ausstrahlt. Rembrandt selbst inszenierte sich als „Orientalen“ in einer Radierung von 1632, im Herrscherkostüm mit Prunkdolch.

Aber auch biblische Szenen wurden gern abgebildet und erhielten ein neues, exotisches Flair, was von den Zeitgenossen als besonders authentisch empfunden wurde. Die Idee, biblische Themen in orientalisch anmutende Landschaften zu setzen, hatte Rembrandt von seinem Lehrer Pieter Lastmann übernommen und an seine Schüler weiter gegeben. In Potsdam ist Rembrandts „Simson an der Hochzeitstafel“ zu sehen, das ein Schlüsselbild dieser Malerei ist. Es wurde als besonders authentische biblische Darstellung hoch gelobt.

Insgesamt spiegelt die Schau eine ungeheuere Neugier und Freude am Unbekannten, vor allem aber die hohe Kunst der Malerei. Wie Rembrandt seine „Büste eines alten Mannes mit Turban“ gemalt hat, ist atemberaubend. Der Meister des Hell-Dunkel lässt durch einen seitlich einfallenden Sonnenstrahl die Goldfäden in der Kopfbedeckung aufleuchten, was dem Gesicht einen sanften Schimmer verleiht.

Wer nie nach Los Angelos kommt, ist vielleicht besonders erfreut, dass er ein kleines, aber feines Bild „Daniel vor dem Götzenbild des Bel“ von 1633 bewundern darf. Normalerweise hängt es im Getthy-Museum LA.

Was ich Besuchern der Ausstellung nur raten kann ist, sich von den Bildern bezaubern zu lassen und möglichst die Erklärungen daneben zu ignorieren. Neben nützlichen Hinweisen zur Maltechnik gibt es nämlich enervierende politisch korrekte „Einordnungen“, die meinen, auf den angeblich unterschwelligen Rassismus mancher Darstellungen aufmerksam machen zu müssen. Da seien zwei Schwarze als „Karikaturen“ abgebildet worden. Ein Gedanke, der keinem unvoreingenommen Betrachter kommen würde. Auf einem anderen Gemälde ist ein Schwarzer in überaus kostbarer Kleidung abgebildet. Wo ist da der Rassismus?

Auch Rezensenten der Ausstellung, die schwer begeistert sind, glauben, diese Emotion mit dem Hinweis relativieren zu müssen, das, was damals pure Neugier, Faszination und Begeisterung war, heute als unzulässige „kulturelle Aneignung“ zu betrachten sei. Diese Christen des seligen 17. Jahrhunderts plagte noch kein schlechtes Gewissen, dass den Heutigen mit aller Macht eingeredet wird. Bedenklich das deshalb, weil man offensichtlich der Meinung ist, ohne solche ideologischen „Einordnungen“ nicht mehr bestehen zu können. Da ist ein Bilderverbot schon gefährlich nahe.

Lassen Sie sich deshalb von der Sinnes- und Lebenslust unserer Vorfahren verführen und vergessen Sie die moralinsauren Politisch-Korrekten für eine wunderbare Stunde.

Kategorien
Allgemein

Auf zum letzten Gefecht

Nachdem der reale Sozialismus 1989/90 so schmachvoll gescheitert ist, war dies nicht das Ende der sozialistischen Idee. Dreißig Jahre später stellt sich heraus, dass es die Renaissance dieser Ideologie begünstigt, dass die verheerenden Folgen kaum noch zu besichtigen sind. Nordkorea ist hermetisch von der Welt abgeschlossen und interessiert nur, wenn es mit seinem Atomwaffenprogramm droht. Auf Kuba liegt über dem Zerfall eine Sonne- und Meer-Romantik. Touristen bewegen sich fast ausschließlich auf von den für sie eingerichteten touristischen Pfaden, an denen in Havanna die von der UNESCO geretteten Kolonialbauten zu sehen sind. In Varadero sind die Strände mit Stacheldraht geschützt, die indigene Kubaner draußen halten. Bestens versorgt mit allem, was das Herz begehrt, können die Besucher wie George Bernhard Shaw einst in Stalins Moskau sagen, dass sie auf Kuba gut gespeist und vom Hunger nichts bemerkt hätten.

Was die sozialistische / kommunistische Ideologie so faszinierend machte, untersucht Thomas Naumann in seinem Buch „Das letzte Gefecht“ anhand der Dramatiker Bertold Brecht und Friedrich Wolf. Beide sind einflussreiche Verfechter der kommunistischen Doktrin, beide hatten Schwierigkeiten, die kommunistischen Verbrechen anzuerkennen, als sie davon erfuhren.

Brecht, der gefeierte Dichter der kommunistischen Sache war so erfolgreich, weil er die Heilserwartung des Kommunismus mit der frühen Heilserwartung der Bibel verband. Auf die Frage nach seinem Lieblingsbuch nannte Brecht nicht etwa das Kommunistische Manifest, sondern die Bibel. Bezüge auf die Bibel durchziehen sein gesamtes Werk, von den frühesten bis zu den letzten Veröffentlichungen. An zahllosen Beispielen zeigt Naumann, wo in seinen Stücken und Gedichten Brecht Zitate aus der Bibel verwendet oder als Vorlage benutzt. Für Naumann ergibt sich daraus die Frage, ob die Bibel von Brecht Besitz ergriffen hätte, oder er von ihr. Auf jeden Fall schlachtet er sie weidlich aus.

Uns interessieren in diesem Zusammenhang besonders die Stücke und Gedichte, in denen Brecht dem Kommunismus huldigt. Da ist „Die Maßnahme“ von 1930 zu nennen, ein Stück, das der Autor später selbst zurückgezogen hat. Darin geht es um einen jungen Genossen, der durch spontanes menschliches Mitleid beinahe eine Aktion der Kommunistischen Partei verraten hätte. Er wird von der Partei zum Tode verurteilt, womit er einverstanden ist, denn er erkennt in seinem Tod eine Notwendigkeit für den Sieg der Revolution.

Brecht gestaltet hier eine problematische Parallele zwischen der Unterwerfung unter den Willen der Partei und der von Jesus und seine Jüngern unter den Willen Gottes. Die Schwester Hanns Eislers, der die Musik zu diesem Stück komponiert hat, sieht in der „Maßnahme“ eine Vorwegnahme der Moskauer Prozesse. Die Schuld am Tod des mitleidigen Genossen wird an die „Dritte Sache“ delegiert, den höheren Zweck zum Wohle der Partei: „Der Einzelne kann vernichtet werden, aber die Partei kann nicht vernichtet werden…“

Brechts Glaube an die Kommunistische Sache ist so stark, dass sie später kaum erschüttert wird, als er von Stalins Verbrechen erfährt. Zwar nennt er Stalin irgendwann den „Verdienten Mörder des Volkes“, aber seien Lobgesänge auf den Kommunismus und die Partei bleiben bestehen.

Für die Schauspielerin Carola Neher, die in die Stalinsche Knochenmühle gerät und darin umkommt, rührt Brecht keinen Finger.

Auch für den Dramatiker Friedrich Wolf, der neben Brecht zu den wichtigsten Dramatikern des 20. Jahrhunderts gehört, ist die kommunistische Sache und die Schaffung des „neuen Menschen“ eine Herzensangelegenheit. Die Idee der Erschaffung eines neuen Menschen hat im Christum eine lange Tradition. Sie wurde von der Moderne aufgegriffen und zum Kern der aufklärerischen und sozialen Bewegungen seit der Französischen Revolution. Naumann arbeitet heraus, dass sowohl Kommunismus als auch Nationalsozialismus sich dieser Schaffung des neuen Menschen verschrieben haben. Die Übernahme christlicher durch kommunistische und nationalsozialistische Utopien hat die Extreme des 20. Jahrhunderts geprägt und in die Katastrophe geführt.

Wolf hat wie Brecht der kommunistischen Sache gedient, sogar als Parteimitglied. Während Brecht sein Anliegen mit kühler Analyse beförderte, aktivierte Wolf die Gefühle der Zuschauer.

Als Arzt und Dramatiker betrachtete er die „Bühne als Heilfaktor“. Wolf betreib seine Sozialkritik nicht theoretisch und intellektuell, sondern getrieben von seinen Idealen. Sein Reich war, wie das von Jesus, „nicht von dieser Welt“. Wolf sucht den neuen Menschen zunächst in der Lebensreformbewegung. In seinem Buch „Die Natur als Arzt und Helfer“ propagiert er die Nacktheit als Lebensform des neuen Menschen: „Ihr wisst es bloß nicht, wie viel Ballast ihr mit euch herumschleppt…ihr euer schönes, nacktes Leben selbst verschandelt…Reduktion, Vereinfachung! Und Zeit, nur Zeit! Und Ruhe!“ Das ist heute kompatibel mit dem Programm der Grünen und der Agenda 2030 des Weltwirtschaftsforums.

Im Exil in der Sowjetunion erlebt Wolf die Verhaftungen seiner Genossen mit, er will nicht warten, bis er selbst abgeholt wird und bittet darum, als Arzt am Spanischen Bürgerkrieg teilnehmen zu können. So entzieht er sich den Säuberungen von 1938. Für seine ehemalige Geliebte Lotte Rays und die gemeinsame Tochter Lena rührt er, ähnlich wie Brecht für Neher, keinen Finger. Seine Söhne Konrad und Markus lässt er in Moskau zurück.

Markus, der spätere Chef des Auslandsgeheimdienstes der DDR soll als 13-jähriger einen Zusammenbruch erlitten haben, bei dem Gedanken, dass auch sein Vater verhaftet worden wäre, wenn er sich nicht ins Ausland abgesetzt hätte. Das hat Markus Wolf nicht davon abgebracht, der Partei stets treu zu Diensten gewesen zu sein. Er zitiert in seinen Memoiren Brecht;

„Welche Niedertracht begingst du nicht, um die Niedrigkeit auszutilgen…Versinke im Schmutz, umarme den Schlächter, aber ändere die Welt, sie braucht es!“

Naumann weist darauf hin, dass dies ein gefährliches Element der kommunistischen Ideologie ist:

Das Endziel der Befreiung der Menschheit heiligt jedes Mittel. Aus diesem Geist heraus gründete die sowjetische Tscheka ihre ersten Konzentrationslager. Sie dienten u.a. dazu, die revolutionären Matrosen aus Kronstadt zu liquidieren. Das KZ ist keine Erfindung der Nationalsozialisten, sondern eine Kopie des sowjetischen Vorbilds.

„Von den hundert Millionen Einwohnern Russlands unter den Sowjets müssen wir neunzig davon für uns gewinnen. Was den Rest betrifft…sie müssen ausgerottet werden, sagte Grigori Sinowjew 1918 als Präsident des Petrograder Sowjets. Später gehörte er selbst zu den Ausgerotteten.

Die Egalité der Französischen Revolution endete als Gleichheit unter der Guillotine. Der Kampf um die Schaffung des neuen Menschen führte nicht zu immer glücklicheren Ufern, sondern in die Hölle.

„Getrieben von der messianischen Idee, der Menschheit das Heil zu bringen“ war das 20. Jahrhundert „ein Rückfall in die Barbarei“.

Hat die Menschheit daraus gelernt?  Nicht wirklich. Statt sich von Ideologien abzuwenden, hat der Westen neue kollektive und individuelle Glaubenssätze geschaffen. Dazu gehören Selbstoptimierung und politische Correctness als neue Moral.

Wie im Mittelalter gewinnt die Moral den Vorrang über den Verstand. „Sie gibt Antworten, wo zu fragen ist. Sie liefert Gewissheiten, wo zu zweifeln ist. Ethik der Gesinnung steht vor Ethik der Verantwortung. „Mit der Keule der Moral kann man jeden Gegner erlegen…Rechthaberei, Intoleranz und Arroganz nehmen zu. Politische Gegner werden ausgegrenzt, diffamiert und in die rechte Ecke gestellt. Der neue Mensch gendert, pflegt Diversität und korrekte Sprache, ist Aktivist, rettet die Umwelt und Flüchtlinge…, cancelt Andersdenkende, kauft Bio und isst vegan. Vor dem Geschlechtsakt klärt er die Rechtslage. Nur: Sprachvorschriften sind Teil von Diktaturen, Speise- und Sexualvorschriften sind Teil von Religionen…Nicht mehr alle Menschen werden Brüder. Der Platz des Klassenfeindes wird dem alten weißen Mann zugewiesen…Aus einer Gemeinschaft Freier und Gleicher wird ein Kampf der Guten gegen die Bösen“.

In diesem Kampf sind wieder fast alle Mittel recht. Heute ist nicht mehr die Religion das Opium des Volkes (besser: der Eliten), sondern das Gift des Moralins.

Aber nach den Schrecken des 20. Jahrhunderts sollte niemand dem Glauben folgen, sondern sich, wie es Kant schon forderte, sich des eigenen Verstandes bedienen.

Thomas Naumann: „Auf zum letzten Gefecht“: https://www.kulturhaus-loschwitz.de/

Kategorien
Allgemein

Über Filme und Freunde

Es war nicht alles schlecht in der DDR. In ihr entstanden jede Menge guter Filme. Nicht alle wurden verboten, obwohl sie keineswegs staatsnah waren. Gute Kunst setzt sich auch unter nicht optimalen Verhältnissen durch, weil sie mehr Qualitäten aufweist als das, was heute „Haltung“ genannt wird und damals Propaganda war. Viele DDR-Schauspieler, zählten und zählen im vereinten Deutschland zur ersten Reihe, einige schafften es sogar nach Hollywood, wie der großartige Armin Müller Stahl. Aber auch unsere guten Regisseure drehten nach Ende des Arbeiter -und Bauernstaates weiter – mit Erfolg. Frank Beyer, dessen Film „Jacob der Lügner“ das Hollywood-Remake um Klassen übertrifft, gelang mit der „Nikolaikirche“ (1998) nicht nur ein weiterer Klassiker, sondern auch ein Quotenhit. Dann die Dresens, Vater und Sohn. Während Adolf Dresen als Theater- und Opernregisseur bekannter geworden ist als für seine guten Filme, ist sein Sohn Andreas einer der besten Filmemacher, die es bei uns gibt.

„Sommer vorm Balkon“ mit der wunderbaren Nadja Uhl in ihrer besten Rolle und „Als wir träumten“ wurden regelrecht gefeiert.

Weniger im Rampenlicht, aber entscheidend an diesen Erfolgen beteiligt, ist der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, der schon zu Lebzeiten für Filmleute eine Legende geworden ist. Mit der Neuauflage seines Buches „Um die Ecke in die Welt“, legt der Eulenspiegel-Verlag eine Art Kulturgeschichte des DDR-Films vor. Die ist sehr spannend, auch jenseits der Verbotsgeschichte von „Kaninchenfilmen“, wie die unter Verschluss gehaltenen Streifen nach dem Film „Das Kaninchen bin ich“ genannt wurden.

Seit 1953 schreibt Kohlhaase Drehbücher. Darunter bis heute viele Hits. In der Fachwelt bekannt wurde er spätestens seit 1957 mit „Berlin-Ecke Schönhauser“, ein Film über die Nachkriegsjugend, der 1995 unter die wichtigsten 100 deutschen Filme gewählt wurde.

Im Schicksalsjahr 1968 hatte „Ich war neunzehn“ Premiere, ein Meisterwerk des viel zu früh verstorbenen Konrad Wolf, der auch am Drehbuch beteiligt war.

Ich habe als 16-Jährige die Wirkung dieses Films unmittelbar erlebt. Ich war mindestens ein dutzend Mal im Kino und bin mit einer Freundin sogar nach Bernau gefahren, um die Drehorte des Filmfinales aufzusuchen. Der Film hat starke autobiografische Bezüge zu Wolf. Er schildert seine Erlebnisse als Leutnant einer Propagandaeinheit der Roten Armee. Die zentrale Frage des Films, wie eine Kulturnation wie Deutschland, die einen Johann Sebastian Bach hervorgebracht, dem Nationalsozialismus anheimfallen konnte, beschäftigt uns noch immer. Nur ist dieses Werk wesentlich tiefgründiger als die platten Antifa-Debatten von heute.

Wieder fast zehn Jahre später kam „Solo Sunny“, erneut eine gemeinsame Arbeit von Wolf und Kohlhaase, der einen überwältigenden Erfolg beim Publikum hatte, von dem die Macher überrascht wurden. Die Geschichte der Außenseiterin Sunny, die das Leben der Sängerin Sanije Torka, Tochter von krimtatarischen Vertragsarbeitern, nachbildet, traf nicht nur den Nerv der DDR-Bewohner. Nach der Premiere im Januar 1980, startete der Film bereits im April in der BRD. Auf der Berlinale in diesem Jahr erhielt Hauptdarstellerin Renate Krößner einen Silbernen Bären, Kohlhaase bekam auf dem Chicagoer Filmfestival die Goldene Plakette für das beste Drehbuch.

Es war Konrad Wolfs letzter Film. Im Band sind zwei Nachrufe von Kohlhaase auf Wolf nachzulesen, denen die starke Erschütterung, die Wolfs Tod ausgelöst hat, in jeder Zeile anzumerken ist.

Der nächste Film „Der Aufenthalt“ (1982), diesmal in Zusammenarbeit mit Frank Beyer, war als Beitrag für die Berlinale vorgesehen. Wieder ist die schwierige deutsche Geschichte das Thema. In einem polnischen Gefängnis sitzt der junge Mark Niebuhr, Sylvester Groth in seiner ersten großen Rolle, dem Kriegsverbrechen vorgeworfen werden, die er nicht begangen hat. Sein Zellengefährte und Altersgenosse, der ebenfalls behauptet, verwechselt zu werden, hat tatsächlich LKWs gefahren, in denen Menschen vergast wurden. Der Film geht der Frage nach, wie schuldig auch die Unschuldigen sind. Weil Polen wegen angeblicher „antipolnischer Tendenzen“ Einspruch einlegte, wurde der Film zurückgezogen. Es spricht für die außerordentliche Qualität dieses Werks, dass es bei der Berlinale 2010 doch noch aufgeführt wurde und den Goldenen Ehrenbären verliehen bekommen hat.

Auch Kohlhaases letzter Film, diesmal mit Regisseur Matti Geschonneck, auch ein DDR-Gewächs, behandelt ein Geschichtsthema: „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ zeigt die Familiengeschichte von Eugen Ruge, dessen Vater Wolfgang, ein renommierter Historiker, als Jugendlicher vor den Nazis in die Sowjetunion flüchtete und dort im Gulag landete. Es ist wieder ein großartiger Film geworden, der sein Publikum fand. Matti Geschonneck befürchtete in einem Interview, dass die Zeit für solche Stoffe in der schnelllebigen Kinolandschaft vorbei sein könnte.

Wer sich die Endlos-Krimiproduktionen anschaut, die am Fließband produziert werden und bei denen höchstens noch die Kameraführung sehenswert ist, muss diese Befürchtung teilen.

Kohlhaases Drehbücher sind Klassiker, von denen jungen Drehbuchautoren lernen können.

Wolfgang Kohlhaase: Um die Ecke in die Welt – Über Filme und Freunde