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Befreiung – ein erstaunlich realistischer Film über den Kampf der Roten Armee

In den letzten Tagen ist mit viel propagandistischem Aufwand diskutiert worden, welche Bedeutung der 8. Mai in der Geschichte hat. Immer wieder wurde dabei verkürzt behauptet, es sei ein Tag der Befreiung gewesen, oft unter Berufung auf Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, der allerdings genauer formuliert hat, es wäre eine Befreiung der Deutschen, Weizsäcker sagte „uns“, vom „menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“. Er hat auch erwähnt, was in der jüngsten Debatte vergessen wurde, dass es für Osteuropa der Beginn einer neuen Gewaltherrschaft war, diesmal der stalinistischen.

Diese Tatsache sollte besonders von Deutschen nicht vergessen werden, nicht nur, weil sie auch einen Teil unseres Landes betraf, sondern aus Respekt vor den Osteuropäern, die mit Recht ihre Befreiung auf das Jahr 1989/ 90 datieren.

Auch 75 Jahre danach ist die Nazi-Diktatur eine schwärende Wunde. Sie und der Zweite Weltkrieg werden erst überwunden sein, wenn das Geschehen in seiner ganzen Komplexität begriffen wird.

Dafür muss das wieder stark gewordene Schwarz-Weiß-Denken überwunden werden. Da kann es hilfreich sein, sich Filme wie „Befreiung“ anzusehen, die im Subtext ein erstaunlich realistisches Bild von manchen Facetten des Befreiungskampfes gegen die Hitler-Diktatur zeichnen.

Die fünfteilige Serie, deren Regisseur Juri Oserow auch am Drehbuch mitgeschrieben hat, ist von 1966 bis 1971 entstanden, also in der Anfangszeit der bleiernen Breshnew-Ära. Da ist es erstaunlich, wieviel Informationen man im Subtext über die stalinistische Kriegsführung findet.

Dieser Text ist ein Ritt durch die letzten Kriegsmonate basierend auf der Darstellung in ‚Befreiung‘ garniert mit einigen wenigen eigenen Kommentaren.

Teil 1 beginnt mit der Schlacht am Kursker Bogen. Mit der Niederlage in Stalingrad war den Nazis eine empfindliche Schlappe zugefügt worden, aber noch waren sie lange nicht besiegt. Beide Seiten bereiteten sich auf die Entscheidungsschlacht vor. Es sollte die größte Panzerschlacht in der Geschichte der Kriege werden. Die Nazis massierten ihre Kräfte Anfang April 1943, um der Roten Armee bei Kursk die entscheidende Niederlage beizubringen.

Es ist eine der besonderen mondhellen Nächte. An der Front ist es ruhig. Die Kamera (geführt von einem genialen Igor Slabnewitsch) fängt die trügerische Stille in einer schlafenden Natur ein. Ein einsamer Panzer am See, umfunktioniert zum Liebesnest, wirkt fast idyllisch. Aber der Stab der Armee ist hellwach. Ein gefangen genommener deutscher Soldat behauptet, der deutsche Angriff sei für 3 Uhr geplant. Seitdem vergeht die Zeit in angespanntem Warten: „Wir erwarten den Angriff wie eine Erlösung“, sagt um 3.55 einer der Stabsoffiziere. Es dauert noch anderthalb Stunden, bis die Hölle losbricht.

Der Befehl des Generalstabs lautete, die Verteidigungsstellungen auf keinen Fall zu verlassen. Sowjetische Soldaten, die überrollt zu werden drohen und flüchten, werden mit Maschinengewehrfeuer der Politsoldaten zurück gegen die deutschen Panzer getrieben.

Schnitt. Im KZ Sachsenhausen wird vor den angetretenen kriegsgefangenen sowjetischen Soldaten für die Wlassow-Armee geworben. Mit wenig Erfolg. Obwohl die Weigerung den Tod bedeutet. Unter den Gefangenen befindet sich Stalins Sohn aus erster Ehe Jakow Dschugaschwili, der aufgefordert wird, einen Brief an seinen Vater zu schreiben und ihn um seinen Austausch gegen Generalfeldmarschall Paulus zu bitten. Jakow lehnt ab, er kennt seinen Vater besser. Schnitt.

Stalin: „Es gibt für uns keine Kriegsgefangenen, es gibt nur Verräter“. Das weiß auch ein gefangen genommener sowjetischer Major an der Kursker Front. Als die Deutschen ihm anboten, über die Frontlinie zu den Seinen zurückzukehren, provoziert er so lange, bis er erschossen wird. Er fällt lieber durch eine feindliche Kugel, als durch eine sowjetische.

Die Schlacht ist eine Schlächterei, die tagelang andauert. Anfangs rückt die Wehrmacht 30 km vor, ehe sie gestoppt werden kann. Aber um welchen Preis! Der Film spricht es in einer Szene subtil an. Ein Bataillonskommandeur befiehlt seinen Leuten einen taktischen Rückzug über einen Sumpf. Ein Bataillon hat eine Stärke zwischen 300 und 1200 Soldaten. Der Kommandeur ist der Einzige, der den Übergang geschafft hat. Er meldet dem Stab ein Bataillon zurück, das nur noch aus ihm besteht.

Am Ende ist es ein Kampf Mann gegen Mann, zwischen den Panzern. Die Rote Armee siegt, weil sie immer neue Soldaten „frische sibirische Verbände“, die gerade drei Wochen Ausbildungszeit hinter sich haben, wie wir vom Kriegsberichterstatter Wassili Grossmann wissen, ins Feuer schicken kann.

Die Schlacht am Kursker Bogen hat die Kräfteverhältnisse in Europa verändert. Es ist der Beginn der vollständigen Niederlage der Nazis. Die Amerikaner starten zwar noch nicht die zweite Front, aber landen auf Sizilien. Die zweite Front, das ist heute weitgehend vergessen, wird in Jugoslawien von Titos Partisanenarmee eröffnet. Dies so deutlich gemacht zu haben, ist ein weiterer Verdienst des Films.

In Italien versucht der König, Mussolini außer Gefecht zu setzen. Der Duce wird von Geheimdienstpolizisten verhaftet, später aber von einer SS-Gardeeinheit aus der Haft befreit und zu Hitler gebracht. Der Führer macht dem Duce klar, dass Italien Kriegspartei bleiben muss, auch wenn das bedeutet, dass es von deutschen Truppen besetzt werden muss. „Unsere Lage ist großartig“, ist sich Hitler sicher.

Schnitt. Die Rote Armee rückt weiter auf Kiew vor. Dafür muss der Dnepr überquert werden. Das wird wieder zu einem höllischen Unternehmen, ohne Rücksicht auf menschliche Verluste. Im scharfen Kontrast zum Kampfgeschehen steht die zarte Morgendämmerung, die zwischendurch immer wieder von der Kamera eingefangen wird.

Schnitt. Stalin, der Oberbefehlshaber, der selbst kein einziges Mal an der Front war, gibt den Befehl, dass Kiew, koste, was es wolle, bis zum 6. November, dem Jahrestag der Oktoberrevolution eingenommen werden muss. „Machen Sie Ihren Männern Beine“, befiehlt er seinen Generälen. Die gehorchen und erzwingen die Rückeroberung mit weiteren unzähligen Verlusten an Menschen und Material. Dabei werden beim Angriff erstmals Scheinwerfer an Panzern und Sirenen eingesetzt, um den Feind zu verwirren. Ob die Kriegslist geholfen hat, ist nicht bekannt. Tatsache ist aber, dass die Scheinwerfer, die an die Panzer montiert wurden, den Schützen an den Panzerabwehrgeschützen das Zielen sehr erleichtert haben.

Schnitt. im Weißen Haus sagt Präsident Roosevelt, dass die Amerikaner auf die Eröffnung der zweiten Front verzichten könnten, wenn die Sowjets weiter so schnell vorrücken. Der Präsident selbst erwiest sich eher als Feigling. In Teheran, wo erstmals ein Treffen zwischen den drei Führern der Alliierten stattfindet, lässt er sich von der Meldung, in der Stadt gäbe es zahllose Nazi-Agenten so beeindrucken, dass er sich in die Sowjetische Botschaft flüchtet, wo er Stalin erstmals begegnet. Gegenüber Churchill kommt Roosevelt wegen seines Verhaltens in Erklärungsnot. Stalin nutzt seine Schwäche kühl, um die Zusage für die Errichtung der zweiten, eigentlich dritten Front zu bekommen. Er kann auf stolze Erfolge verweisen: Es wurden 56 deutsche Divisionen, 13.000 Panzer und 14 Flugzeuge vernichtet. Die Wehrmacht war gezwungen, 75 Divisionen aus dem Westen an die Ostfront zu werfen.

Stalin hat in Teheran klar die Initiative. Churchill will die zweite Front lieber auf dem Balkan, als in Frankreich eröffnen, weil dann die jugoslawischen Partisanen die Hauptlast zu tragen hätten. Aber Stalin setzt sich mit seiner Forderung, dass es die Normandie sein muss, durch.

Schnitt. Während die Staatsmänner verhandeln, setzt die Rote Armee auf Skiern, Pferdewagen und für die höheren Chargen LKWS ihren Vormarsch fort. Unterwegs wird Silvester gefeiert, mit dem Spruch: „Wir sind unsterblich!“. Leider war das nicht so.

Ein Jahr später steht die Rote Armee an der deutschen Ostgrenze. Am 12. Januar beginnt die Offensive. Die Militärs hatten sie eigentlich für Ende Januar vorgesehen, weil sie noch Zeit brauchten, um die notwendige Luftunterstützung aufzubauen. Stalin legt dagegen den Termin auf den 12. Januar fest, dann eben ohne ausreichende Luftunterstützung.

Der Vormarsch vollzieht sich dann so schnell, dass die rückwärtigen Dienste 500 km zurückgelassen wurden. Die Armee von Marschall Schukow steht schon Anfang Februar 60 km vor Berlin. Die Armee von Marschall Rokkosowski hängt in Pommern fest, etwa 150 km von Berlin entfernt. Die Armee von Marschall Konew kommt von Süden und könnte Berlin als erste erreichen.

Es gibt nicht nur einen Wettlauf mit den westlichen Alliierten, wer Berlin als Erster die Hauptstadt erreicht, sondern auch zwischen den sowjetischen Generälen. In diese Konkurrenz greift Stalin ein und beordert Konew zur Unterstützung Rokkosowskis nach Pommern. Schukow kann deshalb den finalen Sturm auf Berlin verschieben und seiner Truppe eine Pause gönnen.

Bemerkenswert ist, dass im Film gezeigt wird, dass die Rote Armee von der 1. Polnischen Armee unterstützt wird, die hauptsächlich aus Mitgliedern der Heimatarmee bestand, die später von den Sowjets gnadenlos verfolgt wurden.

Schnitt. Für Hitler ist der Fakt, dass die 1. Russische Panzerarmee an der Oder steht, Verrat. Sein Stab schlägt vor, mit Eisenhower über einen 100-tägigen Waffenstillstand zu verhandeln, um die Westverbände im Osten einsetzen zu können. Ein Unterhändler wird in die Schweiz geschickt, wo er sich tatsächlich mit einem Vertreter der englischen Regierung trifft. Das Komplott fliegt auf, als Stalin in Jalta, beim zweiten Treffen der alliierten Führer Churchill und Roosevelt mit einem Foto konfrontiert, das den deutschen mit dem englischen Unterhändler zeigt.

Der Film ist natürlich auch eine Schreibung der Geschichte: Befreiung ist ja schon als Leitmotiv im Titel gesetzt: Der Film schafft trotzdem in einer zwar plakativen, aber im Kern doch richtigen Metapher diese Leitmelodie zu untermauern. Sie ist in eine Szene eingebaut, in der ein sowjetischer Panzersoldat und ein polnischer Infanterist auf der Suche nach Benzin für die steckengebliebenen sowjetischen Panzer sind. Auf einem Güterbahnhof werden sie fündig. Während sie mit Alkohol, den sie zufällig gefunden haben, Brüderschaft trinken (eine Verbesserung des russisch-polnischen Verhältnisses ist ein erkennbares Bemühen des Films), hören sie Klopfen aus dem benachbarten Güterwagen. Sie öffnen die Türen der Waggons und finden darin KZ-Häftlinge, die von den Wachen zurückgelassen worden waren und verdurstet wären, wenn die beiden Soldaten sie nicht befreit hätten. Zunächst ein Waggon Frauen und dann einer voller Männer. Es folgt eine kleine, spontane Freiheits-Demonstration. Inklusive Gründungsmythos der DDR: Der zunächst skeptisch bewertete, aber dann akzeptierte deutsche Gefangene (‚Antifaschist gut!‘) wird zum Wortführer: ‚Nie wieder Faschismus‘. Der grundsympathische, einfachere sowjetische Panzersoldat soll auch reden: Er ist erst unsicher, aber sagt dann: ‚Geht nach Hause‘. Doch dann entdecken er und sein neuer polnischer Freund, dass sie jetzt auf einem Treibstoffwagon stehen. Also Kommando zurück: Die befreiten KZ-Häftlinge Frauen und Männer schieben den Treibstoff zu den sowjetischen Panzern, damit diese zusammen mit den Polen nach Berlin vorstoßen.

Und nach dieser sehr ergreifenden Szene kommt die entscheidende Szene für den von Stalin geschürten Wahnsinnswettlauf zwischen Schukow und Konew auf Berlin. Stalin hat Erkenntnisse, dass die Amis mit Unterstützung von Hitler Berlin vor den Sowjets kriegen sollen. Schukow und Konew müssen zuerst da sein.

Schukow und die 1. Belorussische Front müssen die sowjetischen Panzer über die Seelower Höhen. Schukow hat die Idee, den Angriff in der Nacht zu starten und das Schlachtfeld mit tausenden Suchscheinwerfern zu beleuchten. Alle Mitglieder seines Stabes waren dagegen und wiesen richtig darauf hin, dass die eigenen Soldaten durch die Beleuchtung zu Zielscheiben würden. „Der Gegner sieht uns besser, als wir ihn“. Schukow lässt die Einwände gegen seine Idee nicht gelten. So kommt es, dass eine hoffnungslos unterlegene Truppe aus jugendlichen und alten Volkssturmmännern dem Angriff tagelang standhalten kann und zehntausende Sowjetische Soldaten auf den Seelower Höhen ihr Leben lassen mussten. Im Film wird diesem Wahnsinn breiter Raum gewidmet. Der Zuschauer kann sich seine eigene Meinung bilden.

Letztlich dürfen Schukows Panzer zuerst nach Berlin rein, Konew muss warten, obwohl er eigentlich näher dran ist. Stalin war zwar ein grausamer Diktator, aber in bestimmten diplomatischen Schachzügen auch außerordentlich geschickt. Auch dies wird im Film angedeutet, aber nicht ausgeführt.

Im Teil ‚Die Schlacht um Berlin‘ gibt es noch drei weitere Stellen für die Geschichtsbücher. Zunächst über den Wahnsinn des letzten Aufgebots: Ein 15jähriger Deutscher Bengel erschießt beinahe Panzergeneraloberst Lejuschenko kurz vor Berlin und wird geschnappt– der General ist aber großmütig: ‚Hat er eine Mutter? Sie soll ihm den Hintern versohlen.“ Man hofft, dass es diese Großherzigkeit auf Seiten der Sowjets gegeben hat, häufig war sie sicherlich nicht. Der Fanatismus des letzten NS-Aufgebots, gerade der Jungs, war ganz sicherlich ein schlimmes, tragisches Element des Endkampfs.

Nach heikler ist die Szene der ersten Begegnung von sowjetischen Soldaten mit jungen deutschen Frauen – gespielt wieder von dem sympathischen, einfachen Panzersoldaten, der mit seinem Kommandanten durch eine weggeschossene Kette rückwärts in eine Wirtsstube am Stadtrand von Berlin reinfährt. Die beiden Soldaten treffen auf ein älteres Wirtsehepaar und zwei junge, hübsche, volljährige, deutsche Frauen – in der Zeit, wo der dritte Mann die Panzerkette repariert, feiern die beiden Soldaten mit den Mädels und deren Eltern. Es geht flirtig- kokett zu, die Mädels sind an den Jungs sichtlich interessiert, die Mutter guckt streng, der Vater meckert, dann kommt ein Gegenangriff, der die lustige Gesellschaft auflöst – das ist natürlich klar verzeichnet, aber es wird durch die nicht viel später folgende Szene relativiert.

In Berlin stehen Konews Männer vor einem Zoo (gedreht im Tierpark Berlin) – der Panzer-Generaloberst Bogdanov ist großzügig – er verheizt seine Truppe nicht mehr, als er von einem jungen Fahrer erfährt, dass durch deutschen Widerstand Gefahr droht – sie warten auf die Infanterie und unterhalten sich. Der blutjunge Mann musste eine Ausbildung in Moskau unterbrechen. Der General: „Wir sind über den Berg, bald kannst Du wieder studieren.“ Die Infanterie kommt, die Deutschen werden vertrieben, die Panzer rücken in den Zoo ein: Fasziniert von der friedlichen Stimmung geht der junge Moskauer aus seinem Panzer und wird prompt erschossen: „Warum?“ sind seine letzten Worte.

Der Endkampf um Berlin begann am 16. April und dauerte bis zum 2. Mai. Die Rote Armee setzte insgesamt 2 Million Soldaten ein. Der erbitterte Häuserkampf wurde mit aller Grausamkeit geführt. Gegen Ende April hatte man im Führerbunker keinen Überblick mehr, welche Teile der Stadt schon eingenommen waren und welche nicht. Als aber per Kurier die Nachricht kam, dass die Rote Armee schon in die U-Bahn vorgedrungen sei, befahl Hitler sein letztes Kriegsverbrechen, die Sprengung der Mauer zur Spree, um die U-Bahnschächte zu fluten. Aus dem Hinweis, dass sich in den Schächten sowohl verwundete Soldaten, als auch Frauen und Kinder befänden, reagierte Hitler, dass die Deutschen kein Recht auf Existenz hätten, wenn das Dritte Reich untergeht.

Ob den Antifa-Aktivisten von heute eigentlich bewusst ist, wie sehr sie sich mit ihrem Ruf „Deutschland verrecke“ zum Erfüllungsgehilfen von Hitlers letztem Wunsch machen?

Der Kampf um Berlin endete mit der Schlacht um den Reichstag. Auf der kurzen Strecke zwischen dem Brandenburger Tor und dem Reichstag kamen noch einmal tausende Sowjetische Soldaten ums Leben. Es wurde wieder ohne Rücksicht auf Verluste vorgegangen. Nach Tagen kam die erlösende Idee, über die Spree zu setzen und das Gebäude von der Flußseite her einzunehmen.

Heute kann man unter den freigelegten Graffiti sowjetischer Soldaten, die bei der Rekonstruktion des Reichstags freigelegt wurden, die Namen der Mitglieder Brückenbaubrigade lesen, die den Ponton über die Spree gebaut haben und sich am 8. Mai, dem Tag des Sieges, dieses Denkmal gesetzt haben.

Was im Film nicht thematisiert wird, aber zur historischen Wahrheit gehört ist, dass der Reichstag hauptsächlich von französischen Freiwilligen der 33.SS-Brigade Charlemagne und Skandinaviern der 11. SS-Panzergrenadier-Division Nordland verteidigt wurde.

Im Führerbunker, nur 600m vom Reichstag entfernt, trifft am 30. April die Nachricht von der Zurschaustellung des ermordeten Mussolini und seiner Geliebten in Mailand ein. Die Vorstellung, so zu enden, wird zum Entschluss Hitlers und Goebbels zum Selbstmord beigetragen haben. Ein Angebot Görings, mit Hilfe einer Spezialeinheit Berlin noch zu verlassen, lehnt Hitler ab. Ihm ist klar, dass er alles verloren und keine Möglichkeit hat, ehrenvoll zu entkommen.

Niemand weiß genau, was sich in der letzten Stunde eines der größten Verbrecher der Menschheit abgespielt hat. Mir persönlich gefällt sein in „Befreiung“ dargestelltes Ende besser, als die verkitschte Version von Bernd Eichinger in seinem Monumentaldrama „Der Untergang“. Dort wird Hitler als so etwas wie der sehr gestrenge, aber gerechte Pater familias gezeigt, der seinem Leben konsequent selbst ein Ende setzt.

In „Befreiung“ vergiftet Hitler seine eben angetraute Ehefrau Eva, mit der ihn nichts als „Freundschaft“ verbunden hat, gegen deren Widerstand. Dann hat er nicht den Mut, sich selbst zu erschießen und ruft seinen Assistenten zu Hilfe. Das passt nach meinem Empfinden besser zu einem Mann, der sich, wie Stalin, stets geweigert hat, den Folgen seiner Politik ins Auge zu schauen.

Schnitt. Im Reichstag sind die Kämpfer inzwischen in den ersten Stock vorgedrungen. Schukow, der telefonisch informiert wird, sagt: „1. Stock, mehr nicht? Ein bisschen mehr Tempo, Genosse General“.

Das Tempo, das gefordert wird bewirkt, dass die letzten Soldaten, die den Zuschauer durch alle fünf Teile begleitet haben, noch umkommen. Im Abspann wird darauf hingewiesen, dass die Zahl der sowjetischen Kriegsopfer 20 Million betrug. Wer den Film gesehen hat, weiß, wer seinen Anteil daran hat.

Der Film ist ein Meisterwerk, weil er fast ohne Agitation und Propaganda auskommt und es geschafft hat, wenigstens Teile der historischen Wahrheit zu thematisieren – ein Sieg der Kunst über die Diktatur.

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Buch/Filmkritik

Notizen von unterwegs – Vorwort: Hinter den Fassaden des Alltäglichen von Chaim Noll

Vera Lengsfeld ist in ihrem Leben weit gereist. Ihre Notizen von unterwegs hat sie zu kurzen, prägnanten Reiseberichten kompiliert, die tagebuchartig festhalten, wo sie war, was sie gesehen und gehört hat, und gelegentlich, doch nie dominierend, was sie darüber denkt. So berichtet sie von Reisen in alle Himmelsrichtungen, nach Argentinien, Litauen, Israel, China, Rumänien, Spanien, Zypern, Estland, Kuba, Deutschland, Polen, Chile oder Sibirien, auch in Gegenden, über die sonst kaum etwas Vernünftiges zu erfahren ist wie das quasi-autonome Gebiet Transnistrien.

Die Autorin gibt keine unnötigen Erklärungen ab, warum sie sich an diesem oder jenem Ort aufhielt, teilt über sich nur das Nötige mit und vermeidet die bei anderen Reiseautoren üblichen Abschweifungen in eigene Reflexionen und Weltgedanken. Gegenstand ihres Berichts ist immer der besuchte Ort. Den versucht sie, soweit möglich, zu Fuß zu erkunden. So, „auf Augenhöhe“, in direktem vis à vis, begegnet sie dem Unbekannten, das sie fernen Orts erwartet, stellt sich ihm mit Neugier und Offenheit, mit einem jugendlich wirkenden Interesse an den Problemlösungen anderer.

Wie genau sie die Atmosphäre einer Stadt oder Landschaft einzufangen weiß, kann ich dort nachvollziehen, wo sie mir bekannte Orte besucht, etwa Petrosawodsk in Karelien. Genau so habe ich selbst diese weltferne Gegend in Erinnerung. Ihre Neugier geht in die Tiefe, oft schmerzhaft, auf Kosten der Idyllik des Reisens. Ihrerseits früh mit Geschichte konfrontiert, erweist sie sich als unerschrockene Spurensucherin, versessen auf das Historische hinter den Fassaden des Alltäglichen.

In Moskau sieht sie die Schönheit des rekonstruierten alten Arbat, doch sie wirft auch einen Blick auf das Hotel Lux, in dem in den dreißiger Jahren, zur Zeit der „Großen Säuberung“, die emigrierten Ausländer wohnten und in hypnotischer Starre warteten, bis die Männer in den Ledermänteln kamen, meist im Morgengrauen, und sie abholten. Gleich nebenan ist die Lubjanka, das Gefängnis der sowjetischen Staatssicherheit, in der abgeurteilt, nach Sibirien verschickt, nicht selten auch gleich hingerichtet wurde. Vera Lengsfeld, kundig in der Literatur des Schreckens, erkennt das Dom na Nabereshnoj, das „Haus an der Uferstraße“, dessen Insassen, Funktionäre und hohe Offiziere, fast alle den Weg in die Lager gingen. Zugleich ist sie imstande, die grandiose Ausstrahlung der alten russischen Metropole zu beschreiben, die den Schatten standhält, die eine wechselvolle, nicht selten tragische Geschichte auf sie wirft.

Die meisten Orte, die sie besucht hat, befinden sich in einem rapiden, manchmal radikalen Wandel. So dass es an sich verdienstvoll ist, den Jetzt-Zustand gewissenhaft zu beschreiben, weil er zum Zeitpunkt der Niederschrift schon aufgehört hat zu bestehen und womöglich nur in Lengsfelds Notizen überdauert. Das gilt für die Wunden und Krater des Krieges auf dem Balkan nach dem Zerfall Jugoslawiens, für die Foltermale Rumäniens, das bunte Elend Kubas der späten Castro-Zeit. Novosibirsk nennt sie in diesem Nebeneinander von alt und neu, von gestriger Misere und sich abzeichnendem Aufschwung eine „Patchworkstadt“. Das Wort trifft in dieser Zeit schneller Veränderung auf manchen der besuchten Orte zu. Sogar Ushuaia auf Feuerland, am Rand der bewohnbaren Welt, kurz vor dem Übergang ins ewige Eis, hat sich verwandelt: aus der ehemaligen argentinischen Strafkolonie von achthundert Seelen wurde, wie die Reisende festhält, binnen weniger Jahrzehnte „eine boomende Stadt mit 60 000 Einwohnern.“

Viele historische Details, die Vera Lengsfeld recherchiert und repetiert, waren mir unbekannt, und jetzt davon zu erfahren, macht dieses Buch für mich zur spannenden Lektüre. Weil sich im Historischen immer die Geheimnisse des Heutigen verbergen, über die nachzudenken wir sanft genötigt werden. Ich wusste bisher wenig oder nichts über Beijings Stadtentwicklung, über die strukturellen Probleme chinesischer Mega-Metropolen, oder über Kuba, wo ich nie war. Oder über die Wechselfälle in der Geschichte der Insel Helgoland. Oder die Tragödie der Stadt Warschau, die von den Nazis „zu neunzig Prozent dem Erdboden gleich gemacht“ wurde.

Doch das Unheimliche, Bedrohliche kann auch mitten im Frieden geschehen, in einer westlichen Demokratie. Bei einem Besuch in Madrid beobachtet Vera Lengsfeld die Diskrepanz zwischen Medienbild und Wirklichkeit, die neue, heimliche Art der Desinformation: „Als ich am anderen Morgen die Nachrichten im Fernsehen anschaue, stelle ich fest, dass die Zahl der Teilnehmer des Protestzuges absurd niedrig angegeben wurde. Sechshundert sollen es nur gewesen sein, wo ich mehrere Tausend an dieser Kreuzung gesehen habe (…) Arroganz der Macht? Auf die Dauer werden sie damit nicht durchkommen.“

Arroganz und Schwäche westlicher Politik entgehen ihr nicht, vor allem nicht die Zeichen einer verfehlten, antiquierten Außenpolitik der europäischen Staaten: „Die Türkei denkt nicht daran, die griechische Stadt Famagusta zurückzugeben, wie sie sich verpflichtet hat. Sie kann darauf vertrauen, dass die EU von ihr die Vertragserfüllung nicht einfordert.“ Und sie ahnt die Folgen dieser schwachen Politik: „Ich werde das beklemmende Gefühl nicht los, dass unsere Reise in die Vergangenheit des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien eine Zeitreise in die Zukunft Europas ist.“

Vera Lengsfeld ist eine Frau mit großer Lebenserfahrung und politischem Gespür. Wie ihre Reise-Impressionen zeigen, ist sie weit in der Welt herum gekommen. Dabei bodenständig geblieben mit ihrem Hanggrundstück voller Obstbäume, das sie von ihrer Großmutter in Thüringen geerbt hat. Einmal bin ich mit ihr in der Wüste gewandert und habe ihre unglaubliche Ausdauer erlebt. Die sie auch anderswo zeigt, zum Beispiel in ihrem Eintreten für demokratische Freiheiten. Sie erkletterte die Sandhügel und Felsen der Negev-Wüste schneller als jeder andere. Training, sagte sie. Denn sie muss, um ihre Obstbäume zu ernten, ständig hügelauf und -ab laufen. Reisen ist nur eine Seite ihre Lebens. Und sie ist davon nicht, wie viele andere, konfus, „für alles offen“ und meinungslos geworden. Vera ist auf ihren weiten Fahrten durch die Welt ein Mensch geblieben, der ein Zuhause hat, eine klare Orientierung.

Chaim Noll

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Buch/Filmkritik

Wer die Moral über das Recht stellt, verliert beides

Ursprünglich veröffentlicht auf vera.lengsfeld.de am 23.03.20

Der Filmemacher Imad Karim wollte herausfinden, warum Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen von Kanzlerin Merkel gefeuert wurde. Hatte Deutschland den Schutz seiner Verfassung sechs Jahre lang einem Mann anvertraut, der ein Verfassungsfeind ist?

Im Gegenteil, Maaßen ist nach wie vor Verfassungsschützer, auch als Privatmann. Aus Sorge um unser Land. Wenn in Deutschland weiter so verfahren wird,  dass Recht und Gesetz zur disposition gestellt werden, wann immer ein angeblich höherer Zweck es verlangt, sieht Maaßen eine dunkle Zukunft für uns. Aber: “Wenn Deutschland ein toter Gaul wäre, würde ich ihn nicht reiten”. Maaßen ist zuversichtlich, dass man mit Bildung und Meinungsfreiheit die Kreativität fördern kann, die wir brauchen, um die Krise zu überwinden. Deshalb macht er es nicht wie Freidrich August III, der abdankte mit den Worten: “Macht doch euren Dreck alleine”, sondern mischt sich ein. Maaßen ist ein Hoffnungsträger in unserer Zeit!

Hier kann man den ganzen Film sehen. Es lohnt sich und ist eine gute Alternative zur alltäglichen Staatspropaganda.

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Geschichte

Nikita Chrustschow hat der Sowjetunion das Lachen wiedergegeben

Ursprünglich veröffentlicht auf vera-lengsfeld.de am 27.02.20

Der Vortragsraum des Berliner Hayekclubs war so gut gefüllt, dass kaum eine Stecknadel zu Boden fallen konnte. Man war gekommen, um einen Vortrag des bekannten Historikers Jörg Baberowski über den leider fast vergessenen Nikita Chrustschow zu hören. In einer Zeit, da uns das Lachen in Deutschland fast vergangen ist, weil vor aller Augen Rechtsstaatlichkeit und Demokratie von unseren „Eliten“ in Politik und Medien immer schamloser demontiert werden, erwies sich der Vortragstitel als Publikumsmagnet.

In der obligatorischen Vorstellungsrunde bezeichneten sich zwei Anwesende mit einem gewissen Galgenhumor als „Internethetzer“ und „Internbethetzerin“, um zugleich politisch-korrekt zu präzisieren: „Internethetzende“. Das Lachen zeigte, dass hier vor allem Regierungskritiker versammelt waren. Was die Anwesenden von Baberowski zu hören bekamen, war selbst für Leute, die sich in der Geschichte der Sowjetunion sehr gut auskennen, neu und spannend.

Als Anfang März 1953 in Stalins Datscha in Kunzewo bei Moskau, nicht wie üblich gegen 12 Uhr ein Glöckchen klingelte, zum Zeichen, das man nun das Schlafzimmer des Despoten betreten und ihm das Frühstück servieren durfte, traute sich keiner seiner Bediensteten oder der anwesenden Leibwächter, das Zimmer zu betreten und nachzuschauen, warum Stalin kein Zeichen gab.

Nach einigen Stunden rief man im Kreml an, wo man Stalin bereits vermisste. Eine kleine Gruppe von Politbüromitgliedern fuhr nach Kunzewo. Als sie die Tür zu Stalins Schlafzimmer geöffnet hatten, sahen sie den Diktator in seinen Exkrementen am Boden liegen. Er hatte einen Schlaganfall erlitten, lebte aber noch. Den Politbürokraten war klar, dass sie ihr Leben verwirkt hatten, sollte Stalin von seinem Anfall genesen. Niemand, der ihn so gesehen hat, hätte weiter leben dürfen. Also schlossen sie die Tür wieder, erklärten, Stalin schliefe noch, dürfe nicht gestört werden und kehrten erst am nächsten Tag mit Ärzten zurück. Der Diktator lebte zwar immer noch, war aber bereits jenseits aller Rettungsmöglichkeiten. Während sich Stalins Sterben hinzog, mussten die Politbürokraten die Nachricht von seinem Tod vorbereiten. Das war nicht so einfach, denn Stalin wurde wie ein Gott verehrt und Götter sterben nicht. Einerseits konnten sich die Politbürokraten eine Welt ohne Stalin nicht vorstellen, andererseits musste die Herrschaft des Politbüros ohne Stalin neu legitimiert werden. Man einigte sich auf eine Kollektivführung und einen sofortigen Bruch mit den stalinistischen Herrschaftsmethoden. Man wollte einander nicht mehr umbringen. Die einzige Gefahr für die Runde, Lawrenti Beria, Georgier wie Stalin und sein Geheimdienstchef, wurde im Juni 1953 auf die alte Weise beseitigt. Man wickelte ihn im Arbeitszimmer von Molotow in einen Teppich, schaffte ihn aus dem Kreml und ins Gefängnis, stellte ihn vor ein Standgericht und ließ ihn erschießen. Damit war die Gefahr der Rückkehr stalinistischer Methoden für immer gebannt.

Im Westen wurde später immer wieder die Frage gestellt, wieso es ausgerechnet Nikita Chrustschow, der Bauer aus dem Kuban, der Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben hatte, sodass er lieber diktierte, an die Spitze geschafft hatte. Baberowskis einleuchtende Antwort war, dass Chrustschow als der Ungefährlichste der Nachfolger galt.

Alle Politbürokraten hatten ihren Anteil an Demütigungen und Leid von Stalin erfahren. Sie mussten nach dem Arbeitstag Stalins, der gegen Mitternacht endete, mit ihm im Kreml Filme schauen, meist amerikanische Western, ihn dann auf die Datsche begleiten und mit ihm essen. Dabei wurden sie aufgefordert, zum Beispiel auf dem Tisch zu tanzen, wie Chrustschow, oder sich zum Gaudi auf Tomaten zu setzen, wie ein anderer Politbürokrat. Erst gegen vier Uhr Morgens durften sie in ihre Wohnungen fahren. Das waren die harmlosen Schikanen, denen die Politbürokraten ausgesetzt wurden. Schlimmer war es, wenn ihre Frauen in den Gulag geschickt wurden, wie die Ehefrau von Molotow, der selbstverständlich zustimmen musste, der Bruder im eigenen Arbeitszimmer erschossen wurde, wie es Lazar Kaganowich passierte oder man gezwungen wurde, Teile der eigenen Familie exekutieren zu lassen, wozu Beria gezwungen war.

Für Stalins Nachfolger war sein Tod eine Befreiung von diesen Marten. Sie leiteten eine stille Entstalinisierung ein. Als Erstes beendeten sie die Prozesse gegen die jüdischen „Mörderärzte“ , die angeblich vorgehabt hatten, Stalin zu vergiften und stoppten die mit diesen Prozessen verbundene antisemitische Kampagne. Dann leiteten sie die Entlassung der Gefangenen des Gulag ein.

Aber Nikita Chrustschow wollte mehr. Er war von Schuld, die er in der Stalinzeit auf sich geladen hatte, auch er hatte Todeslisten unterschrieben und Genossen denunziert, gepeinigt. Er wollte, dass über die Stalinschen Verbrechen geredet wurde. Deshalb lud er Gefangene ins Politbüro ein, um dort über ihre Erlebnisse im Lager zu berichten. Das waren zuerst die Angehörigen der Politelite, wie die Frau von Molotow. Damit wurden aus abstrakten Taten anschauliche Verbrechen. Als dem Politbüro über die letzten Stunden des ehemaligen Politbürokraten Eiche, dem man kurz vor seiner Erschießung noch ein Auge ausschlug, berichtet wurde, war dies das Ende eines Menschen, den sie alle kannten, mit dem Manche befreundet gewesen waren. Zum Schluss mussten die Täter vor dem Politbüro berichten. Danach wurde das Verbot von Folter und willkürlichen Erschießungen beschlossen.

Die Entstalinisierung war kein Machtkampf, sondern das Projekt eines Mannes, der mit seiner Schuld nicht mehr leben konnte und für den diese Schuld abzutragen eine Befreiung vom Übervater war.

Stalins Datscha wurde ausgeräumt, seine Habseligkeiten über das ganze Land verteilt, sein Personal entlassen. Nichts sollte mehr an ihn erinnern. Seine Bilder wurden in den Parteibüros und den öffentlichen Räumen abgehängt. Schließlich wurde seine einbalsamierte Leiche aus dem Lenin-Mausoleum entfernt und an der Kremlmauer beigesetzt. Das war für Chrustschow nicht genug. Mit den Anhörungen im Politbüro bereitete er die Erlaubnis vor, auf dem Parteitag 1956 über die Verbrechen Stalins zu berichten.

Vorher revitalisierte Chrustschow die Partei, die unter Stalin nur noch ein Schattendasein geführt hatte, als Ort der politischen Mobilisierung. Seine Rede vor dem Parteitag war keineswegs geheim. Sie wurde nicht nur vor den Delegierten gehalten, sondern anschließend überall in der Sowjetunion öffentlich verlesen. Die Botschaft war, dass die Todesdrohung als Mittel der Repression Geschichte war. Es durfte wieder offen gesprochen und die Regierung kritisiert werden. Chrustschows Entstalinisierung war ein Akt der Zivilisierung der sowjetischen Gesellschaft. Seine großartige Tat brachte aber nicht nur Erleichterungen des Lebens mit sich.

Die Hunderttausenden politischen Gefangenen, die aus dem Gulag zurückkkehrten, waren ein Problem. Die wenigsten konnte, wie die Ehefrau von Molotow, ins traute Heim zurückkehren. Es gab für die ehemaligen Häftlinge, in einer Zeit, dass viele Menschen noch in überfüllten Gemeinschaftswohnungen, baufälligen Hütten oder gar Erdlöchern hausten, keine Wohnungen, keine Arbeit, nicht genügend Lebensmittel für die Entlassenen.

Aber eins hatte Nikita Chrustschow erreicht: Es durfte wieder gelacht werden, auch über ihn. Die Zahl der Chrustschow-Witze ist Legion. Einer davon lautet: Nikita besuchte eine Kunstausstellung. Er geht von Bild zu Bild und fragt die Maler, was denn diese Hundescheiße oder jene Krakelei darstellen soll. Zum Schluss fragt er: Und was ist dieser Arsch mit Ohren? Das ist ein Spiegel, Nikita Sergejewitsch, antwortet einer der Künstler. Für diese Witze musste niemand mehr Repressionen befürchten.

Als Molotow und Kaganowich den ersten Versuch machten, Chrustschow zu stürzen, landeten sie, als der Putsch scheiterte, nicht vor dem Erschiessungspeleton, wie Molotow noch befürchtete, auch nicht im Lager, sondern wurden Direktor einer Asbestfabrik im Ural (Kaganowich) und Botschafter in der Mongolei (Molotow).

Auch als Chrustschow am Ende doch noch gestürzt wurde, weil er eine Amtszeitbegrenzung für Funktionäre einführen wollte, wurde er nicht gedemütigt und verhaftet, sondern mit Ehrerbietung in den Ruhestand geschickt. Damit hatte der Mann, der seien Landsleuten das Lachen wiedergegeben hatte, endgültig über Stalin gesiegt.

Hier kann man den Vortrag von Baberowski nachhören.

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Kultur

Effi Briest im Jungen Theater Nordhausen

Ursprünglich veröffentlicht auf vera-lengsfeld.de am 26.01.20

Am vierten Januarwochenende gab es im Theater Nordhausen gleich zwei Premieren. Neben der „Zauberflöte“, der rätselhaftesten Oper von Wolfgang Amadeus Mozart, wurde im „Theater unterm Dach“ „Effi Briest“, ein Erzähltheatersolo nach dem Erfolgsroman von Theodor Fontane, aufgeführt.

Wer das Stück gesehen hat, weiß, dass Fontanes Stoff nichts von seiner Faszination verloren hat. Das liegt nicht nur an der guten literarischen Bühnenfassung von Karin Eppler, die sich eng an Fontane hält, ihm dennoch nicht sklavisch folgt, sondern auch an der souveränen, kurzweiligen Inszenierung. Das ist auch ein Erfolg der Erzählsolistin Eva Lankau, die verschiedene Personen, Männer und Frauen verkörpert und der es manchmal nur mit ihrer Mimik gelingt, die Spannung zu halten oder den Plot in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Das Bühnenbild, das von der Regisseurin Daniele Bethge entworfen wurde, zeigt eine Wand, die in tapezierte Quadrate unterteilt ist, ein Sinnbild der Salons, in denen sich das gesellschaftliche Leben zu Effis Zeiten abspielte. Nach und nach werden die Quadrate umgedreht und Porträts der handelnden Personen sichtbar. Dazwischen ist eine Leinwand, auf der immer wieder die junge Effi, gespielt von Lisa Jacobi, erscheint. Komplettiert wird das Ganze von einer Schaukel, einem Stuhl, einem Sofa, einem Nähkästchen – alles Gegenstände, die in Fontanes Roman Schlüsselrollen spielen. Im Film sieht man noch das Rondell im elterlichen Garten, das für Effi das Symbol ihres unbeschwerten Lebens ist. Hier fühlt sie sich „so wohl und so glücklich; ich kann mir den Himmel nicht schöner denken“.

Effi ist ein Naturkind, sie sehnt sich nach der Sonnenseite des Lebens, sie schaukelt, um sich frei und schwerelos zu fühlen. Angst hat sie keine, im Gegenteil, „ich falle jeden Tag wenigstens zwei-, dreimal, und noch ist mir nichts gebrochen“.

Ihre Freundin Hulda warnt sie deshalb, dass Hochmut vor dem Fall kommt. Effi hat trotz aller Wildheit ein Faible für alles „Vornehme“. Deshalb willigt sie sofort ein, als ihre Mutter sie fragt, ob sie den 21 Jahre älteren Baron von Instetten heiraten will, der Landrat ist und auf eine Ministerkarriere hoffen kann.

Auf der Bühne wird die Handlung durch erhaltene Post vorangetrieben. Effi fühlt sich in ihrer neuen Umgebung unwohl. Aus dem wilden Mädchen wird eine steife Sprechpuppe, genau das, was sie ihrer Tochter später vorwirft. Das Haus von Instetten ist unheimlich. Da hängen ein Haifisch und ein Krokodil von der Decke und im Saal über Effis Schlafzimmer verursachen die zu langen Gardinen unheimliche Geräusche. In diesem Saal hat anlässlich der Hochzeit des Vorbesitzers ein Chinese mit der Braut getanzt, die dann verschwand. Der Chinese war kurz darauf tot – ein Fingerzeig auf Effis Schicksal.

Weil ihr Ehemann aus Karrieregründen häufig unterwegs ist, fühlt sich Effi einsam. Das ebnet den Verführungsversuchen des „Traums aller Frauen“, Major Crampas, den Weg. Sie liebt ihn nicht, lässt sich aber auf ein Verhältnis mit ihm ein und bewahrt seine Liebesbriefe in ihrem Nähkästchen auf. In Berlin, wohin sie mit ihrem Mann zieht, vergisst sie den Liebhaber und seine Briefe, bis sie von ihrem Mann gefunden werden.

Der Abstieg von Effi Briest ist begleitet von ihrer sich entwickelnden Lungenkrankheit, die schließlich zu ihrem Tod führte. Kurz vorher wird sie von ihren Eltern wieder aufgenommen, sie besteigt noch einmal ihre geliebte Schaukel, fühlt sich wieder frei, wie zu ihren Mädchentagen. Hier verschmelzen Lebenslust und Todessehnsucht.

Im Rondell bekommt sie ihren Platz an der Sonne, indem die Sonnenuhr durch ihren Grabstein ersetzt wird. Die Schlussszene auf der Bühne, auf der die leere Schaukel in Bewegung gesetzt wird, könnte nicht eindrücklicher sein.

Es tut dem Stück sehr gut, dass Eppler darauf verzichtet hat, Effis Ende, wie im Film von Hermine Huntgeburth, der 2009, mit Julia Jentsch und Sebastian Koch attraktiv besetzt, in die Kinos kam, in eine Emanzipationsgeschichte umzuschreiben. Obwohl das Urbild der Effi, Elisabeth von Plotho, nach ihrer Scheidung sich tatsächlich auf eigene Beine stellte und als Krankenschwester arbeitete, hat Fontane Effis Ende gewählt, um nachdrücklich auf die Zwänge des wilhelminischen Zeitalters aufmerksam zu machen. Das zwingt den Leser, in Nordhausen den Zuschauer zum Nachdenken, aus dem ihn ein Happy End entlassen hätte.

Der lang anhaltende Schlussbeifall zeigte, dass die Inszenierung das Publikum überzeugte.

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Kultur Reisen

Das Comeback der entarteten Bilder

Ursprünglich veröffentlicht auf vera-lengsfeld.de am 10.01.20

An diesem Wochenende vom 11. und 12. Januar ist die letzte Gelegenheit, im Kunstmuseum Moritzburg in Halle eine sensationelle Ausstellung zu sehen. Es handelt sich um die Rekonstruktion der ersten Sammlung hochkarätiger Meisterwerke von Bauhauskünstlern des Kunstmuseums Moritzburg. Bis 1933 galt diese Kollektion als eine der führenden Deutschlands, bis sie im Sommer 1937 durch Beschlagnahme von 147 „entarteten“ Werken ihrer Bedeutung beraubt wurde. Zwar ist die Zahl der verlorenen Bilder im Vergleich mit anderen Museen nicht allzu hoch, aber es betraf den Kern des Ausstellungsbestands, weshalb der Verlust nicht auszugleichen war. Immerhin gelang es dem Museum, 15 Werke zurückzukaufen.

Die aktuelle Schau zeigt 40 der beschlagnahmten Kunstwerke als Leihgaben von öffentlichen und privaten Sammlungen. Gemeinsam mit den 300 nicht konfiszierten Werken gewinnt der Besucher einen guten Eindruck von der ursprünglichen Sammlung. Wirklich alle Bauhauskünstler, bekannte und unbekannte, scheinen vertreten zu sein, mit Gemälden, Aquarellen oder Zeichnungen.
Der Genuss wird erhöht durch die außergewöhnlich gelungene Präsentation. Die Besucher sehen beim Rundgang mittels Wanddurchbrüchen die Bilder aus immer neuen, überraschenden Perspektiven.

Für mich war der absolute Höhepunkt der rekonstruierten Sammlung die temporäre Wiedervereinigung von sieben der einst elf Gemälde des Halle-Zyklusses von Lyonel Feininger. Sie nebeneinander zu sehen ist wirklich sensationell. Außerdem werden eine Reihe von vorbereitenden Skizzen gezeigt, die Feininger während eines Ostseeurlaubs als Vorstudien anfertigte. Es ist ein einmaliger Einblick in die Werkstatt des Malers.

Das herausragende Gemälde des Hallenser Domes konnte die Stadt Halle zurückkaufen. Zwei andere Gemälde hat es nach München und Mannheim verschlagen, wohin sie leider nach Ausstellungsschluss wieder zurückkehren müssen. Man wünscht sich, sie könnten als Dauerleihgaben in Halle bleiben. Das besondere Licht und die kunstvoll verschobene Perspektive machen Feiningers Gemälde nicht nur unverwechselbar, sondern einmalig.
Weiter hinten ist der Künstler noch mit einem Gemälde seiner Lieblingskirche in Gelmenroda zu sehen und mit einer Straßenansicht, deren eher dröge Anmutung durch seine spezielle Malweise ins Zauberhafte gedreht wird.

Allein für Feininger lohnt sich auch eine längere Anfahrt nach Halle. Aber Klee, Nolde, Kandisky, Kokoschka, Heckel, Schlemmer und Grosz sind auch noch da.
Wer es an diesem Wochenende nicht schafft, sollte sich schon mal den März vormerken. Dann wird Toulouse-Lautrec gezeigt. Nach der hohen Qualität dieser Ausstellung darf man gespannt sein, wie dieser Ausnahmekünstler präsentiert wird.

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Geschichte

30 Jahre Friedliche Revolution – Siebenundzwanzigster Dezember 1989

Ursprünglich veröffentlicht auf vera-lengsfeld.de am 27.12.19

Der Zentrale Runde Tisch tritt zum vierten Mal zusammen. Wieder ist die Auflösung der Staatssicherheit Thema, die von der Regierung Modrow trickreich hintertrieben wird. Schließlich wird ein Beschluss angenommen, der die Bildung neuer Geheimdienste bis zur Wahl am 6. Mai untersagt.

Diese Auseinandersetzung zeigt das schier unlösbare Problem des Runden Tisches. Auf der einen Seite die in der Revolution entstandenen neuen Gestaltungsansprüche der Oppositionsgruppierungen, auf der andern Seite der Versuch der SED, mittels des Runden Tisches ihre bröckelnde Macht zu stabilisieren. Dafür will sie auch die Bürgerbewegung instrumentalisieren.

Die SED bringt am Runden Tisch einen von Ministerpräsident Modrow angeregten „Entwurf einer Ordnung über die Tätigkeit von Bürgerkomitees“ ein. Darin wird behauptet, dass die Regierung die Bürgerbewegung unterstütze. Es könnten sich allerdings nur Bürgerkomitees gründen, die an „die Verfassung, die Gesetze und andere Rechtsvorschriften“ gebunden seien. Sie sollten eine „Sicheitsheitsgemeinschaft“ mit der „Volkspolizei und den anderen zuständigen Organen“ bilden und „kommunale Probleme und Anliegen der Bürger gemeinsam mit den dafür zuständigen staatlichen Organen“ bearbeiten.
„Die Handlungsfähigkeit der örtlichen Volksvertretungen, ihrer Räte und anderer Staatsorgane muss gewährleistet bleiben.“ In Konfliktfällen sollten die „übergeordneten Staatsorgane“ das letzte Wort haben.

Im Klartext: Modrow versuchte mit diesem Coup die Bürgerrechtsbewegung in eine Art Neuauflage der Nationalen Front zu locken, die der SED vierzig Jahre zu Diensten war und erfolgreich zu ihrer Machtsicherung beigetragen hatte. Allerdings war der Entwurf in einer Sprache abgefasst, der allzu sehr an die alte SED erinnerte, so dass seine Annahme durch den Runden Tisch scheiterte.
Nur die SED stimmte ihrem Text zu. Nicht einmal die Blockparteivertreter wollten dafür ihre Hand heben. Die Opposition machte noch einmal unmissverständlich klar, dass sie auf einer öffentlichen Kontrolle der Regierung bestand. Dagegen machten Lothar de Maizière von der CDU und Lothar Bisky von der SED geltend, dass ein „Vetorecht“ des Runden Tisches zur Regierungspolitik die Lage im Land „destabilisieren“ könnte.

Es wurde dennoch beschlossen, dass alle Gesetzes- und Regierungsvorlagen dem Runden Tisch vorgelegt werden müssten. Unklar war, ob Ministerpräsident Modrow sich daran halten würde.

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Geschichte

30 Jahre Friedliche Revolution – Zweiundzwanzigster Dezember 1989

Ursprünglich veröffentlicht auf vera-lengsfeld.de 22.12.19

Unter großem Jubel wird das Brandenburger Tor in Berlin geöffnet. Nun kann der Verkehr ungehindert von West nach Ost fließen, mitten durch
das Symbol der Trennung.

In Rumänien gehen die Straßenkämpfe weiter. Sie dehnen sich auf das ganze Land aus. In Bukarest kommt es mitten im Stadtzentrum zu einem wahren Blutbad, nachdem Securitate-Einheiten schwere Waffen gegen zehntausende Menschen eingesetzt hatten. Ein Friedhof der Dezember-Gefallenen zeugt heute in der rumänischen Hauptstadt von diesem Verbrechen. Allerdings fühlen sich die Angehörigen der Opfer heute von der Gesellschaft im Stich gelassen. Auf dem Höhepunkt der Kämpfe verhängt Ceaușescu den Ausnahmezustand im ganzen Land.

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Buch/Filmkritik

Robert Harris Blick in unsere Zukunft: Der zweite Schlaf

Ursprünglich veröffentlicht auf vera-lengsfeld.de am 21.12.19

Am Spätnachmittag des 9. April 1468 suchte ein Reiter seinen Weg durch das wilde Wessex. Sein Bischof hatte den jungen Mönch losgeschickt, um einen verstorbenen Pfarrer in einem abgelegenen Dorf zu beerdigen. Er kommt schließlich in dem Pfarrhaus an, wo er nicht nur den toten Pfarrer, sondern jede Menge verbotene Artefakte und Bücher vorfindet, darunter die zwanzigbändige Ausgabe der Forschungsergebnisse der geächtetenen „Gesellschaft für Altertumsforschung“. Als er noch ein Kind war, hatte er der Verbrennung dieser Bücher auf dem Scheiterhaufen von Essex beigewohnt.

Neben dem Bücherregal steht eine Vitrine, die allerlei Antikes enthält: Kugelschreiber, Plastikpuppen, seltsame, wie Birnen geformte Gläser, die ein Loch am Ende haben, das mit spiralförmigen Rillen verziert ist und ein schwarzes handtellergroßes Gerät, dünner als sein kleiner Finger, auf dem ein angebissener Apfel eingraviert ist. Erst da, im dritten Kapitel, wird dem Leser auf diese Wiese mitgeteilt, dass die Handlung nicht in unserem Mittelalter spielt, sondern im Jahr 800 nach der apokalyptischen Katastrophe, die eine ganze Zivilisation ausgelöscht hat.

Reste dieser Zivilisation findet man überall im Land. Man kann kaum einen Garten umgraben, ein Feld pflügen oder einen Graben ausheben, ohne auf menschliche Skelette und ihre Hinterlassenschaften zu stoßen. Hauptsächlich ist es Plastik und Glas, was die Zeiten überlebt hat. Metall ist fast vollständig verrostet, der Beton zerbröselt. Von der alten Zivilisation haben nur die steinernen Kirchen überdauert, die den Überlebenden der Katastrophe, von der man nie erfährt, was sie ausgelöst hat, Schutz boten und der Ausgangspunkt für den Aufbau einer neuen Zivilisation wurden.
Mehr als 60 Millionen Menschen sollen vor der Katastrophe in England gelebt haben. Jetzt zählt es etwa sechs Millionen Einwohner, die kaum das 50. Lebensjahr erreichen.

Dem jungen Priester ist beim Anblick all der verbotenen Dinge klar, dass sich der verstorbene Pfarrer der Ketzerei ergeben und streng untersagte Altertums-Forschungen angestellt hat. Er kann aber seine Neugier nicht bezwingen und fängt an, zu lesen. Dadurch erfährt er, dass sich die Nachforschungen des Verstorbenen auf ein Gebiet nahe des Dorfes, genannt der Teufelsstuhl, bezogen haben. Fairfax, so heißt der Priester findet schließlich einen Brief aus der Zeit vor der großen Katastrophe, geschrieben von einem Nobelpreisträger der Physik, der den Zusammenbruch der Zivilisation voraussah und beschlossen hatte, am Teufelsstuhl eine Arche zu errichten, in die er sich mit seiner Familie und seinen Freunden zurückziehen konnte. London, so schrieb er, wäre nur wenige Mahlzeiten vom Verhungern entfernt, man müsste im Ernstfall in abgelegene ländliche Regionen ausweichen, bevor der große Exodus aus den Städten einsetzt.

Harris schildert die repressive Atmosphäre der neuen christlichen Zivilisation, die frühmittelalterlich anmutet, aber ohne die Schönheit auskommen muss, die unser Mittelalter hervorgebracht hat. Nur die Natur hat sich erholt und umgibt die Menschen mit einer Vielzahl von Pflanzen und Tieren. Die Legenden der untergegangenen Zivilisation sind schwach, vor allem leben sie im Dorf fort, in den Spielen der Kinder, denen der Pfarrer erzählt hat, dass die Vorfahren sich nicht nur mit unglaublich schnellen Gefährten fortbewegten, sondern auch fliegen konnten. Wie sie das angestellt haben, weiß man nicht. Sie waren unglaublich gesund, wurden bis zu hundert Jahre alt und gingen doch unter.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit macht sich ein kleiner Trupp um Fairfax zum Teufelsstuhl auf, um dort nach der vermuteten Arche zu graben. Bevor sie aber den eigentlichen Bunker finden, entdecken sie ein Massengrab und eine Hinrichtungsstätte. Im Bunker finden sie dann tatsächlich das Skelett des Nobelpreisträgers, dessen Medaille neben seinem Sarg auf einem Etwas lag, das wie ein zerfallenes Kissen aussieht. In der Grabkammer sind rund um den Sarg Geräte mit dem angebissenen Apfel ausgestellt, Zeichnungen an der Wand zeigen, dass der Arche-Erbauer wie ein Gott verehrt wurde.

Ganz zum Schluss, kurz bevor eine Schlammlawine den Bunker unter sich begräbt, kommt Fairfax die Erkenntnis, dass die Hingerichteten die ursprünglichen Dorfbewohner waren, die von den London-Flüchtlingen als Nahrungs-Konkurrenten beseitigt wurden. Als sich die Verhältnisse nach der Katastrophe normalisiert hatten, nahmen die Flüchtlinge das Dorf in ihren Besitz. Die Bewohner, die Fairfax dort kennengelernt hatte, waren ihre Nachfahren.

Robert Harris, der seit seinem Erstling “Vaterland” nur internationale Bestseller  geschrieben hat, ist wieder ein packendes Buch gelungen. Ich konnte es kaum aus der Hand legen. Vor allem macht die Beschreibung, was von unseren großartigen Errungenschaften eigentlich übrig bleibt: Plastik und Glas, sehr nachdenklich. Von den Bauten, die heute in den Himmel wachsen, wäre in achthundert Jahren nichts mehr zu sehen. Nur die Kirchen überdauern. Harris zeigt, was das Ergebnis der derzeitigen Politik, der ideologischen Destabilisierung der Stromnetze durch „erneuerbare Energien“ , verbunden mit der wachsenden Gefahr eines großflächigen, mehrtägigen Blackouts, sein könnte. Ein Buch für alle, die mutig genug sind, die trügerische Komfortzone zu verlassen und möglichen Gefahren ins Auge zu sehen.

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Geschichte

30 Jahre Friedliche Revolution – Siebzehnter Dezember 1989

Ursprünglich veröffentlicht auf vera-lengsfeld.de 17.12.19

Der SED-Parteitag geht zu Ende. Mit dem Beschluss, die Partei zu erhalten, erfüllen sich die Hoffnungen des Parteiapparats und der Hardliner. Die ehrlichen Reformer sind gescheitert. Eine Grußadresse von Gorbatschow wird verlesen, die einer Abmahnung gleicht. Die Genossen sollten sich um Korruption, Lügen und Doppelmoral kümmern. Dabei gehen die Lügen erst richtig los, zuvorderst die von der geläuterten, reformierten, erneuerten Partei, die ein ehrliches Verhältnis zu ihrer Vergangenheit entwickelt habe.
Auch bei der Opposition gibt es eine Veranstaltung, die in eine Art Parteitag mündet: Der Demokratische Aufbruch erklärt sich zur Partei.

Es ist Sonntag. Für die Bürger von Potsdam gibt es eine Vorweihnachtsüberraschung: Der Bundespräsident Richard von Weizsäcker besucht unangekündigt mit Ministerpräsident Modrow das alljährliche Weihnachtssingen in der Nikolaikirche.

In Rumänien, speziell in Temeswar, geht es weniger beschaulich zu. Etwa 10 000 Einwohner unterschiedlicher Nationalität und Religionszugehörigkeit fordern die Einhaltung der menschenrechte und die Abschaffung von Ceaușescus Tyrannei. Nachdem Staatschef Ceaușescu auf einer Telefonkonferenz bekräftigt hat, dass Schusswaffen gegen die Demonstranten eingesetzt werden sollen, geht die Schießerei in der Stadt verstärkt weiter. Wieder gibt es zahlreiche Tote und Verletzte.