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Freiheit in Deutschland – Geschichte und Gegenwart

In einer Zeit, da immer mehr Deutschen Heines Nachtgedanken in den Sinn  kommen, wenn sie über den aktuellen Zustand unseres Landes nachdenken, ist das Erscheinen eines Buches, das Deutschland als den Hort der Freiheit preist, fast so etwas wie ein Sakrileg. Schließlich ist selbst die Tatsache, dass es die Ostdeutschen waren, die 1989 die größte Freiheitsrevolution der Geschichte angeschoben haben, die im fast friedlichen Zusammenbruch eines bis an die Zähne atomar bewaffneten Unterdrückungssystems mündete, erfolgreich aus dem zeitgeistlichen Bewusstsein getilgt worden. Kann man sich so weit von der allgemeinen Annahme, bei den Deutschen handle es sich um die geborenen Untertanen, die nicht nur jede Diktatur dulden, sondern zu deren willigen Helfern werden, entfernen?

Ja, man kann, wenn man Gerd Habermann heißt, ein wahrhaft freiheitlich denkender Mensch und Historiker mit wachem Blick ist, der durch keine ideologischen Vorurteile getrübt wird.

Habermann sagte anlässlich einer Präsentation seines Buches vor jungen Leuten, er hätte jahrzehntelang darauf gewartet, dass sich jemand der Aufgabe stellte, eine Geschichte der freiheitlichen Traditionen in Deutschland zu schreiben. Als sich das Warten als vergeblich herausstellte, hat sich Habermann selbst ans Werk gemacht.

Herausgekommen ist ein Buch, das mit seiner Fülle an Beispielen überrascht, wie sie nur ein exzellenter Kenner der Geschichte auffinden konnte. Die Lektüre ist lehrreich, aber unterhaltsam, ja sogar vergnüglich. Das Werk ist ein Stimmungsaufheller in finsteren Zeiten. Es macht Mut, denn wo eine so reiche Freiheitstradition zu entdecken ist, mangelt es nicht an Vorbildern und Anknüpfungspunkten. Auch die permanente Konterrevolution, als die ich die letzten dreißig Jahre betrachte, die in der Corona-Krise ihrem Höhepunkt zustrebt, kann besiegt werden. Man muss sich nur auf die Lehren der Geschichte besinnen und darauf, was die Sozialisten, als  sie noch emanzipatorisch waren, wußten: „Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun“.

Hilfreich bei der Selbstbefreiung aus der aktuellen Virokratur kann die Erinnerung an die „reiche politische Kultur der Freiheit, des Universalismus, einer fast unglaublichen Vielfalt der politischen Institutionen und dazu einer reichhaltigen Freiheitsliteratur“ sein. Hervorgebracht hat diese Tradition die als Kleinstaaterei verunglimpfte reiche Differenzierung Deutschlands, dem es lange gelang, ein politisches Zentrum zu vermeiden. Diese Kleinteiligkeit hat den beispiellosen kulturellen Reichtum, die höchste Theater- und Orchesterdichte der Welt, die ersten Weltbürger, wie Goethe, Schiller und fast alle ihrer dichtenden und philosophierenden Zeitgenossen hervorgebracht.

Heute wird dieser Reichtum zunehmend als Last empfunden. Der diktatorische Lockdown, der kaum mit seuchenpolitischen Notwendigkeiten erklärt werden kann, scheint auch das Ziel zu haben, sich wenigstens eines Teils dieses inzwischen offenbar als lästig empfundenen Erbes zu entledigen. Wer diese Annahme zu gewagt findet, der sei an die immer lauter werdenden Forderungen nach einer „postmigrantischen“ Gesellschaft erinnert, die verlangt, unser kulturelles Erbe aufzulösen und mit einem Sammelsurium an kulturellen Versatzstücken aus aller Herren Länder zu ersetzen. Auch der Freiheitsgedanke wird vorsätzlich immer mehr verwässert, indem er auf die „Freiheit“ sich nach staatlichen Vorgaben zu äußern und zu bewegen, beschränkt wird.

Dabei nahm die Freiheit bei den Deutschen ihren Anfang, im Kampf der freien germanischen Stämme gegen das Römische Reich. Hierbei handelte es sich Verbände ohne zentrale politische Gewalt, ohne Bürokratie, ohne Staat, ja ohne gemeinsame Sprache. Unsere Vorfahren kämpften nach dem Motto einer norwegischen Rechtsauffassung: „Wenn der König die Wohnstadt eine freien Mannes verletzt, werden wir ihn verfolgen und töten“.

Kein Geringerer als Tacitus schätze den Freiheitswillen der Germanen als gefährlicher ein, als alle andern Gegner Roms. Er behielt recht. Am Ende war nicht die römische Militärmaschine erfolgreich, sondern die Guerilla-Taktik der unabhängigen Stämme.

Was Gerd Habermann auf 250 Seiten als Beispiele für die freiheitlichen Traditionen und Institutionen der Deutschen anführt, kann in einer Rezension nicht mal angerissen werden. Wie viele es sind, davon macht man sich vielleicht ein Bild, wenn man weiß, dass der Widerstand gegen die Nazidiktatur und die SED-Herrschaft jeweils nur auf zweieinhalb bzw. anderthalb Seiten abgehandelt werden.

Für Feministinnen, die dem Irrtum erlegen sind, sie wären die ersten, die sich für die Befreiung der Frau eingesetzt haben, sei gesagt, dass die deutsche Geschichte zahlreiche Beispiele  aktiver Frauen kennt, die sogar in eigenen freien Gemeinschaften, wie das Stift  Gernrode, das 24 Dörfer besaß, lebten. Der deutsche Polyzentrismus brachte jede Menge freie Städte, Dörfer, ja sogar Gutshöfe hervor, die keiner Zentralmacht Untertan waren. Habermann scheint alle diese Orte bereist zu haben, denn er weist für jeden auf die architektonischen und anderen Überbleibsel ihrer freiheitlichen Vergangenheit hin.

Aber auch das freiheitliche geistige Erbe ist beachtlich. Neben den bekannten Namen wie Kant, Herder, Schiller, stehen Persönlichkeiten wie Justus Möser aus dem Fürstentum Osnabrück, mit vielfältigen Freiheitstraditionen, vor allem dem freien Bauerntum. Mösers Schriften atmen diese freiheitliche Tradition: Je allgemeiner die Regeln „desto despotischer, trockener und armseliger wird der Staat“. Ein Grundsatz, den man dem Bayerischen Ministerpräsidenten Söder ins Stammbuch schreiben möchte, der seine provinziellen diktatorischen Verfügungen im ganzen Land Geltung verschaffen will. Mösers Warnung, dass mit jeder Zentralisierung nützliches Wissen verloren gehe, ist hochaktuell vor den Bestrebungen, aus der EU einen Zentralstaat zu machen. Nicht die Gleich- sondern die Sonderstellung ist es , was den Menschen ihre lebendige Physiognomie gibt. Durch fehlende Zentralisierung könnten Menschen „alles, was ihnen die Natur gegeben , aufs Schärfste nutzen und aus jeder Menschensehne ein Ankerseil machen“.

Als warnendes Beispiel gilt Möser der Jesuitenstaat Paraguay, der aus seinen Bewohnern „Schafsmenschen“ mache. Ein „oberster Schäfer treibt seien Schafe speilend vor sich her“.

Wer kein Schafsmensch sein will, der muss sich in die Freiheitstraditionen der Deutschen stellen. Das Studium von Habermanns Buch ist ein guter Anfang.

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Freiheit in Deutschland – Geschichte und Gegenwart

In einer Zeit, da immer mehr Deutschen Heines Nachtgedanken in den Sinn kommen, wenn sie über den aktuellen Zustand unseres Landes nachdenken, ist das Erscheinen eines Buches, das Deutschland als den Hort der Freiheit preist, fast so etwas wie ein Sakrileg. Schließlich ist selbst die Tatsache, dass es die Ostdeutschen waren, die 1989 die größte Freiheitsrevolution der Geschichte angeschoben haben, die im fast friedlichen Zusammenbruch eines bis an die Zähne atomar bewaffneten Unterdrückungssystems mündete, erfolgreich aus dem zeitgeistlichen Bewusstsein getilgt worden. Kann man sich so weit von der allgemeinen Annahme, bei den Deutschen handle es sich um die geborenen Untertanen, die nicht nur jede Diktatur dulden, sondern zu deren willigen Helfern werden, entfernen?

Ja, man kann, wenn man Gerd Habermann heißt, ein wahrhaft freiheitlich denkender Mensch und Historiker mit wachem Blick ist, der durch keine ideologischen Vorurteile getrübt wird.

Habermann sagte anlässlich einer Präsentation seines Buches vor jungen Leuten, er hätte jahrzehntelang darauf gewartet, dass sich jemand der Aufgabe stellte, eine Geschichte der freiheitlichen Traditionen in Deutschland zu schreiben. Als sich das Warten als vergeblich herausstellte, hat sich Habermann selbst ans Werk gemacht.

Herausgekommen ist ein Buch, das mit seiner Fülle an Beispielen überrascht, wie sie nur ein exzellenter Kenner der Geschichte auffinden konnte. Die Lektüre ist lehrreich, aber unterhaltsam, ja sogar vergnüglich. Das Werk ist ein Stimmungsaufheller in finsteren Zeiten. Es macht Mut, denn wo eine so reiche Freiheitstradition zu entdecken ist, mangelt es nicht an Vorbildern und Anknüpfungspunkten. Auch die permanente Konterrevolution, als die ich die letzten dreißig Jahre betrachte, die in der Corona-Krise ihrem Höhepunkt zustrebt, kann besiegt werden. Man muss sich nur auf die Lehren der Geschichte besinnen und darauf, was die Sozialisten, als sie noch emanzipatorisch waren, wussten: „Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun“.

Hilfreich bei der Selbstbefreiung aus der aktuellen Virokratur kann die Erinnerung an die „reiche politische Kultur der Freiheit, des Universalismus, einer fast unglaublichen Vielfalt der politischen Institutionen und dazu einer reichhaltigen Freiheitsliteratur“ sein. Hervorgebracht hat diese Tradition die als Kleinstaaterei verunglimpfte reiche Differenzierung Deutschlands, dem es lange gelang, ein politisches Zentrum zu vermeiden. Diese Kleinteiligkeit hat den beispiellosen kulturellen Reichtum, die höchste Theater- und Orchesterdichte der Welt, die ersten Weltbürger, wie Goethe, Schiller und fast alle ihrer dichtenden und philosophierenden Zeitgenossen hervorgebracht.

Heute wird dieser Reichtum zunehmend als Last empfunden. Der diktatorische Lockdown, der kaum mit seuchenpolitischen Notwendigkeiten erklärt werden kann, scheint auch das Ziel zu haben, sich wenigstens eines Teils dieses inzwischen offenbar als lästig empfundenen Erbes zu entledigen. Wer diese Annahme zu gewagt findet, der sei an die immer lauter werdenden Forderungen nach einer „postmigrantischen“ Gesellschaft erinnert, die verlangt, unser kulturelles Erbe aufzulösen und mit einem Sammelsurium an kulturellen Versatzstücken aus aller Herren Länder zu ersetzen. Auch der Freiheitsgedanke wird vorsätzlich immer mehr verwässert, indem er auf die „Freiheit“ sich nach staatlichen Vorgaben zu äußern und zu bewegen, beschränkt wird.

Dabei nahm die Freiheit bei den Deutschen ihren Anfang, im Kampf der freien germanischen Stämme gegen das Römische Reich. Hierbei handelte es sich Verbände ohne zentrale politische Gewalt, ohne Bürokratie, ohne Staat, ja ohne gemeinsame Sprache. Unsere Vorfahren kämpften nach dem Motto einer norwegischen Rechtsauffassung: „Wenn der König die Wohnstadt eine freien Mannes verletzt, werden wir ihn verfolgen und töten“.

Kein Geringerer als Tacitus schätze den Freiheitswillen der Germanen als gefährlicher ein, als alle andern Gegner Roms. Er behielt recht. Am Ende war nicht die römische Militärmaschine erfolgreich, sondern die Guerilla-Taktik der unabhängigen Stämme.

Was Gerd Habermann auf 250 Seiten als Beispiele für die freiheitlichen Traditionen und Institutionen der Deutschen anführt, kann in einer Rezension nicht mal angerissen werden. Wie viele es sind, davon macht man sich vielleicht ein Bild, wenn man weiß, dass der Widerstand gegen die Nazidiktatur und die SED-Herrschaft jeweils nur auf zweieinhalb bzw. anderthalb Seiten abgehandelt werden.

Für Feministinnen, die dem Irrtum erlegen sind, sie wären die ersten, die sich für die Befreiung der Frau eingesetzt haben, sei gesagt, dass die deutsche Geschichte zahlreiche Beispiele  aktiver Frauen kennt, die sogar in eigenen freien Gemeinschaften, wie das Stift  Gernrode, das 24 Dörfer besaß, lebten. Der deutsche Polyzentrismus brachte jede Menge freie Städte, Dörfer, ja sogar Gutshöfe hervor, die keiner Zentralmacht Untertan waren. Habermann scheint alle diese Orte bereist zu haben, denn er weist für jeden auf die architektonischen und anderen Überbleibsel ihrer freiheitlichen Vergangenheit hin.

Aber auch das freiheitliche geistige Erbe ist beachtlich. Neben den bekannten Namen wie Kant, Herder, Schiller, stehen Persönlichkeiten wie Justus Möser aus dem Fürstentum Osnabrück, mit vielfältigen Freiheitstraditionen, vor allem dem freien Bauerntum. Mösers Schriften atmen diese freiheitliche Tradition: Je allgemeiner die Regeln „desto despotischer, trockener und armseliger wird der Staat“. Ein Grundsatz, den man dem Bayerischen Ministerpräsidenten Söder ins Stammbuch schreiben möchte, der seine provinziellen diktatorischen Verfügungen im ganzen Land Geltung verschaffen will. Mösers Warnung, dass mit jeder Zentralisierung nützliches Wissen verloren gehe, ist hochaktuell vor den Bestrebungen, aus der EU einen Zentralstaat zu machen. Nicht die Gleich- sondern die Sonderstellung ist es, was den Menschen ihre lebendige Physiognomie gibt. Durch fehlende Zentralisierung könnten Menschen „alles, was ihnen die Natur gegeben, aufs Schärfste nutzen und aus jeder Menschensehne ein Ankerseil machen“.

Als warnendes Beispiel gilt Möser der Jesuitenstaat Paraguay, der aus seinen Bewohnern „Schafsmenschen“ mache. Ein „oberster Schäfer treibt seien Schafe speilend vor sich her“.

Wer kein Schafsmensch sein will, der muss sich in die Freiheitstraditionen der Deutschen stellen. Das Studium von Habermanns Buch ist ein guter Anfang.

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Ares – Ein eurokritischer Thriller

Der vierte Thriller, den Frank Jordan bei Lichtschlag veröffentlicht hat, ist sein bester. Meistens ist es umgekehrt. Ein Autor verfasst einen guten Roman und alles, was danach kommt, reicht nicht an den ersten Erfolg heran. Bei Jordan, eigentlich Monika Hausamman, kann man feststellen, dass sie sich frei schreibt von Längen und Holprigkeiten, die in ihren ersten Büchern noch zu finden sind. Ares ist spannend bis zur letzten Seite, trotz eingeflochtener philosophischer, psychologischer, soziologischer und politischer Betrachtungen. Insgesamt liefert die Autorin ein umfassendes Gemälde, was warum in der EU schiefläuft und warum uns das alle gefährdet.

Schon der Beginn ist dramatisch. In Spanien bestieg der Schütze Ben Kramer, Soldat einer europäischen Armee eine LKW, um zu einem Einsatzort zu fahren, an dem eine gewalttätige Demonstration niedergeschlagen werden soll. Seine Kameraden sind Söldner wie er, aus allen europäischen, aber auch außereuropäischen Ländern, ohne Bindung an ein Volk oder eine Region, universell einsetzbar. Als Becker merkt, dass sein Sniper-Kompagnon anfängt, aus lauter Mordlust, wahllos Menschen zu exekutieren, schaltet er ihn aus. Dann will er den Tatort verlassen, von dem man jetzt erfährt, dass es sich lediglich um eine virtuelle Übung gehandelt hat. Aber Becker wird von einer Art Militärpolizist umgebracht, nicht virtuell, sondern tatsächlich. Er hatte sich nicht bewährt und wird als lästiger Zeuge beseitigt.

Was sich in Spanien und in anderen streng von der Öffentlichkeit abgeriegelten Lagern abspielt, ist streng geheim. Becker ist nicht der einzige Söldner, der zu Tode kommt, es sterben auch Männer, weil sie ihrer Familie in persönlichen Botschaften zu viel Informationen gegeben haben.

Ares ist in der griechischen Mythologie der Gott des schrecklichen Krieges, des Blutbades und Massakers. Im Thriller ist es der Deckname für eine EU-Söldnerarmee, die hinter dem Rücken der europäischen Öffentlichkeit aufgebaut und einsatzfähig gemacht werden soll. Das ideale Machtinstrument für Eurokraten.

In der Schweiz werden der neu gebildeten Regierung abgehörte Telefonate zugespielt, die auf beängstigende Entwicklungen innerhalb der EU schließen lassen. Bundespräsident Ludwig und sein Sicherheitschef Jo Burger beauftragen daraufhin den Helden aller Jordanschen Bücher, den Geheimagenten Carl Brun, diese Vorgänge aufzuklären. Brun, der sich eigentlich im Exil in Schottland befindet, weil er bei seinen letzten Ermittlungen der früheren Schweizer Regierung zu sehr auf die Schliche gekommen war und abtauchen musste, lässt sich erneut in die Pflicht nehmen. Auch sein Team ist bereit, wieder mit ihm in die Schlacht zu ziehen, bei der erst herausgefunden werden muss, wer der Feind ist und was er vorhat.

Schon bald erschüttert eine Serie von Anschlägen Europa, von denen aber für Brun sehr schnell klar ist, dass sie nur das Vorspiel für ein Attentat sind, das so monströs ist, dass man es kaum zu denken wagt.

Wie Jordan ihr komplizierte Geflecht von Personen durch die Handlung führt, ist bewundernswert. Da ist einmal der neue Bundeskanzler Deutschlands, Eric Hessberg, der sich im Wahlkampf erfolgreich als Gegenstück zum üblichen Politikbetrieb inszeniert hat und sich als genauso korrupt und über Leichen gehend erweist, wie seine Kollegen. Wie Hessberg erfährt, dass ein Attentat mit tausenden Opfern, an dessen Planung sein Wahlkampfleiter und Regierungsberater und hohe Funktionäre seiner Regierung und der EU beteiligt sind, die absolute Macht sichern soll und er sich entscheidet, Teil davon zu werden, ist ein Handlungsstrang.

Damit verflochten ist die Geschichte der weltbekannten DJ Essia, eine Muslimin aus dem arabischen Ghetto von Marseille, die es mit Hilfe ihrer Familie, besonders ihres Vaters, auf Grund ihres einzigartigen Talents geschafft hat, zu einer Performerin der Weltspitze zu werden. Jordan beschreibt das Milieu in Marseille so lebendig, dass man das Gefühl hat, sie hätte darin gelebt. Das trifft aber auch auf die Schilderungen zu, die sie von der globalen Partyszene abgibt. Essia, die ihre pausenlosen Termine, Auftritte, Interviews und Partys nur mit Drogen und Alkohol aushält, wird von ihrem Manager manipuliert. Ihr einziger Freund aus Marseiller Zeiten kämpft vergebens um sie. Das erlebt der Leser mit, als wäre er dabei. Man versteht am Ende, wie aus dieser Gemengelage bei Essia die Bereitschaft entstehen konnte, sich während eines Auftritts in die Luft zu jagen. Ihr liegt nichts an diesem Leben, dem sie auf diese Weise doch noch einen Sinn geben will. Als sie die Manipulation durchschaut, ist es zu spät. Ihr Freund ist tot, ihr bleibt nur, ihm zu folgen.

Ein dritter Handlungsstrang beleuchtet die EU. Auch hier ist es Jordan gelungen, diese Funktionäre neuen Typus sehr genau zu zeichnen. Man begreift, wie ein Mensch gestrickt sein muss, um in diesem Apparat zu funktionieren. Ihre Heldin Sibel Marquart ist eine typische EU-Bürokratin: „Sie war die optisch perfekt gestaltete Schnittstelle zwischen ihrem Gegenüber und dem Haufen Anweisungen in ihrem Inneren. Es war die Leere einer ganzen Generation, der man via staatliches Bildungssystem Kompetenzen anstelle von Kenntnissen, Informationen anstelle von Wissen, Konsens anstelle von Kritik mit auf den Weg gegeben hatte…Der Höhepunkt einer Zivilisation, die alles Eigene bewusst abgeschafft, vergessen und durch perfekt funktionierende Gleichgültigkeit ersetzt hatte…Ihre Generation war das Ende der Geschichte, zu der sie bereits keinen Zugang mehr hatte.“

Am Ende des Thrillers gelingt es Brun und seinem Team, das große Attentat zu verhindern.

Aber das System, das diese Blaupause ersonnen hat, hat nur einen Rückschlag erlitten, mehr nicht. Es ist unter uns.

Frank Jordan: Ares

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Sonntagslektüre: Die Villa

Hans-Joachim Schädlich wird von den Kritikern als einer der „ganz Großen der zeitgenössischen Literatur“ gewürdigt. Das liegt an seiner besondern Sprache, mit der er in knappen Worten lebhafte Bilder in der Phantasie seiner Leser entstehen lässt. So gelingt es ihm zu beschreiben, was als unsagbar gilt. Wer wissen will, was das 20. Jahrhundert ausmachte, sollte zu Schädlichs Prosa greifen.

In seinem neuesten Buch „Die Villa“ erzählt Schädlich die Geschichte einer Familie aus seinem heimatlichen Vogtland. Die Geschichte umfasst den Zeitraum von Anfang der 30er  bis in die frühen 50er Jahre, also die der umstürzlerischsten Zeit der Deutschen. Er entdämonisiert die Geschichte, macht aber gleichzeitig klar, wie ein Volk in den finstersten Totalitarismus seiner Geschichte hineinwachsen konnte.

Elisabeth, die weibliche Hauptfigur, wollte eigentlich gar nicht heiraten, sondern als erwerbstätige Frau ein unabhängiges Leben führen. Aber dann traf sie Hans, den dunkelhaarigen Mann, von dem ihr Bruder sagte, der sähe aus wie ein „Jud“ und alles wurde anders. Sie gebar vier Kinder, nach drei Jungen endlich das ersehnte Mädchen und wurde Mutterkreuzträgerin statt Geschäftsfrau. Hans, der sehr bald NSDAP-Ortsgruppenleiter wurde, musste vorher wegen seines verdächtig nichtarischen Aussehens einen lückenlosen Herkunftsnachweis erbringen, um zu beweisen, dass sein Aussehen trog.

Der Aufstieg der Familie vollzog sich schnell und sichtbar. Erst konnte von den Einkünften aus dem Wollhandel, der damals einer der Hauptwirtschaftszweige von Reichenbach waren, ein Haus in einem der Stadt benachbarten Dorf gekauft werden. Die große Politik wurde nur am Rande wahrgenommen. Durch den Vertrag von München wurde das Sudetenland heim ins Dritte Reich geholt. Für die Familie brachte das den Vorteil, dass man nun eine Schwester Elisabeths besuchen konnte, ohne eine Grenze überschreiten zu müssen. Bald wurde das Haus zu klein und Hans musste sich nach einer größeren Bleibe umsehen. Er wählte die Gründerzeitvilla in Reichenbach, gebaut von einem Industriellen, die seit ein paar Jahren leer stand. Was mit den Besitzern geworden ist, wird verschwiegen, das war damals so üblich. Auch der jüdische Lehrer, der immer mit seinem Auto zur Schule gefahren war und in dessen Garten seine Schüler mit Vorliebe Obst klauten, war eines Tages verschwunden und sein Auto wurde jetzt von dem neuen Besitzer des Lehrer-Hauses gefahren.

Als 1939 Der Krieg begann, fragte Elisabeth ihren Mann, ob man sich jetzt Sorgen machen müsste. Nein, denn es wird schnell zu Ende gehen. Hans brauchte keine Einberufung zu befürchten, denn er hatte einen Herzklappenfehler. Als die Villa 1940 bezogen wurde, hatte sich der Krieg schon ausgeweitet, aber war zu weit weg, als dass man sich Sorgen machte. In die Villa kam jeden tag Pierre, ein französischer Zivilzwangsarbeiter, der sich gemeinsam mit dem Hausmeister um den weitläufigen Garten kümmern musste. Dafür bekam er Essen und ab und zu heimlich eine Zigarette, weil der Hausmeister nur Pfeife rauchte, in die er lieber getrocknete Rosenblätter steckte, wenn der Pfeifentaback alle war, statt des Zigarettentabacks.

Im Jahr 1943 wurde Hans Herzklappenfehler akut. Parallel zur dramatischen Entwicklung an der Front nach der verlorenen Schlacht um Stalingrad und aufkommenden Gerüchten, was mit den Juden im Osten geschah, erkannte er, dass er sein Leben einer verbrecherischen Sache gewidmet hatte:

„Ich habe Angst um dich und die Kinder. Die Schuld kommt über uns alle…Und da fragt Goebbels noch, ob wir den totalen Krieg wollen. Der Krieg ist längst total gegen Deutschland“. Elisabeth sagte: „Du darfst Dich nicht aufregen, es it zu spät“.

Nach dem Tod von Hans muss Elisabeth die Villa verkaufen, darf aber im obern Stockwerk wohnen bleiben, während unten das Rote Kreuz einzieht.

Nun kommt der Krieg mit voller Wucht nach Reichenbach, mit Bombenangriffen und Einquartierung aus Berlin. Die Berlinerin spricht mit Pierre Französisch.

Die Zwangsarbeiter wohnen abseits in Baracken, von dort hört man ab und zu Gesang, aber zu sehen sind sie erst, als sie nach dem Einmarsch der Amerikaner in Kolonnen durch die Straßen Reichenbachs ziehen, zu den Repatriierungspunkten. Pierre winkt den Kindern der Familie zu, als er zum letzten Mal an der Villa vorbeikommt. Die Frauen tragen seltsame Kopftücher und werden gegen ihren Willen in die Sowjetunion abgeschoben.

Nach der Übergabe des Vogtlandes an die Rote Armee muss Elisabeth aus der Villa ausziehen und sich in einer kleinen Mietwohnung einrichten. Da ist sie immer noch besser dran als ihre sudetendeutsche Schwester, die über Nacht Haus und Hof verlassen musste, ohne mehr mitnehmen zu dürfen, las was in einen Rucksack passte. Es beginnt die Hungerzeit. Erwachsenen werden 1500 Kalorien zugestanden. Wer nicht verhungern will, muss hamstern gehen. Zum Glück hat Elisabeth Möbel und Teppiche zu bieten, für die sie sowieso keine Platz mehr hat. Sie bringt sich und ihre vier Kinder durch.

Die Villa wurde dann Volkseigentum und nach dem Mauerfall von der AWO übernommen. Nachdem die AWO ausgezogen war, wurde das Grundstück von einem bundesdeutschen Investor gekauft, der in Reichenbach eine Produktionsstätte für Aktenvernichter bauen ließ. Dabei stand die Villa im Weg. Obwohl sie unter Denkmalsschutz stand, wurde sie abgerissen. Vorher wurde aber eine Fotodokumentation erstellt und verfügt, was beim Abriss geborgen werden sollte: Stuckdecken, Innentüren, Fenster, Bleiglas, Geländer, Dielen, Parkett, Natursteinstufen und Fußböden. Die deutsche Geschichte endet als Abrissunternehmen. Die Villa ist ein Gleichnis, exemplarisch für die Umbrüche des 20. Jahrhunderts.

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Die letzten Tage der DDR

Beinahe hätte es, außer der SPD, keine neu gegründete Partei in der ersten und letzten frei gewählten Volkskammer gegeben. Am Runden Tisch, der die finalen Wochen der Regierung Modrow moderierte, war der Antrag eingebracht worden, dass die Volkskammerwahlen am 18. März mit einer 5%-Hürde stattfinden sollten, denn nur das wäre demokratisch.

Einem unbekannten Bürgerrechtler ist es zu verdanken, dass er den Einwand erhob, der vom Runden Tisch gebildete Kommission, die dabei war, einen neue Verfassung für die DDR zu schreiben müsste der Antrag vorgelegt werden, bevor er abgestimmt werden konnte.

Ich war in dieser Kommission die Vertreterin der Grünen Partei und obwohl meine Partei am Runden Tisch dafür gewesen war, erhob ich heftige Einwände. Es waren 7 neue Parteien gegründet worden, die gegen alle Altparteien antreten mussten. Unwahrscheinlich, dass alle 5% erreichen würden. Damit wäre ausgerechnet den Vertretern der Friedlichen Revolution, denen die freien Wahlen zu verdanken waren, der Zugang zur Volkskammer erschwert oder unmöglich gemacht worden. Wie immer, wenn das Mitglied einer Neupartei ein Argument vehement vortrug, wagten die Altparteien kaum Widerspruch. So verschwand der Antrag, die Wahl fand ohne Prozenthürde statt.

Am Wahlabend stellte sich heraus, dass mit Ausnahme der SPD, die bei knapp 22% landete, obwohl ihr die absolute Mehrheit vorausgesagt worden war, alle anderen Neuparteien zusammen gerade bei 5% landeten. Als wir Abgeordneten der Grünen Partei aber mit dem Neuen Forum, Demokratie Jetzt und der Initiative für Frieden und Menschenrechte, die ein Wahlbündnis eingegangen waren, eine Fraktion bilden wollten, bekamen Matthias Platzeck und ich Schwierigkeiten mit dem Parteivorstand. Man drohte uns den Rausschmiß an, denn wir sollten grüne Themen in das Parlament einbringen und uns nicht verwässern lassen. Es gelang uns aber, den Vorstand zu überzeugen, dass wir unseren Themen in einer größeren Fraktion besser Gehör verschaffen könnten. Damit stand der Geburt von Bündnis 90/ Grüne nichts mehr im Weg.

Bevor ich aber eine der drei Fraktionsvorsitzenden wurde, neben mir waren das Jens Reich und Marianne Birthler, hatte ich noch etwas zu überstehen, was man heute Shit-Storm nennen würde.

Die Grüne Partei war mit der Frauenpartei ein Wahlbündnis eingegangen. Als der größere Partner standen Grüne auf den ersten Plätzen, auf den zweiten folgten Vertreterinnen der Frauenpartei. Wegen des schlechten Wahlergebnisses, wir hatten kaum 2% gewonnen, zogen nur die ersten Plätze. Bereits in der Wahlnacht erhoben die Frauen die Forderung, ein Drittel der Grünen sollten auf ihre Mandate verzichten, damit Frauen nachrücken könnten. Vor allem aber wollten sie Christina Schenk, die hinter mir auf der Liste stand, in der Volkskammer sehen. Also konzentrierte sich der Druck auf mich. Ich wurde mehrere Tage lang von einem Pulk Journalistinnen regelrecht verfolgt. Ich solle Platz machen für „Frauenthemen“. Das ich eine Frau war und zwar eine der nur zwei Frauen von acht grünen Abgeordneten, zählte für die Feministinnen nicht. Um den Druck aufrecht erhalten zu können, lehnten sie den freiwilligen Rücktritt dreier Männer ab. Ich blieb hart und so bekamen die Frauen am Ende kein Mandat.

Die Volkskammerzeit würde ich die die schönste und intensivste in meinem Leben nennen, wenn ich vorher nicht in Cambridge gewesen wäre, wo ich mich als postgraduale Studentin behaupten konnte und nach einem Jahr mit einem Begabtenstipendium meines Colleges ausgezeichnet wurde. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Die Volkskammer, die recht bald als Laienspieltruppe verunglimpft wurde, war so lebendig, und volksnah, wie ein Parlament nur sein kann. Trotz der intensiven Bemühungen der Berater der Regierungskoalition aus dem Westen, die bei unseren Debatten auf der Besuchertribüne saßen, uns davon abzuhalten, mit wechselnden Mehrheiten abzustimmen, gelang ihnen das nicht immer. Je nach Temperament gestikulierten sie, schüttelten die Köpfe oder zogen Grimassen, wenn wir mit Leidenschaft Abgeordnete anderer Fraktionen überzeugten, gegen ihre Vorgaben mit uns abzustimmen.

Es kamen auch immer wieder überparteiliche Initiativen zustande, die von den Fraktionsführungen der Koalition nicht unterdrückt werden konnten. Eine war die versuchte Abwahl von Innenminister Diestel, dessen fragwürdiger Umgang mit den Stasiakten Anlass war, ihn ablösen zu wollen. Eine andere war der überparteiliche Antrag auf sofortigen Beitritt zur BRD am 17. Juni. Der Grundgedanke dieses Antrags war, dass die Vereinigung kommen würde und ein sofortiger Beitritt ohne Übergangsregelungen Rechtssicherheit schaffen und Vereinigungskriminalität verhindern würde. Wie recht wir mit unserem Verdacht hatten zeigte sich, als nach der Vereinigung eine Zentrale Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) gebildet werden musste.

An diesem 17.Juni saß Bundeskanzler Kohl mit seiner Entourage auf der Besuchertribühne. Er wollte der Gedenkfeier für den Volksaufstand am 17. Juni 1953 beiwohnen. Als unser Antrag trotz aller Verhinderungsversuche verlesen und zur Abstimmung gestellt wurde, verließ Kohl fluchtartig den Saal. Er hatte noch nicht alle Zusagen für die Vereinigung in der Tasche. Kohls Flucht ist ein Argument gegen die immer häufiger vorgetragene Behauptung, die deutsche Vereinigung wäre auf Befehl Gorbatschows erfolgt. Wenn es tatsächlich der Wunsch der Sowjetunion wäre und nicht der Volkswille der DDR, hätte Kohl an diesem Tag den Antrag begrüßen müssen, satt in Panik auszubrechen.

Aber auch ohne Sofortbeitrittt nahm die Vereinigung immer schnellere Fahrt auf. Waren wir Abgeordneten beim Zusammentritt der Volkskammer und der ersten Regierungserklärung von Ministerpräsident de Maizière noch der Meinung, dass wir vier, aber mindestens zwei Jahre brauchen würden, um die Forderungen der Straße nach Deutschland einig Vaterland zu erfüllen, war im Juni schon klar, dass es nur noch wenige Wochen dauern würde.

Am 31. August wurde der 1000 Seiten starke Einigungsvertrag von den Verhandlungsführern Wolfgang Schäuble und Günther Krause unterzeichnet. Drei Wochen später, am 20 September, stimmten wir in der Volkskammer über diesen Vertrag ab.

Ich stimmte dagegen, nicht weil ich gegen die Vereinigung war, sondern weil ich dem Vertrag mißtraute. Damals wußte ich nur, dass die westdeutsche Industrielobby ihre Interessen durchgesetzt und per Vertrag unliebsame Konkurrenz aus dem Osten schachmatt gesetzt hatte. In Thüringen war VEB Nordbrand Nordhausen einer der wenigen ganz modernen Betriebe der DDR. Er stellte nicht nur den beliebten Nordhäuser Doppelkorn her, der erfolgreich in den Export ging, sondern auch hochwertigen Industriealkohol. Im Einigungsvertrag wurde eine Deckelung der Industriealkoholproduktion auf dem Gebiet der ehemaligen DDR festgelegt, die VEB Nordbrand das wirtschaftliche Genick brach.

Noch schwerer wog, dass im Einigungsvertrag das Berggesetz der DDR fortgeschrieben wurde, was hieß, dass weiter alle Abbauvorhaben Vorrang vor allen anderen Belangen, auch des Natur- und Landschaftsschutzes, haben würden. Das hätte großflächige Landschaftszerstörungen zur Folge, ein Problem vor allem der Regionen, die touristisch genutzt werden.

Ich machte es mir später als Bundestagsabgeordnete zu meiner Hauptaufgabe, diese Einungsvertragsklausel zu ändern. Das gelang mir dann in der Legislaturperiode von 1994-1998, als es wieder eine grüne Fraktion gab, nachdem die Westgrünen wegen der getrennten Wahlgebiete aus dem ersten gesamtdeutschen Bundestag geflogen waren. Als Mitglied des Umweltausschusses konnte ich einen Gesetzentwurf entwickeln, der von der Fraktion angenommen wurde und in zahllosen Gesprächen die Kollegen der anderen Fraktionen überzeugen. Zum Schluss musste ich allein mit Wolfgang Schäuble verhandeln, weil es die Unionskollegen nicht wagten. Schäuble war sehr gut vorbereitet, stellte präzise Fragen un war mit meinen Antworten offenbar zufrieden. Der Einigungsvertrag wurde in punkto Bergrecht geändert, seitdem gilt gleiches Bergrecht in ganz Deutschland.

Nach und nach stellten sich weitere Fehlentscheidungen im Einigungsvertrag heraus. Unter anderem die, auch den Absolventen der Stasihochschule in Potsdam Eiche ihre Abschlüsse anzuerkennen. Sie durften ihre Doktortitel behalten, obwohl die „Dissertationen“ zum Teil sogar Kollektivarbeiten waren, die jegliche wissenschaftlichen Standards vermissen ließen.

Die Zeit zwischen dem 20. September und dem 3. Oktober war dann noch einmal sehr spannend. Das Datum der Vereinigung war das Ergebnis eines wirklichen Kuhhandels. Alle Fraktionen tagten gleichzeitig, Emissäre liefen zwischen den Beratungsräumen hin-und her. Wir präferierten den 9. November, den Tag des Mauerfalls. Das kam für die Union nicht in Frage, denn angeblich wollte Kohl unbedingt den 41. Republikgeburtstag verhindern. Es war weit nach Mitternacht, als sich alle Fraktionen auf einen Termin verständigt hatten. Der 3. Oktober ist immer ein uninspiriertes Kunstdatum geblieben.

Während die Vereinigungsvorbereitungen auf Hochtouren liefen und so wichtige Fragen diskutiert wurden, wann genau die DDR-Fahne eingeholt und die deutsche Fahne geflaggt werden sollte, konzentrierten wir uns auf zwei Fragen, die wir unbedingt noch in der Volkskammer abgestimmt haben wollten.

Die eine betraf den Umgang mit den Stasiakten. Wir wollten unbedingt durchsetzen, dass die Hinterlassenschaften des Unterdrückungsapparates öffentlich zugänglich gemacht werden.

Der Widerstand dagegen war sehr strak, nicht nur auf Seiten der DDR-Altparteien, sondern auch der westlichen Politiker.

Die DDR-Volkskammer hatte am 24. August das “Gesetz zur Sicherung und Nutzung der personenbezogenen Akten” des Ministeriums für Staatssicherheit beschlossen. Die Forderung unserer Fraktion und vieler Bürgerrechtler war, dass ein solches Gesetz zum Umgang mit den Stasi-Akten auch in den Einigungsvertrag aufgenommen werden sollte.

Doch dies geschah nicht. Statt dessen gab es den Plan, die Akten 30 Jahre lang ins Bundesarchiv zu sperren. Das führte zu heftigen Protesten.

Am 4. September besetzten dutzende Bürgerrechtler die Räume der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin und traten in den Hungerstreik. Der Druck wurde so stark, dass am 18. September Wolfgang Schäuble und Günther Krause schließlich eine Zusatzklausel zum Einigungsvertrag zum Umgang mit den Stasi-Akten vereinbarten. Hierin wurde festgeschrieben, dass der Bundestag nach der Wiedervereinigung ein entsprechendes Gesetz erlassen sollte. Das war ein halber Sieg.

Allerdings bedurfte es nach der Vereinigung im Bundestag der ganzen Energie der Bundestagsgruppe von Bündnis 90/ Grüne, die Kollegen der anderen Fraktionen zu überzeugen, dieses Gesetz auch zu beschließen. Die Koalitionsfraktionen hätten es nicht auf die Tagesordnung gesetzt, die SPD-Opposition auch nicht. Es wurde schließlich eine überparteiliche Initiative, die das Vermächtnis der Volkskammer erfüllte.

Ein Vorgeschmack darauf, wie schwierig dieses Thema werden würde war der schließlich erfolgreiche Versuch, die Namen der stasibelasteten Abgeordneten der Volkskammer vorzulesen. Die Liste war in einem Unterausschuss erarbeitet worden, dem der spätere Stasiunterlagenbeauftragte und noch spätere Bundespräsident Joachim Gauck vorsaß. Wir waren schon wegen der Asbest-Belastung aus dem Palast der Republik verbannt worden und saßen im ebenso asbestbelasteten Saal des ehemaligen ZK-Gebäudes. Der Vizepräsident unserer Fraktion Wolfgang Ullmann stieg aufs Podium und wollte die Namen verlesen. Er wurde von Ministerpräsident de Maizière, Volkskammerpräsidentin Sabine Bergmann-Pohl, nach meiner Erinnerung auch PDS-Fraktionsvorsitzenden Gregor Gysi immer wieder am Reden gehindert. Es gipfelte in dem Vorwurf, die Liste sei illegal kopiert worden. Erst als ein Mitglied des Unterausschusses rief, er können die Namen auswendig von vorn nach hinten, aber wenn gewünscht auch von hinten nach vorn aufsagen, war der Widerstand gebrochen und Ullmann konnte seines Amtes walten.

Um nicht mit der Stasi zu enden, möchte ich erzählen, was ich persönlich für einen der größten Erfolge unserer Volkskammertätigkeit halte. Am letzten Sitzungstag gelang es uns, eine Mehrheit für unser Nationalparkprogramm zu bekommen. Damit wurden wichtige schützenswerte Gebiete zum Nationalpark erklärt. Das wäre nicht ohne die jahrelange Vorarbeit innerhalb der Umweltbewegung der DDR möglich gewesen. Wir hatten etliche Biologen, Botaniker, Geologen und Geobotaniker in unseren Reihen, die seit Jahren an solch einem Programm gearbeitet hatten, ohne zu wissen, ob sie jemals die Chance haben würden, es zu verwirklichen. Die bot sich und die erste und letzte frei Volkskammer hat sie genutzt. Sie hat dafür gesorgt, dass die DDR nicht nur verrottete Betriebe, kontaminierte Böden, tote Flüsse und dreckige Luft in die Vereinigung einbrachte, sondern einen Naturschatz, der heute zum Wertvollsten gehört, was Deutschland auf diesem Gebiet zu bieten hat.

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Sonntagslektüre: Der Angstfresser

An einem der letzten schönen Sommertage diesen Jahres fand im Schloss Schönhausen in Pankow eine für dieses Ambiente eher ungewöhnliche Lesung statt. Veranstalter waren die Buchhandlung Buchsegler in der Pankower Ossietzkystraße, die regelmäßig Lesungen im Schloss organisiert, und die Robert-Havemann-Gesellschaft, eine der wenigen kleinen Gruppen, die sich noch um die Verfolgten des SED-Regimes kümmern. Grit Poppe las aus ihrem neuen Roman „Angstfresser“, in dem sie die Folgen der schrecklichen Zustände in den DDR-Jugendwerkhöfen oder Jugendgefängnissen – ja, die gab es auch, sogar für Kinder – schildert. Im  prächtigen Ballsaal waren leider nicht alle der im großen Abstand aufgestellten Stühle belegt. Hauptsächlich waren Zuhörer gekommen, die sich ohnehin mit der Aufarbeitung der SED-Diktatur beschäftigen. Dabei wäre Poppes Buch gerade für die wichtig, die den Sozialismus immer noch für eine gute Idee halten, die nur noch nie richtig ausgeführt wurde.

Poppe hat sich schon in ihren früheren Büchern mit dem Thema Jugendwerkhöfe befasst. Ihr kommt das große Verdienst zu, erreicht zu haben, dass eines der düstersten Kapitel der DDR-Realität nicht unter den Teppich gekehrt wurde. Wie leicht das hätte der Fall sein können zeigt die traurige Tatsache, dass einer der übelsten „Sonderpädagogen“, Eberhard Mannschatz, verantwortlich für die menschenverachtenden Zustände in den Jugendwerkhöfen, nach der Wiedervereinigung gebeten wurde, für ein Fachbuch der evangelischen Hochschule des Rauhen Hauses in Hamburg ein Kapitel zu liefern. Erst nach heftigen, öffentlichkeitswirksamen Protesten, war die Hochschule bereit, ihren Fehler einzuräumen.

Poppes Hauptfigur Mira hat die Segnungen der Jugenwerkhof-Pädagogik drei Jahre lang am eigenen Leib erfahren, aber sie kann sich nicht mehr daran erinnern. Sie erinnert sich überhaupt kaum an ihr früheres Leben. Jetzt ist sie eine dreißigjährige Frau, nennt sich Kyra und ist von diffusen Angstattacken geplagt, die sie körperlich stark mitnehmen. Die Ärztin ist hilflos und verordnet Medikamente, die beruhigend wirken sollen, aber vor allem zwischen Kyra und die Welt eine Art Sperrmauer bilden. Poppe schildert die Angstzustände so meisterhaft, dass man als Leser unwillkürlich an Gustave Flaubert denken muss. Der hatte bei der Schilderung von Emma Bovarys Arsen-Vergiftungssymptomen selbst unter solchen gelitten. Hoffentlich ging es Poppe nicht ähnlich.

Kyra findet in ihrem Briefkasten immer wieder Flyer einer chinesischen Heilerin. Als sie der Frau zufällig auf einem Markt begegnet, stimmt sie zu, sich von ihr helfen zu lassen. Die Heilerin behauptet, ein spezielles Mittel für Kyra zu haben. Es handelt sich um einen Parasiten, einen Hirudo Timor,  gezüchtet von Li Lings Vater in China, der einem Menschen, dessen Blut er saugt und mit seinen Sekreten versorgt, die Angst nimmt. Lings Vater hat damit erfolgreich Menschen von ihren Traumata geheilt, die sie in chinesischen Umerziehungslagern erlitten haben. Deshalb wird er in China verfolgt und schließlich ermordet. Von Ling erfährt Kyra Bruchstücke über den Umgang des chinesischen Regimes mit seinen Dissidenten. Die werden wegen Nichtigkeiten zum Tode verurteilt, anschließend ausgeschlachtet und ihre Organe verkauft. Das haben Sie noch nie gehört? Eben. Der Organhandel ist ein zu lukratives Geschäft, als dass unbequeme Fragen gestellt würden. Von chinesischen Organen profitieren auch europäische Kranke. Da hatten wir in der DDR noch Glück, dass die ihre politischen Gefangenen lebend und intakt für Devisen verkaufte.

Kyra beginnt mit dem seltsamen Tier zu leben, die Angstzustände werden weniger, der Blutdruck sinkt, aber sie bekommt Halluzinationen.

Erst, als sie Leonhard begegnet, nähert sie sich ihrem früheren Leben.

Leonhard ist eigentlich Hans, der die 15jährige Mira 1986 überredete, die Leiter ihrer Eltern zu besorgen, die ihm als Fluchthelfer über die Berliner Mauer dienen sollte. Er, der viel ältere, ignoriert die Gefühle des verliebten Mädchens und lässt sie, ohne sich umzudrehen, einfach zurück. Ihm gelingt die Flucht, es fällt ein einziger Schuss, der gilt aber nicht ihm. Hans denkt nicht nach, was der Schuss zu bedeuten hatte, er verdrängt alle Gedanken an Mira, bis er nach dem Mauerfall von Miras Vater, der sein Freund gewesen ist, erfährt, dass Mira verhaftet worden war und im Jugendwerkhof gelandet ist. Es dauert aber noch Jahre, bis er sich auf die Suche nach Mira macht und sie durch einen Zufall auch findet. Mit seiner Hilfe gelingt es Mira, die Erinnerungen an ihre zerstörte Jugend zurückzuholen und damit zu überwinden. Was die Leser en passant über die Zustände in den Jugendwerkhöfen erfahren, ist so haarsträubend, wie es die Wirklichkeit war.

Gibt es ein Happy-End? Es spricht für Poppes Meisterschaft, dass sie darauf verzichtet hat. Sie lässt Mira und Hans am Schluss noch einmal die Strecke gehen, die sie am Abend von Hans´ Flucht zurückgelegt haben. Auf dem Friedhof, wo Hans sie damals zurückgelassen hat, zieht Mira plötzlich eine Pistole und fordert ihn auf, zu fliehen. Poppe überlässt es der Phantasie der Leser, was dann geschieht.

Mir bleibt nur zu wünschen, dass Grit Poppe ihr beachtliches Schreibtalent in Zukunft auch für andere Themen benutzt. Ihr wäre ein größeres Publikum zu wünschen.

Grit Poppe: Der Angstfresser

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Wendezeit – Die Neuordnung der Welt nach 1989

Die Joachim Hertz Stiftung, die sich die Förderung der deutsch-US-amerikanischen Beziehungen zum Zweck gesetzt hat, präsentierte am 24. September im Kleinen Saal der Elbphilharmonie das neueste Buch der Politikwissenschaftlerin Kristina Spohr „Wendezeit“ über die Neuordnung der Welt nach 1989. 

Das fast 1000-seitige Buch liegt seit einem Jahr griffbereit neben meinem Schreibtisch. Es ist anders als viele andere politikwissenschaftliche Bücher gut lesbar und spannend wie ein Krimi. Spohr ist der Frage nachgegangen, was genau sich in dieser turbulenten Zeit, da sich die Welt beinahe über Nacht komplett änderte, abgespielt hat. Sie hat hunderte oder sogar tausende Quellen ausgewertet: Reden, Berichte, Erlasse, Briefe, Tagebücher, Interviews, Statements der damaligen politischen Akteure. Entstanden ist das weitaus beste Buch zu diesem Thema, das ich kenne. 

Spohr kontrastiert im ersten Teil die beiden Umbrüche, die sich im Jahr 1989 ereignet haben: Den in China, wo sich das Land der kapitalistischen Weltwirtschaft öffnete, die kommunistische Partei aber ihre Macht mit einem Blutbad verteidigte und das beinahe friedliche Verschwinden des Kommunismus im Ostblock. Spohrs These, dass in der Zeit zwischen 1989 und 1992, den Scharnierjahren, entscheidende Weichen gestellt wurden, die uns heute noch zu schaffen machen, wird von ihr gut nachvollziehbar belegt. Es handelte sich um einen Umbruch, wie es keinen zuvor gab. Er ging nicht von der Politik, sondern von den Völkern aus. Durch den Druck der Straße wurde in einem weitgehend friedlichen Prozess durch internationale Abkommen, die in einem beispiellosen Geist der Zusammenarbeit ausgehandelt wurden, eine neue Weltordnung entwickelt. 

Aber die Neuordnung der Welt geschah nicht, indem man neue, der Entwicklung angemessene Instrumente erschuf, sondern weiter mit den alten Instrumenten hantierte. Das ist die tiefste Ursache der heutigen Krisen der EU, der NATO und der UNO.

Statt gemeinsame Werte zu entwickeln, wurde der Osten ermuntert, die westlichen Muster „aufzuholen“. Die westlichen Eliten gingen davon aus, dass sich bald die ganze Welt nach den amerikanischen Werten richten würde. Es war sogar vom „Ende der Geschichte“ die Rede. Nichts hatte die Politiker auf so einen Umbruch vorbereitet. Sie hatten sich im Kalten Krieg eingerichtet. Anfang 1989 gab es noch die NATO-Übung Wintex 89, in der ein Szenario geprobt wurde, in dem die NATO auf eine sowjetische Invasion mit Atomschlägen reagierte. Ein Zeichen der anbrechenden neuen Zeit war allenfalls, dass der Mann aus dem Kanzleramt, der im Manöver Bundeskanzler Helmut Kohl spielen musste, sich weigerte, den Befehl zum zweiten atomaren Vergeltungsschlag zu geben. 

Die Politiker, die sich jahrzehntelang mit solchen Szenarien beschäftigten, hatten keinen Gedanken daran verschwendet, Blaupausen für einen friedlichen Ausgang des Kalten Krieges zu entwickeln. Deutschland hatte zwar ein innerdeutsches Ministerium, was aber im Vereinigungsprozess nichts beitragen konnte, weil es sich am Ende nicht mehr mit einer möglichen Wiedervereinigung beschäftigt hatte.

Angesichts der völligen Ahnungslosigkeit der Politiker und des Fehlens jeglicher Vorbereitung und jeglicher Blaupause ist es geradezu ein Wunder, wie gut der Umbruch vollzogen wurde. Selbst als die Sowjetunion auseinanderfiel kam es zu keiner atomaren Katastrophe, sondern zur geordneten Übernahme der atomaren Befehlsgewalt durch den russischen Präsidenten Boris Jelzin. 

Bis zum Schluss hatten sich die westlichen Politiker lieber an den Sowjetführer Michail Gorbatschow geklammert, als sich mit den tiefgreifenden politischen und strukturellen Problemen der zusammenbrechenden Sowjetunion zu befassen. Sie klammerten sich einerseits an Gorbatschow, waren aber andererseits unfähig, seine Anregungen für die Neuordnung Europas („Unser gemeinsames Haus“) aufzunehmen. 

Sie griffen lieber zu den konservativen Maßnahmen, indem sie von den bereits bestehenden westlichen Strukturen und Institutionen Gebrauch machten, statt neue zu schaffen, die auf die Herausforderungen der neuen Ära zugeschnitten gewesen wären. Zwar bemühten sich einige wenige Politiker, insbesondere Genscher, Gorbatschow und Mitterand von 1989 bis 1991 um eine neue paneuropäische Architektur, die beide Hälften des Kontinents umfasste und die Russland in eine gemeinsame Sicherheitsstruktur eingebunden hätte. Das kam aber nicht zustande. Stattdessen wurde ein immer noch mächtiger und statusbewusster russischer Rumpfstaat sich selbst überlassen und an die Peripherie Europas abgedrängt. Mit den Folgen haben wir heute zu kämpfen.

Roman Herzog, der Alt-Bundespräsident bezeichnete 1995 die Ära nach dem Fall des Eisernen Vorhangs als die „Zeit, die noch keinen Namen hat“. Fünfundzwanzig Jahre später hat sie immer noch keinen, da die besonderen Kennzeichen dieser Epoche immer noch schwer zu verstehen sind. 

Zum Teil liegt es daran, dass sich zu viele Legenden um diesen Abschnitt der Geschichte ranken. Einige Legenden sollen klar dazu dienen, von der Rolle der Bevölkerung beim Umbruch abzulenken. Jetzt, am Vorabend des 30. Jahrestages der Wiedervereinigung der beiden deutschen Teilstaaten, wird verstärkt die Legende in die Welt gesetzt, die Vereinigung wäre kein Wille des überwiegenden Teil der DDR-Bevölkerung gewesen, sondern wäre auf Befehl Moskaus erfolgt. 

Eine Schlüsselrolle wird dabei dem Mitglied des ZK der KPdSU Nikolai Portugalow zugewiesen, der angeblich der Mastermind hinter dem Sowjetischen Vereinigungsplan gewesen sein soll. Tatsächlich hat Protugalow am 21.November 1989 um ein dringendes Gespräch mit Kanzlerberater Horst Teltschik gebeten. Während dieses Gesprächs übergab Portugalow Teltschik eine mehrere handgeschriebene Seiten umfassende Botschaft an Helmut Kohl. Es handelte sich um sowjetische Überlegungen zur Wiedervereinigung, unterteilt in eine „amtlichen“ und einen „weiterführenden“ Teil.

Im amtlichen Teil wurden hauptsächlich die Zusagen bestätigt, die Gorbatschow bereits in Bezug auf Nichteinmischung in DDR-Angelegenheiten gegeben hatte. Man könne Modrows Vorschlag einer Vertragsgemeinschaft ins Auge fassen. Sonst werde sich die DDR in ihrer Existenz bedroht fühlen. Eine gesamteuropäische Friedensordnung sei eine unabdingbare Voraussetzung für die Lösung der deutschen Frage. Das Dokument lässt den Schluss zu, dass eine deutsch-deutsche Annäherung in Form einer Konförderation im Politbüro diskutiert und akzeptiert worden war. Ein sowjetischer Befehl zur deutschen Vereinigung lässt sich daraus nicht ableiten. Tatsächlich hatte der sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse am 17. November die unilaterale Veränderung des Staus Quo abgelehnt, aber friedlichen Veränderungen im „gesamteuropäischen Konsens“ zugestimmt. 

Bei Bundeskanzler Kohl hatte das Papier die Wirkung, dass ihm erstmals die Idee eines stufenweisen Vorgehens kam. Endlich begann eine politische Gesamtstrategie zu keimen. Die hat sich dann als äußerst erfolgreich erwiesen.

Die Welt hat nach dem Mauerfall eine große Wegstrecke zurückgelegt. Ein Ende der Geschichte hat es nicht gegeben, sondern eine Fortsetzung mit anderen Mitteln. Sie ist keineswegs sicherer geworden, sondern störanfälliger, weil komplexer.

Einer der damaligen Akteure, George H.W. Bush, der seine Präsidentschaft an eine neue Politikergeneration um Bill Clinton verloren hat, erwies sich in seiner Abschiedsrede als erstaunlich vorausschauend. Er warnte, dass „eine Welt der zunehmenden Instabilität und des feindseligen Nationalismus die globalen Märkte stören, Handelskriege auslösen und uns auf den Weg des wirtschaftlichen Niedergangs führen wird…Die neue Welt könnte mit der Zeit genauso bedrohlich werden, wie die alte.

Kristina Spohr: Wendezeit 

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Sonntagslektüre: Das Riesenrad – Die Erzählung zur Coronakrise

Der Schweizer Autor Volker Mohr ist nach wie vor ein Geheimtipp, obwohl seine Werke so etwas wie literarische Juwelen sind. Der 1962 geborene studierte Architekt schreibt neben Erzählungen Sachbücher, die nach Auskunft seines kleinen, aber feinen Loco-Verlags um die Themen individuelles und kollektives Schicksal, Individualität und  persönliche Souveränität kreisen. Seine Erzählung „Das Riesenrad“, die bereits 2019 erschien, ist viel mehr. Sie beschreibt das geradezu kafkaeske Schicksal eines Menschen, der sich unverhofft in einer Fürsorge-Diktatur wiederfindet. 

Der Architekt Michael Sternheim begleitet widerwillig seinen Sohn zu einem neuen Rummelplatz. Während sein Sprössling einem neumodischen „Flying Circus“ zustrebt, fühlt sich Sternheim überraschend von einem altmodischen Riesenrad angezogen. Kurz entschlossen löst er eine Fahrkarte und besteigt eine Gondel. Allerdings hört das Rad nicht auf, sich zu drehen. Während Sternheims Mitfahrer nichts zu bemerken scheinen, wächst seine Unruhe. Er kann dem immer schneller werdenden Gefährt aber nicht entkommen.

„Dann wurde es unvermittelt dunkel, der ohrenbetäubende Lärm nahm ab und wurde von einer fernen Melodie abgelöst…Sternheim schlug die Augen auf. Er stand an eine Hauswand gelehnt…ausdruckslose Häuser aus dem letzten Jahrhundert …lösten sich nach oben hin in einem gleissend-wässrigen Grau auf.“ Die Menschen in dieser Szenerie haben alle Hüte auf. Die Männer, die Sternheim sieht, tragen beigefarbene Regenmäntel über dunklen Anzügen, haben eine Zeitung in der Hand und streben einem Gebäude zu. Sternheim schließt sich aus ihm unerfindlichen Gründen an. 

Im Inneren des Hauses gewahrte er ein Podest, das aus zwei Borsalino-Hüten zu bestehen schien, auf dem ein schrulliger Mann stand. Sternheim musste lachen und wurde sofort zurechtgewiesen: „Lachen Sie nicht…Wir sind auf der Hut – zu jeder Zeit“. Bei allem, was Sternheim dann erlebte, blieb ihm tatsächlich das Lachen im Halse stecken. 

Nach einer Rede streben alle Männer einer Tür zu. Sternheim wird aufgefordert, sich einen Hut zu nehmen, damit er „behütet“ sei und den Anderen zu folgen. In einer Art Garderobe, entkleiden sich alle und werden in einem Nebenraum eingeseift. Der Schaum muss am Körper bleiben, denn , so der freundliche Einseifer: „Sie sind dann völlig immun gegen unliebsame Einflüsse, gegen Schmutz und Infektionen.“ Bei Wenigen, erfährt Sternheim, nütze das Einseifen nichts, da müssten andere Methoden angewendet werden.

Bald trifft Sternheim auf niedergeschlagene Männer und Frauen, die der Einseifung widerstanden hatten. Die werden geläutert und reingewaschen. Diesmal kommen nicht freundliche Einseifer, sondern grimmige Bürstenschwinger zum Einsatz, die Abgebürsteten wimmerten vor Schmerzen. Um den Schmutz abzuspülen, werden harte Wasserstrahlen eingesetzt, die den Behandelten „spitze Schreie“ entlocken. 

Auf seinem weiteren Weg durch das Gebäude traf Sternheim einen Jungen, der ihm vorführt, wie die Kinder „unter den Hut“ gebracht werden. Jedes sitzt unter einem überdimensionierten Spitzhut aus Weidenzweigen und darf weder spielen noch lachen. Auch sein Begleiter wird unter solch einem Hut gezwungen. Sternheim muss hilflos zusehen. Vorher gelingt es dem Jungen noch, ihn auf eine Tarnkappe aufmerksam zu machen. 

So kann er auf der nächsten Station an einer Gerichtsverhandlung teilnehmen, ohne gesehen zu werden. Die Angeklagten hatten alle gegen die Hutgesetze verstoßen, einer hatte sogar mit einer Hutnadel einen Anderen umgebracht. Alle Angeklagten, bis auf einen wurden, zu milden Strafen verurteilt. Sie mussten sich symbolisch auf eine Rutsche setzen und unten angekommen entweder auf festen Boden unter den Füßen gelangen, oder durchfallen. Nur der Hutkritiker fiel durch. Welche härtere Methode gegen ihn zur Anwendung kommen würden, blieb Sternheim verborgen. 

Nach dem Gericht gelangte er in einen Saal, in dem zahllose Angestellte auf Computern Lebensläufe bearbeiteten. Im System befanden sich alle Daten der betreffenden Person, von der Geburt bis zum aktuellen Tag. Sternheim erkannte entsetzt, dass hier nicht nur Daten, sondern Leben gefälscht wurden. 

„Begangene Wege wurden ausgelöscht und nie vollzogene Schritte eingefügt. Der einzelne wurde dadurch um Erfahrungen betrogen; Krisen und Glücksmomente wurden ihm gestohlen, Erfolge, die es nie gegeben hatte, wurden ihm angedichtet. Konnte man sich eine umfassendere Manipulation vorstellen?“.

Sternheim erschauderte, überlegte krampfhaft, wie er hierher gekommen war, konnte sich aber nicht erinnern. Schließlich gelang es ihm, diesen Albtraum zu entkommen. Er findet sich neben dem Riesenrad wieder, sieht seinen Sohn an einer Nachbarbude stehen. Sein Sohn trägt einen bunten Hut, auch andere Rummelplatzbesucher hatten diese Hüte auf ihren Köpfen. Die würden von lustigen Clowns verteilt, sagte ihm sein Sohn und bot ihm an, auch einen Hut für seinen Vater zu besorgen.

Ob Sternheim diesem Behütetsein widersteht, lässt Mohr offen.

Im Anhang findet der Leser zwei Verweise auf historische Hut-Ereignisse. 

Im Jahr 1766 gab es in Madrid einen Hutaufstand, nachdem die Regierung das Verbot erließ, den runden, breitkrempigen Hut und  den traditionellen langen Mantel zu tragen und stattdessen den französischen Dreispitz und Kurzmantel verordnete. 

Eine regelrechte Hutrevolution fand 1925 in der Türkei statt. „Die allgemeine Kopfbedeckung der Bevölkerung der Türkei ist der Hut, und die Regierung verbietet die Fortdauer einer gegenteiligen Gewohnheit.“

Es gab ähnlich Verordnungen wie die Corona-Maßnahmen schon früher. Sie hatten zum Glück keinen Bestand. Sternheims behütende Diktatur ist noch bloß ein Albtraum, aber die Clowns, die uns ihre Hüte aufdrängen wollen, sind schon unter uns.

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Niemandszeit

Ein deutsches Mittelgebirge mit sieben Buchstaben? Den wenigsten werden bei dieser Frage die Sudeten einfallen. Sudeten verbinden Generationen mit Revanchismus, die Vertriebenen mit Verlust. Drei Millionen Menschen wurden nach Ende des Zweiten Weltkrieges aus dem Sudetenland vertrieben. Sie wurden von den „Revolutionsgarden“ aus den Häusern geholt, ohne mehr mitnehmen zu dürfen, als was sie innerhalb einer Stunde an Gepäck von 30 kg zusammenraffen konnten.

Stützen des Nazisystems, oder was man dafür hielt, wurden auf der Stelle ohne Gerichtsurteil hingerichtet: Die Glücklicheren wurden erschossen, die weniger Glücklichen aufgehängt. Wer nach einem langen Marsch in Deutschland ankam, war ein Aussätziger. Im Westen bekamen die Vertriebenen die Chance auf einen Neuanfang unter Wahrung ihrer Identität, im Osten waren sie zum Schweigen über ihre Herkunft verurteilt. 

Jörg Bernig hat dem Schicksal der Sudetendeutschen in seinem Roman „Niemandszeit“ ein berührendes literarisches Denkmal gesetzt. Es ist ihm dabei gelungen, die ganze Komplexität der Geschichte in den Blick zu nehmen, mittels eines genialen Einfalls: In einem namenlosen Dorf nahe der deutschen Grenze, dessen einzige Zufahrtsstraße durch eine unbedachte Sprengung unpassierbar wurde, stranden in der zweiten Hälfte des Jahres 1945 wurzellos gewordene Menschen: Tschechen, Ungarn  und Deutsche.

Ihr Schicksal zeichnet Bernig mit viel Sensibilität, Gespür für die menschliche Psyche und profundem historischem Wissen nach.

Nachdem das Dorf von seinen Bewohnern aus eigenem Entschluss verlassen worden war, standen die Häuser den Sommer über leer. Im September 1945, wird es von Antonin Mrha, ein Deserteur der Revolutionsgarden entdeckt. Er holt bald zwei weitere Menschen nach: eine Deutsche, die nur die Unsichtbare genannt wird und seinen Freund Lipa. Bald kommen noch Andere an. Gabriele Mohaupt mit ihrem Sohn Frieder, die aus einem Treck ausgeschert sind, nachdem der Ehemann und Vater an den Strapazen auf der Straße verreckt ist, ein Schriftsteller, ein Lehrer, ein Ungar, dessen Familien es nach Kroatien verschlagen hatte, die alte Palackowá, der alte Bernat, Antonia Mende und andere. 

Ein Jahr lebten diese unterschiedlichen Menschen zusammen, vergessen vom Zeitgeist. Eine deutsch-tschechische Versöhnung von unten. Der Leser lernt die Protagonisten kennen, als sich der Jäger, der Pfadfinder der Revolutionsgarden, dem Ort nähert. Er hat sich für diese Position entschieden, damit er immer als Erster in einem Ort ankommt, bevor Stunden später die Revolutionsgarden ihn überfallen, denn er ist auf der Suche nach Theres, seiner großen Liebe, die er vor dem Schicksal der anderen Deutschen bewahren möchte. Er wird ihr, die im Dorf die Unsichtbare heißt, 48 Stunden später begegnen und sie aus Versehen erschießen, als die Revolutionsgardisten beginnen, den Ort auszuradieren.

Theres stammt aus Gablonz, wo ihr Vater nach der „Heimholung“ des Sudetenlandes ins Nazi-Reich der Chef der Ansiedlungsgesellschaft geworden war, die damit beschäftigt war, das Eigentum der vertriebenen Tschechen und der deportierten Juden an deutsche Siedler aus dem Südtirol zu verteilen. Die bange Frage seiner Frau, was wohl werden würde, wenn es einmal anders käme, wischte er vom Tisch. Das Dritte Reich sollte schließlich 1000 Jahre dauern. Außerdem verhält er sich korrekt, nach Recht und Gesetz, niemand könnte ihm nachsagen, er habe sich selbst bereichert.

Im Tausendjährigen Reich sollte es keinen Platz für Frieder geben. Seine Eltern bekamen für ihren Sohn eine Einweisung in die Nervenheilanstalt Pirna Sonnenstein, ergänzt mit Fahrkarten für die Reichsbahn. Eine Fahrkarte für Frieder und seine Mutter nach Pirna, ein Rückfahrkarte für sie ohne ihn. Die Eltern beschlossen, zu einem Onkel zu gehen, der allein tief im Gebirge wohnte. Sie entkamen den Nazi-Häschern, aber nicht den Revolutionsgarden nach dem Ende des Krieges. Sie gehörten zu den Ersten, die auf Treck geschickt wurden.

Antonin und sein Freund Lipa gehörten der Revolutionsgarde an, bis sie die verübten Grausamkeiten nicht mehr ertragen konnten. Lipa weigerte sich, an der Erschießung von Kindern teilzunehmen und wurde zusammengeschlagen im Dreck liegen gelassen, Mrha desertierte und fand seinen Freund später wieder. Es gelang ihm, ihn gesund zu pflegen.

Der Ungar hatte in Kroatien mit ansehen müssen, dass seine Eltern von den Tito-Partisanen willkürlich erschossen wurden. Die Palakckowá hatte vorbeiziehenden Deutschen Essen und Trinken angeboten und konnte danach nicht mehr in ihrem Heimatort bleiben.

Auch die Revolutionsgarden bekommen ein Gesicht, in Gestalt ihres Anführers, des Wachmeisters, der in seinem zivilen Leben Postbeamter gewesen war und nach den Benesch-Dekreten meinte, die Chance wahrnehmen zu müssen, Geschichte zu machen. Er entwickelte ein eigenes System der Vertreibung, das streng eingehalten wird. Erleichtert wird ihm seine Aufgabe von den obrigkeitsfixierten Dorfbewohnern, die auch noch ein Jahr, nachdem die Vertreibungen begonnen hatten, in ihren Dörfern ausharrten, bis die Reihe an ihnen war. Es sollte schließlich alles seine Ordnung haben.

Das sind nur einige Schlaglichter aus dem dichten Gewebe des Romans, der ein eindrückliches Bild der „Niemandszeit“ gibt. Bernig hat nicht nur ein wertvolles Stück Aufklärung über ein fast unbekanntes Kapitel unserer Geschichte geleistet, sondern er hat es in einer fast poetischen Sprache getan, die es allein wert macht, sein Buch zu lesen.

Erschienen ist der Roman übrigens 2002 bie DVA, der Mitteldeutsche Verlag hat eine Taschenbuchausgabe herausgebracht, sich inzwischen aber von Bernig getrennt, angeblich, weil sich seine Bücher zu schlecht verkauften. An ihrer Qualität kann das aber nicht liegen. Um so verdienstvoller ist es, dass die edition buchhaus loschwitz sich des Autors angenommen und für eine Neuauflage dieses wunderbaren Buches gesorgt hat.

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Imre Kertész: Der wissenschaftliche Geist als Inspirator des Totalitarismus

Imre Kertész, der ungarische Schriftsteller, wurde erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs weltberühmt. Genauer gesagt, in der westlichen Welt, zu der nach dem Zusammenbruch des so genannten sozialistischen Lagers auch Osteuropa zählt. Sein bekanntestes Buch „Roman eines Schicksallosen“, war in Ungarn bereits 1975 veröffentlicht worden, blieb aber weitgehend unbeachtet. Erst nachdem sein Werk 1996 In Deutschland erschien, trat es seinen Siegeszug an, der in der Verleihung des Literaturnobelpreises seinen Höhepunkt fand. Kertész bemerkte mit Verwunderung, dass er in Deutschland besonders geliebt wurde. Er lebte sogar viele Jahre in Berlin, bevor er schwer krank nach Budapest zurückkehrte. Allenfalls wurde kritisch angemerkt, dass er mit den Deutschen zu nachsichtig umgegangen wäre. Denn Kertész sieht Auschwitz nicht als Deutsches, nicht einmal als Antisemitisches, sondern als Problem des Totalitarismus, von dem er ganz Europa befallen sieht. Für ihn wirkt der totalitäre Geist bis heute fort. Man muss ihm unbedingt zustimmen, wenn man die Corona-Politik betrachtet, die in für den Westen bisher unvorstellbaren Maße die mühsam erkämpften emanzipatorischen Grundrechte außer Kraft setzt und die Freiheit abschafft.

Eines der letzten Bücher Von Kertész, „Der Betrachter – Aufzeichnungen von 1991 bis 2001, wurde in Deutschland überschwänglich gelobt. Wenn man die Notizen liest, fragt man sich, ob die Rezensenten das Bändchen wirklich gelesen haben. Denn es enthält geistigen Dynamit, der die selbstgerechte Verblendung des Westens, dessen Intellektuelle ihm den Boden unter den Füßen entziehen, anscheinend ohne es zu bemerken, oder schlimmer noch, gewollt, um eine „neue Normalität“, die diesmal ultimativ gerechte, ökologische und inklusive Gesellschaft zu erschaffen.

Kertész geht so weit, Nationalsozialismus und Kommunismus als die „kleinen Totalitarismen“ zu sehen, die er der „immer dynamischeren Totalität“ gegenüberstellt, die sich weltweit entwickelt. Hitler und Stalin scheiterten noch mit ihren Weltherrschaftsplänen, weil sie gegeneinander kämpften, statt sich zu verbünden. Für Kertész ist es offensichtlich, dass der Kommunismus „eine Art Irrsinn“ war, der nur eine andere Abart von Irrsinn folgen kann, da keine Heilung stattfand. Heilend wäre die Anerkennung des Individuums, das keiner „pyramidenbauenden Sklavenmentalität“ unterworfen ist und die Anerkennung der Freiheit. Freiheit kann aber nicht erlangt werden, indem man sich einem Zeitgeist oder einer gesellschaftlichen Norm anpasst.

Bereits Nietzsche hätte die Spannungen zwischen dem wissenschaftlichen und dem künstlerischen Geist erkannt. Seitdem hätte sich die Kluft zwischen beiden derart vergrößert, dass der wissenschaftliche Geist zum Inspirator des Totalitarismus geworden sei, der künstlerische Geist sich in die Subkultur zurückgezogen hätte, ebenso das individuelle Sein, der Geist, der außerhalb der Institutionen wirkt. Unser Problem sei das „Schicksal des Individuums, die Chancen für sein Fortbestehen die große Frage“.

Entgegen der Darwinschen Lehre, das in der Natur die Befähigsten überleben, herrscht in der modernen Gesellschaft die Kontraselektion. Nicht die Besten, sondern die „Schlechtesten“, kommen an die Spitze. Auschwitz wurde nicht wegen seines Seins abgeschafft, sondern lediglich, weil sich die Machtzustände geändert haben. Darum lässt sich die „conditio humana“ der gegenwärtigen Welt darin zum Ausdruck bringen, dass „seit Auschwitz keine moralische, ökonomische oder die Macht betreffende Wende“ stattfand, „die wir als Widerlegung von Auschwitz hätten erleben können…Was die Seele der Freiheit ausmacht, ist im System gesellschaftlichen Funktionierens nicht zu finden, höchstens im Inneren einzelner Existenzen, dort, wo diese sich gegen jene Ordnung wenden, in der sich unser Leben nicht nur abspielt, sondern die diesem Leben auch Legitimität gibt…Auschwitz…wird so lange abwendbar sein, solange der Mensch als einzelner, als Seele und als gebildetes moralisches Wesen seiner Daseinsweise Widerstand zu leisten vermag.“

Der (moderne) Mensch habe nicht nur seinen Glauben verloren, nicht nur an sein jenseitiges, sondern auch an sein diesseitiges Leben. Zweiteres ist besonders verhängnisvoll, denn das Verhältnis von Mensch zu Mensch ist zu einem feindseligen geworden, zum Verhältnis des Mörders zum Opfer“. Wer diese Aussage zu radikal findet, der sei daran erinnert, dass aktuell alle Maskenträger und Abstandhalter ihre Mitmenschen als Virenschleudern, also potentiell tödliche Gefahr sehen. Dass die übergroße Mehrheit der Bevölkerung das akzeptiert, ist ein trauriger Beweis für die Hellsichtigkeit von Kertész.

Seine Schlussfolgerung: “Nazi“, das ist „keine Ideologie, sondern eine Lebensform: folglich ist heute jeder Nazi, sofern er nicht die nötigen Anstrengungen macht, sich fernzuhalten – oder geradewegs aus der Zeit auszutreten“.

Diese Sätze möchte man der Antifa und allen Mitläufern ins Stammbuch schreiben. Mit der „Zeit“, um das noch einmal zu verdeutlichen, meint Kertész „das mit dem Bedürfnis nach öffentlicher Sicherheit bemäntelte Lagerwesen, die unter dem Vorwand sozialer Sicherheit stattfindende soziale Stümperei, die Verwahrlosung des Gesundheitswesens…“

Conclusio: „Ich fürchte, die Demokratie ist die prägnanteste Form der Dekadenz – noch manifester kann nur die Diktatur, die moderne Massendiktatur sein. (Die oft im Gewand der Demokratie auftritt).

Kaum zu glauben, dass diese Feststellung lange vor der Corona-Krise getroffen wurde.