Kategorien
Allgemein

Sonntagslektüre: Die Wende im Leben des jungen W.

Es gab wenige literarische Sensationen in der DDR. Ulrich Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“war unzweifelhaft eine Sensation. Die Geschichte erschien als Buch und als Bühnenstück und eroberte beide Deutschlands im Sturm. Edgar Wibeau, Plenzdorfs Held, findet auf dem Klo einer Berliner Laube, in die er sich geflüchtet hat, ein Buch, und benutzt die ersten sowie die letzten Seiten als Klopapier. Dann beginnt er zu lesen und ist von Werthers Geschichte so gefesselt, dass er sich mit ihm und seinem Schicksal identifiziert. Wie gut es gelang, die Geschichte aus der Goethe-Zeit in die DDR der 70er Jahre zu transferieren zeigt, dass es Probleme gibt, die unabhängig von Epoche und Zeitgeist sind. Dass das westdeutsche Publikum Plenzdorf las und dabei vergaß, dass die Geschichte in der DDR spielt, beweist, dass die Deutschen trotz Teilung ein Volk geblieben waren, auch wenn die westdeutsche linke Intelligenzija das heftig bestritten hat.

Frederic Wianka wagt sehr viel, indem er in seinem Debut-Roman so eng an Plenzdorf anknüpft.

Sein Protagonist stammt, wie Wibeau, aus einer gemütlichen mittleren Stadt, sein Vater hat ebenfalls die Mutter verlassen, nicht nach fünf Jahren, sondern direkt nach der Zeugung. Die Mutter kümmert sich nicht sonderlich um den Jungen, der Stiefvater lehnt ihn ab. Bei den häufigen sonntäglichen Wanderungen wird W, hauptsächlich als Gepäckträger mißbraucht, bis er eines Tages den teuren Fotoapparat seiner Mutter einen Abhang runterfallen lässt. Wie in Wibeau steckt in Wiankas Protagonist ein Rebell. Wie er landet er in Berlin, versucht sich auf dem Bau und fühlt sich als Maler. Anders als Wibeau hat der Protagonist allerdings Erfolg mit seiner Malerei, die schon bei der ersten Ausstellung ihre Käufer findet. Allerdings spornt das den Protagonisten nicht an, sondern er beendet seine künstlerische Karriere, weil er seine Unvermögen erkennt, den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden.

Wianka erzählt die Geschichte an Hand der Reisen seines Protagonisten. Die erste Auslandsreise führte ihn nach Ungarn im Revolutionsjahr 1989. Da ist er schon ein Gezeichneter, denn er hat schon politische Haft in der DDR hinter sich. Zum Verhängnis wurde ihm eine übermütige Schießübung während der vormilitärischen Ausbildung, die am Ende nicht die Zielscheiben ins Visier nahm, sondern die Bilder der Partei- und Staatsführung in der Ausbildungsbaracke. Eine dubiose Rolle spielt dabei Freund Ingo, der auch sein Begleiter auf der Reise nach Ungarn ist.

Am Balaton, auf der Burg Szigliget sieht der Protagonist sein Lottchen, umgeben von Kindern. Aber er spricht sie nicht an. Später trifft er in Berlin eine Frau, die ihm etwas bedeuten könnte, aber wie Wibeaus Charlie gibt es da einen anderen Mann, so wird aus der Liebe nichts.

Überhaupt wirkt Wiankas Figur wie eingekerkert im eigenen Selbst. Seine Beobachtungen sind von einer Genauigkeit, die ihn zu erdrücken scheint. Interessant sind die Schlaglichter auf das Leben in der DDR mit seinen Zumutungen. Die Details stimmen alle, müssen aber zum Teil im Glossar erklärt werden, weil sie schon vergessen sind. Dabei haben sie ganze Generationen geprägt und verbogen. Was geschieht mit den Prägungen eines Systems, das es dann nicht mehr gibt? Was bedeutet Flucht, wenn es keine Heimat mehr gibt? Warum scheitert ein Mensch, der begabt ist? Warum können Prägungen so schwer überwunden werden, auch wenn ihre Ursachen längst Geschichte sind? Was hindert einen Menschen, die Möglichkeiten wahrzunehmen, die sich ihm bieten, was trennt ihn von anderen Menschen, was hemmt ihn, sich zu öffnen?

Allen diesen zeitlosen Fragen versucht sich der Autor zu nähern. Die meisten bleiben unbeantwortet. Das Geheimnis dahinter scheint zu sein, dass sie eben zeitlos und damit unbeantwortbar sind. Jede neue Generation muss sich wieder damit herumschlagen. Blaupausen scheint es nicht zu geben.

Am Ende scheitert der Protagonist nicht wie Wibeau am versuch, etwas Neues zu entwickeln, sonder setzt seinem Leben ein Ende. Ein Testament hat er nicht hinterlassen. Seine Mutter lehnt die Erbschaft ab. Der Nachlassverwalter erkennt den künstlerischen Wert der hinterlassenen Gemälde und bittet ausgerechnet den dubiosen Jugendfreund, der auch im neuen System Karriere gemacht hat, das Werk vor der Vernichtung zu bewahren. Ob er es tut, bleibt offen.

Den Protagonisten schien sein Nachruhm nicht zu interessieren:

„Ich habe meine Geschichte geschrieben, verschiedene Wahrheiten zusammengeschrieben, meine Erinnerung überschrieben…Es gibt mich nicht mehr.

Das ist kein optimistischer, aber leider realistischer Schluss. Wer etwas über das Drama unserer Gegenwart erfahren will, greife zu diesem Buch.

Kategorien
Allgemein

Sonntagslektüre: „Marzahn mon Amour – Geschichten einer Fußpflegerin“

Nachdem die CSU-Jugend auf einem Plakat, welches ein Beitrag zum Antirassismus sein soll, die Arbeit in der CSU-Parteizentrale als superior gegenüber der in Nagelstudios dargestellt und damit ihre arrogante Verachtung für die Frauen, die dort arbeiten, demonstriert hat, ist es mir ein besonderes Bedürfnis, dieses Buch von Katja Oskamp vorzustellen.

Von Schriftstellerei allein können nur wenige Bestseller-Autoren leben. Viele Schreiber haben nebenbei einen anderen Broterwerb, wenn sie sich nicht von staatlicher Förderung zum nächsten Stipendium hangeln wollen oder können. Katja Oskamp, die nach Theaterwissenschaft auch am Leipziger Literaturinstitut studierte und ein paar Romane und Erzählungen veröffentlicht hat, entschließt sich mit Mitte Vierzig, ihrem Leben eine ganz neue Wendung zu geben.

„Mein Leben war fad geworden – das Kind flügge, der Mann krank, die Schreiberei, mit der ich es bisher verbracht hatte, mehr als fragwürdig. Ich trug etwas Bitteres vor mir her und machte damit die Unsichtbarkeit, die Frauen jenseits der Vierzig befällt, vollkommen“.

Oskamp meldet sich zu einer Fußpflege-Ausbildung an, absolviert sie erfolgreich. Als sie freudig lachend mit ihrem Zertifikat wedelte, schlugen ihr „Ekel, Unverständnis und schwer zu ertragendes Mitleid entgegen. Von der Schriftstellerin zur Fußpflegerin – ein fulminanter Absturz“, war die Meinung ihrer Intellektuellen-Clique. Oskamp fiel ein „wie sie mir auf die Nerven gegangen waren“, scherte sich nicht um sie und begann, in einem kleinen Fußpflegestudio in Berlin-Marzahn zu arbeiten. Es wurde ein überaus erfolgreicher Befreiungsschlag und ihr Aufstieg als Schriftstellerin.

Marzahn, die sozialistische Plattenbausiedlung am Rande der Stadt gehört nicht zu den Sehnsuchtsorten von Berlin. Viele würden es heute als Strafe betrachten, dort wohnen zu müssen. Oskamp entdeckt nicht nur, dass das Wetter in Marzahn intensiver ist als in der Innenstadt und die Jahreszeiten stärker riechen, sie trifft unter den Bewohnern jede Menge liebenswürdige, interessante, skurrile, besondere Menschen. Während sie die Füße ihrer Kunden bearbeitet, bekommt sie jede Menge Lebensläufe zu hören. Oskamp entwickelt sich dabei zum Kommunikationsgenie. Sie weiß, dass nur ein Bruchteil des Gesprächs dem Informationsaustausch dient, der Rest eine „virtuose Verquickung“ von Erwartung, Hoffnung, Trost.

Mit Frau Guse mit dem Brustkrebs führt sie alle sechs Wochen das gleiche Gespräch. Frau Guse bringt stets ein eigenes Handtuch mit, um den Wäscheberg des Studios zu reduzieren, dafür bekommt sie jedes Mal ein Lob. Oskamp kennt alle Nebenwirkungen der Medikamente, die Frau Guse seit sieben Jahren einnehmen muss, sie kann auch die Namen der fünf Kinder aufzählen, wenn sich Frau Guse nicht gleich erinnert. Im Laufe der Zeit beobachtet Oskamp, wie sich die Frau „langsam und im Rückwärtsgang von der Welt, die sie kannte, entfernt.

Herr Paulke, Marzahner Ureinwohner seit 1983, war einer der ersten Kunden von Oskamp. Sein Leben lang hatte der Mann geschuftet, bei Autotrans hat er nicht nur jede Menge Wohnungsumzüge gemacht, sondern ganze Betriebe von A nach B verpflanzt. Dabei ging nach und nach sein Körper kaputt. Als er nicht mehr schleppen konnte, verwehrte ihm sein Betrieb eine Arbeit im Büro. Paulke wich unter Inkaufnahme von finanziellen Einbußen mit 57 Jahren in den Vorruhestand aus. Der Mauerfall 1989 kam für ihn gerade noch rechtzeitig. Er konnte mit seiner Frau noch einige Jahre reisen. Während Oskamp seine Füße bearbeitete, denen man die Schwerstarbeit eines Lebens ansah, erzählte Paulke von den Fjorden Norwegens, von den Pubs in Dublin, den Palmen im Tessin. Glücklich war er, das „wir dit noch abjegriffen haben“. Als Oskamp ihn kennenlernte, konnte der Mann schon lange nicht mehr reisen. Sein Körper war ein einziger Reparaturfall geworden. Von Besuch zu Besuch wurde sein Aktionsradius kleiner. Schließlich musste Oskamp den nächsten Termin streichen, denn Paulke war gestorben.

Frau Blumeier wohnt im 14. Stock des Hauses, in dem sich das Studio befindet. Wenn Oskamp rauchend vor der Tür steht und Blumeier von ferne auftaucht, wendet sie mit dem Joystick ihren Rollstuhl und fährt auf einen kurzen Plausch heran.

„Dann muss sie zur Physiotherapie, zum Einkaufen, zum Friseur oder zu Bekannten, düst davon in ihrem Elektromodell, den Oberkörper weit nach vorn gebeugt wie ein Rennfahrer, und der Wind fegt ihr die Haare aus der Stirn. Die sechs km/h Höchstgeschwindigkeit, die ihr fahrbarer Untersatz hergibt, sind ihr zu wenig. Sie würde lieber mit sieben, acht, neun km/h über die Piste rollen“. Eine solche Frau macht alles, sogar Behindertenwitze. Sie findet Rollstuhlfahrer, die sich „von Hacke bis Nacke bedienen lassen“ unmöglich. Mit ihrem Humor und ihrer verlässlich guten Laune sind die Behandlungen von Frau Blumeier immer mit Witz und Heiterkeit verbunden.

Das sind nur drei von den über ein Dutzend Kunden von Oskamp, die Eingang in ihr Buch bekommen haben.

Aber natürlich sind nicht alle so erfreuliche Mitmenschen.

In Marzahn lebt das Volk, von dem die Politik in der Corona-Krise zur Kenntnis nehmen musste, dass es „systemrelevant“ ist. Oskamp betreute Füße von Maurern, Fleischern, Krankenschwestern, Tankwarten, Rinderzüchtern und Elektrofacharbeitern. Parteifunktionäre, die nicht nur von der CSU-Jugend offenbar für ein höhere Spezies gehalten werden, sind eher nicht dabei.

Mit einer Ausnahme: Herr Pietzsch, ehemaliger SED-Funktionär. Pietzsch, das wandelnde Klischee, steht pünktlich zum Termin vor der Tür des Studios und „glotzt ernst durch die Scheibe. Es ist unter seiner Würde, irgendwo anzuklopfen oder zu klingeln, alle Türen haben sich von selbst zu öffnen, wenn Herr Pietzsch auftaucht; so kennt er es, davon geht er aus, auch wenn es seit dreißig Jahren nicht mehr klappt“.

Im Studio wirkt Pietzsch, „als sei er dienstlich hier und müsse irgendwas prüfen“. In seinen besten Jahren befand sich Herr Pietzsch ziemlich weit oben, war sogar Westreisekader. Er oben, die andern unten. Dieses Schema hat er beibehalten. Das Schema gibt es auch außerhalb der SED, heute Linke, noch.

Bei der Behandlung erzählt er, was für ein toller Hecht er war, bis seine Ehefrau die Seitensprünge satt hatte und ihn vor die Tür setzte. Jede Sekretärin konnte er haben, nun soll, in Ermangelung einer Vorzimmerdame, die Fußpflegerin die Leerstelle füllen. Dafür erscheint Pietzsch nun alle vier Wochen, mit einem Fläschchen Sekt, was er für verführerisch hält. Er versteht nicht, dass Oskamp auf seine Avancen nicht eingehen mag. Er hat sein Leben lang seinen Posten mit seiner Person verwechselt.

Eines Tages steht ein Neukunde, Herr Hübner, im Studio. Ein verwahrloster Mittfünfziger in Schlabberpulli und Jogginghosen, eingerahmt von einer Frau mit leuchtend roten Haaren und einem bleichen Mädchen mit schwarz umrandeten Augen. Die Frauen redeten Hübner ununterbrochen zu, sich auf den Stuhl zu setzen und sich behandeln zu lassen. Seine Füße hatten einen Verwahrlosungsgrad erreicht, der seinesgleichen suchte. Wie sie rochen, musste Oskamp sofort verdrängen. Für die Rollkrallen musste die größte Zange her, sie ließen sich nur in Etappen kürzen. Wer die beiden Frauen waren, erfuhr Oskamp erst, als sie Punkt 16 Uhr unerwartet das Studio verließen, weil ihr Dienst zu Ende war. Oskamp blieb mit dem Mann allein, der nur gekommen war, weil er das für seine Fortschrittsbericht an das Sozialamt brauchte. Wenn Oskamp ihm später auf der Straße begegnete, grüßte er nie. Aus dem rundum betreuten Sozialfall war schon längst ein Sozialkrüppel geworden.

Das Buch wäre nicht vollständig ohne ein Porträt von Tiffy, der Chefin von Oskamp, Inhaberin des Studios. Eine der vielen tapferen Frauen, die sich nicht nur ihren Lebensunterhalt selbst verdienen, sondern Arbeitsplätze schaffen und für das Steuergeld sorgen, ohne welches es keine Parteizentralen gäbe. Das Buch ist eine eindrückliche Hommage an die so genannten kleinen Leute, ohne die in der Gesellschaft nichts laufen würde und die Besseres verdient haben, als von Jungpolitikern verachtet zu werden.

Es ist ein liebevoller Blick in das andere Leben. Wer das Buch gelesen hat, versteht den Titel. Es zu lesen tut der Seele gut.

Kategorien
Allgemein

Sonntagslektüre: Uwe Tellkamps „Das Atelier“

Kaum ein Büchlein hat eine solche Eruption an Kritikerstimmen ausgelöst, wie der schmale Band des Dresdener Schriftstellers Uwe Tellkamp. So gesehen war es ein überaus erfolgreicher Start der Edition „Exil“ aus dem Susanne Dagens Buchhaus Loschwitz, laut „Freitag“ die „gute Stube des rechtsintellektuellen Pegida-Umfelds“. Die intellektuelle Strahlkraft dieses Umfelds, macht die Linke offensichtlich hochnervös.

Es ist amüsant zu lesen, wie die Herren Kritiker sich mit ihren schrillen Stimmen bei der Dekonstruktion des Textes gegenseitig zu übertreffen suchen. Von der „Zeit“ bis zum „Freitag“ sind alle einschlägig Verdächtigen am Start, um sich über die „antimoderne, neurechte und raunende Männerclique“ zu echauffieren. Selbst Sonntags-Krimi-Spezialisten, die lieber bei ihren Leisten geblieben wären, fühlen sich berufen, sich zum Literatur-und Kunstkritiker aufzuschwingen. Der Brei, um den alle herumreden ist so heiß, dass sogar die notorische Amadeu-Antonio-Stiftung mit ihrem „Belltower“ mitmischt, die bisher weniger als Kunstkritiker denn als Gesinnungswächter aufgefallen ist.

Tellkamp muss sie tief und präzise getroffen haben, wenn der Aufschrei so groß ist.

Was eine Reflexion über Kunst und Künstler nach Besuchen in Ateliers erfolgreicher Maler ist, die mit Sachsen so verbunden sind, wie mit ihren Vorgängern, gerät den Kritikern, die sich anscheinend alle Mühe geben, tatsächlich wie „Mattschädel aus der Sekundärindustrie“ oder „Schmieranten“ daher zu kommen, zu „hochtoxischer Materie“. Oder: „ungefüges Amalgam – bildungsprahlend und ressentimentgeladen“. Wenn es so wäre, warum dann die Aufregung? Ein schlechter Text könnte doch einfach seinem Schicksal überlassen werden.

Das Gegenteil ist der Fall – man arbeitet sich daran ab, ihn zu framen und damit unwirksamer zu machen. Die „agitatorische Rechte“ würde hier „ihre paranoiden Wirklichkeiten zimmern“. Gemeint ist die Tatsache, dass, was „Belltower“ en passant eingesteht, es eine „Erosion dessen, was in Deutschland noch sagbar ist“, gibt. Der von Tellkamp diagnostizierte „Meinungskorridor“, der immer enger wird, ist Realität, auch wenn es offensichtlich nicht zugegeben werden soll.

In der DDR wurden immer wieder Bücher verboten oder zurechtgestutzt, wegen gewisser „Stellen“. Manche, die nicht zu den Unter-dem- Ladentisch-Kunden von Buchhandlungen gehörten bemühten sich, mit den kopierten „Stellen“ als Tausch an das begehrte Exemplar zu kommen. In Tellkamps Buch ist die auslösende „Stelle“ der linken Erregung der Vergleich eines Vesuv-Ausbruchs mit der Masseneinwanderung von 2015. Tatsächlich hat dieser Einbruch unser Land radikal verändert. Aber darum geht es im Buch nur ganz nebenbei.

Thema ist das Geheimnis der Kunst und der Künstler. Ist es ein Zeichen von großer Kunst, wenn dem Maler Martin Rahe die Bilder förmlich „aus dem Atelier gesaugt werden“, weil alles, was er malt, obwohl es meist „merkwürdige Menschen mit nie ganz deutbaren merkwürdigen Verrichtungen“ sind, noch im Schaffensprozess aufgekauft wird? Ist es ein Zeichen von weniger künstlerischem Wert, wenn sich die Bilder eines anderen Malers im Atelier stapeln? Nicht unbedingt. Caspar David Friedrich war schon fast vergessen. Ein Museumsmitarbeiter musste seinen Direktor darauf aufmerksam machen, dass es durchaus Gemälde von Friedrich im Hause gäbe, allerdings im Keller. Heute ist es kaum glaubhaft, denn der Meister der Rückenansichten ist nun der Stolz eines jeden Museums, das glücklich genug ist, Werke von ihm zu besitzen.

Auch kann Beliebtheit über Nacht abflauen und zerbröseln, wie ehemals die Preise für Tulpen im Tulpenfieber. Eben war eine begehrte Zwiebel noch ein Vermögen wert, am nächsten Tag erzielte so ein Exemplar nur noch Pfennige.Wie entstehen Gemälde? Darüber erfährt man manches im Atelier von Rahe. Seine Figuren, sagt er, drängten sich von selbst auf das Bild. Er folgt ihnen, manchmal korrigierend. Etwas Ähnliches schrieb Evelyn Waugh über die Entstehung seines Romans „Mit fliegenden Fahnen“. Er beobachtete seine Figuren und war gespannt, was sie tun würden. So konnte er auf einem Kriegsschiff in den Feuerpausen eines seiner bedeutendsten Werke schöpfen.

Im Atelier von Thomas Vogelstrom erfährt man viel über Dresden, das zeitweilig eines der Zentren der Malerei war. Hier hatte Otto Dix sein Atelier. Ich vermisste in diesem Zusammenhang Karl Otto Götz, der mit Dix das Atelier teilte, später als Direktor der Düsseldorfer Kunsthochschule Gerhard Richter förderte, was ihm dieser nicht dankte. Dresden würdigte Götz anlässlich seines hundertsten Geburtstags mit einer großen Werkausstellung.

Dafür ist mit Recht viel von Curt Querner die Rede, dem aktuell eine Ausstellung auf Schloss Burgk gewidmet ist. Sein Lebenswerk, so Vogelstrom, vereine die beiden Forderungen des großen Edgar Degas, Streben nach Echtheit und Abscheu vor der Mittelmäßigkeit. Es steht noch viel über Dresdens Maler auf den nur 100 Seiten. Wenn wir über Kunst reden, kommen wir uns näher, reflektiert Tellkamps Alter ego Fabian im Buch. „Wir korrespondieren, führen ein Gespräch…auf der Suche nach Verständigung setzen wir uns miteinander in Beziehung.“

Wenn es keine Gespräche mehr gibt, hören auch die zwischenmenschlichen Beziehungen auf, das ist die große Gefahr unserer fragmentierten Gesellschaft. Dies ist die Botschaft, die ich zwischen den Zeilen entnehme.

Tellkamps Text ist in großen Teilen Abbildung eines Gedankenstroms, mit jähen Wendungen und unerwarteten Assoziationen, die jeder kennt, der denkt. Wenn der Denkende gebildet ist, sind die Sprünge und Assoziationen mit Bildung verbunden. Das ist keine Protzerei, sondern ein natürlicher Prozess. Die Lektüre hat meinen Blick auf Malerei und künstlerisches Schaffen jedenfalls sehr erweitert.

Gibt es nichts zu meckern? Doch. Als erhebliche Irritation empfand ich die ausführliche Darstellung eines Koitus in einem Schlachtbetrieb neben einem toten Kalbsauge. Wer will so etwas wissen? Ist die Partnerin gefragt worden, ob sie diese Bloßstellung will? Warum gibt es keine Gentleman mehr, die genießen und schweigen? Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass eine Unvollkommenheit jedes Werk ziert. Das wussten auch die großen Maler und bauten solche Unvollkommenheiten ein.

Uwe Tellkamp: Das Atelier

Kategorien
Allgemein Kultur

Wie Christo um die Verhüllung des Reichstags kämpfte

Vor wenigen Tagen starb der Aktionskünstler Christo. Medien und Politiker würdigten den Mann, dessen spektakuläre Verhüllungen immer die Aufmerksamkeit der ganzen Welt erregten. Dahinter verschwand die Vorstellung, was es für ein Kraftakt bedeutete, solche Verhüllungen durchzusetzen.

In den Nachrichten wurde an herausragender Stelle die Würdigung von Wolfgang Schäuble genannt:

„Seine Kunst schärfte unsere Sinne. Er verbarg mit seinen Verhüllungen oft das Gewöhnliche und machte so das Außergewöhnliche sichtbar. Auch wenn die verfremdende Ästhetik seiner Werke im Vordergrund stand, so war Christo doch ein politischer Künstler, der sich immer wieder auf die Spaltung der Welt in Ost und West bezog und Freiheit einforderte.“

Christos Verhüllung des Reichstags wäre eine Zäsur gewesen und hätte „auf ganz eigene Weise das Ende der Bonner Republik“ versinnbildlicht. „Christo lehrte uns, das historische Parlamentsgebäude mit anderen Augen zu sehen und den Umzug von Bonn nach Berlin mit fröhlicher Leichtigkeit anzugehen. So flüchtig das Kunstwerk war, so fest ist es in unserer Erinnerung verankert. Dafür sind wir Deutsche Christo dankbar“. Was Schäuble nicht sagte war, dass er ein erbitterter Gegner der Reichstagsverhüllung war.

In seiner Rede während der Plenardebatte im Februar 1994 versuchte Schäuble alles, um den Erfolg seiner Rede für den Regierungssitz Berlin zu wiederholen. Damals wurde ihm bescheinigt, schwankende Abgeordnete seiner Fraktion für Berlin überzeugt zu haben. Mit derselben Leidenschaft versuchte der damalige Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion nun, das Projekt Christos zu verhindern. Es würde die „Ehrwürde“, die einem „Traditionsgebäude“ der freiheitlichen Demokratie innewohne schwächen. Die Deutschen hätten nicht genügend Verständnis für politischen Stil, politische Kultur und politische Würde. Die Verhüllung würde polarisieren, viele Menschen würden sie nicht verstehen und akzeptieren können. Es bestehe die Gefahr, das Vertrauen „zu vieler Mitbürger in die Würde unserer demokratischen Geschichte und Kultur“ Schaden nähme. Schäubles Würdigung von Christo wäre glaubwürdiger, hätte er sich dazu bekannt, sich damals geirrt zu haben.

Die Abstimmung ging dann ziemlich klar aus. Es gab 292 Ja-Stimmen, 223 Nein und 9 Enthaltungen. Übrigens findet man Angela Merkel nicht unter den Abgeordneten, die abgestimmt, auch nicht in der Liste derer, die sich entschuldigt haben. Sie ist bei diesem Votum einfach abgetaucht.

Dieses Ergebnis hat auch vehemente Befürworter in seiner Klarheit überrascht. Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, eine Befürworterin der ersten Stunde hatte unter dem Eindruck der Ablehnung von Bundeskanzler Kohl und Fraktionschef Schäuble mit einem Scheitern des Antrags gerechnet.

Das Projekt, den Reichstag zu verhüllen verfolgte Christo schon seit zwanzig Jahren. Er hatte vor dem Fall der Mauer bereits zwei Ablehnungen des Bundestags kassiert. Er ließ sich nicht entmutigen, sondern ergriff nach der Vereinigung erneut die Gelegenheit zu einem Vorstoß.

Die Reichstagsverhüllung war sicher Christos persönlichstes Projekt. Dabei spielte seine osteuropäische Herkunft und Prägung eine entscheidende Rolle. Er berichtete oft von seiner Mutter, die als junge Frau eine stark vom Bolschewismus geprägte Revolutionärin und zeitweilig Generalsekretärin des bulgarischen Künstlerverbandes gewesen war. Das Reichstagsgebäude an der Nahtstelle zwischen dem Ost-Teil der Welt und dem West-Teil hat ihn schon immer fasziniert: “Für mich als Flüchtling aus dem Osten war es natürlich besonders spannend, an einem Ort wie Berlin zu arbeiten, wo sich der Osten und der Westen in einem solch dramatischen Renkontre gegenüberstanden” …. Am damals ehemaligen deutschen Parlamentsgebäude sei das zur Zeit des Ost-West-Konflikts eben besonders deutlich geworden: „Das Reichstagsprojekt entspringt also meiner ganz persönlichen Lebenserfahrung“.

Christo kannte Gott und die Welt. Darunter befand sich Gerd Poppe, Bürgerrechtler zu DDR-Zeiten und Abgeordneter im ersten Bundestag nach der Vereinigung. Christo bat Poppe, Kontaktmöglichkeiten für ihn zu möglichst einflussreichen Abgeordneten zu schaffen. Aus Gründen, die mir entfallen sind, lud er mich ein, bei einem Gespräch mit Rita Süssmuth dabei zu sein. Wir, damals Angehörige der kleinen Gruppe Bündnis 90/ Grüne trafen uns mit der Bundestagspräsidentin in der malerischen Parlamentarischen Gesellschaft. Wir mussten Süssmuth nicht lange überzeugen, sie war gleich Feuer und Flamme. Sie erklärte sich bereit, die Schirmherrschaft über das Projekt zu übernehmen. Sobald Christo diese Zusage hatte, nahm er mit seiner Frau Jeanne-Claude für ein Jahr Quartier in Bonn. Er sprach mit jedem Abgeordneten, der bereit war, ihn persönlich zu empfangen. Er fuhr zu jedem Hinterbänkler in dessen Wahlkreis, um dort eine Veranstaltung zu machen. Nur Bundeskanzler Kohl weigerte sich standhaft, Christo zu empfangen. Ob Schäuble mit Christo geredet hat, erinnere ich nicht mehr.

Nach einem Jahr stand der fraktionsübergreifende Antrag auf Erlaubnis zur Verhüllung des Reichstags zur Debatte. Die Union hatte namentliche Abstimmung beantragt, also musste jeder Abgeordnete sich für oder dagegen bekennen. Christo und Jeanne Claude waren während der Debatte, die damals noch im legendären Wasserwerk stattfand, auf der Besuchertribüne anwesend. Die Spannung im Saal war mit Händen zu greifen. Mich hielt es nicht auf meinem Sitz. Ich ging dorthin, wo die Stimmen ausgezählt wurden. Sobald ich das Ergebnis kannte, rannte ich auf die Besuchertribüne, um Christo und Jeanne-Claude die freudige Botschaft zu verkünden. Nie werde ich das Strahlen in Christos Augen vergessen.

Im Sommer darauf wurde der verhüllte Reichstag zu Christos größtem Erfolg. Das kompakte Gebäude von Paul Wallot schien in seiner silbrigen Umhüllung förmlich zu schweben. Zu jeder Tageszeit leuchtete die Hülle anders. Regen, Sonnenschein, ja sogar die Dunkelheit erzeugten eigene Effekte. Alle, die es sahen, waren überwältigt. Es soll sogar Bitten ins Flugzeugcockpit gegeben haben, den Reichstag zu überfliegen, um das Schauspiel von oben betrachten zu können. Eine halbe Million Besucher waren bestenfalls erwartet worden, 5 Million kamen. Um den Reichstag herum präsentierte sich ein Deutschland, wie man es bisher nicht kannte: Entspannt, freundlich, begeistert, spielerisch. Mein Sohn Philipp gehörte damals zu Christos Monitoren. Das waren junge Leute, die rund um die Uhr im Einsatz waren, das Kunstwerk erklärten, Fragen beantworteten, Menschen daran hinderten sich ein Stück Stoff aus der Umhüllung zu schneiden und als Trost kleine Stoffquadrate verschenkten.

Wegen des Riesenerfolgs gab es Überlegungen, die vorgesehenen 14 Verhüllungstage zu verlängern. Das lehnten Christo und Jeanne-Claude rigoros ab.

Zehn Jahre später gab es für mich eine freudige Überraschung. Obwohl wir seit dem Tag der Entscheidung keinen Kontakt mehr gehabt hatten, luden mich Christo und Jeanne-Claude persönlich zu ihrem neuen Projekt „Gates“ im Central Park in New York ein. Der Kulturausschuss des Deutschen Bundestages, dem ich 2005 angehörte, war so beeindruckt von dieser Einladung, dass sich eine besondere Dienstreise nach New York genehmigt bekam. Allerdings sollte ich nur hin- und am Abend wieder zurück fliegen, auch nicht Business, wie sonst üblich, sondern Economy. Das war mir ganz egal, ich war nur glücklich. Im Central Park verbrachte ich sechs Stunden, bis ich wieder zum Flughafen musste. Es war ein schöner, sonniger Frühsommertag. stärker noch als die safrangelben Stoffbahnen, die über den Wegen flatterten, beeindruckten mich die vielen Straßenmaler, die ihre Bilder an den Wegrändern ausstellten. Mindestens die Hälfte dieser Bilder zeigten nicht die Gates, sondern die Reichstagsverhüllung.

Kategorien
Allgemein Buch/Filmkritik

Das vergessene Grauen der Kulaken-Ausrottung unter Stalin

Die Beseitigung des Kommunismus in der Friedlichen Revolution von 1989/90 hat diesem Regime keineswegs den Todesstoß verpasst. Im Gegenteil. Seit das reale Vorbild außer in der Abschottung von Nordkorea nicht mehr existiert und in Kuba von karibischer Romantik überzuckert ist, wuchern die sozialistischen Phantasien. Angeblich müsste die soziale Marktwirtschaft, die für einen beispiellosen Massenwohlstand gesorgt hat, dringend mit sozialistischen Rezepten kuriert, sprich ersetzt werden. Auch über Enteignungen wird schon wieder nachgedacht, wenn auch vorerst der „Reichen“, wobei in Deutschland schon reich ist, wer knapp über dem Durchschnittsverdienst liegt. Das ist eine Folge der allgemeinen Weigerung der tonangebenden West-Linken, über die Verbrechen des Kommunismus zu sprechen, wie über die Verbrechen des Nationalsozialismus. Zum Glück gibt es die Osteuropäer und die Intellektuellen aus der ehemaligen Sowjetunion, die das Thema immer wieder auf die Tagesordnung setzen.

Ein Meisterwerk in dieser Debatte ist das Erstlingswerk der tatarischen Schriftstellerin Gusel Jachina: „Suleika öffnet die Augen“.

Ihr Roman, der 1930 in einem tatarischen Dorf beginnt und 1946 in einer Neusiedlung an der sibirischen Angara endet, reiht sich ein in die Werke wunderbarer bikultureller Schriftsteller der Sowjetunion und Russlands, die einer der vielen Ethnien des Riesenlandes angehörten, aber russisch schrieben. Genannt sie hier nur Tschjingis Aitmatow, der zu den Weltliteraten zählt. Ich bin sicher, dass die 1977 in Kasan, heute Tataristan, geborene Jachina auch bald dazu gehört. Ihr Werk besitzt, wie Ljudmila Ulitzkaja im Geleitwort schreibt, „die wichtigste Eigenschaft echter Literatur: Er trifft mitten ins Herz“. Der Bericht vom Schicksal Suleikas, einer analphabetischen Bäuerin und ihres Widerparts, des Rotarmisten und GPU-Agenten Iwan aus der Zeit der Kampagne gegen die Kulaken ist so authentisch, glaubhaft und faszinierend, dass man das Gefühl hat, Jachina wäre dabei gewesen.

Es beginnt mit der Schilderung des letzten Tages vor der Deportation. Suleika, die von ihrer Schwiegermutter als „nasses Huhn“, also minderwertig, bezeichnet wird, muss in der Frühe mit ihrem dreißig Jahre älteren Mann in den Wald, um Holz zu schlagen. Auch ein aufkommender Schneesturm beendet diese Arbeit nicht. Auf dem Heimweg, schon in der Dunkelheit, bricht Suleika vor Erschöpfung zusammen und muss von ihrem Mann aus der Schneewehe gezogen werden. Aber zu Hause angekommen muss sie die Banja heizen, die Schwiegermutter entkleiden, waschen, ankleiden, dann ihren Mann bedienen, sich von ihm schlagen lassen, die Banja säubern und schließlich ihren ehelichen Pflichten im Bett ihres Mannes nachkommen. Als er endlich mit ihr fertig ist und sie zurück in den Frauenteil schickt, wo sie auf einer Truhe schlafen muss, bekommt sie den Weg dorthin schon nicht mehr mit, weil sie bereits schläft.

Die Kulaken hatten sich nach zwei Hungersnöten, eine zur Zarenzeit und eine in den 20er Jahren der Sowjetmacht, gerade wieder trotz ständiger Abgaben einen bescheidenen Wohlstand erarbeitet, als Stalin ihre Liquidierung als Klasse beschloss. Das heißt, für Suleika, dass sie am nächsten Tag ihr Dorf, zusammen mit allen anderen Einwohnern verlassen musste. Vorher war ihr Mann, der sich mit der Axt zur Wehr setzte, vom Kommandanten der Entkulakisierungsabteilung Iwan erschossen worden. Der Treck zog nach Kasan, wo die Bewohner aller „entkulakisierten“ Dörfer in ein Durchgangsgefängnis gepfercht wurden, das schon unter dem Zaren errichtet worden war. In Suleikas Zelle hatte vierzig Jahre zuvor unter wesentlich komfortableren Bedingungen der Student Wladimir Uljanow, besser bekannt als Lenin, für ein paar Tage gesessen. Da der Bezirk Kasan nicht die von der Zentrale geforderte Anzahl von Kulaken beibringen konnte, füllte man das Kontingent mit Geisteskranken und Versprengten aus Leningrad auf.

Suleika wurde in der überfüllten Zelle vom Arzt Wolf Karlowitsch, der sich wegen der bolschewistischen Verbrechen, die er mit ansehen musste, in geistige Übernachtung geflüchtet hatte, auf seiner Pritsche Platz gemacht. Sie bleiben auch Pritschengefährten, als der Zugtransport nach Sibirien begann. Was normalerweise die Fahrt von einer Woche gewesen wäre, dauerte von März bis September. Transportführer war jener Iwan, der Suleikas Mann erschossen hatte. Dieser Iwan hatte aber außer seiner Ideologie auch noch ein Gewissen. Als er feststellte, dass häufig an den Haltepunkten keine Verpflegung für die „Umsiedler“ bereitgestellt wurde, legte er sich mit den Verantwortlichen an. Er setzte sogar das für die Wachmannschaft im Kühlwagen mitgeführte Lammfleisch als Bestechung ein, um Essen für seine Leute zu bekommen. Trotzdem starben während der langen Monate erst die Kinder und die Alten, dann die Erwachsenen. Zum Schluss konnte Iwan es an den Augen sehen, wer sterben würde und wer noch weiter leben konnte.

Als sie endlich bei Karaganda ausgeladen wurden, lebte von den ursprünglich tausend Menschen nur noch die Hälfte. Die meisten davon starben beim Untergang des alten, hoffnungslos überladenen Kahns auf dem Jenessej, als ein Gewitter ausbrach. Iwan konnte nur sich und Suleika von dem sinkenden Schiff retten.

Übrig blieb nur 28 Menschen, die auf einem anderen Schiff mitgefahren waren, weil sie nicht mehr auf den Kahn gepasst hatten. Diese andere Schiff setzte Iwan und die Überlebenden Ende August am Ufer der Angara, mitten in der Wildnis ab. Man ließ ihnen ein paar Gerätschaften, Fuchsschwänze, Seile, Kochtöpfe, ein paar Messer, einen Sack Munition und eine Pistole da.

Mit dem Versprechen in einer, spätestens zwei Wochen wiederzukommen, ließ man sie zurück. Die erste Nacht verbrachten sie in Reisighütten, am zweiten Tag begannen sie mit dem Bau einer Erdhütte für alle. Zum Glück fand sich unter den Leningradern ein Mann, der wusste, wie man stabile Holzwände errichtet. Wie man sie mit Lehm abdichtet, wussten die Bauern. Auch einen Lehmofen konnten sie bauen. Iwan ging mit der Pistole auf Jagd, um Nahrung zu beschaffen, später begannen sie auch noch zu fischen. Zum Glück war der Arzt unter ihnen, denn Suleika war von der letzten Nacht mit ihrem Mann schwanger geworden und musste entbunden werden. Das holte den Doktor aus seiner Umnachtung.

Der Trupp überstand wunderbarerweise den Winter und war im Frühjahr aber dabei, zu verhungern, weil die Munition zur Neige gegangen war, da kam ein Kahn mit neuen „Umsiedlern“ an.

Der Vorgesetzte von Iwan begrüßte ihn überrascht: „Was, Du bist am Leben? Das hätte ich nicht gedacht.“ Dann setzte er Iwan zum Kommandanten der zu erbauenden Siedlung ein. Die entstand tatsächlich. Die Sterberate blieb hoch, aber es waren hauptsächlich Neuankömmlinge, die starben. Auf diese Weise verbesserte sich die Kleidungssituation der „Alteingesessenen“, die alles erbten, was die Neuen hinterließen. Nach ein paar Jahren gab es außer den Gemeinschaftsbaracken auch Privathütten. Man hatte begonnen, Getreide und Gemüse anzubauen und hätte es geschafft, sich ausreichend zu ernähren, wenn nicht die „Kulakisierungstendenzen“ mit Sorge von dem GPU-Chef beobachtet worden und umgehend ein Abgabesoll festgelegt worden wäre. Also mussten weiter Menschen Hungers sterben.

Suleika hatte ihren Sohn übrigens großziehen können. Sie ist in dieser Zeit von einem „nassen Huhn“ zu einer starken Frau geworden. Ihr Sohn hatte, unterrichtet von den „Leningradern“nicht nur lesen und schreiben, sondern Geografie, Geschichte, Französisch und Malen gelernt. Er will fliehen, sich nach Leningrad durchschlagen, um dort an der Kunstakademie zu studieren. Bei der Flucht hilft ihm Iwan. An seinem letzten Tag als Kommandant der Siedlung fälscht er eine neue Geburtsurkunde und trägt sich als Vater von Suleikas Sohn ein. Das eröffnet dem Jungen eine Chance, die er als Kulakensohn nicht gehabt hätte. Suleika ist erst jetzt wirklich frei und bereit für ein neues Leben.

Gusel Jachina: „Suleika öffnet die Augen“

Kategorien
Geschichte Kultur

Margos Töchter oder die Abgründe deutsch-deutscher Geschichte

Vor wenigen Tagen schockierte der stellvertretende Bundestagsfraktionsvorsitzende der Union Arnold Vaatz, Bürgerrechtler und politischer Gefangener in der DDR mit der Feststellung, die friedliche Revolution von 1989, die erfolgreich die SED-Diktatur zu Fall gebracht hat, solle „kleingehackt“ werden. Die Union, der Garant für das Erfolgsmodell Bundesrepublik Deutschland, unter der Parteivorsitzenden Merkel zu einer weiteren Linkspartei mutiert, will sich neue Koalitionsmöglichkeiten mit der nie aufgelösten SED, nach viermaligem Namenswechsel Linke genannt, erschließen. Dafür muss die DDR weichgezeichnet und von ihrem Diktaturcharakter abgelenkt werden. Ausgerechnet in dem Jahr, da sich die deutsch-deutsche Vereinigung zum dreißigsten Mal jährt, wurde mithilfe der Kanzlerin ein Ministerpräsident der SED-Linken in Thüringen installiert, obwohl dessen Koalition keine Mehrheit hat. Die wird ihm jetzt von der CDU verschafft, die damit wieder ihre Rolle als Wasserträgerin der SED eingenommen hat. Damit hat sich eine Voraussage des MfS-Führungsoffiziers Hans Stahl aus Cora Stephans Roman „Margos Töchter erfüllt. Er sagte schon zu DDR-Zeiten die Möglichkeit einer Vereinigung der beiden deutschen Teilstaaten voraus. Darauf müsse man sich vorbereiten. Eines Tages würde man im vereinigten Deutschland Ministerpräsidenten oder sogar den Kanzler stellen. Das stellt die bange Frage, wer wen übernommen hat, und wie das passieren konnte immer wieder neu.

In Cora Stephans Roman findet man Antworten darauf.

„Margos Töchter“ ist die Fortsetzung ihrer fulminanten Familiengeschichte „Ab heute heiße ich Margo“, die an Hand zweier Frauenschicksale, die von Margo und Helene, zwei deutsche Diktaturen beschreibt. Nun sind es die Töchter von Margo, die eine in der DDR, die andere in der BRD, deren Entwicklung bis in die Zeit nach der Vereinigung nachgezeichnet wird. Stephan schreibt auch Kriminalromane, daher ist der Plot spannend wie ein Krimi, wenn auch manchmal etwas gewagt. Tatsächlich geht es in der Realität unter der Oberfläche genau so kriminell zu.

Clara und Leonore können unterschiedlicher nicht sein. Hier die linientreue Funktionärstochter, die sich schon mit 15 Jahren aus vollster Überzeugung dem MfS zur Verfügung stellt, da das „Schlüsselkind“ Leonore aus der Wirtschaftswunderprovinz, die sich einsam und unverstanden fühlt.

Sie begegnen sich erstmals in der „Pionierrepublik Wilhelm Pieck“, einem internationalen Sommerlager für Kinder kommunistischer Funktionäre aus aller Welt, in das Leonore auf Vorschlag eines linken Jugendpfarrers geschickt wird. Leonore schließt sich an die etwas ältere Clara an, es entsteht ein Briefwechsel, den Leonore fortsetzt, als Clara nicht mehr antwortet. Schreiben ist Leonores Rettung.

Interessant war, wie sehr sich Leonores Erfahrungen bei der Entdeckung der Beatmusik mit denen gleichen, die ich in der DDR gemacht habe. Der neue Sound wurde im Westen ebenso abgelehnt, wie bei uns. Man hörte die Platten in verräucherten Räumen leerstehender Abrisshäuser. Westdeutsche Provinzler wurden vorzugsweise von englischen Soldaten mit den neuesten Scheiben versorgt, bei uns liefen die illegal hergestellten Tonbandmitschnitte oder aus dem Westen oder aus Polen heimlich importierter Platten.

Das Milieu, in das Leonore in Osnabrück geriet, war schon links. Britische oder Amerikanische Soldaten wurden als Musikbeschaffer geduldet, aber verachtet.Noch linker war das Milieu in der studentischen Wohngemeinschaft in Münster. Leonore studierte in der Zeit, in der die 1. Generation der RAF aktiv war. Ihr erster Liebhaber gehörte, ohne dass sie das wusste, dem Unterstützerkreis der RAF an. Eines Tages war er verschwunden und mit ihm Leonores Pass, Führerschein, Ausweis und Geld. Ihre Mitbewohner drängten sie, „den Genossen eine Chance“ zu geben und keine Anzeige zu erstatten. Das tut sie erst zehn Tage später, als ihr Führerschein schon in Westberlin benutzt wurde, um ein Fluchtauto zu mieten. Zum Glück war sie an diesem Tag bei ihren Eltern zu Besuch, sodass der Verdacht, sie könnte aktiv an der RAF-Aktion beteiligt gewesen sein, schnell vom Tisch war. Aber sie blieb unter Beobachtung.

Leonore heiratete einen DDR-Flüchtling, Alexander, inzwischen Akademiker. Sie gibt ihre eigene Berufskarriere auf, als bei ihren Eltern eine Gisela mit einem zweijährigen Mädchen auftaucht. Gisela kommt direkt aus dem Frauenknast der DDR Hoheneck. In welcher Beziehung sie zu ihren Eltern steht, wird Leonore nicht mitgeteilt „Frag nicht“. Diese Gisela erinnert Leonore sehr an die Clara von vor 15 Jahren, aber Gisela lenkte mit Anekdoten aus dem Knast von der heiklen Frage ab. Am anderen Morgen ist sie verschwunden. Auf dem Zettel, den sie hinterließ stand, dass sie in die DDR zurückgegangen sei. Die Tochter ließe sie da. Die solle es „besser haben“. Leonore adoptiert das Mädchen.

Clara hatte in der DDR endlich einen Mann kennengelernt, der nicht aus ihrem Milieu stammte, den sie aber lieben konnte. Da bekam sie den Auftrag, als „Einflussagentin“ in den Westen zu gehen. Sie gehorchte, auch als das bedeutete, dass sie sich um der Legende willen als Volksverhetzerin verurteilen und in den Frauenknast Hoheneck einweisen lassen musste. Dort bringt sie ihr Kind zur Welt. Der Plan, sie mit Hilfe von Leonoras Mutter Margo in einer Computerfirma unterbringen zu lassen scheiterte daran, dass sie von Leonore erkannt wurde. Deshalb trennte sie sich von ihrer Tochter und tauchte im Drogenmilieu von Frankfurt unter. Von dort arbeitete sie sich heraus, erst als Mitarbeiterin einer linken Milieuzeitung, dann wurde sie bei einer renommierten linken Tageszeitung aufgenommen, wo sie als richtige Journalistin arbeiten konnte. Die Redaktion war nicht nur links, sondern der Meinung, dass die DDR der bessere deutsche Staat war. Carla eckte recht bald an, weil sie unabhängig dachte und keine Zeitgeist-Artikel schrieb.

Stephan beschreibt sehr genau das geistige Milieu der Bundesrepublik Deutschland der Zeit nach 1968. Carla musste feststellen, dass hier keineswegs die „Kalten Krieger“, sondern die Salonlinken den Ton angaben. Machtmittel dieser Linken war das systematische Schüren von Angst: Vor dem Waldsterben, dem sauren Regen, dem Atomtod durch Waffen oder Reaktoren. In diesen Jahren entwickelte sich die sprichwörtliche „German Angst“, die inzwischen die ganze Welt angesteckt zu haben scheint. Auch Leonores Mann surfte auf der Angstwelle, indem er mehrere Bestseller schrieb, die vor den verschiednen zu erwartenden Katastrophen warnte. Später erfährt man, dass auch er Einflussagent der Stasi war, der sich ab und zu auch als Informant betätigte.

Wenn man von dieser Geschichte der Angstindustrie liest, versteht man besser, wie die Bevölkerung 2020 fast widerstandslos aus Angst vor einem Virus ihre Freiheit und ihre sozialen Kontakte opferte.

Aus Stephans Buch habe ich gelernt, was ich vorher nur geahnt habe: Die wahren, gläubigen Marxisten-Leninisten gab es im Westen. In der DDR absolvierte man den Politunterricht, weil man es musste. Im Westen studierte die Intelligenzija die kommunistischen Pamphlete aus eigenem Verlangen.

Clara war als Einflussagentin nicht besonders erfolgreich. Sie hörte jahrelang nichts von ihrem Führungsoffizier. Erst nach dem Mauerfall meldete er sich wieder bei ihr und spannte sie für die Rettung des SED-Vermögens ein. Es ist ein Verdienst des Romans, noch einmal dieses fast vergessene Kapitel aufzuschlagen. Es handelt sich um 24 Mrd DM, also 12 Mrd Euro, die unter der politischen Verantwortung des letzten SED-Chefs Gregor Gysi erfolgreich verschoben wurden und nach denen heute niemand mehr fragt, obwohl viele Akteure von damals, wie der Bundesschatzmeister der SED-PDS Dietmar Bartsch, immer noch politisch aktiv sind. Bartsch ist heute Fraktionsvorsitzender der Bundestagsfraktion der Linken.

Auch das Thema Einflussagenten der Staatssicherheit im Westen ist fast unbearbeitet, obwohl es derer tausende gegeben hat. Sie haben, wie Leonores Mann Alexander mit allen ihnen zustehenden Mitteln Einfluss auf die Öffentliche Meinung genommen, mit Büchern, Vorträgen, Artikeln und als Netzwerker.

Leonores Mann berichtete noch an die Stasi, als die schon offiziell aufgelöst war und verursachte ihren Tod. Warum Leonore von einem Stasi-Spezialisten für „nasse Sachen“ mittels Autounfall aus dem Weg geräumt wurde, wird hier nicht verraten, auch nicht, wie Leonores und Claras Tochter Jana erfuhr, in welcher Beziehung die beiden wirklich standen.

Dafür sollte man zum Buch greifen. Die Lektüre lohnt sich in jeder Hinsicht.

Cora Stephan: Margos Töchter

Kategorien
Allgemein Buch/Filmkritik

Meines Vaters Land

In Zeiten in denen sich linksextremistische Schläger, die sich Antifa nennen und mit stiller Duldung staatlicher Stellen und der Polizei in Deutschland Andersdenkende attackieren, muss man sich fragen, was bei der Aufarbeitung der beiden Diktaturen des letzten Jahrhunderts in Deutschland schief gelaufen ist. Wie konnte es dazu kommen, dass unter dem Deckmantel des Antifaschismus totalitäre Methoden billigend in Kauf genommen und von allzu vielen Politikern und Medienmachern gut geheißen und mit Beifall bedacht werden? Warum ist es relativ mühelos gelungen, Rechtsstaatlichkeit zugunsten einer angeblich höheren Moral auszuhöhlen? Warum gleiten wir mit jedem Tag mehr in eine Gesinnungsdiktatur ab, ohne dass es bisher genügend entschlossene Gegenwehr gibt?

Ähnlichen Fragen geht Wibke Bruhns in ihrem bemerkenswerten Buch „Meines Vaters Land – Geschichte einer deutschen Familie“ nach, das Pflichtlektüre in Schulen und Universitäten sein sollte.

Das Buch gibt es schon seit 2005. Es ist inzwischen in 17. Auflage erschienen, zu Recht, denn es ist ein Lehrstück über die komplexe deutsche Geschichte. Bruhns selbst ist so etwas wie eine Legende. Sie war bekannter als ihr Vater, Hans-Georg Klamroth, der als einer der Männer des Attentats gegen Hitler vom 21. Juli 1944 hingerichtet wurde.

Sie war die erste Nachrichtensprecherin im ZDF und faszinierte mit ihrer Souveränität. Sie hatte keine Quoten nötig, um in ihre Positionen zu kommen. Sie überzeugt auch als Autorin. Ihr Stil ist bewundernswert flüssig und bringt die Dinge schnörkellos auf den Punkt. Bruhns hatte das große Glück, beim Aufschreiben ihrer Familiengeschichte auf ein über hundert Jahre umfassendes Archiv zurückgreifen zu können, dessen große Teile wunderbarerweise im Dachstuhl einer Halberstädter Kirche den Krieg und die DDR überdauert haben und nach der Vereinigung an sie übergeben wurden.

Die Männer der Familie Klamroth waren geschickte Unternehmer, die in den goldenen Gründerzeitjahren erfolgreich eine Firma aufgebaut haben, die zum Schluss mehrere hundert Mitarbeiter beschäftigte. Weder empfing oder erwartete man staatliche Subventionen, noch musste man an soziale Verpflichtungen gemahnt werden. Alle Firmenmitarbeiter wurden zu Weihnachten und Ostern persönlich beschenkt, es gab eine firmeneigene Pensionskasse und Wohnungen. Der Lebensstil, der mit dem erwirtschafteten Wohlstand unterhalten werden konnte, ist heute schwer vorstellbar. Die Villa, die Bruhns Vater in bester Innenstadtlage für seine Familie baute, ist heute ein Hotel. Das gesellschaftliche Leben, die vielen Feste, die gefeiert wurden, die Empfänge, die man gab, die zahlreichen Vereine, denen man angehörte, lassen die Frage aufkommen, ob man damals mehr als 24 Stunden am Tag zu Verfügung hatte. Man war konservativ, aber fortschrittlich.

Bruhns erste Frage war, wie eine solche erfolgreiche Gesellschaft, die Klamroths aus Halberstadt stehen beispielhaft für eine ganze Epoche, mit Begeisterung in den ersten Weltkrieg ziehen konnte. Großvater Kurt, der noch alle Hebel in Bewegung gesetzt hat, um beim Militär aufgenommen zu werden, denn das brauchte er, um eine angemessene gesellschaftliche Stellung zu erlangen – Geld allein reichte nicht – war eher skeptisch, sein Sohn Hans-Georg, Bruhns Vater, war noch Schüler, als der Krieg losging. Er tat alles, um an die Front zu kommen. Die Eltern sorgten dafür, dass er in einem Reiterregiment unterkam und nicht für die Infanterie gemustert werden konnte.

Erstaunlich, wie viel Gedankengut schon im ersten Weltkrieg eine Rolle spielte, das wir Nachgeborenen als nationalsozialistisch einordnen. Volk ohne Raum, die Minderwertigkeit anderer Völker, besonders der Osteuropäer, die eigene Höherwertigkeit.

Der junge Klamroth lässt nicht vermuten, dass er später einmal zum Märtyrer werden würde. Er begrüßt die gewaltsame Niederschlagung der Streikbewegung gegen den Krieg und schreibt ungerührt von der Ostfront nach hause, dass es ein herrlicher Anblick war, wie drei Partisanen an einem Fichtenast baumelten. Er bedauerte nur, keinen Fotoapparat dabei gehabt zu haben. Knapp 25 Jahre später wurde er an einem Fleischerhaken aufgehängt. Ob er sich in seinen endlosen letzten Minuten an die erhängten Partisanen erinnert hat?

Seine Windhunde, die ihn auf seinen häufigen Jagden in der Ukraine begleiteten, nannte er Lenin und Trotzki, was auf erhebliche Unreife schließen lässt.

Aber Klamroth ist lernfähig. In der Ukraine eignete er sich innerhalb weniger Wochen die russische Sprache so gut an, dass er 25 Jahre später als Abwehroffizier an der Ostfront seine Verhöre ohne Dolmetscher ausführen kann.

Aber zurück in die Zwischenkriegszeit. Die Klamroths hatten keinerlei Sympathien für die aufkommende nationalsozialistische Bewegung. Im Gegenteil, sie taten ziemlich viel, um die Nazis an der Wahlurne zu verhindern.

Bruhns zweite Frage ist, wie aus diesen Skeptikern innerhalb weniger Monate nach der Machtergreifung Hitlers glühende Anhänger des Führers werden konnten. Die familiären Singeabende waren plötzlich Hitlerliedern gewidmet. Familienfotos zeigen die Sänger beim Hitlergruß – im eigenen Wohnzimmer. Hans-Georg tritt der SS bei, seine Frau wird Mitglied der NSDAP und eine Führungsfigur in der NS-Frauenschaft.

Bruhns ist fassungslos, wie so ein „Gnom“ wie Hitler mit seiner Brüllstimme eine solche Faszination ausüben konnte. Jedenfalls auf alle, die unbedingt dabei sein und nicht abseits stehen wollten.

Wibke Bruhns fragt sich bei der Sichtung der Fotos und Äußerungen ihrer Verwandtschaft immer wieder, was mit diesen Leuten geschehen ist, ob sie den Verstand verloren hätten. Anders als wir uns das heute vorstellen, war die Nazidiktatur kein Bruch mit dem gesellschaftlichen Leben. Die Theater, Konzerthäuser, Kinos, Restaurants, Kneipen, Ballhäuser Kabaretts waren voll. Wirtschaftlich ging es steil bergauf, am wachsenden Wohlstand waren alle Schichten, besonders auch die unteren, beteiligt. Ausfälligkeiten wie der Boykott jüdischer Geschäfte wurden anfangs durchaus missbilligt, die häufigen Volksabstimmungen zu Beginn der Nazizeit wurden sogar von der SPD unterstützt, bis die verboten wurde. Die Diktatur kam auf schleichenden Pfoten.

Was hat bei Hans-Georg Klamroth das Umdenken bewirkt? Als Abwehroffizier an der Ostfront war ihm wohl bewusst, dass die Gefangenen, die er verhörte, am Ende erschossen wurden. Er hat versucht, Einzelne vor diesem Schicksal zu bewahren. Eine Studentin aus Leningrad, die wie viele ihrer Kommilitonen per Fallschirm hinter der Front für Himmelfahrtskommandos abgesetzt worden war, er nennt sie in Briefen seine „Saula“, aus der er eine „Paula“machen möchte, kann er am Leben erhalten, bis er von seinem Posten abberufen wird. Einen jungen Mann schickt er als seinen Kammerdiener nach Halberstadt. Der scheint tatsächlich überlebt zu haben.

In Berlin, seinem nächsten Posten ist er mit der Absicherung der Entwicklung und des zukünftigen Einsatzes der V2, Hitlers Geheimwaffe, beschäftigt. In diesem Zusammenhang war er ein paar Mal im berüchtigten KZ Dora, wo in Gipskarststollen diese Waffe hergestellt wurde. Er muss dabei etwas von den fürchterlichen Zuständen für die Zwangsarbeiter mitbekommen haben.

Was immer Klamroths Umdenken bewirkt haben mag, bleibt im Dunkeln. Die Nazis haben alle diesbezüglichen Unterlagen beschlagnahmt. Sie sind verschwunden. In den Privatbriefen finden sich keine Hinweise. Allerdings gehörte Klamroths Schwiegersohn Bernhard Klamroth zum engsten Kreis der Verschwörer. Er war an der Beschaffung des Sprengstoffs beteiligt, den Stauffenberg dann zum Einsatz brachte. Spätestens im März 1944 war Hans-Georg dann eingeweiht. Ob er noch aktiv wurde, oder nur seinen Schwiegersohn nicht verraten hat, wird wohl nie geklärt werden können. Tatsache ist, dass sein Adressbuch sich wie ein Who is Who der Verschwörer las. Er hat sie fast alle näher gekannt.

Eine berührende Geschichte ist, dass die Wehen, die sein Enkelkind in die Welt bringen sollten, am Tag des Attentats einsetzen. Vater Bernhard wurde kurz darauf verhaftet und hat seinen Sohn nie gesehen. Vor Gericht stehen die Klamroths gemeinsam, es ist das letzte mal, dass sie sich sehen. Bernhard wird noch am Tag der Urteilsverkündung am 15. August 1944 in Plötzensee gehenkt. Auf Hitlers Anweisung sollte so verfahren werden, dass die Gehängten nicht durch Genickbruch erlöst, sondern langsam qualvoll erdrosselt werden sollten. Sie wussten, was ihnen bevorsteht. „Es dauert 20 Minuten“, hatte Adam Trott zu Solz ihnen bei einem Freigang zugeflüstert.

Den „Verrätern“ wurde geistlicher Beistand verweigert, von Bernhard gibt es nicht einmal einen Abschiedsbrief.

Die Bundesrepublik tat sich lange Zeit schwer mit den Männern des 21. Juli. Sie galten vielen auch lange Zeit nach dem Krieg noch als Verräter. Bis heute ist der bürgerliche Widerstand gegen Hitler unterbewertet. Das liegt an der komplexen Realität, die eben nicht schwarz-weiß, sondern unendlich kompliziert ist. Wibke Bruhns schließt ihren Bericht mit den Worten:

Ich habe von dir gelernt, wovor ich mich zu hüten habe.“

Damit wir nicht vergessen, wovor wir uns zu hüten haben, sind Bücher, wie das von Wibke Bruhns unverzichtbar. Sie sollten zur Pflichtlektüre für alle Jugendlichen gehören.

Wibke Bruhns: „Meines Vaters Land – Geschichte einer deutschen Familie“

Kategorien
Allgemein Buch/Filmkritik Geschichte

Befreiung – ein erstaunlich realistischer Film über den Kampf der Roten Armee

In den letzten Tagen ist mit viel propagandistischem Aufwand diskutiert worden, welche Bedeutung der 8. Mai in der Geschichte hat. Immer wieder wurde dabei verkürzt behauptet, es sei ein Tag der Befreiung gewesen, oft unter Berufung auf Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, der allerdings genauer formuliert hat, es wäre eine Befreiung der Deutschen, Weizsäcker sagte „uns“, vom „menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“. Er hat auch erwähnt, was in der jüngsten Debatte vergessen wurde, dass es für Osteuropa der Beginn einer neuen Gewaltherrschaft war, diesmal der stalinistischen.

Diese Tatsache sollte besonders von Deutschen nicht vergessen werden, nicht nur, weil sie auch einen Teil unseres Landes betraf, sondern aus Respekt vor den Osteuropäern, die mit Recht ihre Befreiung auf das Jahr 1989/ 90 datieren.

Auch 75 Jahre danach ist die Nazi-Diktatur eine schwärende Wunde. Sie und der Zweite Weltkrieg werden erst überwunden sein, wenn das Geschehen in seiner ganzen Komplexität begriffen wird.

Dafür muss das wieder stark gewordene Schwarz-Weiß-Denken überwunden werden. Da kann es hilfreich sein, sich Filme wie „Befreiung“ anzusehen, die im Subtext ein erstaunlich realistisches Bild von manchen Facetten des Befreiungskampfes gegen die Hitler-Diktatur zeichnen.

Die fünfteilige Serie, deren Regisseur Juri Oserow auch am Drehbuch mitgeschrieben hat, ist von 1966 bis 1971 entstanden, also in der Anfangszeit der bleiernen Breshnew-Ära. Da ist es erstaunlich, wieviel Informationen man im Subtext über die stalinistische Kriegsführung findet.

Dieser Text ist ein Ritt durch die letzten Kriegsmonate basierend auf der Darstellung in ‚Befreiung‘ garniert mit einigen wenigen eigenen Kommentaren.

Teil 1 beginnt mit der Schlacht am Kursker Bogen. Mit der Niederlage in Stalingrad war den Nazis eine empfindliche Schlappe zugefügt worden, aber noch waren sie lange nicht besiegt. Beide Seiten bereiteten sich auf die Entscheidungsschlacht vor. Es sollte die größte Panzerschlacht in der Geschichte der Kriege werden. Die Nazis massierten ihre Kräfte Anfang April 1943, um der Roten Armee bei Kursk die entscheidende Niederlage beizubringen.

Es ist eine der besonderen mondhellen Nächte. An der Front ist es ruhig. Die Kamera (geführt von einem genialen Igor Slabnewitsch) fängt die trügerische Stille in einer schlafenden Natur ein. Ein einsamer Panzer am See, umfunktioniert zum Liebesnest, wirkt fast idyllisch. Aber der Stab der Armee ist hellwach. Ein gefangen genommener deutscher Soldat behauptet, der deutsche Angriff sei für 3 Uhr geplant. Seitdem vergeht die Zeit in angespanntem Warten: „Wir erwarten den Angriff wie eine Erlösung“, sagt um 3.55 einer der Stabsoffiziere. Es dauert noch anderthalb Stunden, bis die Hölle losbricht.

Der Befehl des Generalstabs lautete, die Verteidigungsstellungen auf keinen Fall zu verlassen. Sowjetische Soldaten, die überrollt zu werden drohen und flüchten, werden mit Maschinengewehrfeuer der Politsoldaten zurück gegen die deutschen Panzer getrieben.

Schnitt. Im KZ Sachsenhausen wird vor den angetretenen kriegsgefangenen sowjetischen Soldaten für die Wlassow-Armee geworben. Mit wenig Erfolg. Obwohl die Weigerung den Tod bedeutet. Unter den Gefangenen befindet sich Stalins Sohn aus erster Ehe Jakow Dschugaschwili, der aufgefordert wird, einen Brief an seinen Vater zu schreiben und ihn um seinen Austausch gegen Generalfeldmarschall Paulus zu bitten. Jakow lehnt ab, er kennt seinen Vater besser. Schnitt.

Stalin: „Es gibt für uns keine Kriegsgefangenen, es gibt nur Verräter“. Das weiß auch ein gefangen genommener sowjetischer Major an der Kursker Front. Als die Deutschen ihm anboten, über die Frontlinie zu den Seinen zurückzukehren, provoziert er so lange, bis er erschossen wird. Er fällt lieber durch eine feindliche Kugel, als durch eine sowjetische.

Die Schlacht ist eine Schlächterei, die tagelang andauert. Anfangs rückt die Wehrmacht 30 km vor, ehe sie gestoppt werden kann. Aber um welchen Preis! Der Film spricht es in einer Szene subtil an. Ein Bataillonskommandeur befiehlt seinen Leuten einen taktischen Rückzug über einen Sumpf. Ein Bataillon hat eine Stärke zwischen 300 und 1200 Soldaten. Der Kommandeur ist der Einzige, der den Übergang geschafft hat. Er meldet dem Stab ein Bataillon zurück, das nur noch aus ihm besteht.

Am Ende ist es ein Kampf Mann gegen Mann, zwischen den Panzern. Die Rote Armee siegt, weil sie immer neue Soldaten „frische sibirische Verbände“, die gerade drei Wochen Ausbildungszeit hinter sich haben, wie wir vom Kriegsberichterstatter Wassili Grossmann wissen, ins Feuer schicken kann.

Die Schlacht am Kursker Bogen hat die Kräfteverhältnisse in Europa verändert. Es ist der Beginn der vollständigen Niederlage der Nazis. Die Amerikaner starten zwar noch nicht die zweite Front, aber landen auf Sizilien. Die zweite Front, das ist heute weitgehend vergessen, wird in Jugoslawien von Titos Partisanenarmee eröffnet. Dies so deutlich gemacht zu haben, ist ein weiterer Verdienst des Films.

In Italien versucht der König, Mussolini außer Gefecht zu setzen. Der Duce wird von Geheimdienstpolizisten verhaftet, später aber von einer SS-Gardeeinheit aus der Haft befreit und zu Hitler gebracht. Der Führer macht dem Duce klar, dass Italien Kriegspartei bleiben muss, auch wenn das bedeutet, dass es von deutschen Truppen besetzt werden muss. „Unsere Lage ist großartig“, ist sich Hitler sicher.

Schnitt. Die Rote Armee rückt weiter auf Kiew vor. Dafür muss der Dnepr überquert werden. Das wird wieder zu einem höllischen Unternehmen, ohne Rücksicht auf menschliche Verluste. Im scharfen Kontrast zum Kampfgeschehen steht die zarte Morgendämmerung, die zwischendurch immer wieder von der Kamera eingefangen wird.

Schnitt. Stalin, der Oberbefehlshaber, der selbst kein einziges Mal an der Front war, gibt den Befehl, dass Kiew, koste, was es wolle, bis zum 6. November, dem Jahrestag der Oktoberrevolution eingenommen werden muss. „Machen Sie Ihren Männern Beine“, befiehlt er seinen Generälen. Die gehorchen und erzwingen die Rückeroberung mit weiteren unzähligen Verlusten an Menschen und Material. Dabei werden beim Angriff erstmals Scheinwerfer an Panzern und Sirenen eingesetzt, um den Feind zu verwirren. Ob die Kriegslist geholfen hat, ist nicht bekannt. Tatsache ist aber, dass die Scheinwerfer, die an die Panzer montiert wurden, den Schützen an den Panzerabwehrgeschützen das Zielen sehr erleichtert haben.

Schnitt. im Weißen Haus sagt Präsident Roosevelt, dass die Amerikaner auf die Eröffnung der zweiten Front verzichten könnten, wenn die Sowjets weiter so schnell vorrücken. Der Präsident selbst erwiest sich eher als Feigling. In Teheran, wo erstmals ein Treffen zwischen den drei Führern der Alliierten stattfindet, lässt er sich von der Meldung, in der Stadt gäbe es zahllose Nazi-Agenten so beeindrucken, dass er sich in die Sowjetische Botschaft flüchtet, wo er Stalin erstmals begegnet. Gegenüber Churchill kommt Roosevelt wegen seines Verhaltens in Erklärungsnot. Stalin nutzt seine Schwäche kühl, um die Zusage für die Errichtung der zweiten, eigentlich dritten Front zu bekommen. Er kann auf stolze Erfolge verweisen: Es wurden 56 deutsche Divisionen, 13.000 Panzer und 14 Flugzeuge vernichtet. Die Wehrmacht war gezwungen, 75 Divisionen aus dem Westen an die Ostfront zu werfen.

Stalin hat in Teheran klar die Initiative. Churchill will die zweite Front lieber auf dem Balkan, als in Frankreich eröffnen, weil dann die jugoslawischen Partisanen die Hauptlast zu tragen hätten. Aber Stalin setzt sich mit seiner Forderung, dass es die Normandie sein muss, durch.

Schnitt. Während die Staatsmänner verhandeln, setzt die Rote Armee auf Skiern, Pferdewagen und für die höheren Chargen LKWS ihren Vormarsch fort. Unterwegs wird Silvester gefeiert, mit dem Spruch: „Wir sind unsterblich!“. Leider war das nicht so.

Ein Jahr später steht die Rote Armee an der deutschen Ostgrenze. Am 12. Januar beginnt die Offensive. Die Militärs hatten sie eigentlich für Ende Januar vorgesehen, weil sie noch Zeit brauchten, um die notwendige Luftunterstützung aufzubauen. Stalin legt dagegen den Termin auf den 12. Januar fest, dann eben ohne ausreichende Luftunterstützung.

Der Vormarsch vollzieht sich dann so schnell, dass die rückwärtigen Dienste 500 km zurückgelassen wurden. Die Armee von Marschall Schukow steht schon Anfang Februar 60 km vor Berlin. Die Armee von Marschall Rokkosowski hängt in Pommern fest, etwa 150 km von Berlin entfernt. Die Armee von Marschall Konew kommt von Süden und könnte Berlin als erste erreichen.

Es gibt nicht nur einen Wettlauf mit den westlichen Alliierten, wer Berlin als Erster die Hauptstadt erreicht, sondern auch zwischen den sowjetischen Generälen. In diese Konkurrenz greift Stalin ein und beordert Konew zur Unterstützung Rokkosowskis nach Pommern. Schukow kann deshalb den finalen Sturm auf Berlin verschieben und seiner Truppe eine Pause gönnen.

Bemerkenswert ist, dass im Film gezeigt wird, dass die Rote Armee von der 1. Polnischen Armee unterstützt wird, die hauptsächlich aus Mitgliedern der Heimatarmee bestand, die später von den Sowjets gnadenlos verfolgt wurden.

Schnitt. Für Hitler ist der Fakt, dass die 1. Russische Panzerarmee an der Oder steht, Verrat. Sein Stab schlägt vor, mit Eisenhower über einen 100-tägigen Waffenstillstand zu verhandeln, um die Westverbände im Osten einsetzen zu können. Ein Unterhändler wird in die Schweiz geschickt, wo er sich tatsächlich mit einem Vertreter der englischen Regierung trifft. Das Komplott fliegt auf, als Stalin in Jalta, beim zweiten Treffen der alliierten Führer Churchill und Roosevelt mit einem Foto konfrontiert, das den deutschen mit dem englischen Unterhändler zeigt.

Der Film ist natürlich auch eine Schreibung der Geschichte: Befreiung ist ja schon als Leitmotiv im Titel gesetzt: Der Film schafft trotzdem in einer zwar plakativen, aber im Kern doch richtigen Metapher diese Leitmelodie zu untermauern. Sie ist in eine Szene eingebaut, in der ein sowjetischer Panzersoldat und ein polnischer Infanterist auf der Suche nach Benzin für die steckengebliebenen sowjetischen Panzer sind. Auf einem Güterbahnhof werden sie fündig. Während sie mit Alkohol, den sie zufällig gefunden haben, Brüderschaft trinken (eine Verbesserung des russisch-polnischen Verhältnisses ist ein erkennbares Bemühen des Films), hören sie Klopfen aus dem benachbarten Güterwagen. Sie öffnen die Türen der Waggons und finden darin KZ-Häftlinge, die von den Wachen zurückgelassen worden waren und verdurstet wären, wenn die beiden Soldaten sie nicht befreit hätten. Zunächst ein Waggon Frauen und dann einer voller Männer. Es folgt eine kleine, spontane Freiheits-Demonstration. Inklusive Gründungsmythos der DDR: Der zunächst skeptisch bewertete, aber dann akzeptierte deutsche Gefangene (‚Antifaschist gut!‘) wird zum Wortführer: ‚Nie wieder Faschismus‘. Der grundsympathische, einfachere sowjetische Panzersoldat soll auch reden: Er ist erst unsicher, aber sagt dann: ‚Geht nach Hause‘. Doch dann entdecken er und sein neuer polnischer Freund, dass sie jetzt auf einem Treibstoffwagon stehen. Also Kommando zurück: Die befreiten KZ-Häftlinge Frauen und Männer schieben den Treibstoff zu den sowjetischen Panzern, damit diese zusammen mit den Polen nach Berlin vorstoßen.

Und nach dieser sehr ergreifenden Szene kommt die entscheidende Szene für den von Stalin geschürten Wahnsinnswettlauf zwischen Schukow und Konew auf Berlin. Stalin hat Erkenntnisse, dass die Amis mit Unterstützung von Hitler Berlin vor den Sowjets kriegen sollen. Schukow und Konew müssen zuerst da sein.

Schukow und die 1. Belorussische Front müssen die sowjetischen Panzer über die Seelower Höhen. Schukow hat die Idee, den Angriff in der Nacht zu starten und das Schlachtfeld mit tausenden Suchscheinwerfern zu beleuchten. Alle Mitglieder seines Stabes waren dagegen und wiesen richtig darauf hin, dass die eigenen Soldaten durch die Beleuchtung zu Zielscheiben würden. „Der Gegner sieht uns besser, als wir ihn“. Schukow lässt die Einwände gegen seine Idee nicht gelten. So kommt es, dass eine hoffnungslos unterlegene Truppe aus jugendlichen und alten Volkssturmmännern dem Angriff tagelang standhalten kann und zehntausende Sowjetische Soldaten auf den Seelower Höhen ihr Leben lassen mussten. Im Film wird diesem Wahnsinn breiter Raum gewidmet. Der Zuschauer kann sich seine eigene Meinung bilden.

Letztlich dürfen Schukows Panzer zuerst nach Berlin rein, Konew muss warten, obwohl er eigentlich näher dran ist. Stalin war zwar ein grausamer Diktator, aber in bestimmten diplomatischen Schachzügen auch außerordentlich geschickt. Auch dies wird im Film angedeutet, aber nicht ausgeführt.

Im Teil ‚Die Schlacht um Berlin‘ gibt es noch drei weitere Stellen für die Geschichtsbücher. Zunächst über den Wahnsinn des letzten Aufgebots: Ein 15jähriger Deutscher Bengel erschießt beinahe Panzergeneraloberst Lejuschenko kurz vor Berlin und wird geschnappt– der General ist aber großmütig: ‚Hat er eine Mutter? Sie soll ihm den Hintern versohlen.“ Man hofft, dass es diese Großherzigkeit auf Seiten der Sowjets gegeben hat, häufig war sie sicherlich nicht. Der Fanatismus des letzten NS-Aufgebots, gerade der Jungs, war ganz sicherlich ein schlimmes, tragisches Element des Endkampfs.

Nach heikler ist die Szene der ersten Begegnung von sowjetischen Soldaten mit jungen deutschen Frauen – gespielt wieder von dem sympathischen, einfachen Panzersoldaten, der mit seinem Kommandanten durch eine weggeschossene Kette rückwärts in eine Wirtsstube am Stadtrand von Berlin reinfährt. Die beiden Soldaten treffen auf ein älteres Wirtsehepaar und zwei junge, hübsche, volljährige, deutsche Frauen – in der Zeit, wo der dritte Mann die Panzerkette repariert, feiern die beiden Soldaten mit den Mädels und deren Eltern. Es geht flirtig- kokett zu, die Mädels sind an den Jungs sichtlich interessiert, die Mutter guckt streng, der Vater meckert, dann kommt ein Gegenangriff, der die lustige Gesellschaft auflöst – das ist natürlich klar verzeichnet, aber es wird durch die nicht viel später folgende Szene relativiert.

In Berlin stehen Konews Männer vor einem Zoo (gedreht im Tierpark Berlin) – der Panzer-Generaloberst Bogdanov ist großzügig – er verheizt seine Truppe nicht mehr, als er von einem jungen Fahrer erfährt, dass durch deutschen Widerstand Gefahr droht – sie warten auf die Infanterie und unterhalten sich. Der blutjunge Mann musste eine Ausbildung in Moskau unterbrechen. Der General: „Wir sind über den Berg, bald kannst Du wieder studieren.“ Die Infanterie kommt, die Deutschen werden vertrieben, die Panzer rücken in den Zoo ein: Fasziniert von der friedlichen Stimmung geht der junge Moskauer aus seinem Panzer und wird prompt erschossen: „Warum?“ sind seine letzten Worte.

Der Endkampf um Berlin begann am 16. April und dauerte bis zum 2. Mai. Die Rote Armee setzte insgesamt 2 Million Soldaten ein. Der erbitterte Häuserkampf wurde mit aller Grausamkeit geführt. Gegen Ende April hatte man im Führerbunker keinen Überblick mehr, welche Teile der Stadt schon eingenommen waren und welche nicht. Als aber per Kurier die Nachricht kam, dass die Rote Armee schon in die U-Bahn vorgedrungen sei, befahl Hitler sein letztes Kriegsverbrechen, die Sprengung der Mauer zur Spree, um die U-Bahnschächte zu fluten. Aus dem Hinweis, dass sich in den Schächten sowohl verwundete Soldaten, als auch Frauen und Kinder befänden, reagierte Hitler, dass die Deutschen kein Recht auf Existenz hätten, wenn das Dritte Reich untergeht.

Ob den Antifa-Aktivisten von heute eigentlich bewusst ist, wie sehr sie sich mit ihrem Ruf „Deutschland verrecke“ zum Erfüllungsgehilfen von Hitlers letztem Wunsch machen?

Der Kampf um Berlin endete mit der Schlacht um den Reichstag. Auf der kurzen Strecke zwischen dem Brandenburger Tor und dem Reichstag kamen noch einmal tausende Sowjetische Soldaten ums Leben. Es wurde wieder ohne Rücksicht auf Verluste vorgegangen. Nach Tagen kam die erlösende Idee, über die Spree zu setzen und das Gebäude von der Flußseite her einzunehmen.

Heute kann man unter den freigelegten Graffiti sowjetischer Soldaten, die bei der Rekonstruktion des Reichstags freigelegt wurden, die Namen der Mitglieder Brückenbaubrigade lesen, die den Ponton über die Spree gebaut haben und sich am 8. Mai, dem Tag des Sieges, dieses Denkmal gesetzt haben.

Was im Film nicht thematisiert wird, aber zur historischen Wahrheit gehört ist, dass der Reichstag hauptsächlich von französischen Freiwilligen der 33.SS-Brigade Charlemagne und Skandinaviern der 11. SS-Panzergrenadier-Division Nordland verteidigt wurde.

Im Führerbunker, nur 600m vom Reichstag entfernt, trifft am 30. April die Nachricht von der Zurschaustellung des ermordeten Mussolini und seiner Geliebten in Mailand ein. Die Vorstellung, so zu enden, wird zum Entschluss Hitlers und Goebbels zum Selbstmord beigetragen haben. Ein Angebot Görings, mit Hilfe einer Spezialeinheit Berlin noch zu verlassen, lehnt Hitler ab. Ihm ist klar, dass er alles verloren und keine Möglichkeit hat, ehrenvoll zu entkommen.

Niemand weiß genau, was sich in der letzten Stunde eines der größten Verbrecher der Menschheit abgespielt hat. Mir persönlich gefällt sein in „Befreiung“ dargestelltes Ende besser, als die verkitschte Version von Bernd Eichinger in seinem Monumentaldrama „Der Untergang“. Dort wird Hitler als so etwas wie der sehr gestrenge, aber gerechte Pater familias gezeigt, der seinem Leben konsequent selbst ein Ende setzt.

In „Befreiung“ vergiftet Hitler seine eben angetraute Ehefrau Eva, mit der ihn nichts als „Freundschaft“ verbunden hat, gegen deren Widerstand. Dann hat er nicht den Mut, sich selbst zu erschießen und ruft seinen Assistenten zu Hilfe. Das passt nach meinem Empfinden besser zu einem Mann, der sich, wie Stalin, stets geweigert hat, den Folgen seiner Politik ins Auge zu schauen.

Schnitt. Im Reichstag sind die Kämpfer inzwischen in den ersten Stock vorgedrungen. Schukow, der telefonisch informiert wird, sagt: „1. Stock, mehr nicht? Ein bisschen mehr Tempo, Genosse General“.

Das Tempo, das gefordert wird bewirkt, dass die letzten Soldaten, die den Zuschauer durch alle fünf Teile begleitet haben, noch umkommen. Im Abspann wird darauf hingewiesen, dass die Zahl der sowjetischen Kriegsopfer 20 Million betrug. Wer den Film gesehen hat, weiß, wer seinen Anteil daran hat.

Der Film ist ein Meisterwerk, weil er fast ohne Agitation und Propaganda auskommt und es geschafft hat, wenigstens Teile der historischen Wahrheit zu thematisieren – ein Sieg der Kunst über die Diktatur.

Kategorien
Buch/Filmkritik

Notizen von unterwegs – Vorwort: Hinter den Fassaden des Alltäglichen von Chaim Noll

Vera Lengsfeld ist in ihrem Leben weit gereist. Ihre Notizen von unterwegs hat sie zu kurzen, prägnanten Reiseberichten kompiliert, die tagebuchartig festhalten, wo sie war, was sie gesehen und gehört hat, und gelegentlich, doch nie dominierend, was sie darüber denkt. So berichtet sie von Reisen in alle Himmelsrichtungen, nach Argentinien, Litauen, Israel, China, Rumänien, Spanien, Zypern, Estland, Kuba, Deutschland, Polen, Chile oder Sibirien, auch in Gegenden, über die sonst kaum etwas Vernünftiges zu erfahren ist wie das quasi-autonome Gebiet Transnistrien.

Die Autorin gibt keine unnötigen Erklärungen ab, warum sie sich an diesem oder jenem Ort aufhielt, teilt über sich nur das Nötige mit und vermeidet die bei anderen Reiseautoren üblichen Abschweifungen in eigene Reflexionen und Weltgedanken. Gegenstand ihres Berichts ist immer der besuchte Ort. Den versucht sie, soweit möglich, zu Fuß zu erkunden. So, „auf Augenhöhe“, in direktem vis à vis, begegnet sie dem Unbekannten, das sie fernen Orts erwartet, stellt sich ihm mit Neugier und Offenheit, mit einem jugendlich wirkenden Interesse an den Problemlösungen anderer.

Wie genau sie die Atmosphäre einer Stadt oder Landschaft einzufangen weiß, kann ich dort nachvollziehen, wo sie mir bekannte Orte besucht, etwa Petrosawodsk in Karelien. Genau so habe ich selbst diese weltferne Gegend in Erinnerung. Ihre Neugier geht in die Tiefe, oft schmerzhaft, auf Kosten der Idyllik des Reisens. Ihrerseits früh mit Geschichte konfrontiert, erweist sie sich als unerschrockene Spurensucherin, versessen auf das Historische hinter den Fassaden des Alltäglichen.

In Moskau sieht sie die Schönheit des rekonstruierten alten Arbat, doch sie wirft auch einen Blick auf das Hotel Lux, in dem in den dreißiger Jahren, zur Zeit der „Großen Säuberung“, die emigrierten Ausländer wohnten und in hypnotischer Starre warteten, bis die Männer in den Ledermänteln kamen, meist im Morgengrauen, und sie abholten. Gleich nebenan ist die Lubjanka, das Gefängnis der sowjetischen Staatssicherheit, in der abgeurteilt, nach Sibirien verschickt, nicht selten auch gleich hingerichtet wurde. Vera Lengsfeld, kundig in der Literatur des Schreckens, erkennt das Dom na Nabereshnoj, das „Haus an der Uferstraße“, dessen Insassen, Funktionäre und hohe Offiziere, fast alle den Weg in die Lager gingen. Zugleich ist sie imstande, die grandiose Ausstrahlung der alten russischen Metropole zu beschreiben, die den Schatten standhält, die eine wechselvolle, nicht selten tragische Geschichte auf sie wirft.

Die meisten Orte, die sie besucht hat, befinden sich in einem rapiden, manchmal radikalen Wandel. So dass es an sich verdienstvoll ist, den Jetzt-Zustand gewissenhaft zu beschreiben, weil er zum Zeitpunkt der Niederschrift schon aufgehört hat zu bestehen und womöglich nur in Lengsfelds Notizen überdauert. Das gilt für die Wunden und Krater des Krieges auf dem Balkan nach dem Zerfall Jugoslawiens, für die Foltermale Rumäniens, das bunte Elend Kubas der späten Castro-Zeit. Novosibirsk nennt sie in diesem Nebeneinander von alt und neu, von gestriger Misere und sich abzeichnendem Aufschwung eine „Patchworkstadt“. Das Wort trifft in dieser Zeit schneller Veränderung auf manchen der besuchten Orte zu. Sogar Ushuaia auf Feuerland, am Rand der bewohnbaren Welt, kurz vor dem Übergang ins ewige Eis, hat sich verwandelt: aus der ehemaligen argentinischen Strafkolonie von achthundert Seelen wurde, wie die Reisende festhält, binnen weniger Jahrzehnte „eine boomende Stadt mit 60 000 Einwohnern.“

Viele historische Details, die Vera Lengsfeld recherchiert und repetiert, waren mir unbekannt, und jetzt davon zu erfahren, macht dieses Buch für mich zur spannenden Lektüre. Weil sich im Historischen immer die Geheimnisse des Heutigen verbergen, über die nachzudenken wir sanft genötigt werden. Ich wusste bisher wenig oder nichts über Beijings Stadtentwicklung, über die strukturellen Probleme chinesischer Mega-Metropolen, oder über Kuba, wo ich nie war. Oder über die Wechselfälle in der Geschichte der Insel Helgoland. Oder die Tragödie der Stadt Warschau, die von den Nazis „zu neunzig Prozent dem Erdboden gleich gemacht“ wurde.

Doch das Unheimliche, Bedrohliche kann auch mitten im Frieden geschehen, in einer westlichen Demokratie. Bei einem Besuch in Madrid beobachtet Vera Lengsfeld die Diskrepanz zwischen Medienbild und Wirklichkeit, die neue, heimliche Art der Desinformation: „Als ich am anderen Morgen die Nachrichten im Fernsehen anschaue, stelle ich fest, dass die Zahl der Teilnehmer des Protestzuges absurd niedrig angegeben wurde. Sechshundert sollen es nur gewesen sein, wo ich mehrere Tausend an dieser Kreuzung gesehen habe (…) Arroganz der Macht? Auf die Dauer werden sie damit nicht durchkommen.“

Arroganz und Schwäche westlicher Politik entgehen ihr nicht, vor allem nicht die Zeichen einer verfehlten, antiquierten Außenpolitik der europäischen Staaten: „Die Türkei denkt nicht daran, die griechische Stadt Famagusta zurückzugeben, wie sie sich verpflichtet hat. Sie kann darauf vertrauen, dass die EU von ihr die Vertragserfüllung nicht einfordert.“ Und sie ahnt die Folgen dieser schwachen Politik: „Ich werde das beklemmende Gefühl nicht los, dass unsere Reise in die Vergangenheit des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien eine Zeitreise in die Zukunft Europas ist.“

Vera Lengsfeld ist eine Frau mit großer Lebenserfahrung und politischem Gespür. Wie ihre Reise-Impressionen zeigen, ist sie weit in der Welt herum gekommen. Dabei bodenständig geblieben mit ihrem Hanggrundstück voller Obstbäume, das sie von ihrer Großmutter in Thüringen geerbt hat. Einmal bin ich mit ihr in der Wüste gewandert und habe ihre unglaubliche Ausdauer erlebt. Die sie auch anderswo zeigt, zum Beispiel in ihrem Eintreten für demokratische Freiheiten. Sie erkletterte die Sandhügel und Felsen der Negev-Wüste schneller als jeder andere. Training, sagte sie. Denn sie muss, um ihre Obstbäume zu ernten, ständig hügelauf und -ab laufen. Reisen ist nur eine Seite ihre Lebens. Und sie ist davon nicht, wie viele andere, konfus, „für alles offen“ und meinungslos geworden. Vera ist auf ihren weiten Fahrten durch die Welt ein Mensch geblieben, der ein Zuhause hat, eine klare Orientierung.

Chaim Noll

Kategorien
Buch/Filmkritik

Wer die Moral über das Recht stellt, verliert beides

Ursprünglich veröffentlicht auf vera.lengsfeld.de am 23.03.20

Der Filmemacher Imad Karim wollte herausfinden, warum Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen von Kanzlerin Merkel gefeuert wurde. Hatte Deutschland den Schutz seiner Verfassung sechs Jahre lang einem Mann anvertraut, der ein Verfassungsfeind ist?

Im Gegenteil, Maaßen ist nach wie vor Verfassungsschützer, auch als Privatmann. Aus Sorge um unser Land. Wenn in Deutschland weiter so verfahren wird,  dass Recht und Gesetz zur disposition gestellt werden, wann immer ein angeblich höherer Zweck es verlangt, sieht Maaßen eine dunkle Zukunft für uns. Aber: “Wenn Deutschland ein toter Gaul wäre, würde ich ihn nicht reiten”. Maaßen ist zuversichtlich, dass man mit Bildung und Meinungsfreiheit die Kreativität fördern kann, die wir brauchen, um die Krise zu überwinden. Deshalb macht er es nicht wie Freidrich August III, der abdankte mit den Worten: “Macht doch euren Dreck alleine”, sondern mischt sich ein. Maaßen ist ein Hoffnungsträger in unserer Zeit!

Hier kann man den ganzen Film sehen. Es lohnt sich und ist eine gute Alternative zur alltäglichen Staatspropaganda.