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Die unheimliche Ähnlichkeit eines Thrillers mit der Wirklichkeit

Normalerweise würde ich einen Thriller von Sebastian Fitzek nie gelesen haben. Ich kann aber, wie schon oft an dieser Stelle gestanden, an keinem Give-and-Take-Regal vorbei gehen, ohne hineinzusehen. In diesem Fall habe ich den Band in die Hand genommen, um zu schauen, was dahintersteht. Dabei fiel mein Blick auf die Rückseite: „Zur Geburt Jesu Christi lebten 300 Millionen Menschen auf unserem Planeten. Heute sind es sieben Milliarden. Wie viel ist zu viel?“ Dazu der Titel Noah. Meine Neugier war geweckt und wurde durch mein Erstaunen übertroffen, als ich anfing, zu lesen.

Es beginnt mit einer beklemmenden Schilderung des Lebens einer vaterlosen Familie in einem am Rande einer Müllkippe gelegenen Slum von Manila. Alicia in ihrer 4 Quadartmeter großen Blechhütte hat keine Milch für ihr neu geborenes Baby. Ihr 7-jähriger Sohn Jay klaubt auf der Müllkippe nach Kupferdraht und Plastik. Er ist der Ernährer der Familie. Leider hat er zurzeit wenig Glück, das heißt, Alicia hat außer Wasser nichts im Kochtopf. Dann beginnt ein Hubschrauber über dem Slum zu kreisen und ein Cousin von Alicia kommt in die Hütte mit der Nachricht, dass die Polizei alle Ausgänge des Slums abriegelt. Sie müssten sofort hier raus. „Ich glaube, sie wollen uns töten“.

Zur selben Zeit erwacht in Berlin ein Mann mit einem Schulterdurchschuss aus der Ohnmacht. Er weiß nicht, wer er ist und wie er nach Berlin kam. Der obdachlose Oskar hatte den gut gekleideten Fremden auf den U-Bahngleisen gefunden, in sein unterirdisches Versteck gebracht und gepflegt. Er will natürlich wissen, wer dieser Mann mit der guten Kleidung ist, der sichtbar nicht auf der Straße gelebt hat. Einziger Hinweis ist eine primitive Tätowierung auf dem Handteller des Verletzten: Noah. Ist das sein Name, oder eine Art Code?

Beide Ereignisse spielen sich ab in einer Zeit, die von Eingeweihten die Stufe eins genannt wird. Eine extremistische Abspaltung der Bilderberger, Konzernchefs, Politiker, Top-Journalisten, die sich seit den 50er Jahren jährlich in den nobelsten Hotels der Welt treffen, um hinter verschlossenen Türen über das Schicksal der Welt zu beraten, hat sich entschlossen, nicht nur zu reden, sondern zu handeln. Der Plan, den die Gruppe unter Führung des Multimilliardärs Zaphire ausgeheckt hat, sieht drei Stufen vor. In der Stufe eins wird die Weltbevölkerung mittels Chemtrails mit einem Virus infiziert, der an sich harmlos ist. In Stufe zwei werden die Menschen mit einem zweiten Virus kontaminiert, der in Verbindung mit dem ersten heftige Grippesymptome, die neuartige Manila-Grippe auslöst.  Bald nach Auftreten dieser Grippe, wird sie zur Pandemie erklärt, was dazu führt, dass weltweit Quarantänen ausgelöst werden. Die Fernsehstationen übermitteln dramatische Bilder von abgesperrten Flughäfen, es setzen weltweit Fluchtbewegungen ein.

In dieser aufgewühlten Situation verkündet Zaphire, dem unter anderem ein Pharmakonzern gehört, der Öffentlichkeit, dass er ein Medikament gegen die Manila-Grippe entwickelt habe, das er aber hauptsächlich den Entwicklungsländern zur Verfügung stellen wolle. In Wahrheit löst dieses Medikament, dessen Verteilung die Stufe drei in Bewegung setzt, erst die tödlichen Symptome aus. Geplant ist die drastische Reduzierung der Weltbevölkerung, um den Planeten zu retten. Natürlich gibt es ein zweites Medikament, das an Auserwählte verteilt wird und gegen die Krankheit immunisiert.

Wenn man den Thriller liest, bekommt man Gänsehaut ob der Parallelen zum aktuellen Corona-Geschehen. Hier wie da bestimmen Konzernbosse; die Politiker, bei Fitzeck beispielhaft der amerikanische Präsident, wissen zwar Bescheid, wollen oder können aber nichts gegen diesem teuflischen Plan tun. Die Begründung ist auch schwer zu widerlegen. Als Noah nach qualvoller Suche endlich herausfinden musste, dass er ein Sohn des Ungeheuers Zaphire ist und sein Zwillingsbruder das tödliche Medikament entwickelt hat, kommt es, nachdem es Noah gelungen war, den Plan zu enthüllen und damit die Ausführung der Stufe drei zu stoppen, zum Showdown zwischen Vater und Sohn.

„Was glaubst Du denn geschieht mit all den Seelen, die Du gerettet hast? […] Sie sterben trotzdem. Nur qualvoller. Und ihr Todeskampf dauert länger. Sie verdursten, verhungern, schlachten sich gegenseitig in Kriegen ab und verrecken an Krankheiten für die wir ihnen die Medikamente verweigern. In vierzig Jahren geht das Öl aus. Dabei beginnen China, Indien und die anderen Schwellenländer gerade damit, die Rohstoffe zu vernichten, um die sich bald neun Milliarden Menschen die Köpfe einschlagen werden. Eine Milliarde Menschen haben schon jetzt keinen Zugang zu Trinkwasser. Beinahe sekündlich stirbt ein Baby an Unterernährung. Alle vier Minuten erblindet ein Mensch, weil er sich kein Vitamin A leisten kann. 13 Millionen pro Jahr davon sind Kinder.“

„Also ermorden wir sie lieber gleich? Wie lange hast Du schon Deinen Verstand verloren? Wir reden hier über Menschen, nicht über ein Pferd, dem man den Gnadenschuss gibt“, erwidert Noah, der aber auch keinen Ausweg aus diesem Dilemma weiß.

Die Parallelen zur Corona-Pandemie sind erschreckend. Zwar sind es nicht die klandestinen Bilderberger, oder ihre nichtexistierende extremistische Untergruppe, die für die Blaupause des Infektionsgeschehens verantwortlich sind, sondern in der Realität hat das Weltwirtschaftsforum diese Rolle übernommen, und das ganz offen. In „Covid-19: The Great Reset“ beschreibt der Gründer des WWF, Klaus Schwab, wie die „goldene Gelegenheit“ (Prinz Charles) wahrgenommen werden soll, die gesamte Welt, wie wir sie kennen, umzubauen. Nichts soll mehr so sein, wie es vor der Pandemie war. Ganze Wirtschaftszweige, Tourismus, Individualverkehr, Einzelhandel, Gastronomie sollen verschwinden. Der Mittelstand wird durch die Corona-Maßnahmen liquidiert, die Konzerne werden übernehmen. Schon jetzt konnte Amazon seine Gewinne um ein Drittel steigern. Über die verheerenden Folgen, die das besonders für die Entwicklungsländer hat, wird nicht gesprochen. Bereits jetzt kann man klar erkennen, dass die Kollateralschäden der politischen Pandemiebekämpfung größer sind, als die Schäden, die durch die Pandemie angerichtet wurden.

Was im Roman das Medikament, sind in der Realität die Impfungen. Die finden weltweit massenhaft statt, mit Mitteln, die nur eine vorläufige Zulassung haben, weil die Nebenwirkungen und Langzeitschäden nicht erforscht sind. Es handelt sich um den wohl größten Feldversuch in der Geschichte der Menschheit – und kein Noah in Sicht. Im Buch wie in der Realität spielt das Robert-Koch – Institut eine fragwürdige Rolle. Das RKI liefert die Zahlen, die als Begründung für die Verstetigung des Ausnahmezustands herhalten, obwohl sie das wirkliche Infektionsgeschehen nicht abbilden, weil auch positiv auf das Corona-Virus Getestete, die nicht infektiös sind, als Neuinfektionen mitgezählt werden.

Wie im Thriller profitieren die Konzerne an der Produktion der Impfstoffe und der Antigentests. Wie Zaphire denkt Bill Gates global. Er hat 2020 in der Tagesschau verkündet, dass sein Ziel die Impfung der Weltbevölkerung ist. Kanzlerin Merkel, die angeblich mächtigste Frau der Welt, hat dasselbe als ihr politisches Ziel verkündet.

In einem Nachwort schreibt Fitzek, dass er Teil des Dilemmas ist, das er in seinem Werk beschrieben hat. Er weiß keine Lösung, nur, dass schnell eine gefunden werden muss.

Wenn sein Thriller dazu beiträgt, das Problembewusstsein seiner Leser zu schärfen, hat er schon viel erreicht.

Sebastian Fitzek: Noah

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Leben im vergessenen Krieg

Ja, es gibt ihn, den Krieg in Europa, aber kaum jemand spricht darüber. Seit ein bröckeliger Waffenstillstand ausgehandelt wurde, wird ein Mantel des Schweigens über die Kampfhandlungen gebreitet. Doch plötzlich flammt der Konflikt wieder hoch. Aktuell gibt es die unbewiesene Behauptung, Russland hätte „mehr als 150.000 Soldaten“ an der Grenze zur Ukraine und auf der annektierten Halbinsel Krim stationiert. Das sagt der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell, ohne die Quelle seiner Angaben zu benennen.

Aber: Ist diese Ukraine, die lange Bestandteil der Sowjetunion war, überhaupt Europa? Wenn man von ihr gehört hat, dann am ehesten vom Reaktorunglück im Tschernobyl, dessen 35. Jahrestag noch nicht so weit zurückliegt.

Und dann kommt dieser Ausnahmeschriftsteller Andrej Kurkow und schreibt ein Buch über das Leben in diesem Krieg, das von der ersten bis zur letzten Seite fesselt.

Kurkow, geboren 1961 in Leningrad, bald jedoch nach Kiew verfrachtet, wo er heute noch lebt, war, bevor er anfing, Bestseller zu schreiben Journalist und während seines Militärdienstes Gefängniswärter. Danach wurde er Kameramann und schrieb zahlreiche Drehbücher, bis er sich als freier Autor etabliert hatte. Sein Roman „Picknick auf dem Eis“ wurde ein Welterfolg. Sein jüngstes Werk „Graue Bienen“ hat ebenfalls das Zeug dazu.

Sein Held Sergej Sergejitsch lebt in Malaja Starogradowka, einem verlassenen Dorf in der „grauen Zone“ zwischen den Fronten der Ukraine und der Freien Republik Donezk, die von den Separatisten ausgerufen wurde, im Bestreben, den Donbass von der Ukraine loszulösen und zu einem Teil Russlands werden zu lassen. Seit Jahren beschießen sich die Kriegsparteien über die graue Zone hinweg. Sergejitsch ist nicht wie die meisten anderen Dorfbewohner geflüchtet. Er wollte Haus, Hof und Bienen nicht allein lassen. Der Leser begegnet Sergejitsch zum erstmals gegen drei Uhr nachts, als er von der Kälte aufwacht. Der von ihm selbst gebaute Kaminofen spendete keine Wärme mehr. Die Kohleeimer waren leer. Also ging Sergejitsch mit Mantel und Filzstiefeln bekleidet nach draußen, um Nachschub zu holen.

„Irgendwo in der Ferne feuerte ein Geschütz. Eine halbe Minute später wieder ein Schuss.“ Können die nicht schlafen, oder wollen sie sich aufwärmen, fragte sich Sergejitsch, als er ins Haus zurückkehrte.

Der Krieg war Alltag geworden, an den er sich gewöhnt hatte. In all den Jahren hatte es in Malaja Starogradowka nur die Kirche und ein Haus erwischt. Allerdings gab es schon lange keinen Strom mehr, also keinen Fernseher, keine Nachrichten. Lebensmittel zu beschaffen, war eine Aufgabe, die viel Zeit und Kraft in Anspruch nahm. Außer Sergejitsch ist nur sein Kindsfeind Pascha im Dorf geblieben. Die beiden Männer sehen sich ab und zu, helfen sich auch einmal, aber kommen sich kaum näher. Noch hat der Winter das Leben fest im Griff, es fließt unter der Kälte gemächlich dahin. Sergejitsch vermißt nicht viel. Er hat seine täglichen Verrichtungen und seine Erinnerungen, die wie ein Film ablaufen.

Eines Tages bekommt er überraschend Besuch von Pedro, einem Soldaten. Der liegt seit über einem Jahr im ukrainischen Schützengraben und beobachtet das Dorf. Nun will er den Mann, den er täglich durch den Feldstecher sieht, kennenlernen. Pedro bringt etwas Essen mit und verspricht, Sergejitschs Handy aufgeladen wiederzubringen. Er kann nur nachts kommen, tagsüber hat ein Scharfschütze die Gegend unter Kontrolle. Den lernt Sergejitsch später auch kennen, denn es ist ein Bekannter seines Freundfeindes Pascha, ein Sibirier, der beschlossen hat, die Separatisten zu unterstützen. Allerdings gibt der Sibirier nur ein kurzes Gastspiel, denn nachdem Sergejitsch Pedro dessen Liegplatz verraten hat, wird er von den Ukrainern unschädlich gemacht.

Als sich der Frühling nähert, beschließt Sergejitsch, seine Bienen in ruhigere Gefilde zu bringen. Zum Glück ist sein alter grüner Shiguli bei der Requirierung von Fahrzeugen für den Krieg übersehen worden. Er kann seine sechs Bienenkästen auf den Hänger laden und in die Ukraine fahren. Am Checkpoint wird er nachsichtig behandelt. Einem aus der grauen Zone verzeiht man sogar die sowjetische Fahrerlaubnis. Er bekommt ein Paier, das er bei künftigen Kontrollen vorweisen soll und darf durch.

Er lässt sich von seinem Bauchgefühl leiten, landet an einem Waldrand, der an Felder grenzt, schlägt dort sein Zelt auf und lädt die Bienenkästen ab. Im nahen Dorf lernt er die Verkäuferin Galja kennen, die ihm nicht nur seinen Honig abnimmt und verkauft, sondern täglich mit frisch gekochten Mahlzeiten bringt, sogar Bortsch, von dem er seit Kriegsbeginn nur träumen konnte. Die Frühlings-Idylle endet jäh, nachdem ein gefallener Soldat ins Dorf zurückgebracht wurde. In der Westukraine werden solche Gefallenen von den Bewohnern ihrer Heimatorte am Straßenrand kniend empfangen. Sergejitsch kniet sich zwar neben Galja hin, spürt aber gleichzeitig seine Fremdheit und dass er nie Teil dieser Gemeinschaft werden würde.

Er zieht weiter, auf die Krim. Vor zwanzig Jahren hatte er auf einem Bienenzüchterkongreß Achtem, einen Krimtataren, kennengelernt. Ein Bienenzüchter wird einen andern nicht abweisen. Der Grenzübergang nach Russland, zu dem die Krim wieder gehört, war nicht einfach. Sergejitsch bekommt 90 Tage Aufenthaltserlaubnis und wird darauf hingewiesen, dass ihm Asyl nicht gewährt wird.

Auf der Krim ist es warm, die Vegetation ist üppig, es gibt Wein. Hier müsste man wohnen, ist Sergejitschs erste Reaktion. Er findet Achtems Dorf und sein Haus. Achtem selbst ist aber vor Jahren von russischen Milizen mitgenommen worden und nicht wieder aufgetaucht. Es ist ein tatarisches Dorf, Albat, das jetzt Kujbyschewo heißt und auch von Russen bewohnt wird. Tataren und Russen reden nicht miteinander. Sergejitsch wird schief angesehen, weil er in einem tatarischen Haus verkehrt.

Als Achtems Frau Sergejitsch bittet, bei der Kriminalpolizei in der Kreisstadt nach dem Schicksal ihres Mannes zu fragen, kommen die Dinge in ungute Bewegung. Zwar bekommt Sergejitsch keine direkte Auskunft, aber zwei Tage später werden die Überreste von Achtem seiner Witwe übergeben. Es gibt aber keinerlei Erklärung, wie Achtem ums Leben kam. Bald darauf wird Achtems 18-jähriger Sohn verhaftet, weil er angeblich Kirchenkerzen gestohlen hätte. Zwar kann Sergejitsch beweisen, dass diese Bienenwachskerzen ein Geschenk von ihm sind, damit die Familie bei Stromausfall nicht im Dunklen sitzen muss. Aber das führt nicht zur Freilassung des jungen Mannes. Er muss ins Gefängnis, oder zum Militär, das kann er wählen. Es gibt sogar ein Drittes:  Seine Mutter könnte ihn freikaufen, wenn sie genug Geld hätte.

Sergejitsch erfährt, dass der Krieg auch die schöne Krim beherrscht, nur verdeckt.

Als seine 90 Tage sich dem Ende nähern, bekommt er Besuch von zwei Geheimdienstagenten. Sie nehmen einen Bienenkasten mit. Den bekommt er vor seiner Abfahrt zwar wieder, aber die Bienen sehen irgendwie grau aus und neigen zum Schwärmen, obwohl das Volk nicht stark genug dafür ist. Sergejitsch steht vor einem Rätsel, umso mehr, als er zwischen den Waben eine Handgranate findet.Er entschließt sich, mit dieser Handgranate den Bienenstock zu zerstören. Eine graue Biene überlebt, wird aber nicht in einem der anderen Bienenkästen aufgenommen, sondern von den Wächterbienen verjagt.

Im Krieg ist es am besten, zuhause zu bleiben, schlussfolgert Sergejitsch.  Auf dem Weg zum Donbass nimmt er Achtems Tochter mit über die Grenze in die Ukraine. Das Land ist riesig und in Winnyzia, in der Nähe von Lemberg, tief im Westen, wohin Sergejitschs Frau gegangen ist, herrscht Frieden. Seine Frau wird sich um Achtems Tochter kümmern. Vielleicht wird auch Sergejitsch sich eines Tages nach Winnyzia aufmachen, aber vorerst kehrt er in sein Heimatdorf zurück. Der Winter ist nicht mehr fern. Die Baptisten werden Kohlen für den Winter bringen, aber nur denen, die zu hause sind.

Andrej Kurkow: Graue Bienen

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Rembrandts Orient oder der Genuss, eine Ausstellung zu besuchen

In Potsdams nobelsten Museum – dem Barberini – ist eine neue, sensationelle Ausstellung eröffnet worden und man darf sie tatsächlich besuchen. Wie lange noch, ist fraglich, da Kanzlerin Merkel die Notbremse ziehen und Deutschland in den totalen Lockdown treiben möchte. Wir waren kurz entschlossen, reservierten die Tickets online, bekamen eine Eintrittszeit – 10.45 – zugeteilt und waren nach einem Sicherheitscheck und Temperaturmessung tatsächlich drin. Wir betraten die Ausstellungsräume ehrfürchtig und mit dem kindischen Gefühl, etwas, wenn nicht Verbotenes, dann doch wenigstens nicht gut Geheißenes zu tun. Ein Abenteuer der „neuen  Normalität“.

Die Schau erfüllt alle Erwartungen, die man haben kann. Von den insgesamt 57 Gemälden stammen 9 von Rembrandt selbst, wenn man die unter Werkstattbedingungen und die seiner Schule mitzählt. Zu Rembrandts Zeit lernten die Schüler zu malen, wie der Meister selbst. Viele Gemälde entstanden in Co-Produktion, so dass eine spätere Zuordnung nur schwer möglich ist. Neben den Gemälden sind vier Zeichnungen und 19 Kupferstiche zu sehen.

Die Werke entführen in die Zeit, da Amsterdam die reichste Stadt der Welt war und Holland das Land mit den weitreichensten Handelsverbindungen. Die Schiffe brachten nie gesehene exotische Waren, Waffen, Gewänder, Stoffe, Turbane, Teppiche, Gewürze, Pflanzen und Tiere aus dem „Orient“ nach Holland. Das löste eine regelrechte Orientmanie aus. Wer was auf sich hielt ließ sich in exotischer Aufmachung in Szene setzen.

Rembrandt war der Auslöser dieser Modewelle. Sein Haus in Amsterdam stand direkt neben dem Hafen, in dem die Schiffe der Ostindischen Kompanie anlandeten. Von seinem Dachatelierfenster konnte er sehen, wann ein Schiff angedockt hatte und entladen wurde. Die Legende sagt, dass der gut bezahlte Maler manchmal ganze Schiffsladungen aufkaufte. In seinem Haus unterhielt er eine Schatzkammer mit orientalischen Devotionalien, die er als Vorlage für seinen Gemälde verwendete. Rembrandts Erfolg ermunterte seine Zeitgenossen, es ihm nachzutun.

Die Gemälde zeigen, wie eine eher nüchterne, calvinistische Gesellschaft dem Reiz des Fremden verfällt. Die leuchtenden Farben, die kunstvollen Muster, die glänzenden Stoffe. Die schimmernden Muscheln regten die Phantasie ebenso an, wie die Berichte aus den fernen Ländern, zu denen nicht nur die arabische Halbinsel, sondern auch China und Japan gehörten. Man sieht den Bildern an, dass die Aufnahme des Fremden mit allen Sinnen erfolgte. Die Adaption ging so weit, dass man eigene Hochzeiten, Familienszenen oder Porträts in eine exotische Umgebung versetzen ließ. Adelige mit japanischen Gewändern, Handelsherren der Ostindien-Kompanie mit Turbanen und Krummsäbeln, Amsterdamer Damen in orientalischer Seide zeugen von der Genussfreude, die damals empfunden wurde und noch heute auf den Betrachter ausstrahlt. Rembrandt selbst inszenierte sich als „Orientalen“ in einer Radierung von 1632, im Herrscherkostüm mit Prunkdolch.

Aber auch biblische Szenen wurden gern abgebildet und erhielten ein neues, exotisches Flair, was von den Zeitgenossen als besonders authentisch empfunden wurde. Die Idee, biblische Themen in orientalisch anmutende Landschaften zu setzen, hatte Rembrandt von seinem Lehrer Pieter Lastmann übernommen und an seine Schüler weiter gegeben. In Potsdam ist Rembrandts „Simson an der Hochzeitstafel“ zu sehen, das ein Schlüsselbild dieser Malerei ist. Es wurde als besonders authentische biblische Darstellung hoch gelobt.

Insgesamt spiegelt die Schau eine ungeheuere Neugier und Freude am Unbekannten, vor allem aber die hohe Kunst der Malerei. Wie Rembrandt seine „Büste eines alten Mannes mit Turban“ gemalt hat, ist atemberaubend. Der Meister des Hell-Dunkel lässt durch einen seitlich einfallenden Sonnenstrahl die Goldfäden in der Kopfbedeckung aufleuchten, was dem Gesicht einen sanften Schimmer verleiht.

Wer nie nach Los Angelos kommt, ist vielleicht besonders erfreut, dass er ein kleines, aber feines Bild „Daniel vor dem Götzenbild des Bel“ von 1633 bewundern darf. Normalerweise hängt es im Getthy-Museum LA.

Was ich Besuchern der Ausstellung nur raten kann ist, sich von den Bildern bezaubern zu lassen und möglichst die Erklärungen daneben zu ignorieren. Neben nützlichen Hinweisen zur Maltechnik gibt es nämlich enervierende politisch korrekte „Einordnungen“, die meinen, auf den angeblich unterschwelligen Rassismus mancher Darstellungen aufmerksam machen zu müssen. Da seien zwei Schwarze als „Karikaturen“ abgebildet worden. Ein Gedanke, der keinem unvoreingenommen Betrachter kommen würde. Auf einem anderen Gemälde ist ein Schwarzer in überaus kostbarer Kleidung abgebildet. Wo ist da der Rassismus?

Auch Rezensenten der Ausstellung, die schwer begeistert sind, glauben, diese Emotion mit dem Hinweis relativieren zu müssen, das, was damals pure Neugier, Faszination und Begeisterung war, heute als unzulässige „kulturelle Aneignung“ zu betrachten sei. Diese Christen des seligen 17. Jahrhunderts plagte noch kein schlechtes Gewissen, dass den Heutigen mit aller Macht eingeredet wird. Bedenklich das deshalb, weil man offensichtlich der Meinung ist, ohne solche ideologischen „Einordnungen“ nicht mehr bestehen zu können. Da ist ein Bilderverbot schon gefährlich nahe.

Lassen Sie sich deshalb von der Sinnes- und Lebenslust unserer Vorfahren verführen und vergessen Sie die moralinsauren Politisch-Korrekten für eine wunderbare Stunde.

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Auf zum letzten Gefecht

Nachdem der reale Sozialismus 1989/90 so schmachvoll gescheitert ist, war dies nicht das Ende der sozialistischen Idee. Dreißig Jahre später stellt sich heraus, dass es die Renaissance dieser Ideologie begünstigt, dass die verheerenden Folgen kaum noch zu besichtigen sind. Nordkorea ist hermetisch von der Welt abgeschlossen und interessiert nur, wenn es mit seinem Atomwaffenprogramm droht. Auf Kuba liegt über dem Zerfall eine Sonne- und Meer-Romantik. Touristen bewegen sich fast ausschließlich auf von den für sie eingerichteten touristischen Pfaden, an denen in Havanna die von der UNESCO geretteten Kolonialbauten zu sehen sind. In Varadero sind die Strände mit Stacheldraht geschützt, die indigene Kubaner draußen halten. Bestens versorgt mit allem, was das Herz begehrt, können die Besucher wie George Bernhard Shaw einst in Stalins Moskau sagen, dass sie auf Kuba gut gespeist und vom Hunger nichts bemerkt hätten.

Was die sozialistische / kommunistische Ideologie so faszinierend machte, untersucht Thomas Naumann in seinem Buch „Das letzte Gefecht“ anhand der Dramatiker Bertold Brecht und Friedrich Wolf. Beide sind einflussreiche Verfechter der kommunistischen Doktrin, beide hatten Schwierigkeiten, die kommunistischen Verbrechen anzuerkennen, als sie davon erfuhren.

Brecht, der gefeierte Dichter der kommunistischen Sache war so erfolgreich, weil er die Heilserwartung des Kommunismus mit der frühen Heilserwartung der Bibel verband. Auf die Frage nach seinem Lieblingsbuch nannte Brecht nicht etwa das Kommunistische Manifest, sondern die Bibel. Bezüge auf die Bibel durchziehen sein gesamtes Werk, von den frühesten bis zu den letzten Veröffentlichungen. An zahllosen Beispielen zeigt Naumann, wo in seinen Stücken und Gedichten Brecht Zitate aus der Bibel verwendet oder als Vorlage benutzt. Für Naumann ergibt sich daraus die Frage, ob die Bibel von Brecht Besitz ergriffen hätte, oder er von ihr. Auf jeden Fall schlachtet er sie weidlich aus.

Uns interessieren in diesem Zusammenhang besonders die Stücke und Gedichte, in denen Brecht dem Kommunismus huldigt. Da ist „Die Maßnahme“ von 1930 zu nennen, ein Stück, das der Autor später selbst zurückgezogen hat. Darin geht es um einen jungen Genossen, der durch spontanes menschliches Mitleid beinahe eine Aktion der Kommunistischen Partei verraten hätte. Er wird von der Partei zum Tode verurteilt, womit er einverstanden ist, denn er erkennt in seinem Tod eine Notwendigkeit für den Sieg der Revolution.

Brecht gestaltet hier eine problematische Parallele zwischen der Unterwerfung unter den Willen der Partei und der von Jesus und seine Jüngern unter den Willen Gottes. Die Schwester Hanns Eislers, der die Musik zu diesem Stück komponiert hat, sieht in der „Maßnahme“ eine Vorwegnahme der Moskauer Prozesse. Die Schuld am Tod des mitleidigen Genossen wird an die „Dritte Sache“ delegiert, den höheren Zweck zum Wohle der Partei: „Der Einzelne kann vernichtet werden, aber die Partei kann nicht vernichtet werden…“

Brechts Glaube an die Kommunistische Sache ist so stark, dass sie später kaum erschüttert wird, als er von Stalins Verbrechen erfährt. Zwar nennt er Stalin irgendwann den „Verdienten Mörder des Volkes“, aber seien Lobgesänge auf den Kommunismus und die Partei bleiben bestehen.

Für die Schauspielerin Carola Neher, die in die Stalinsche Knochenmühle gerät und darin umkommt, rührt Brecht keinen Finger.

Auch für den Dramatiker Friedrich Wolf, der neben Brecht zu den wichtigsten Dramatikern des 20. Jahrhunderts gehört, ist die kommunistische Sache und die Schaffung des „neuen Menschen“ eine Herzensangelegenheit. Die Idee der Erschaffung eines neuen Menschen hat im Christum eine lange Tradition. Sie wurde von der Moderne aufgegriffen und zum Kern der aufklärerischen und sozialen Bewegungen seit der Französischen Revolution. Naumann arbeitet heraus, dass sowohl Kommunismus als auch Nationalsozialismus sich dieser Schaffung des neuen Menschen verschrieben haben. Die Übernahme christlicher durch kommunistische und nationalsozialistische Utopien hat die Extreme des 20. Jahrhunderts geprägt und in die Katastrophe geführt.

Wolf hat wie Brecht der kommunistischen Sache gedient, sogar als Parteimitglied. Während Brecht sein Anliegen mit kühler Analyse beförderte, aktivierte Wolf die Gefühle der Zuschauer.

Als Arzt und Dramatiker betrachtete er die „Bühne als Heilfaktor“. Wolf betreib seine Sozialkritik nicht theoretisch und intellektuell, sondern getrieben von seinen Idealen. Sein Reich war, wie das von Jesus, „nicht von dieser Welt“. Wolf sucht den neuen Menschen zunächst in der Lebensreformbewegung. In seinem Buch „Die Natur als Arzt und Helfer“ propagiert er die Nacktheit als Lebensform des neuen Menschen: „Ihr wisst es bloß nicht, wie viel Ballast ihr mit euch herumschleppt…ihr euer schönes, nacktes Leben selbst verschandelt…Reduktion, Vereinfachung! Und Zeit, nur Zeit! Und Ruhe!“ Das ist heute kompatibel mit dem Programm der Grünen und der Agenda 2030 des Weltwirtschaftsforums.

Im Exil in der Sowjetunion erlebt Wolf die Verhaftungen seiner Genossen mit, er will nicht warten, bis er selbst abgeholt wird und bittet darum, als Arzt am Spanischen Bürgerkrieg teilnehmen zu können. So entzieht er sich den Säuberungen von 1938. Für seine ehemalige Geliebte Lotte Rays und die gemeinsame Tochter Lena rührt er, ähnlich wie Brecht für Neher, keinen Finger. Seine Söhne Konrad und Markus lässt er in Moskau zurück.

Markus, der spätere Chef des Auslandsgeheimdienstes der DDR soll als 13-jähriger einen Zusammenbruch erlitten haben, bei dem Gedanken, dass auch sein Vater verhaftet worden wäre, wenn er sich nicht ins Ausland abgesetzt hätte. Das hat Markus Wolf nicht davon abgebracht, der Partei stets treu zu Diensten gewesen zu sein. Er zitiert in seinen Memoiren Brecht;

„Welche Niedertracht begingst du nicht, um die Niedrigkeit auszutilgen…Versinke im Schmutz, umarme den Schlächter, aber ändere die Welt, sie braucht es!“

Naumann weist darauf hin, dass dies ein gefährliches Element der kommunistischen Ideologie ist:

Das Endziel der Befreiung der Menschheit heiligt jedes Mittel. Aus diesem Geist heraus gründete die sowjetische Tscheka ihre ersten Konzentrationslager. Sie dienten u.a. dazu, die revolutionären Matrosen aus Kronstadt zu liquidieren. Das KZ ist keine Erfindung der Nationalsozialisten, sondern eine Kopie des sowjetischen Vorbilds.

„Von den hundert Millionen Einwohnern Russlands unter den Sowjets müssen wir neunzig davon für uns gewinnen. Was den Rest betrifft…sie müssen ausgerottet werden, sagte Grigori Sinowjew 1918 als Präsident des Petrograder Sowjets. Später gehörte er selbst zu den Ausgerotteten.

Die Egalité der Französischen Revolution endete als Gleichheit unter der Guillotine. Der Kampf um die Schaffung des neuen Menschen führte nicht zu immer glücklicheren Ufern, sondern in die Hölle.

„Getrieben von der messianischen Idee, der Menschheit das Heil zu bringen“ war das 20. Jahrhundert „ein Rückfall in die Barbarei“.

Hat die Menschheit daraus gelernt?  Nicht wirklich. Statt sich von Ideologien abzuwenden, hat der Westen neue kollektive und individuelle Glaubenssätze geschaffen. Dazu gehören Selbstoptimierung und politische Correctness als neue Moral.

Wie im Mittelalter gewinnt die Moral den Vorrang über den Verstand. „Sie gibt Antworten, wo zu fragen ist. Sie liefert Gewissheiten, wo zu zweifeln ist. Ethik der Gesinnung steht vor Ethik der Verantwortung. „Mit der Keule der Moral kann man jeden Gegner erlegen…Rechthaberei, Intoleranz und Arroganz nehmen zu. Politische Gegner werden ausgegrenzt, diffamiert und in die rechte Ecke gestellt. Der neue Mensch gendert, pflegt Diversität und korrekte Sprache, ist Aktivist, rettet die Umwelt und Flüchtlinge…, cancelt Andersdenkende, kauft Bio und isst vegan. Vor dem Geschlechtsakt klärt er die Rechtslage. Nur: Sprachvorschriften sind Teil von Diktaturen, Speise- und Sexualvorschriften sind Teil von Religionen…Nicht mehr alle Menschen werden Brüder. Der Platz des Klassenfeindes wird dem alten weißen Mann zugewiesen…Aus einer Gemeinschaft Freier und Gleicher wird ein Kampf der Guten gegen die Bösen“.

In diesem Kampf sind wieder fast alle Mittel recht. Heute ist nicht mehr die Religion das Opium des Volkes (besser: der Eliten), sondern das Gift des Moralins.

Aber nach den Schrecken des 20. Jahrhunderts sollte niemand dem Glauben folgen, sondern sich, wie es Kant schon forderte, sich des eigenen Verstandes bedienen.

Thomas Naumann: „Auf zum letzten Gefecht“: https://www.kulturhaus-loschwitz.de/

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Über Filme und Freunde

Es war nicht alles schlecht in der DDR. In ihr entstanden jede Menge guter Filme. Nicht alle wurden verboten, obwohl sie keineswegs staatsnah waren. Gute Kunst setzt sich auch unter nicht optimalen Verhältnissen durch, weil sie mehr Qualitäten aufweist als das, was heute „Haltung“ genannt wird und damals Propaganda war. Viele DDR-Schauspieler, zählten und zählen im vereinten Deutschland zur ersten Reihe, einige schafften es sogar nach Hollywood, wie der großartige Armin Müller Stahl. Aber auch unsere guten Regisseure drehten nach Ende des Arbeiter -und Bauernstaates weiter – mit Erfolg. Frank Beyer, dessen Film „Jacob der Lügner“ das Hollywood-Remake um Klassen übertrifft, gelang mit der „Nikolaikirche“ (1998) nicht nur ein weiterer Klassiker, sondern auch ein Quotenhit. Dann die Dresens, Vater und Sohn. Während Adolf Dresen als Theater- und Opernregisseur bekannter geworden ist als für seine guten Filme, ist sein Sohn Andreas einer der besten Filmemacher, die es bei uns gibt.

„Sommer vorm Balkon“ mit der wunderbaren Nadja Uhl in ihrer besten Rolle und „Als wir träumten“ wurden regelrecht gefeiert.

Weniger im Rampenlicht, aber entscheidend an diesen Erfolgen beteiligt, ist der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, der schon zu Lebzeiten für Filmleute eine Legende geworden ist. Mit der Neuauflage seines Buches „Um die Ecke in die Welt“, legt der Eulenspiegel-Verlag eine Art Kulturgeschichte des DDR-Films vor. Die ist sehr spannend, auch jenseits der Verbotsgeschichte von „Kaninchenfilmen“, wie die unter Verschluss gehaltenen Streifen nach dem Film „Das Kaninchen bin ich“ genannt wurden.

Seit 1953 schreibt Kohlhaase Drehbücher. Darunter bis heute viele Hits. In der Fachwelt bekannt wurde er spätestens seit 1957 mit „Berlin-Ecke Schönhauser“, ein Film über die Nachkriegsjugend, der 1995 unter die wichtigsten 100 deutschen Filme gewählt wurde.

Im Schicksalsjahr 1968 hatte „Ich war neunzehn“ Premiere, ein Meisterwerk des viel zu früh verstorbenen Konrad Wolf, der auch am Drehbuch beteiligt war.

Ich habe als 16-Jährige die Wirkung dieses Films unmittelbar erlebt. Ich war mindestens ein dutzend Mal im Kino und bin mit einer Freundin sogar nach Bernau gefahren, um die Drehorte des Filmfinales aufzusuchen. Der Film hat starke autobiografische Bezüge zu Wolf. Er schildert seine Erlebnisse als Leutnant einer Propagandaeinheit der Roten Armee. Die zentrale Frage des Films, wie eine Kulturnation wie Deutschland, die einen Johann Sebastian Bach hervorgebracht, dem Nationalsozialismus anheimfallen konnte, beschäftigt uns noch immer. Nur ist dieses Werk wesentlich tiefgründiger als die platten Antifa-Debatten von heute.

Wieder fast zehn Jahre später kam „Solo Sunny“, erneut eine gemeinsame Arbeit von Wolf und Kohlhaase, der einen überwältigenden Erfolg beim Publikum hatte, von dem die Macher überrascht wurden. Die Geschichte der Außenseiterin Sunny, die das Leben der Sängerin Sanije Torka, Tochter von krimtatarischen Vertragsarbeitern, nachbildet, traf nicht nur den Nerv der DDR-Bewohner. Nach der Premiere im Januar 1980, startete der Film bereits im April in der BRD. Auf der Berlinale in diesem Jahr erhielt Hauptdarstellerin Renate Krößner einen Silbernen Bären, Kohlhaase bekam auf dem Chicagoer Filmfestival die Goldene Plakette für das beste Drehbuch.

Es war Konrad Wolfs letzter Film. Im Band sind zwei Nachrufe von Kohlhaase auf Wolf nachzulesen, denen die starke Erschütterung, die Wolfs Tod ausgelöst hat, in jeder Zeile anzumerken ist.

Der nächste Film „Der Aufenthalt“ (1982), diesmal in Zusammenarbeit mit Frank Beyer, war als Beitrag für die Berlinale vorgesehen. Wieder ist die schwierige deutsche Geschichte das Thema. In einem polnischen Gefängnis sitzt der junge Mark Niebuhr, Sylvester Groth in seiner ersten großen Rolle, dem Kriegsverbrechen vorgeworfen werden, die er nicht begangen hat. Sein Zellengefährte und Altersgenosse, der ebenfalls behauptet, verwechselt zu werden, hat tatsächlich LKWs gefahren, in denen Menschen vergast wurden. Der Film geht der Frage nach, wie schuldig auch die Unschuldigen sind. Weil Polen wegen angeblicher „antipolnischer Tendenzen“ Einspruch einlegte, wurde der Film zurückgezogen. Es spricht für die außerordentliche Qualität dieses Werks, dass es bei der Berlinale 2010 doch noch aufgeführt wurde und den Goldenen Ehrenbären verliehen bekommen hat.

Auch Kohlhaases letzter Film, diesmal mit Regisseur Matti Geschonneck, auch ein DDR-Gewächs, behandelt ein Geschichtsthema: „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ zeigt die Familiengeschichte von Eugen Ruge, dessen Vater Wolfgang, ein renommierter Historiker, als Jugendlicher vor den Nazis in die Sowjetunion flüchtete und dort im Gulag landete. Es ist wieder ein großartiger Film geworden, der sein Publikum fand. Matti Geschonneck befürchtete in einem Interview, dass die Zeit für solche Stoffe in der schnelllebigen Kinolandschaft vorbei sein könnte.

Wer sich die Endlos-Krimiproduktionen anschaut, die am Fließband produziert werden und bei denen höchstens noch die Kameraführung sehenswert ist, muss diese Befürchtung teilen.

Kohlhaases Drehbücher sind Klassiker, von denen jungen Drehbuchautoren lernen können.

Wolfgang Kohlhaase: Um die Ecke in die Welt – Über Filme und Freunde

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Freiheit in Deutschland – Geschichte und Gegenwart

In einer Zeit, da immer mehr Deutschen Heines Nachtgedanken in den Sinn  kommen, wenn sie über den aktuellen Zustand unseres Landes nachdenken, ist das Erscheinen eines Buches, das Deutschland als den Hort der Freiheit preist, fast so etwas wie ein Sakrileg. Schließlich ist selbst die Tatsache, dass es die Ostdeutschen waren, die 1989 die größte Freiheitsrevolution der Geschichte angeschoben haben, die im fast friedlichen Zusammenbruch eines bis an die Zähne atomar bewaffneten Unterdrückungssystems mündete, erfolgreich aus dem zeitgeistlichen Bewusstsein getilgt worden. Kann man sich so weit von der allgemeinen Annahme, bei den Deutschen handle es sich um die geborenen Untertanen, die nicht nur jede Diktatur dulden, sondern zu deren willigen Helfern werden, entfernen?

Ja, man kann, wenn man Gerd Habermann heißt, ein wahrhaft freiheitlich denkender Mensch und Historiker mit wachem Blick ist, der durch keine ideologischen Vorurteile getrübt wird.

Habermann sagte anlässlich einer Präsentation seines Buches vor jungen Leuten, er hätte jahrzehntelang darauf gewartet, dass sich jemand der Aufgabe stellte, eine Geschichte der freiheitlichen Traditionen in Deutschland zu schreiben. Als sich das Warten als vergeblich herausstellte, hat sich Habermann selbst ans Werk gemacht.

Herausgekommen ist ein Buch, das mit seiner Fülle an Beispielen überrascht, wie sie nur ein exzellenter Kenner der Geschichte auffinden konnte. Die Lektüre ist lehrreich, aber unterhaltsam, ja sogar vergnüglich. Das Werk ist ein Stimmungsaufheller in finsteren Zeiten. Es macht Mut, denn wo eine so reiche Freiheitstradition zu entdecken ist, mangelt es nicht an Vorbildern und Anknüpfungspunkten. Auch die permanente Konterrevolution, als die ich die letzten dreißig Jahre betrachte, die in der Corona-Krise ihrem Höhepunkt zustrebt, kann besiegt werden. Man muss sich nur auf die Lehren der Geschichte besinnen und darauf, was die Sozialisten, als  sie noch emanzipatorisch waren, wußten: „Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun“.

Hilfreich bei der Selbstbefreiung aus der aktuellen Virokratur kann die Erinnerung an die „reiche politische Kultur der Freiheit, des Universalismus, einer fast unglaublichen Vielfalt der politischen Institutionen und dazu einer reichhaltigen Freiheitsliteratur“ sein. Hervorgebracht hat diese Tradition die als Kleinstaaterei verunglimpfte reiche Differenzierung Deutschlands, dem es lange gelang, ein politisches Zentrum zu vermeiden. Diese Kleinteiligkeit hat den beispiellosen kulturellen Reichtum, die höchste Theater- und Orchesterdichte der Welt, die ersten Weltbürger, wie Goethe, Schiller und fast alle ihrer dichtenden und philosophierenden Zeitgenossen hervorgebracht.

Heute wird dieser Reichtum zunehmend als Last empfunden. Der diktatorische Lockdown, der kaum mit seuchenpolitischen Notwendigkeiten erklärt werden kann, scheint auch das Ziel zu haben, sich wenigstens eines Teils dieses inzwischen offenbar als lästig empfundenen Erbes zu entledigen. Wer diese Annahme zu gewagt findet, der sei an die immer lauter werdenden Forderungen nach einer „postmigrantischen“ Gesellschaft erinnert, die verlangt, unser kulturelles Erbe aufzulösen und mit einem Sammelsurium an kulturellen Versatzstücken aus aller Herren Länder zu ersetzen. Auch der Freiheitsgedanke wird vorsätzlich immer mehr verwässert, indem er auf die „Freiheit“ sich nach staatlichen Vorgaben zu äußern und zu bewegen, beschränkt wird.

Dabei nahm die Freiheit bei den Deutschen ihren Anfang, im Kampf der freien germanischen Stämme gegen das Römische Reich. Hierbei handelte es sich Verbände ohne zentrale politische Gewalt, ohne Bürokratie, ohne Staat, ja ohne gemeinsame Sprache. Unsere Vorfahren kämpften nach dem Motto einer norwegischen Rechtsauffassung: „Wenn der König die Wohnstadt eine freien Mannes verletzt, werden wir ihn verfolgen und töten“.

Kein Geringerer als Tacitus schätze den Freiheitswillen der Germanen als gefährlicher ein, als alle andern Gegner Roms. Er behielt recht. Am Ende war nicht die römische Militärmaschine erfolgreich, sondern die Guerilla-Taktik der unabhängigen Stämme.

Was Gerd Habermann auf 250 Seiten als Beispiele für die freiheitlichen Traditionen und Institutionen der Deutschen anführt, kann in einer Rezension nicht mal angerissen werden. Wie viele es sind, davon macht man sich vielleicht ein Bild, wenn man weiß, dass der Widerstand gegen die Nazidiktatur und die SED-Herrschaft jeweils nur auf zweieinhalb bzw. anderthalb Seiten abgehandelt werden.

Für Feministinnen, die dem Irrtum erlegen sind, sie wären die ersten, die sich für die Befreiung der Frau eingesetzt haben, sei gesagt, dass die deutsche Geschichte zahlreiche Beispiele  aktiver Frauen kennt, die sogar in eigenen freien Gemeinschaften, wie das Stift  Gernrode, das 24 Dörfer besaß, lebten. Der deutsche Polyzentrismus brachte jede Menge freie Städte, Dörfer, ja sogar Gutshöfe hervor, die keiner Zentralmacht Untertan waren. Habermann scheint alle diese Orte bereist zu haben, denn er weist für jeden auf die architektonischen und anderen Überbleibsel ihrer freiheitlichen Vergangenheit hin.

Aber auch das freiheitliche geistige Erbe ist beachtlich. Neben den bekannten Namen wie Kant, Herder, Schiller, stehen Persönlichkeiten wie Justus Möser aus dem Fürstentum Osnabrück, mit vielfältigen Freiheitstraditionen, vor allem dem freien Bauerntum. Mösers Schriften atmen diese freiheitliche Tradition: Je allgemeiner die Regeln „desto despotischer, trockener und armseliger wird der Staat“. Ein Grundsatz, den man dem Bayerischen Ministerpräsidenten Söder ins Stammbuch schreiben möchte, der seine provinziellen diktatorischen Verfügungen im ganzen Land Geltung verschaffen will. Mösers Warnung, dass mit jeder Zentralisierung nützliches Wissen verloren gehe, ist hochaktuell vor den Bestrebungen, aus der EU einen Zentralstaat zu machen. Nicht die Gleich- sondern die Sonderstellung ist es , was den Menschen ihre lebendige Physiognomie gibt. Durch fehlende Zentralisierung könnten Menschen „alles, was ihnen die Natur gegeben , aufs Schärfste nutzen und aus jeder Menschensehne ein Ankerseil machen“.

Als warnendes Beispiel gilt Möser der Jesuitenstaat Paraguay, der aus seinen Bewohnern „Schafsmenschen“ mache. Ein „oberster Schäfer treibt seien Schafe speilend vor sich her“.

Wer kein Schafsmensch sein will, der muss sich in die Freiheitstraditionen der Deutschen stellen. Das Studium von Habermanns Buch ist ein guter Anfang.

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Freiheit in Deutschland – Geschichte und Gegenwart

In einer Zeit, da immer mehr Deutschen Heines Nachtgedanken in den Sinn kommen, wenn sie über den aktuellen Zustand unseres Landes nachdenken, ist das Erscheinen eines Buches, das Deutschland als den Hort der Freiheit preist, fast so etwas wie ein Sakrileg. Schließlich ist selbst die Tatsache, dass es die Ostdeutschen waren, die 1989 die größte Freiheitsrevolution der Geschichte angeschoben haben, die im fast friedlichen Zusammenbruch eines bis an die Zähne atomar bewaffneten Unterdrückungssystems mündete, erfolgreich aus dem zeitgeistlichen Bewusstsein getilgt worden. Kann man sich so weit von der allgemeinen Annahme, bei den Deutschen handle es sich um die geborenen Untertanen, die nicht nur jede Diktatur dulden, sondern zu deren willigen Helfern werden, entfernen?

Ja, man kann, wenn man Gerd Habermann heißt, ein wahrhaft freiheitlich denkender Mensch und Historiker mit wachem Blick ist, der durch keine ideologischen Vorurteile getrübt wird.

Habermann sagte anlässlich einer Präsentation seines Buches vor jungen Leuten, er hätte jahrzehntelang darauf gewartet, dass sich jemand der Aufgabe stellte, eine Geschichte der freiheitlichen Traditionen in Deutschland zu schreiben. Als sich das Warten als vergeblich herausstellte, hat sich Habermann selbst ans Werk gemacht.

Herausgekommen ist ein Buch, das mit seiner Fülle an Beispielen überrascht, wie sie nur ein exzellenter Kenner der Geschichte auffinden konnte. Die Lektüre ist lehrreich, aber unterhaltsam, ja sogar vergnüglich. Das Werk ist ein Stimmungsaufheller in finsteren Zeiten. Es macht Mut, denn wo eine so reiche Freiheitstradition zu entdecken ist, mangelt es nicht an Vorbildern und Anknüpfungspunkten. Auch die permanente Konterrevolution, als die ich die letzten dreißig Jahre betrachte, die in der Corona-Krise ihrem Höhepunkt zustrebt, kann besiegt werden. Man muss sich nur auf die Lehren der Geschichte besinnen und darauf, was die Sozialisten, als sie noch emanzipatorisch waren, wussten: „Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun“.

Hilfreich bei der Selbstbefreiung aus der aktuellen Virokratur kann die Erinnerung an die „reiche politische Kultur der Freiheit, des Universalismus, einer fast unglaublichen Vielfalt der politischen Institutionen und dazu einer reichhaltigen Freiheitsliteratur“ sein. Hervorgebracht hat diese Tradition die als Kleinstaaterei verunglimpfte reiche Differenzierung Deutschlands, dem es lange gelang, ein politisches Zentrum zu vermeiden. Diese Kleinteiligkeit hat den beispiellosen kulturellen Reichtum, die höchste Theater- und Orchesterdichte der Welt, die ersten Weltbürger, wie Goethe, Schiller und fast alle ihrer dichtenden und philosophierenden Zeitgenossen hervorgebracht.

Heute wird dieser Reichtum zunehmend als Last empfunden. Der diktatorische Lockdown, der kaum mit seuchenpolitischen Notwendigkeiten erklärt werden kann, scheint auch das Ziel zu haben, sich wenigstens eines Teils dieses inzwischen offenbar als lästig empfundenen Erbes zu entledigen. Wer diese Annahme zu gewagt findet, der sei an die immer lauter werdenden Forderungen nach einer „postmigrantischen“ Gesellschaft erinnert, die verlangt, unser kulturelles Erbe aufzulösen und mit einem Sammelsurium an kulturellen Versatzstücken aus aller Herren Länder zu ersetzen. Auch der Freiheitsgedanke wird vorsätzlich immer mehr verwässert, indem er auf die „Freiheit“ sich nach staatlichen Vorgaben zu äußern und zu bewegen, beschränkt wird.

Dabei nahm die Freiheit bei den Deutschen ihren Anfang, im Kampf der freien germanischen Stämme gegen das Römische Reich. Hierbei handelte es sich Verbände ohne zentrale politische Gewalt, ohne Bürokratie, ohne Staat, ja ohne gemeinsame Sprache. Unsere Vorfahren kämpften nach dem Motto einer norwegischen Rechtsauffassung: „Wenn der König die Wohnstadt eine freien Mannes verletzt, werden wir ihn verfolgen und töten“.

Kein Geringerer als Tacitus schätze den Freiheitswillen der Germanen als gefährlicher ein, als alle andern Gegner Roms. Er behielt recht. Am Ende war nicht die römische Militärmaschine erfolgreich, sondern die Guerilla-Taktik der unabhängigen Stämme.

Was Gerd Habermann auf 250 Seiten als Beispiele für die freiheitlichen Traditionen und Institutionen der Deutschen anführt, kann in einer Rezension nicht mal angerissen werden. Wie viele es sind, davon macht man sich vielleicht ein Bild, wenn man weiß, dass der Widerstand gegen die Nazidiktatur und die SED-Herrschaft jeweils nur auf zweieinhalb bzw. anderthalb Seiten abgehandelt werden.

Für Feministinnen, die dem Irrtum erlegen sind, sie wären die ersten, die sich für die Befreiung der Frau eingesetzt haben, sei gesagt, dass die deutsche Geschichte zahlreiche Beispiele  aktiver Frauen kennt, die sogar in eigenen freien Gemeinschaften, wie das Stift  Gernrode, das 24 Dörfer besaß, lebten. Der deutsche Polyzentrismus brachte jede Menge freie Städte, Dörfer, ja sogar Gutshöfe hervor, die keiner Zentralmacht Untertan waren. Habermann scheint alle diese Orte bereist zu haben, denn er weist für jeden auf die architektonischen und anderen Überbleibsel ihrer freiheitlichen Vergangenheit hin.

Aber auch das freiheitliche geistige Erbe ist beachtlich. Neben den bekannten Namen wie Kant, Herder, Schiller, stehen Persönlichkeiten wie Justus Möser aus dem Fürstentum Osnabrück, mit vielfältigen Freiheitstraditionen, vor allem dem freien Bauerntum. Mösers Schriften atmen diese freiheitliche Tradition: Je allgemeiner die Regeln „desto despotischer, trockener und armseliger wird der Staat“. Ein Grundsatz, den man dem Bayerischen Ministerpräsidenten Söder ins Stammbuch schreiben möchte, der seine provinziellen diktatorischen Verfügungen im ganzen Land Geltung verschaffen will. Mösers Warnung, dass mit jeder Zentralisierung nützliches Wissen verloren gehe, ist hochaktuell vor den Bestrebungen, aus der EU einen Zentralstaat zu machen. Nicht die Gleich- sondern die Sonderstellung ist es, was den Menschen ihre lebendige Physiognomie gibt. Durch fehlende Zentralisierung könnten Menschen „alles, was ihnen die Natur gegeben, aufs Schärfste nutzen und aus jeder Menschensehne ein Ankerseil machen“.

Als warnendes Beispiel gilt Möser der Jesuitenstaat Paraguay, der aus seinen Bewohnern „Schafsmenschen“ mache. Ein „oberster Schäfer treibt seien Schafe speilend vor sich her“.

Wer kein Schafsmensch sein will, der muss sich in die Freiheitstraditionen der Deutschen stellen. Das Studium von Habermanns Buch ist ein guter Anfang.

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Ares – Ein eurokritischer Thriller

Der vierte Thriller, den Frank Jordan bei Lichtschlag veröffentlicht hat, ist sein bester. Meistens ist es umgekehrt. Ein Autor verfasst einen guten Roman und alles, was danach kommt, reicht nicht an den ersten Erfolg heran. Bei Jordan, eigentlich Monika Hausamman, kann man feststellen, dass sie sich frei schreibt von Längen und Holprigkeiten, die in ihren ersten Büchern noch zu finden sind. Ares ist spannend bis zur letzten Seite, trotz eingeflochtener philosophischer, psychologischer, soziologischer und politischer Betrachtungen. Insgesamt liefert die Autorin ein umfassendes Gemälde, was warum in der EU schiefläuft und warum uns das alle gefährdet.

Schon der Beginn ist dramatisch. In Spanien bestieg der Schütze Ben Kramer, Soldat einer europäischen Armee eine LKW, um zu einem Einsatzort zu fahren, an dem eine gewalttätige Demonstration niedergeschlagen werden soll. Seine Kameraden sind Söldner wie er, aus allen europäischen, aber auch außereuropäischen Ländern, ohne Bindung an ein Volk oder eine Region, universell einsetzbar. Als Becker merkt, dass sein Sniper-Kompagnon anfängt, aus lauter Mordlust, wahllos Menschen zu exekutieren, schaltet er ihn aus. Dann will er den Tatort verlassen, von dem man jetzt erfährt, dass es sich lediglich um eine virtuelle Übung gehandelt hat. Aber Becker wird von einer Art Militärpolizist umgebracht, nicht virtuell, sondern tatsächlich. Er hatte sich nicht bewährt und wird als lästiger Zeuge beseitigt.

Was sich in Spanien und in anderen streng von der Öffentlichkeit abgeriegelten Lagern abspielt, ist streng geheim. Becker ist nicht der einzige Söldner, der zu Tode kommt, es sterben auch Männer, weil sie ihrer Familie in persönlichen Botschaften zu viel Informationen gegeben haben.

Ares ist in der griechischen Mythologie der Gott des schrecklichen Krieges, des Blutbades und Massakers. Im Thriller ist es der Deckname für eine EU-Söldnerarmee, die hinter dem Rücken der europäischen Öffentlichkeit aufgebaut und einsatzfähig gemacht werden soll. Das ideale Machtinstrument für Eurokraten.

In der Schweiz werden der neu gebildeten Regierung abgehörte Telefonate zugespielt, die auf beängstigende Entwicklungen innerhalb der EU schließen lassen. Bundespräsident Ludwig und sein Sicherheitschef Jo Burger beauftragen daraufhin den Helden aller Jordanschen Bücher, den Geheimagenten Carl Brun, diese Vorgänge aufzuklären. Brun, der sich eigentlich im Exil in Schottland befindet, weil er bei seinen letzten Ermittlungen der früheren Schweizer Regierung zu sehr auf die Schliche gekommen war und abtauchen musste, lässt sich erneut in die Pflicht nehmen. Auch sein Team ist bereit, wieder mit ihm in die Schlacht zu ziehen, bei der erst herausgefunden werden muss, wer der Feind ist und was er vorhat.

Schon bald erschüttert eine Serie von Anschlägen Europa, von denen aber für Brun sehr schnell klar ist, dass sie nur das Vorspiel für ein Attentat sind, das so monströs ist, dass man es kaum zu denken wagt.

Wie Jordan ihr komplizierte Geflecht von Personen durch die Handlung führt, ist bewundernswert. Da ist einmal der neue Bundeskanzler Deutschlands, Eric Hessberg, der sich im Wahlkampf erfolgreich als Gegenstück zum üblichen Politikbetrieb inszeniert hat und sich als genauso korrupt und über Leichen gehend erweist, wie seine Kollegen. Wie Hessberg erfährt, dass ein Attentat mit tausenden Opfern, an dessen Planung sein Wahlkampfleiter und Regierungsberater und hohe Funktionäre seiner Regierung und der EU beteiligt sind, die absolute Macht sichern soll und er sich entscheidet, Teil davon zu werden, ist ein Handlungsstrang.

Damit verflochten ist die Geschichte der weltbekannten DJ Essia, eine Muslimin aus dem arabischen Ghetto von Marseille, die es mit Hilfe ihrer Familie, besonders ihres Vaters, auf Grund ihres einzigartigen Talents geschafft hat, zu einer Performerin der Weltspitze zu werden. Jordan beschreibt das Milieu in Marseille so lebendig, dass man das Gefühl hat, sie hätte darin gelebt. Das trifft aber auch auf die Schilderungen zu, die sie von der globalen Partyszene abgibt. Essia, die ihre pausenlosen Termine, Auftritte, Interviews und Partys nur mit Drogen und Alkohol aushält, wird von ihrem Manager manipuliert. Ihr einziger Freund aus Marseiller Zeiten kämpft vergebens um sie. Das erlebt der Leser mit, als wäre er dabei. Man versteht am Ende, wie aus dieser Gemengelage bei Essia die Bereitschaft entstehen konnte, sich während eines Auftritts in die Luft zu jagen. Ihr liegt nichts an diesem Leben, dem sie auf diese Weise doch noch einen Sinn geben will. Als sie die Manipulation durchschaut, ist es zu spät. Ihr Freund ist tot, ihr bleibt nur, ihm zu folgen.

Ein dritter Handlungsstrang beleuchtet die EU. Auch hier ist es Jordan gelungen, diese Funktionäre neuen Typus sehr genau zu zeichnen. Man begreift, wie ein Mensch gestrickt sein muss, um in diesem Apparat zu funktionieren. Ihre Heldin Sibel Marquart ist eine typische EU-Bürokratin: „Sie war die optisch perfekt gestaltete Schnittstelle zwischen ihrem Gegenüber und dem Haufen Anweisungen in ihrem Inneren. Es war die Leere einer ganzen Generation, der man via staatliches Bildungssystem Kompetenzen anstelle von Kenntnissen, Informationen anstelle von Wissen, Konsens anstelle von Kritik mit auf den Weg gegeben hatte…Der Höhepunkt einer Zivilisation, die alles Eigene bewusst abgeschafft, vergessen und durch perfekt funktionierende Gleichgültigkeit ersetzt hatte…Ihre Generation war das Ende der Geschichte, zu der sie bereits keinen Zugang mehr hatte.“

Am Ende des Thrillers gelingt es Brun und seinem Team, das große Attentat zu verhindern.

Aber das System, das diese Blaupause ersonnen hat, hat nur einen Rückschlag erlitten, mehr nicht. Es ist unter uns.

Frank Jordan: Ares

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Sonntagslektüre: Die Villa

Hans-Joachim Schädlich wird von den Kritikern als einer der „ganz Großen der zeitgenössischen Literatur“ gewürdigt. Das liegt an seiner besondern Sprache, mit der er in knappen Worten lebhafte Bilder in der Phantasie seiner Leser entstehen lässt. So gelingt es ihm zu beschreiben, was als unsagbar gilt. Wer wissen will, was das 20. Jahrhundert ausmachte, sollte zu Schädlichs Prosa greifen.

In seinem neuesten Buch „Die Villa“ erzählt Schädlich die Geschichte einer Familie aus seinem heimatlichen Vogtland. Die Geschichte umfasst den Zeitraum von Anfang der 30er  bis in die frühen 50er Jahre, also die der umstürzlerischsten Zeit der Deutschen. Er entdämonisiert die Geschichte, macht aber gleichzeitig klar, wie ein Volk in den finstersten Totalitarismus seiner Geschichte hineinwachsen konnte.

Elisabeth, die weibliche Hauptfigur, wollte eigentlich gar nicht heiraten, sondern als erwerbstätige Frau ein unabhängiges Leben führen. Aber dann traf sie Hans, den dunkelhaarigen Mann, von dem ihr Bruder sagte, der sähe aus wie ein „Jud“ und alles wurde anders. Sie gebar vier Kinder, nach drei Jungen endlich das ersehnte Mädchen und wurde Mutterkreuzträgerin statt Geschäftsfrau. Hans, der sehr bald NSDAP-Ortsgruppenleiter wurde, musste vorher wegen seines verdächtig nichtarischen Aussehens einen lückenlosen Herkunftsnachweis erbringen, um zu beweisen, dass sein Aussehen trog.

Der Aufstieg der Familie vollzog sich schnell und sichtbar. Erst konnte von den Einkünften aus dem Wollhandel, der damals einer der Hauptwirtschaftszweige von Reichenbach waren, ein Haus in einem der Stadt benachbarten Dorf gekauft werden. Die große Politik wurde nur am Rande wahrgenommen. Durch den Vertrag von München wurde das Sudetenland heim ins Dritte Reich geholt. Für die Familie brachte das den Vorteil, dass man nun eine Schwester Elisabeths besuchen konnte, ohne eine Grenze überschreiten zu müssen. Bald wurde das Haus zu klein und Hans musste sich nach einer größeren Bleibe umsehen. Er wählte die Gründerzeitvilla in Reichenbach, gebaut von einem Industriellen, die seit ein paar Jahren leer stand. Was mit den Besitzern geworden ist, wird verschwiegen, das war damals so üblich. Auch der jüdische Lehrer, der immer mit seinem Auto zur Schule gefahren war und in dessen Garten seine Schüler mit Vorliebe Obst klauten, war eines Tages verschwunden und sein Auto wurde jetzt von dem neuen Besitzer des Lehrer-Hauses gefahren.

Als 1939 Der Krieg begann, fragte Elisabeth ihren Mann, ob man sich jetzt Sorgen machen müsste. Nein, denn es wird schnell zu Ende gehen. Hans brauchte keine Einberufung zu befürchten, denn er hatte einen Herzklappenfehler. Als die Villa 1940 bezogen wurde, hatte sich der Krieg schon ausgeweitet, aber war zu weit weg, als dass man sich Sorgen machte. In die Villa kam jeden tag Pierre, ein französischer Zivilzwangsarbeiter, der sich gemeinsam mit dem Hausmeister um den weitläufigen Garten kümmern musste. Dafür bekam er Essen und ab und zu heimlich eine Zigarette, weil der Hausmeister nur Pfeife rauchte, in die er lieber getrocknete Rosenblätter steckte, wenn der Pfeifentaback alle war, statt des Zigarettentabacks.

Im Jahr 1943 wurde Hans Herzklappenfehler akut. Parallel zur dramatischen Entwicklung an der Front nach der verlorenen Schlacht um Stalingrad und aufkommenden Gerüchten, was mit den Juden im Osten geschah, erkannte er, dass er sein Leben einer verbrecherischen Sache gewidmet hatte:

„Ich habe Angst um dich und die Kinder. Die Schuld kommt über uns alle…Und da fragt Goebbels noch, ob wir den totalen Krieg wollen. Der Krieg ist längst total gegen Deutschland“. Elisabeth sagte: „Du darfst Dich nicht aufregen, es it zu spät“.

Nach dem Tod von Hans muss Elisabeth die Villa verkaufen, darf aber im obern Stockwerk wohnen bleiben, während unten das Rote Kreuz einzieht.

Nun kommt der Krieg mit voller Wucht nach Reichenbach, mit Bombenangriffen und Einquartierung aus Berlin. Die Berlinerin spricht mit Pierre Französisch.

Die Zwangsarbeiter wohnen abseits in Baracken, von dort hört man ab und zu Gesang, aber zu sehen sind sie erst, als sie nach dem Einmarsch der Amerikaner in Kolonnen durch die Straßen Reichenbachs ziehen, zu den Repatriierungspunkten. Pierre winkt den Kindern der Familie zu, als er zum letzten Mal an der Villa vorbeikommt. Die Frauen tragen seltsame Kopftücher und werden gegen ihren Willen in die Sowjetunion abgeschoben.

Nach der Übergabe des Vogtlandes an die Rote Armee muss Elisabeth aus der Villa ausziehen und sich in einer kleinen Mietwohnung einrichten. Da ist sie immer noch besser dran als ihre sudetendeutsche Schwester, die über Nacht Haus und Hof verlassen musste, ohne mehr mitnehmen zu dürfen, las was in einen Rucksack passte. Es beginnt die Hungerzeit. Erwachsenen werden 1500 Kalorien zugestanden. Wer nicht verhungern will, muss hamstern gehen. Zum Glück hat Elisabeth Möbel und Teppiche zu bieten, für die sie sowieso keine Platz mehr hat. Sie bringt sich und ihre vier Kinder durch.

Die Villa wurde dann Volkseigentum und nach dem Mauerfall von der AWO übernommen. Nachdem die AWO ausgezogen war, wurde das Grundstück von einem bundesdeutschen Investor gekauft, der in Reichenbach eine Produktionsstätte für Aktenvernichter bauen ließ. Dabei stand die Villa im Weg. Obwohl sie unter Denkmalsschutz stand, wurde sie abgerissen. Vorher wurde aber eine Fotodokumentation erstellt und verfügt, was beim Abriss geborgen werden sollte: Stuckdecken, Innentüren, Fenster, Bleiglas, Geländer, Dielen, Parkett, Natursteinstufen und Fußböden. Die deutsche Geschichte endet als Abrissunternehmen. Die Villa ist ein Gleichnis, exemplarisch für die Umbrüche des 20. Jahrhunderts.

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Die letzten Tage der DDR

Beinahe hätte es, außer der SPD, keine neu gegründete Partei in der ersten und letzten frei gewählten Volkskammer gegeben. Am Runden Tisch, der die finalen Wochen der Regierung Modrow moderierte, war der Antrag eingebracht worden, dass die Volkskammerwahlen am 18. März mit einer 5%-Hürde stattfinden sollten, denn nur das wäre demokratisch.

Einem unbekannten Bürgerrechtler ist es zu verdanken, dass er den Einwand erhob, der vom Runden Tisch gebildete Kommission, die dabei war, einen neue Verfassung für die DDR zu schreiben müsste der Antrag vorgelegt werden, bevor er abgestimmt werden konnte.

Ich war in dieser Kommission die Vertreterin der Grünen Partei und obwohl meine Partei am Runden Tisch dafür gewesen war, erhob ich heftige Einwände. Es waren 7 neue Parteien gegründet worden, die gegen alle Altparteien antreten mussten. Unwahrscheinlich, dass alle 5% erreichen würden. Damit wäre ausgerechnet den Vertretern der Friedlichen Revolution, denen die freien Wahlen zu verdanken waren, der Zugang zur Volkskammer erschwert oder unmöglich gemacht worden. Wie immer, wenn das Mitglied einer Neupartei ein Argument vehement vortrug, wagten die Altparteien kaum Widerspruch. So verschwand der Antrag, die Wahl fand ohne Prozenthürde statt.

Am Wahlabend stellte sich heraus, dass mit Ausnahme der SPD, die bei knapp 22% landete, obwohl ihr die absolute Mehrheit vorausgesagt worden war, alle anderen Neuparteien zusammen gerade bei 5% landeten. Als wir Abgeordneten der Grünen Partei aber mit dem Neuen Forum, Demokratie Jetzt und der Initiative für Frieden und Menschenrechte, die ein Wahlbündnis eingegangen waren, eine Fraktion bilden wollten, bekamen Matthias Platzeck und ich Schwierigkeiten mit dem Parteivorstand. Man drohte uns den Rausschmiß an, denn wir sollten grüne Themen in das Parlament einbringen und uns nicht verwässern lassen. Es gelang uns aber, den Vorstand zu überzeugen, dass wir unseren Themen in einer größeren Fraktion besser Gehör verschaffen könnten. Damit stand der Geburt von Bündnis 90/ Grüne nichts mehr im Weg.

Bevor ich aber eine der drei Fraktionsvorsitzenden wurde, neben mir waren das Jens Reich und Marianne Birthler, hatte ich noch etwas zu überstehen, was man heute Shit-Storm nennen würde.

Die Grüne Partei war mit der Frauenpartei ein Wahlbündnis eingegangen. Als der größere Partner standen Grüne auf den ersten Plätzen, auf den zweiten folgten Vertreterinnen der Frauenpartei. Wegen des schlechten Wahlergebnisses, wir hatten kaum 2% gewonnen, zogen nur die ersten Plätze. Bereits in der Wahlnacht erhoben die Frauen die Forderung, ein Drittel der Grünen sollten auf ihre Mandate verzichten, damit Frauen nachrücken könnten. Vor allem aber wollten sie Christina Schenk, die hinter mir auf der Liste stand, in der Volkskammer sehen. Also konzentrierte sich der Druck auf mich. Ich wurde mehrere Tage lang von einem Pulk Journalistinnen regelrecht verfolgt. Ich solle Platz machen für „Frauenthemen“. Das ich eine Frau war und zwar eine der nur zwei Frauen von acht grünen Abgeordneten, zählte für die Feministinnen nicht. Um den Druck aufrecht erhalten zu können, lehnten sie den freiwilligen Rücktritt dreier Männer ab. Ich blieb hart und so bekamen die Frauen am Ende kein Mandat.

Die Volkskammerzeit würde ich die die schönste und intensivste in meinem Leben nennen, wenn ich vorher nicht in Cambridge gewesen wäre, wo ich mich als postgraduale Studentin behaupten konnte und nach einem Jahr mit einem Begabtenstipendium meines Colleges ausgezeichnet wurde. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Die Volkskammer, die recht bald als Laienspieltruppe verunglimpft wurde, war so lebendig, und volksnah, wie ein Parlament nur sein kann. Trotz der intensiven Bemühungen der Berater der Regierungskoalition aus dem Westen, die bei unseren Debatten auf der Besuchertribüne saßen, uns davon abzuhalten, mit wechselnden Mehrheiten abzustimmen, gelang ihnen das nicht immer. Je nach Temperament gestikulierten sie, schüttelten die Köpfe oder zogen Grimassen, wenn wir mit Leidenschaft Abgeordnete anderer Fraktionen überzeugten, gegen ihre Vorgaben mit uns abzustimmen.

Es kamen auch immer wieder überparteiliche Initiativen zustande, die von den Fraktionsführungen der Koalition nicht unterdrückt werden konnten. Eine war die versuchte Abwahl von Innenminister Diestel, dessen fragwürdiger Umgang mit den Stasiakten Anlass war, ihn ablösen zu wollen. Eine andere war der überparteiliche Antrag auf sofortigen Beitritt zur BRD am 17. Juni. Der Grundgedanke dieses Antrags war, dass die Vereinigung kommen würde und ein sofortiger Beitritt ohne Übergangsregelungen Rechtssicherheit schaffen und Vereinigungskriminalität verhindern würde. Wie recht wir mit unserem Verdacht hatten zeigte sich, als nach der Vereinigung eine Zentrale Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) gebildet werden musste.

An diesem 17.Juni saß Bundeskanzler Kohl mit seiner Entourage auf der Besuchertribühne. Er wollte der Gedenkfeier für den Volksaufstand am 17. Juni 1953 beiwohnen. Als unser Antrag trotz aller Verhinderungsversuche verlesen und zur Abstimmung gestellt wurde, verließ Kohl fluchtartig den Saal. Er hatte noch nicht alle Zusagen für die Vereinigung in der Tasche. Kohls Flucht ist ein Argument gegen die immer häufiger vorgetragene Behauptung, die deutsche Vereinigung wäre auf Befehl Gorbatschows erfolgt. Wenn es tatsächlich der Wunsch der Sowjetunion wäre und nicht der Volkswille der DDR, hätte Kohl an diesem Tag den Antrag begrüßen müssen, satt in Panik auszubrechen.

Aber auch ohne Sofortbeitrittt nahm die Vereinigung immer schnellere Fahrt auf. Waren wir Abgeordneten beim Zusammentritt der Volkskammer und der ersten Regierungserklärung von Ministerpräsident de Maizière noch der Meinung, dass wir vier, aber mindestens zwei Jahre brauchen würden, um die Forderungen der Straße nach Deutschland einig Vaterland zu erfüllen, war im Juni schon klar, dass es nur noch wenige Wochen dauern würde.

Am 31. August wurde der 1000 Seiten starke Einigungsvertrag von den Verhandlungsführern Wolfgang Schäuble und Günther Krause unterzeichnet. Drei Wochen später, am 20 September, stimmten wir in der Volkskammer über diesen Vertrag ab.

Ich stimmte dagegen, nicht weil ich gegen die Vereinigung war, sondern weil ich dem Vertrag mißtraute. Damals wußte ich nur, dass die westdeutsche Industrielobby ihre Interessen durchgesetzt und per Vertrag unliebsame Konkurrenz aus dem Osten schachmatt gesetzt hatte. In Thüringen war VEB Nordbrand Nordhausen einer der wenigen ganz modernen Betriebe der DDR. Er stellte nicht nur den beliebten Nordhäuser Doppelkorn her, der erfolgreich in den Export ging, sondern auch hochwertigen Industriealkohol. Im Einigungsvertrag wurde eine Deckelung der Industriealkoholproduktion auf dem Gebiet der ehemaligen DDR festgelegt, die VEB Nordbrand das wirtschaftliche Genick brach.

Noch schwerer wog, dass im Einigungsvertrag das Berggesetz der DDR fortgeschrieben wurde, was hieß, dass weiter alle Abbauvorhaben Vorrang vor allen anderen Belangen, auch des Natur- und Landschaftsschutzes, haben würden. Das hätte großflächige Landschaftszerstörungen zur Folge, ein Problem vor allem der Regionen, die touristisch genutzt werden.

Ich machte es mir später als Bundestagsabgeordnete zu meiner Hauptaufgabe, diese Einungsvertragsklausel zu ändern. Das gelang mir dann in der Legislaturperiode von 1994-1998, als es wieder eine grüne Fraktion gab, nachdem die Westgrünen wegen der getrennten Wahlgebiete aus dem ersten gesamtdeutschen Bundestag geflogen waren. Als Mitglied des Umweltausschusses konnte ich einen Gesetzentwurf entwickeln, der von der Fraktion angenommen wurde und in zahllosen Gesprächen die Kollegen der anderen Fraktionen überzeugen. Zum Schluss musste ich allein mit Wolfgang Schäuble verhandeln, weil es die Unionskollegen nicht wagten. Schäuble war sehr gut vorbereitet, stellte präzise Fragen un war mit meinen Antworten offenbar zufrieden. Der Einigungsvertrag wurde in punkto Bergrecht geändert, seitdem gilt gleiches Bergrecht in ganz Deutschland.

Nach und nach stellten sich weitere Fehlentscheidungen im Einigungsvertrag heraus. Unter anderem die, auch den Absolventen der Stasihochschule in Potsdam Eiche ihre Abschlüsse anzuerkennen. Sie durften ihre Doktortitel behalten, obwohl die „Dissertationen“ zum Teil sogar Kollektivarbeiten waren, die jegliche wissenschaftlichen Standards vermissen ließen.

Die Zeit zwischen dem 20. September und dem 3. Oktober war dann noch einmal sehr spannend. Das Datum der Vereinigung war das Ergebnis eines wirklichen Kuhhandels. Alle Fraktionen tagten gleichzeitig, Emissäre liefen zwischen den Beratungsräumen hin-und her. Wir präferierten den 9. November, den Tag des Mauerfalls. Das kam für die Union nicht in Frage, denn angeblich wollte Kohl unbedingt den 41. Republikgeburtstag verhindern. Es war weit nach Mitternacht, als sich alle Fraktionen auf einen Termin verständigt hatten. Der 3. Oktober ist immer ein uninspiriertes Kunstdatum geblieben.

Während die Vereinigungsvorbereitungen auf Hochtouren liefen und so wichtige Fragen diskutiert wurden, wann genau die DDR-Fahne eingeholt und die deutsche Fahne geflaggt werden sollte, konzentrierten wir uns auf zwei Fragen, die wir unbedingt noch in der Volkskammer abgestimmt haben wollten.

Die eine betraf den Umgang mit den Stasiakten. Wir wollten unbedingt durchsetzen, dass die Hinterlassenschaften des Unterdrückungsapparates öffentlich zugänglich gemacht werden.

Der Widerstand dagegen war sehr strak, nicht nur auf Seiten der DDR-Altparteien, sondern auch der westlichen Politiker.

Die DDR-Volkskammer hatte am 24. August das “Gesetz zur Sicherung und Nutzung der personenbezogenen Akten” des Ministeriums für Staatssicherheit beschlossen. Die Forderung unserer Fraktion und vieler Bürgerrechtler war, dass ein solches Gesetz zum Umgang mit den Stasi-Akten auch in den Einigungsvertrag aufgenommen werden sollte.

Doch dies geschah nicht. Statt dessen gab es den Plan, die Akten 30 Jahre lang ins Bundesarchiv zu sperren. Das führte zu heftigen Protesten.

Am 4. September besetzten dutzende Bürgerrechtler die Räume der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin und traten in den Hungerstreik. Der Druck wurde so stark, dass am 18. September Wolfgang Schäuble und Günther Krause schließlich eine Zusatzklausel zum Einigungsvertrag zum Umgang mit den Stasi-Akten vereinbarten. Hierin wurde festgeschrieben, dass der Bundestag nach der Wiedervereinigung ein entsprechendes Gesetz erlassen sollte. Das war ein halber Sieg.

Allerdings bedurfte es nach der Vereinigung im Bundestag der ganzen Energie der Bundestagsgruppe von Bündnis 90/ Grüne, die Kollegen der anderen Fraktionen zu überzeugen, dieses Gesetz auch zu beschließen. Die Koalitionsfraktionen hätten es nicht auf die Tagesordnung gesetzt, die SPD-Opposition auch nicht. Es wurde schließlich eine überparteiliche Initiative, die das Vermächtnis der Volkskammer erfüllte.

Ein Vorgeschmack darauf, wie schwierig dieses Thema werden würde war der schließlich erfolgreiche Versuch, die Namen der stasibelasteten Abgeordneten der Volkskammer vorzulesen. Die Liste war in einem Unterausschuss erarbeitet worden, dem der spätere Stasiunterlagenbeauftragte und noch spätere Bundespräsident Joachim Gauck vorsaß. Wir waren schon wegen der Asbest-Belastung aus dem Palast der Republik verbannt worden und saßen im ebenso asbestbelasteten Saal des ehemaligen ZK-Gebäudes. Der Vizepräsident unserer Fraktion Wolfgang Ullmann stieg aufs Podium und wollte die Namen verlesen. Er wurde von Ministerpräsident de Maizière, Volkskammerpräsidentin Sabine Bergmann-Pohl, nach meiner Erinnerung auch PDS-Fraktionsvorsitzenden Gregor Gysi immer wieder am Reden gehindert. Es gipfelte in dem Vorwurf, die Liste sei illegal kopiert worden. Erst als ein Mitglied des Unterausschusses rief, er können die Namen auswendig von vorn nach hinten, aber wenn gewünscht auch von hinten nach vorn aufsagen, war der Widerstand gebrochen und Ullmann konnte seines Amtes walten.

Um nicht mit der Stasi zu enden, möchte ich erzählen, was ich persönlich für einen der größten Erfolge unserer Volkskammertätigkeit halte. Am letzten Sitzungstag gelang es uns, eine Mehrheit für unser Nationalparkprogramm zu bekommen. Damit wurden wichtige schützenswerte Gebiete zum Nationalpark erklärt. Das wäre nicht ohne die jahrelange Vorarbeit innerhalb der Umweltbewegung der DDR möglich gewesen. Wir hatten etliche Biologen, Botaniker, Geologen und Geobotaniker in unseren Reihen, die seit Jahren an solch einem Programm gearbeitet hatten, ohne zu wissen, ob sie jemals die Chance haben würden, es zu verwirklichen. Die bot sich und die erste und letzte frei Volkskammer hat sie genutzt. Sie hat dafür gesorgt, dass die DDR nicht nur verrottete Betriebe, kontaminierte Böden, tote Flüsse und dreckige Luft in die Vereinigung einbrachte, sondern einen Naturschatz, der heute zum Wertvollsten gehört, was Deutschland auf diesem Gebiet zu bieten hat.