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Der junge Michelangelo

Wer in Florenz ist, kommt an Michelangelo nicht vorbei. Zumindest hat er neben der Signoria die Figur des David gesehen und die Medici-Kapelle besucht. Weniger beachtet wird ein frühes Kunstwerk des 18-Jährigen, vom dem gleich die Rede sein wird.

Michelangelo Buonarroti ist ein echter Sohn der Stadt. Er wurde 1475 als Sohn eines verarmten Patriziers geboren. Die Schönheit seiner Heimat hat ihn geprägt. Schon als Kind wollte er nie etwas anderes sein als Künstler. Sein Vater versuchte erfolglos, ihn durch Prügel vom Zeichnen abzuhalten. Michelangelo ertrotzte sich mit 13 Jahren die Erlaubnis, eine unstandesgemäße Malerausbildung zu beginnen. Zwei Jahre später wurde er bereits Stipendiat in der Skulpturensammlung der Bankiersfamilie Medici. Dort lernte er Bildhauerei. Er begnügte sich nicht damit, Vorbilder in den Meistern der Antike zu suchen. Er studierte die Natur selbst und sezierte dafür Leichen, obwohl das streng verboten war. Das wurde ihm durch den Prior der Basilika di Santo Spitito, Nicholas Bichielli, ermöglicht, der ihm mit 18 Jahren das Studium der Anatomie des menschlichen Körpers durch Sezieren im nebenan befindlichen Krankenhaus erlaubte.

Seine Dankbarkeit drückte Michelangelo durch die Schaffung eines Kruzifixes aus Lindenholz aus, das heute noch in der Basilika zu sehen ist. Es hängt nicht mehr am ursprünglichen Ort über dem Chor der Mönche, weil es später durch einen barocken Altaraufsatz verdeckt wurde.

Der jetzige Standort, die Sangallo-Sakristei, erscheint wie für diese eine Figur gemacht. Nachdem man in einem Vorraum 2 Euro bei einem Mönch entrichtet hat, kann man eintreten. Ich bin überzeugt, dass ich nicht die Einzige bin, der bei dem Anblick dieses Meisterwerkes der Atem stockte. 

Ich habe schon hunderte Gekreuzigte gesehen, aber keinen wie diesen. Jesus ist so schön und verletzlich, dass es schmerzt. Er schwebt mehr, als dass er hängt. Leiden und Schönheit verschmelzen zu einer Einheit. Ob Michelangelo dabei tatsächlich an den Text des heiligen Augustinus gedacht hat, der zu Psalm 44 kommentierte, „dass Christus als Heiland und Erretter selbst am Kreuz von schöner Gestalt sei“, wie es im Prospekt heißt, sei dahingestellt. 

Für mich ist Michelangelo das Beispiel eines Genies, dem in jungen Jahren schon bewusst wurde, dass er sich nur in seinen Werken ausdrücken kann, weil er unter den Menschen keinen gleichwertigen findet. Michelangelos „der Göttliche“, wie er von seinen Verehrern genannt wurde, war Zeit seines Lebens ein einsamer Mensch. Von Freunden weiß man wenig. Seine einzige Bezugsperson scheint sein Diener gewesen zu sein. Sein Grab in der Basilika di Santa Croce in Florenz ist leicht zu übersehen. Seine Bedeutung für die Kunst ist unsterblich. 

Das Fotografieren war leider verboten, deshalb hier die Abbildung des Prospektes, um einen Eindruck zu vermitteln.

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