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Die Wüste als Ort der Literatur

Jemanden in die Wüste schicken heißt, ihn auszuschließen, kalt zu stellen. Das Sprichwort drückt aus, dass die Wüste bis heute überwiegend als Ort der Verbannung, des Verlassenseins und der Todesgefahr wahrgenommen wird. Wer weiß heute noch, dass diese Worte bereits als Metapher für Sühne bei 3 Mose 16.10 stehen?

Dass die Wüste eine Landschaft ist, die seit Beginn der Schriftkultur die Menschen inspiriert und Ausdruck uralter Konflikte ist, die uns bis in die heutige Zeit begleiten, ist nahezu unbekannt. Dabei handelt es sich um eines der ältesten, zentralen Themen der Menschheit. So wird bereits im Gilgamesch-Epos der Gegensatz zwischen Stadt und Land thematisiert.

Für die Ägypter war die Westwüste ein Ort des Todes. In den Mosaischen Büchern wurde die Wüste zum Ort der göttlichen Gnade, zum Ort des Überlebens. Dieses hoffnungsbetonte Konzept wurde vom Christentum übernommen. Jesus sucht in der Wüste die nähe Gottes und seine Vervollkommnung. Die Wüste war im Abendland ein spiritueller Ort, der wenig mit der Realität zu tun hatte.

Seit zwanzig Jahren verändert sich das Verhältnis zur Wüste. Inzwischen musste die westliche Welt zur Kenntnis nehmen, dass, was in der nordafrikanischen Sahelzone oder der syrischen Wüste geschieht, Auswirkungen auf unser Lebensmodell hat. Die Masseneinwanderung aus diesen Gebieten nach Europa, vorzugsweise Deutschland, wird je nach Haltung als Bereicherung oder Bedrohung empfunden. Die Wüste als Inspiration zu betrachten, ist auch heute noch selten.

Für Chaim Noll, der inzwischen in der Wüste lebt und nicht vorhat, sie jemals wieder zu verlassen, war die Wüste nach dem ersten erlebten Sonnenaufgang im Negev nicht nur Liebe auf den ersten Blick, sondern vor allem Inspiration. Zwanzig Jahre hat der Autor an seinem Buch: „Die Wüste: Literaturgeschichte einer Urlandschaft des Menschen“ gearbeitet. Er hat eine Unmenge an Literatur zusammengetragen, so unbekannt wie überraschend, dass man dieses Buch wohl zwanzig Jahre lesen kann und man entdeckt immer noch etwas Neues. Es überfordert jeden Rezensenten, auch nur annähernd die Fülle von Beispielen wiederzugeben, deshalb werde ich mich auf wenige beschränken, die vor allem unseren Kulturkreis betreffen.

Schon die alten Griechen beschäftigten sich immer wieder mit der Wüste. Die Verfasser der kultischen, öffentlich aufgeführten Tragödien wie Aischylos und Sophokles stellten Persien, die Perser oder eben die Wüste als antipodische Symbole dem griechischen Ideal der Freiheit gegenüber.

Spielerischer geht Herodot mit dem Thema um. Er übernimmt für seine Geschichten keine Garantie. Es sei ein Problem der Nachwelt, wenn sie seine Geschichten für Geschichtsschreibung halte. Die reale Aufgabe der Nachwelt ist es, aus den Legenden den wahren Kern herauszulesen.

Zu diesem Kern gehört, dass die Perserkriege das Gebrechen des Bundes der griechischen Stadtstaaten bloßlegten: Uneinigkeit. Klingt irgendwie ganz aktuell.

Der Mittelmeerraum war ein enges Netzwerk von Beziehungen und Kontakten, Handelsorten und multikulturellen Zentren. In dieser Gemengelage bewahrten die Griechen und die Perser ihre eigenen kulturelle Identität, auch mit Gewalt.  Wenn eine Kulturverschmelzung das Überlebenskonzept gewesen wäre, hätte sich damals schon eine Einheitskultur herausgebildet. Aber offensichtlich ist Vielfalt, sprich Andersartigkeit, heute würden wir sagen Identität das, was die Menschen inspiriert und beflügelt. Das wussten die Römer, die den Griechen, nachdem sie militärisch besiegt und ihre Städte zerstört waren, die Führungsrolle in der Kultur überließen.

Es ging in der Debatte auch immer um den Staat. Platons erdrückendem Überstaat steht der völlige Rückzug desselben gegenüber – die Staatsferne der Wüste. Beide Konzepte sind in ihrer Ausschließlichkeit fatal. „Das ist kein Staat, der einem nur gehört“, lesen wir in der Antigone. Das ist ein frühes Credo gegen die Despotie.

Das Staaten die Entwicklung zu Despotien in sich tragen, auch demokratische, ist ein Prozess, der sich gegenwärtig vor unser aller Augen abspielt. Chaim Noll weist darauf hin, dass bereits in den Mosaischen Büchern die Gegenmittel benannt werden. Nach dem ethischen Maßstab der mosaischen Bücher ist Rebellion keineswegs immer ein Vergehen. Das Gesetz gebietet Widerstand, zumindest passiven, wenn die Mehrheit in die Irre geht. Das ist eine Möglichkeit, die kein anderes Gesetzeswerk der alten Welt ernsthaft in Erwägung zieht. (2. Mose 23.2). Unser Grundgesetz ist also mehr als eine Reaktion auf die Nazidiktatur. Es hat seine tiefsten Wurzeln im Alten Testament.

Die mosaischen Bücher sind ihrem Wesen nach eine Vereinbarung oder Gesetzeswerk, das die Bedingungen der Vertragserfüllung von beiden Seiten enthält. Ausstieg ist für die Vertragspartner jederzeit möglich. Die Israeliten haben frühzeitig Eheverträge eingeführt, was Noll als Übung für ein Volk auf dem schweren Weg zu Humanität und Zivilisation deutet.

Zum Volk, das sich nach wochenlangerer Wüstenwanderung am Sinai konstituiert, gehören Menschen aller Hautfarben und Herkünfte. Die einzige, entscheidende Bedingung ist, dass sie mit den Hebräern aus der ägyptischen Fronarbeit ausgebrochen sind und sich der „neuen Weisung“ unterordnen. Freiheit allein ist keine Gewähr des Überlebens. Es bedarf verlässlicher Regeln.

Das israelische Experiment (5 Mose17.4-20) besteht aus einem Ältestenrat unter dem Vorsitz von Moses. Die Gemeinschaft hat ein Mitspracherecht, auch im Gerichtswesen. Die Verantwortlichkeiten sind gestaffelt. Das Experiment endet in einer Monarchie. Die mosaischen Bücher haben das vorausgesagt: „Ihr werdet eure Freiheit aufgeben und euch dem König versklaven…So wird es denn damit enden, dass sie ihre Freiheit uns zu Füßen legen und sagen: knechtet uns, aber macht uns satt“.

Was damals die Sättigung war, ist heute die Sicherheit. Wir erleben gerade die massenhafte Aufgabe unserer hart erkämpften Freiheitsrechte zugunsten einer vermeintlichen Sicherheit. Das Bewusstsein, dass Sicherheit ohne Freiheit nicht zu haben ist, ist kaum entwickelt. Es verkümmert vollends, weil die Bevölkerung während der Corona-Krise in die schlimmste aller Ängste getrieben wurde: in die Todesfurcht.

Die individuelle Freiheit ist eine der größten, zugleich gefährdetsten Errungenschaften des Westens. Sie ist ad ovo das Gegenteil der islamischen Sicht, die individuelle Freiheit als Bedrohung sieht. Freiheit gilt nur der Gruppe, nicht dem Individuum. Die Beduinen sehen sogar in der Einsamkeit eine Gefahr, während einflussreiche jüdische und christliche Propheten häufig Einsiedler, nicht nur in der Wüste, waren. Diese Propheten haben sich gegen die Machthaber gewandt, eine Fähigkeit, über die fest angestellte, an gesellschaftliche Verpflichtungen gebundene Menschen nicht verfügen.

Wüste (Freiheit) und Stadt (Staat) ist die uralte Ambivalenz des Lebens seit mesopotamischer Zeit (Offenbarung 18, 10-11). Alleinsein ist das Privileg der Freien. Rückzugsräume und Zeiten der Einsamkeit sind die Grundlagen einer freien Gesellschaft.

Die Schaffung eines Raumes der Intimität bleibt ein großes Verdienst der bürgerlichen Gesellschaft und ist einer der Gründe für ihre unübertroffene Kreativität. Individualität und kritisches Denken kann im Kollektiv nicht entwickelt werden. Die Thora entbindet das Volk, falschem Wert aus den Kreisen der Macht zu folgen (5 Mose 18,22).

Das Geheimnis des Erfolges der Israelis ist Beschränkung. Sie bevorzugen eine fest umrissene Grenze, anders als der Islam. der sich als grenzenlos definiert. Die Begrenzung des Landes beförderte eine Lebenshaltung, die eine dauerhafte Expansion ausschließt. Das zwingt zur Intensivierung, zur Entwicklung intelligenter Methoden der Bewirtschaftung des begrenzten Raumes.

Übrigens ist die Auserwähltheit des biblischen Volkes kein Privileg, sondern ein Anspruch an sich selbst, der aus eigener Kraft eingelöst werden muss. Dafür ist der Staat Israel ein lebendiges Beispiel. Die Israelis brachten die Wüste zum Blühen und bereichern die Menschheit mit ihren innovativen Entwicklungen.

Die Wüste, die die Menschheit seit ihrem Beginn beschäftigt, bekommt heute eine neue Bedeutung. Der Topos Wüste als Phänomen der Moderne und Postmoderne ist ein Zeichen der existentiellen Infragestellung der bürgerlichen Lebenswelt in ihrem Niedergang. Die Atrophie christlicher Gesellschaften erzeugt soziale Leerräume. In Zeiten latenter allgemeiner Belustigung und vorgeblichen Verbrüderung ist der Einzelne mit sich allein.

Ein Blick in Chaim Nolls Buch kann helfen, diese Einsamkeit besser zu ertragen. Der Schriftsteller Robert Stevenson verwandelte sein Bekenntnis zur Einsamkeit durch Publikation in eine Gemeinsamkeit. Für ihn waren seine Bücher eine Flaschenpost für Wissbegierige. Auch Chaim Nolls Buch ist eine Flaschenpost für alle, die Orientierung in einer schwierigen Zeit suchen.

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