Kategorien
Allgemein

Rembrandts Orient oder der Genuss, eine Ausstellung zu besuchen

In Potsdams nobelsten Museum – dem Barberini – ist eine neue, sensationelle Ausstellung eröffnet worden und man darf sie tatsächlich besuchen. Wie lange noch, ist fraglich, da Kanzlerin Merkel die Notbremse ziehen und Deutschland in den totalen Lockdown treiben möchte. Wir waren kurz entschlossen, reservierten die Tickets online, bekamen eine Eintrittszeit – 10.45 – zugeteilt und waren nach einem Sicherheitscheck und Temperaturmessung tatsächlich drin. Wir betraten die Ausstellungsräume ehrfürchtig und mit dem kindischen Gefühl, etwas, wenn nicht Verbotenes, dann doch wenigstens nicht gut Geheißenes zu tun. Ein Abenteuer der „neuen  Normalität“.

Die Schau erfüllt alle Erwartungen, die man haben kann. Von den insgesamt 57 Gemälden stammen 9 von Rembrandt selbst, wenn man die unter Werkstattbedingungen und die seiner Schule mitzählt. Zu Rembrandts Zeit lernten die Schüler zu malen, wie der Meister selbst. Viele Gemälde entstanden in Co-Produktion, so dass eine spätere Zuordnung nur schwer möglich ist. Neben den Gemälden sind vier Zeichnungen und 19 Kupferstiche zu sehen.

Die Werke entführen in die Zeit, da Amsterdam die reichste Stadt der Welt war und Holland das Land mit den weitreichensten Handelsverbindungen. Die Schiffe brachten nie gesehene exotische Waren, Waffen, Gewänder, Stoffe, Turbane, Teppiche, Gewürze, Pflanzen und Tiere aus dem „Orient“ nach Holland. Das löste eine regelrechte Orientmanie aus. Wer was auf sich hielt ließ sich in exotischer Aufmachung in Szene setzen.

Rembrandt war der Auslöser dieser Modewelle. Sein Haus in Amsterdam stand direkt neben dem Hafen, in dem die Schiffe der Ostindischen Kompanie anlandeten. Von seinem Dachatelierfenster konnte er sehen, wann ein Schiff angedockt hatte und entladen wurde. Die Legende sagt, dass der gut bezahlte Maler manchmal ganze Schiffsladungen aufkaufte. In seinem Haus unterhielt er eine Schatzkammer mit orientalischen Devotionalien, die er als Vorlage für seinen Gemälde verwendete. Rembrandts Erfolg ermunterte seine Zeitgenossen, es ihm nachzutun.

Die Gemälde zeigen, wie eine eher nüchterne, calvinistische Gesellschaft dem Reiz des Fremden verfällt. Die leuchtenden Farben, die kunstvollen Muster, die glänzenden Stoffe. Die schimmernden Muscheln regten die Phantasie ebenso an, wie die Berichte aus den fernen Ländern, zu denen nicht nur die arabische Halbinsel, sondern auch China und Japan gehörten. Man sieht den Bildern an, dass die Aufnahme des Fremden mit allen Sinnen erfolgte. Die Adaption ging so weit, dass man eigene Hochzeiten, Familienszenen oder Porträts in eine exotische Umgebung versetzen ließ. Adelige mit japanischen Gewändern, Handelsherren der Ostindien-Kompanie mit Turbanen und Krummsäbeln, Amsterdamer Damen in orientalischer Seide zeugen von der Genussfreude, die damals empfunden wurde und noch heute auf den Betrachter ausstrahlt. Rembrandt selbst inszenierte sich als „Orientalen“ in einer Radierung von 1632, im Herrscherkostüm mit Prunkdolch.

Aber auch biblische Szenen wurden gern abgebildet und erhielten ein neues, exotisches Flair, was von den Zeitgenossen als besonders authentisch empfunden wurde. Die Idee, biblische Themen in orientalisch anmutende Landschaften zu setzen, hatte Rembrandt von seinem Lehrer Pieter Lastmann übernommen und an seine Schüler weiter gegeben. In Potsdam ist Rembrandts „Simson an der Hochzeitstafel“ zu sehen, das ein Schlüsselbild dieser Malerei ist. Es wurde als besonders authentische biblische Darstellung hoch gelobt.

Insgesamt spiegelt die Schau eine ungeheuere Neugier und Freude am Unbekannten, vor allem aber die hohe Kunst der Malerei. Wie Rembrandt seine „Büste eines alten Mannes mit Turban“ gemalt hat, ist atemberaubend. Der Meister des Hell-Dunkel lässt durch einen seitlich einfallenden Sonnenstrahl die Goldfäden in der Kopfbedeckung aufleuchten, was dem Gesicht einen sanften Schimmer verleiht.

Wer nie nach Los Angelos kommt, ist vielleicht besonders erfreut, dass er ein kleines, aber feines Bild „Daniel vor dem Götzenbild des Bel“ von 1633 bewundern darf. Normalerweise hängt es im Getthy-Museum LA.

Was ich Besuchern der Ausstellung nur raten kann ist, sich von den Bildern bezaubern zu lassen und möglichst die Erklärungen daneben zu ignorieren. Neben nützlichen Hinweisen zur Maltechnik gibt es nämlich enervierende politisch korrekte „Einordnungen“, die meinen, auf den angeblich unterschwelligen Rassismus mancher Darstellungen aufmerksam machen zu müssen. Da seien zwei Schwarze als „Karikaturen“ abgebildet worden. Ein Gedanke, der keinem unvoreingenommen Betrachter kommen würde. Auf einem anderen Gemälde ist ein Schwarzer in überaus kostbarer Kleidung abgebildet. Wo ist da der Rassismus?

Auch Rezensenten der Ausstellung, die schwer begeistert sind, glauben, diese Emotion mit dem Hinweis relativieren zu müssen, das, was damals pure Neugier, Faszination und Begeisterung war, heute als unzulässige „kulturelle Aneignung“ zu betrachten sei. Diese Christen des seligen 17. Jahrhunderts plagte noch kein schlechtes Gewissen, dass den Heutigen mit aller Macht eingeredet wird. Bedenklich das deshalb, weil man offensichtlich der Meinung ist, ohne solche ideologischen „Einordnungen“ nicht mehr bestehen zu können. Da ist ein Bilderverbot schon gefährlich nahe.

Lassen Sie sich deshalb von der Sinnes- und Lebenslust unserer Vorfahren verführen und vergessen Sie die moralinsauren Politisch-Korrekten für eine wunderbare Stunde.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s