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Niemandszeit

Ein deutsches Mittelgebirge mit sieben Buchstaben? Den wenigsten werden bei dieser Frage die Sudeten einfallen. Sudeten verbinden Generationen mit Revanchismus, die Vertriebenen mit Verlust. Drei Millionen Menschen wurden nach Ende des Zweiten Weltkrieges aus dem Sudetenland vertrieben. Sie wurden von den „Revolutionsgarden“ aus den Häusern geholt, ohne mehr mitnehmen zu dürfen, als was sie innerhalb einer Stunde an Gepäck von 30 kg zusammenraffen konnten.

Stützen des Nazisystems, oder was man dafür hielt, wurden auf der Stelle ohne Gerichtsurteil hingerichtet: Die Glücklicheren wurden erschossen, die weniger Glücklichen aufgehängt. Wer nach einem langen Marsch in Deutschland ankam, war ein Aussätziger. Im Westen bekamen die Vertriebenen die Chance auf einen Neuanfang unter Wahrung ihrer Identität, im Osten waren sie zum Schweigen über ihre Herkunft verurteilt. 

Jörg Bernig hat dem Schicksal der Sudetendeutschen in seinem Roman „Niemandszeit“ ein berührendes literarisches Denkmal gesetzt. Es ist ihm dabei gelungen, die ganze Komplexität der Geschichte in den Blick zu nehmen, mittels eines genialen Einfalls: In einem namenlosen Dorf nahe der deutschen Grenze, dessen einzige Zufahrtsstraße durch eine unbedachte Sprengung unpassierbar wurde, stranden in der zweiten Hälfte des Jahres 1945 wurzellos gewordene Menschen: Tschechen, Ungarn  und Deutsche.

Ihr Schicksal zeichnet Bernig mit viel Sensibilität, Gespür für die menschliche Psyche und profundem historischem Wissen nach.

Nachdem das Dorf von seinen Bewohnern aus eigenem Entschluss verlassen worden war, standen die Häuser den Sommer über leer. Im September 1945, wird es von Antonin Mrha, ein Deserteur der Revolutionsgarden entdeckt. Er holt bald zwei weitere Menschen nach: eine Deutsche, die nur die Unsichtbare genannt wird und seinen Freund Lipa. Bald kommen noch Andere an. Gabriele Mohaupt mit ihrem Sohn Frieder, die aus einem Treck ausgeschert sind, nachdem der Ehemann und Vater an den Strapazen auf der Straße verreckt ist, ein Schriftsteller, ein Lehrer, ein Ungar, dessen Familien es nach Kroatien verschlagen hatte, die alte Palackowá, der alte Bernat, Antonia Mende und andere. 

Ein Jahr lebten diese unterschiedlichen Menschen zusammen, vergessen vom Zeitgeist. Eine deutsch-tschechische Versöhnung von unten. Der Leser lernt die Protagonisten kennen, als sich der Jäger, der Pfadfinder der Revolutionsgarden, dem Ort nähert. Er hat sich für diese Position entschieden, damit er immer als Erster in einem Ort ankommt, bevor Stunden später die Revolutionsgarden ihn überfallen, denn er ist auf der Suche nach Theres, seiner großen Liebe, die er vor dem Schicksal der anderen Deutschen bewahren möchte. Er wird ihr, die im Dorf die Unsichtbare heißt, 48 Stunden später begegnen und sie aus Versehen erschießen, als die Revolutionsgardisten beginnen, den Ort auszuradieren.

Theres stammt aus Gablonz, wo ihr Vater nach der „Heimholung“ des Sudetenlandes ins Nazi-Reich der Chef der Ansiedlungsgesellschaft geworden war, die damit beschäftigt war, das Eigentum der vertriebenen Tschechen und der deportierten Juden an deutsche Siedler aus dem Südtirol zu verteilen. Die bange Frage seiner Frau, was wohl werden würde, wenn es einmal anders käme, wischte er vom Tisch. Das Dritte Reich sollte schließlich 1000 Jahre dauern. Außerdem verhält er sich korrekt, nach Recht und Gesetz, niemand könnte ihm nachsagen, er habe sich selbst bereichert.

Im Tausendjährigen Reich sollte es keinen Platz für Frieder geben. Seine Eltern bekamen für ihren Sohn eine Einweisung in die Nervenheilanstalt Pirna Sonnenstein, ergänzt mit Fahrkarten für die Reichsbahn. Eine Fahrkarte für Frieder und seine Mutter nach Pirna, ein Rückfahrkarte für sie ohne ihn. Die Eltern beschlossen, zu einem Onkel zu gehen, der allein tief im Gebirge wohnte. Sie entkamen den Nazi-Häschern, aber nicht den Revolutionsgarden nach dem Ende des Krieges. Sie gehörten zu den Ersten, die auf Treck geschickt wurden.

Antonin und sein Freund Lipa gehörten der Revolutionsgarde an, bis sie die verübten Grausamkeiten nicht mehr ertragen konnten. Lipa weigerte sich, an der Erschießung von Kindern teilzunehmen und wurde zusammengeschlagen im Dreck liegen gelassen, Mrha desertierte und fand seinen Freund später wieder. Es gelang ihm, ihn gesund zu pflegen.

Der Ungar hatte in Kroatien mit ansehen müssen, dass seine Eltern von den Tito-Partisanen willkürlich erschossen wurden. Die Palakckowá hatte vorbeiziehenden Deutschen Essen und Trinken angeboten und konnte danach nicht mehr in ihrem Heimatort bleiben.

Auch die Revolutionsgarden bekommen ein Gesicht, in Gestalt ihres Anführers, des Wachmeisters, der in seinem zivilen Leben Postbeamter gewesen war und nach den Benesch-Dekreten meinte, die Chance wahrnehmen zu müssen, Geschichte zu machen. Er entwickelte ein eigenes System der Vertreibung, das streng eingehalten wird. Erleichtert wird ihm seine Aufgabe von den obrigkeitsfixierten Dorfbewohnern, die auch noch ein Jahr, nachdem die Vertreibungen begonnen hatten, in ihren Dörfern ausharrten, bis die Reihe an ihnen war. Es sollte schließlich alles seine Ordnung haben.

Das sind nur einige Schlaglichter aus dem dichten Gewebe des Romans, der ein eindrückliches Bild der „Niemandszeit“ gibt. Bernig hat nicht nur ein wertvolles Stück Aufklärung über ein fast unbekanntes Kapitel unserer Geschichte geleistet, sondern er hat es in einer fast poetischen Sprache getan, die es allein wert macht, sein Buch zu lesen.

Erschienen ist der Roman übrigens 2002 bie DVA, der Mitteldeutsche Verlag hat eine Taschenbuchausgabe herausgebracht, sich inzwischen aber von Bernig getrennt, angeblich, weil sich seine Bücher zu schlecht verkauften. An ihrer Qualität kann das aber nicht liegen. Um so verdienstvoller ist es, dass die edition buchhaus loschwitz sich des Autors angenommen und für eine Neuauflage dieses wunderbaren Buches gesorgt hat.

Niemandszeit

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