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Das vergessene Grauen der Kulaken-Ausrottung unter Stalin

Die Beseitigung des Kommunismus in der Friedlichen Revolution von 1989/90 hat diesem Regime keineswegs den Todesstoß verpasst. Im Gegenteil. Seit das reale Vorbild außer in der Abschottung von Nordkorea nicht mehr existiert und in Kuba von karibischer Romantik überzuckert ist, wuchern die sozialistischen Phantasien. Angeblich müsste die soziale Marktwirtschaft, die für einen beispiellosen Massenwohlstand gesorgt hat, dringend mit sozialistischen Rezepten kuriert, sprich ersetzt werden. Auch über Enteignungen wird schon wieder nachgedacht, wenn auch vorerst der „Reichen“, wobei in Deutschland schon reich ist, wer knapp über dem Durchschnittsverdienst liegt. Das ist eine Folge der allgemeinen Weigerung der tonangebenden West-Linken, über die Verbrechen des Kommunismus zu sprechen, wie über die Verbrechen des Nationalsozialismus. Zum Glück gibt es die Osteuropäer und die Intellektuellen aus der ehemaligen Sowjetunion, die das Thema immer wieder auf die Tagesordnung setzen.

Ein Meisterwerk in dieser Debatte ist das Erstlingswerk der tatarischen Schriftstellerin Gusel Jachina: „Suleika öffnet die Augen“.

Ihr Roman, der 1930 in einem tatarischen Dorf beginnt und 1946 in einer Neusiedlung an der sibirischen Angara endet, reiht sich ein in die Werke wunderbarer bikultureller Schriftsteller der Sowjetunion und Russlands, die einer der vielen Ethnien des Riesenlandes angehörten, aber russisch schrieben. Genannt sie hier nur Tschjingis Aitmatow, der zu den Weltliteraten zählt. Ich bin sicher, dass die 1977 in Kasan, heute Tataristan, geborene Jachina auch bald dazu gehört. Ihr Werk besitzt, wie Ljudmila Ulitzkaja im Geleitwort schreibt, „die wichtigste Eigenschaft echter Literatur: Er trifft mitten ins Herz“. Der Bericht vom Schicksal Suleikas, einer analphabetischen Bäuerin und ihres Widerparts, des Rotarmisten und GPU-Agenten Iwan aus der Zeit der Kampagne gegen die Kulaken ist so authentisch, glaubhaft und faszinierend, dass man das Gefühl hat, Jachina wäre dabei gewesen.

Es beginnt mit der Schilderung des letzten Tages vor der Deportation. Suleika, die von ihrer Schwiegermutter als „nasses Huhn“, also minderwertig, bezeichnet wird, muss in der Frühe mit ihrem dreißig Jahre älteren Mann in den Wald, um Holz zu schlagen. Auch ein aufkommender Schneesturm beendet diese Arbeit nicht. Auf dem Heimweg, schon in der Dunkelheit, bricht Suleika vor Erschöpfung zusammen und muss von ihrem Mann aus der Schneewehe gezogen werden. Aber zu Hause angekommen muss sie die Banja heizen, die Schwiegermutter entkleiden, waschen, ankleiden, dann ihren Mann bedienen, sich von ihm schlagen lassen, die Banja säubern und schließlich ihren ehelichen Pflichten im Bett ihres Mannes nachkommen. Als er endlich mit ihr fertig ist und sie zurück in den Frauenteil schickt, wo sie auf einer Truhe schlafen muss, bekommt sie den Weg dorthin schon nicht mehr mit, weil sie bereits schläft.

Die Kulaken hatten sich nach zwei Hungersnöten, eine zur Zarenzeit und eine in den 20er Jahren der Sowjetmacht, gerade wieder trotz ständiger Abgaben einen bescheidenen Wohlstand erarbeitet, als Stalin ihre Liquidierung als Klasse beschloss. Das heißt, für Suleika, dass sie am nächsten Tag ihr Dorf, zusammen mit allen anderen Einwohnern verlassen musste. Vorher war ihr Mann, der sich mit der Axt zur Wehr setzte, vom Kommandanten der Entkulakisierungsabteilung Iwan erschossen worden. Der Treck zog nach Kasan, wo die Bewohner aller „entkulakisierten“ Dörfer in ein Durchgangsgefängnis gepfercht wurden, das schon unter dem Zaren errichtet worden war. In Suleikas Zelle hatte vierzig Jahre zuvor unter wesentlich komfortableren Bedingungen der Student Wladimir Uljanow, besser bekannt als Lenin, für ein paar Tage gesessen. Da der Bezirk Kasan nicht die von der Zentrale geforderte Anzahl von Kulaken beibringen konnte, füllte man das Kontingent mit Geisteskranken und Versprengten aus Leningrad auf.

Suleika wurde in der überfüllten Zelle vom Arzt Wolf Karlowitsch, der sich wegen der bolschewistischen Verbrechen, die er mit ansehen musste, in geistige Übernachtung geflüchtet hatte, auf seiner Pritsche Platz gemacht. Sie bleiben auch Pritschengefährten, als der Zugtransport nach Sibirien begann. Was normalerweise die Fahrt von einer Woche gewesen wäre, dauerte von März bis September. Transportführer war jener Iwan, der Suleikas Mann erschossen hatte. Dieser Iwan hatte aber außer seiner Ideologie auch noch ein Gewissen. Als er feststellte, dass häufig an den Haltepunkten keine Verpflegung für die „Umsiedler“ bereitgestellt wurde, legte er sich mit den Verantwortlichen an. Er setzte sogar das für die Wachmannschaft im Kühlwagen mitgeführte Lammfleisch als Bestechung ein, um Essen für seine Leute zu bekommen. Trotzdem starben während der langen Monate erst die Kinder und die Alten, dann die Erwachsenen. Zum Schluss konnte Iwan es an den Augen sehen, wer sterben würde und wer noch weiter leben konnte.

Als sie endlich bei Karaganda ausgeladen wurden, lebte von den ursprünglich tausend Menschen nur noch die Hälfte. Die meisten davon starben beim Untergang des alten, hoffnungslos überladenen Kahns auf dem Jenessej, als ein Gewitter ausbrach. Iwan konnte nur sich und Suleika von dem sinkenden Schiff retten.

Übrig blieb nur 28 Menschen, die auf einem anderen Schiff mitgefahren waren, weil sie nicht mehr auf den Kahn gepasst hatten. Diese andere Schiff setzte Iwan und die Überlebenden Ende August am Ufer der Angara, mitten in der Wildnis ab. Man ließ ihnen ein paar Gerätschaften, Fuchsschwänze, Seile, Kochtöpfe, ein paar Messer, einen Sack Munition und eine Pistole da.

Mit dem Versprechen in einer, spätestens zwei Wochen wiederzukommen, ließ man sie zurück. Die erste Nacht verbrachten sie in Reisighütten, am zweiten Tag begannen sie mit dem Bau einer Erdhütte für alle. Zum Glück fand sich unter den Leningradern ein Mann, der wusste, wie man stabile Holzwände errichtet. Wie man sie mit Lehm abdichtet, wussten die Bauern. Auch einen Lehmofen konnten sie bauen. Iwan ging mit der Pistole auf Jagd, um Nahrung zu beschaffen, später begannen sie auch noch zu fischen. Zum Glück war der Arzt unter ihnen, denn Suleika war von der letzten Nacht mit ihrem Mann schwanger geworden und musste entbunden werden. Das holte den Doktor aus seiner Umnachtung.

Der Trupp überstand wunderbarerweise den Winter und war im Frühjahr aber dabei, zu verhungern, weil die Munition zur Neige gegangen war, da kam ein Kahn mit neuen „Umsiedlern“ an.

Der Vorgesetzte von Iwan begrüßte ihn überrascht: „Was, Du bist am Leben? Das hätte ich nicht gedacht.“ Dann setzte er Iwan zum Kommandanten der zu erbauenden Siedlung ein. Die entstand tatsächlich. Die Sterberate blieb hoch, aber es waren hauptsächlich Neuankömmlinge, die starben. Auf diese Weise verbesserte sich die Kleidungssituation der „Alteingesessenen“, die alles erbten, was die Neuen hinterließen. Nach ein paar Jahren gab es außer den Gemeinschaftsbaracken auch Privathütten. Man hatte begonnen, Getreide und Gemüse anzubauen und hätte es geschafft, sich ausreichend zu ernähren, wenn nicht die „Kulakisierungstendenzen“ mit Sorge von dem GPU-Chef beobachtet worden und umgehend ein Abgabesoll festgelegt worden wäre. Also mussten weiter Menschen Hungers sterben.

Suleika hatte ihren Sohn übrigens großziehen können. Sie ist in dieser Zeit von einem „nassen Huhn“ zu einer starken Frau geworden. Ihr Sohn hatte, unterrichtet von den „Leningradern“nicht nur lesen und schreiben, sondern Geografie, Geschichte, Französisch und Malen gelernt. Er will fliehen, sich nach Leningrad durchschlagen, um dort an der Kunstakademie zu studieren. Bei der Flucht hilft ihm Iwan. An seinem letzten Tag als Kommandant der Siedlung fälscht er eine neue Geburtsurkunde und trägt sich als Vater von Suleikas Sohn ein. Das eröffnet dem Jungen eine Chance, die er als Kulakensohn nicht gehabt hätte. Suleika ist erst jetzt wirklich frei und bereit für ein neues Leben.

Gusel Jachina: „Suleika öffnet die Augen“

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