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Befreiung – ein erstaunlich realistischer Film über den Kampf der Roten Armee

In den letzten Tagen ist mit viel propagandistischem Aufwand diskutiert worden, welche Bedeutung der 8. Mai in der Geschichte hat. Immer wieder wurde dabei verkürzt behauptet, es sei ein Tag der Befreiung gewesen, oft unter Berufung auf Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, der allerdings genauer formuliert hat, es wäre eine Befreiung der Deutschen, Weizsäcker sagte „uns“, vom „menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“. Er hat auch erwähnt, was in der jüngsten Debatte vergessen wurde, dass es für Osteuropa der Beginn einer neuen Gewaltherrschaft war, diesmal der stalinistischen.

Diese Tatsache sollte besonders von Deutschen nicht vergessen werden, nicht nur, weil sie auch einen Teil unseres Landes betraf, sondern aus Respekt vor den Osteuropäern, die mit Recht ihre Befreiung auf das Jahr 1989/ 90 datieren.

Auch 75 Jahre danach ist die Nazi-Diktatur eine schwärende Wunde. Sie und der Zweite Weltkrieg werden erst überwunden sein, wenn das Geschehen in seiner ganzen Komplexität begriffen wird.

Dafür muss das wieder stark gewordene Schwarz-Weiß-Denken überwunden werden. Da kann es hilfreich sein, sich Filme wie „Befreiung“ anzusehen, die im Subtext ein erstaunlich realistisches Bild von manchen Facetten des Befreiungskampfes gegen die Hitler-Diktatur zeichnen.

Die fünfteilige Serie, deren Regisseur Juri Oserow auch am Drehbuch mitgeschrieben hat, ist von 1966 bis 1971 entstanden, also in der Anfangszeit der bleiernen Breshnew-Ära. Da ist es erstaunlich, wieviel Informationen man im Subtext über die stalinistische Kriegsführung findet.

Dieser Text ist ein Ritt durch die letzten Kriegsmonate basierend auf der Darstellung in ‚Befreiung‘ garniert mit einigen wenigen eigenen Kommentaren.

Teil 1 beginnt mit der Schlacht am Kursker Bogen. Mit der Niederlage in Stalingrad war den Nazis eine empfindliche Schlappe zugefügt worden, aber noch waren sie lange nicht besiegt. Beide Seiten bereiteten sich auf die Entscheidungsschlacht vor. Es sollte die größte Panzerschlacht in der Geschichte der Kriege werden. Die Nazis massierten ihre Kräfte Anfang April 1943, um der Roten Armee bei Kursk die entscheidende Niederlage beizubringen.

Es ist eine der besonderen mondhellen Nächte. An der Front ist es ruhig. Die Kamera (geführt von einem genialen Igor Slabnewitsch) fängt die trügerische Stille in einer schlafenden Natur ein. Ein einsamer Panzer am See, umfunktioniert zum Liebesnest, wirkt fast idyllisch. Aber der Stab der Armee ist hellwach. Ein gefangen genommener deutscher Soldat behauptet, der deutsche Angriff sei für 3 Uhr geplant. Seitdem vergeht die Zeit in angespanntem Warten: „Wir erwarten den Angriff wie eine Erlösung“, sagt um 3.55 einer der Stabsoffiziere. Es dauert noch anderthalb Stunden, bis die Hölle losbricht.

Der Befehl des Generalstabs lautete, die Verteidigungsstellungen auf keinen Fall zu verlassen. Sowjetische Soldaten, die überrollt zu werden drohen und flüchten, werden mit Maschinengewehrfeuer der Politsoldaten zurück gegen die deutschen Panzer getrieben.

Schnitt. Im KZ Sachsenhausen wird vor den angetretenen kriegsgefangenen sowjetischen Soldaten für die Wlassow-Armee geworben. Mit wenig Erfolg. Obwohl die Weigerung den Tod bedeutet. Unter den Gefangenen befindet sich Stalins Sohn aus erster Ehe Jakow Dschugaschwili, der aufgefordert wird, einen Brief an seinen Vater zu schreiben und ihn um seinen Austausch gegen Generalfeldmarschall Paulus zu bitten. Jakow lehnt ab, er kennt seinen Vater besser. Schnitt.

Stalin: „Es gibt für uns keine Kriegsgefangenen, es gibt nur Verräter“. Das weiß auch ein gefangen genommener sowjetischer Major an der Kursker Front. Als die Deutschen ihm anboten, über die Frontlinie zu den Seinen zurückzukehren, provoziert er so lange, bis er erschossen wird. Er fällt lieber durch eine feindliche Kugel, als durch eine sowjetische.

Die Schlacht ist eine Schlächterei, die tagelang andauert. Anfangs rückt die Wehrmacht 30 km vor, ehe sie gestoppt werden kann. Aber um welchen Preis! Der Film spricht es in einer Szene subtil an. Ein Bataillonskommandeur befiehlt seinen Leuten einen taktischen Rückzug über einen Sumpf. Ein Bataillon hat eine Stärke zwischen 300 und 1200 Soldaten. Der Kommandeur ist der Einzige, der den Übergang geschafft hat. Er meldet dem Stab ein Bataillon zurück, das nur noch aus ihm besteht.

Am Ende ist es ein Kampf Mann gegen Mann, zwischen den Panzern. Die Rote Armee siegt, weil sie immer neue Soldaten „frische sibirische Verbände“, die gerade drei Wochen Ausbildungszeit hinter sich haben, wie wir vom Kriegsberichterstatter Wassili Grossmann wissen, ins Feuer schicken kann.

Die Schlacht am Kursker Bogen hat die Kräfteverhältnisse in Europa verändert. Es ist der Beginn der vollständigen Niederlage der Nazis. Die Amerikaner starten zwar noch nicht die zweite Front, aber landen auf Sizilien. Die zweite Front, das ist heute weitgehend vergessen, wird in Jugoslawien von Titos Partisanenarmee eröffnet. Dies so deutlich gemacht zu haben, ist ein weiterer Verdienst des Films.

In Italien versucht der König, Mussolini außer Gefecht zu setzen. Der Duce wird von Geheimdienstpolizisten verhaftet, später aber von einer SS-Gardeeinheit aus der Haft befreit und zu Hitler gebracht. Der Führer macht dem Duce klar, dass Italien Kriegspartei bleiben muss, auch wenn das bedeutet, dass es von deutschen Truppen besetzt werden muss. „Unsere Lage ist großartig“, ist sich Hitler sicher.

Schnitt. Die Rote Armee rückt weiter auf Kiew vor. Dafür muss der Dnepr überquert werden. Das wird wieder zu einem höllischen Unternehmen, ohne Rücksicht auf menschliche Verluste. Im scharfen Kontrast zum Kampfgeschehen steht die zarte Morgendämmerung, die zwischendurch immer wieder von der Kamera eingefangen wird.

Schnitt. Stalin, der Oberbefehlshaber, der selbst kein einziges Mal an der Front war, gibt den Befehl, dass Kiew, koste, was es wolle, bis zum 6. November, dem Jahrestag der Oktoberrevolution eingenommen werden muss. „Machen Sie Ihren Männern Beine“, befiehlt er seinen Generälen. Die gehorchen und erzwingen die Rückeroberung mit weiteren unzähligen Verlusten an Menschen und Material. Dabei werden beim Angriff erstmals Scheinwerfer an Panzern und Sirenen eingesetzt, um den Feind zu verwirren. Ob die Kriegslist geholfen hat, ist nicht bekannt. Tatsache ist aber, dass die Scheinwerfer, die an die Panzer montiert wurden, den Schützen an den Panzerabwehrgeschützen das Zielen sehr erleichtert haben.

Schnitt. im Weißen Haus sagt Präsident Roosevelt, dass die Amerikaner auf die Eröffnung der zweiten Front verzichten könnten, wenn die Sowjets weiter so schnell vorrücken. Der Präsident selbst erwiest sich eher als Feigling. In Teheran, wo erstmals ein Treffen zwischen den drei Führern der Alliierten stattfindet, lässt er sich von der Meldung, in der Stadt gäbe es zahllose Nazi-Agenten so beeindrucken, dass er sich in die Sowjetische Botschaft flüchtet, wo er Stalin erstmals begegnet. Gegenüber Churchill kommt Roosevelt wegen seines Verhaltens in Erklärungsnot. Stalin nutzt seine Schwäche kühl, um die Zusage für die Errichtung der zweiten, eigentlich dritten Front zu bekommen. Er kann auf stolze Erfolge verweisen: Es wurden 56 deutsche Divisionen, 13.000 Panzer und 14 Flugzeuge vernichtet. Die Wehrmacht war gezwungen, 75 Divisionen aus dem Westen an die Ostfront zu werfen.

Stalin hat in Teheran klar die Initiative. Churchill will die zweite Front lieber auf dem Balkan, als in Frankreich eröffnen, weil dann die jugoslawischen Partisanen die Hauptlast zu tragen hätten. Aber Stalin setzt sich mit seiner Forderung, dass es die Normandie sein muss, durch.

Schnitt. Während die Staatsmänner verhandeln, setzt die Rote Armee auf Skiern, Pferdewagen und für die höheren Chargen LKWS ihren Vormarsch fort. Unterwegs wird Silvester gefeiert, mit dem Spruch: „Wir sind unsterblich!“. Leider war das nicht so.

Ein Jahr später steht die Rote Armee an der deutschen Ostgrenze. Am 12. Januar beginnt die Offensive. Die Militärs hatten sie eigentlich für Ende Januar vorgesehen, weil sie noch Zeit brauchten, um die notwendige Luftunterstützung aufzubauen. Stalin legt dagegen den Termin auf den 12. Januar fest, dann eben ohne ausreichende Luftunterstützung.

Der Vormarsch vollzieht sich dann so schnell, dass die rückwärtigen Dienste 500 km zurückgelassen wurden. Die Armee von Marschall Schukow steht schon Anfang Februar 60 km vor Berlin. Die Armee von Marschall Rokkosowski hängt in Pommern fest, etwa 150 km von Berlin entfernt. Die Armee von Marschall Konew kommt von Süden und könnte Berlin als erste erreichen.

Es gibt nicht nur einen Wettlauf mit den westlichen Alliierten, wer Berlin als Erster die Hauptstadt erreicht, sondern auch zwischen den sowjetischen Generälen. In diese Konkurrenz greift Stalin ein und beordert Konew zur Unterstützung Rokkosowskis nach Pommern. Schukow kann deshalb den finalen Sturm auf Berlin verschieben und seiner Truppe eine Pause gönnen.

Bemerkenswert ist, dass im Film gezeigt wird, dass die Rote Armee von der 1. Polnischen Armee unterstützt wird, die hauptsächlich aus Mitgliedern der Heimatarmee bestand, die später von den Sowjets gnadenlos verfolgt wurden.

Schnitt. Für Hitler ist der Fakt, dass die 1. Russische Panzerarmee an der Oder steht, Verrat. Sein Stab schlägt vor, mit Eisenhower über einen 100-tägigen Waffenstillstand zu verhandeln, um die Westverbände im Osten einsetzen zu können. Ein Unterhändler wird in die Schweiz geschickt, wo er sich tatsächlich mit einem Vertreter der englischen Regierung trifft. Das Komplott fliegt auf, als Stalin in Jalta, beim zweiten Treffen der alliierten Führer Churchill und Roosevelt mit einem Foto konfrontiert, das den deutschen mit dem englischen Unterhändler zeigt.

Der Film ist natürlich auch eine Schreibung der Geschichte: Befreiung ist ja schon als Leitmotiv im Titel gesetzt: Der Film schafft trotzdem in einer zwar plakativen, aber im Kern doch richtigen Metapher diese Leitmelodie zu untermauern. Sie ist in eine Szene eingebaut, in der ein sowjetischer Panzersoldat und ein polnischer Infanterist auf der Suche nach Benzin für die steckengebliebenen sowjetischen Panzer sind. Auf einem Güterbahnhof werden sie fündig. Während sie mit Alkohol, den sie zufällig gefunden haben, Brüderschaft trinken (eine Verbesserung des russisch-polnischen Verhältnisses ist ein erkennbares Bemühen des Films), hören sie Klopfen aus dem benachbarten Güterwagen. Sie öffnen die Türen der Waggons und finden darin KZ-Häftlinge, die von den Wachen zurückgelassen worden waren und verdurstet wären, wenn die beiden Soldaten sie nicht befreit hätten. Zunächst ein Waggon Frauen und dann einer voller Männer. Es folgt eine kleine, spontane Freiheits-Demonstration. Inklusive Gründungsmythos der DDR: Der zunächst skeptisch bewertete, aber dann akzeptierte deutsche Gefangene (‚Antifaschist gut!‘) wird zum Wortführer: ‚Nie wieder Faschismus‘. Der grundsympathische, einfachere sowjetische Panzersoldat soll auch reden: Er ist erst unsicher, aber sagt dann: ‚Geht nach Hause‘. Doch dann entdecken er und sein neuer polnischer Freund, dass sie jetzt auf einem Treibstoffwagon stehen. Also Kommando zurück: Die befreiten KZ-Häftlinge Frauen und Männer schieben den Treibstoff zu den sowjetischen Panzern, damit diese zusammen mit den Polen nach Berlin vorstoßen.

Und nach dieser sehr ergreifenden Szene kommt die entscheidende Szene für den von Stalin geschürten Wahnsinnswettlauf zwischen Schukow und Konew auf Berlin. Stalin hat Erkenntnisse, dass die Amis mit Unterstützung von Hitler Berlin vor den Sowjets kriegen sollen. Schukow und Konew müssen zuerst da sein.

Schukow und die 1. Belorussische Front müssen die sowjetischen Panzer über die Seelower Höhen. Schukow hat die Idee, den Angriff in der Nacht zu starten und das Schlachtfeld mit tausenden Suchscheinwerfern zu beleuchten. Alle Mitglieder seines Stabes waren dagegen und wiesen richtig darauf hin, dass die eigenen Soldaten durch die Beleuchtung zu Zielscheiben würden. „Der Gegner sieht uns besser, als wir ihn“. Schukow lässt die Einwände gegen seine Idee nicht gelten. So kommt es, dass eine hoffnungslos unterlegene Truppe aus jugendlichen und alten Volkssturmmännern dem Angriff tagelang standhalten kann und zehntausende Sowjetische Soldaten auf den Seelower Höhen ihr Leben lassen mussten. Im Film wird diesem Wahnsinn breiter Raum gewidmet. Der Zuschauer kann sich seine eigene Meinung bilden.

Letztlich dürfen Schukows Panzer zuerst nach Berlin rein, Konew muss warten, obwohl er eigentlich näher dran ist. Stalin war zwar ein grausamer Diktator, aber in bestimmten diplomatischen Schachzügen auch außerordentlich geschickt. Auch dies wird im Film angedeutet, aber nicht ausgeführt.

Im Teil ‚Die Schlacht um Berlin‘ gibt es noch drei weitere Stellen für die Geschichtsbücher. Zunächst über den Wahnsinn des letzten Aufgebots: Ein 15jähriger Deutscher Bengel erschießt beinahe Panzergeneraloberst Lejuschenko kurz vor Berlin und wird geschnappt– der General ist aber großmütig: ‚Hat er eine Mutter? Sie soll ihm den Hintern versohlen.“ Man hofft, dass es diese Großherzigkeit auf Seiten der Sowjets gegeben hat, häufig war sie sicherlich nicht. Der Fanatismus des letzten NS-Aufgebots, gerade der Jungs, war ganz sicherlich ein schlimmes, tragisches Element des Endkampfs.

Nach heikler ist die Szene der ersten Begegnung von sowjetischen Soldaten mit jungen deutschen Frauen – gespielt wieder von dem sympathischen, einfachen Panzersoldaten, der mit seinem Kommandanten durch eine weggeschossene Kette rückwärts in eine Wirtsstube am Stadtrand von Berlin reinfährt. Die beiden Soldaten treffen auf ein älteres Wirtsehepaar und zwei junge, hübsche, volljährige, deutsche Frauen – in der Zeit, wo der dritte Mann die Panzerkette repariert, feiern die beiden Soldaten mit den Mädels und deren Eltern. Es geht flirtig- kokett zu, die Mädels sind an den Jungs sichtlich interessiert, die Mutter guckt streng, der Vater meckert, dann kommt ein Gegenangriff, der die lustige Gesellschaft auflöst – das ist natürlich klar verzeichnet, aber es wird durch die nicht viel später folgende Szene relativiert.

In Berlin stehen Konews Männer vor einem Zoo (gedreht im Tierpark Berlin) – der Panzer-Generaloberst Bogdanov ist großzügig – er verheizt seine Truppe nicht mehr, als er von einem jungen Fahrer erfährt, dass durch deutschen Widerstand Gefahr droht – sie warten auf die Infanterie und unterhalten sich. Der blutjunge Mann musste eine Ausbildung in Moskau unterbrechen. Der General: „Wir sind über den Berg, bald kannst Du wieder studieren.“ Die Infanterie kommt, die Deutschen werden vertrieben, die Panzer rücken in den Zoo ein: Fasziniert von der friedlichen Stimmung geht der junge Moskauer aus seinem Panzer und wird prompt erschossen: „Warum?“ sind seine letzten Worte.

Der Endkampf um Berlin begann am 16. April und dauerte bis zum 2. Mai. Die Rote Armee setzte insgesamt 2 Million Soldaten ein. Der erbitterte Häuserkampf wurde mit aller Grausamkeit geführt. Gegen Ende April hatte man im Führerbunker keinen Überblick mehr, welche Teile der Stadt schon eingenommen waren und welche nicht. Als aber per Kurier die Nachricht kam, dass die Rote Armee schon in die U-Bahn vorgedrungen sei, befahl Hitler sein letztes Kriegsverbrechen, die Sprengung der Mauer zur Spree, um die U-Bahnschächte zu fluten. Aus dem Hinweis, dass sich in den Schächten sowohl verwundete Soldaten, als auch Frauen und Kinder befänden, reagierte Hitler, dass die Deutschen kein Recht auf Existenz hätten, wenn das Dritte Reich untergeht.

Ob den Antifa-Aktivisten von heute eigentlich bewusst ist, wie sehr sie sich mit ihrem Ruf „Deutschland verrecke“ zum Erfüllungsgehilfen von Hitlers letztem Wunsch machen?

Der Kampf um Berlin endete mit der Schlacht um den Reichstag. Auf der kurzen Strecke zwischen dem Brandenburger Tor und dem Reichstag kamen noch einmal tausende Sowjetische Soldaten ums Leben. Es wurde wieder ohne Rücksicht auf Verluste vorgegangen. Nach Tagen kam die erlösende Idee, über die Spree zu setzen und das Gebäude von der Flußseite her einzunehmen.

Heute kann man unter den freigelegten Graffiti sowjetischer Soldaten, die bei der Rekonstruktion des Reichstags freigelegt wurden, die Namen der Mitglieder Brückenbaubrigade lesen, die den Ponton über die Spree gebaut haben und sich am 8. Mai, dem Tag des Sieges, dieses Denkmal gesetzt haben.

Was im Film nicht thematisiert wird, aber zur historischen Wahrheit gehört ist, dass der Reichstag hauptsächlich von französischen Freiwilligen der 33.SS-Brigade Charlemagne und Skandinaviern der 11. SS-Panzergrenadier-Division Nordland verteidigt wurde.

Im Führerbunker, nur 600m vom Reichstag entfernt, trifft am 30. April die Nachricht von der Zurschaustellung des ermordeten Mussolini und seiner Geliebten in Mailand ein. Die Vorstellung, so zu enden, wird zum Entschluss Hitlers und Goebbels zum Selbstmord beigetragen haben. Ein Angebot Görings, mit Hilfe einer Spezialeinheit Berlin noch zu verlassen, lehnt Hitler ab. Ihm ist klar, dass er alles verloren und keine Möglichkeit hat, ehrenvoll zu entkommen.

Niemand weiß genau, was sich in der letzten Stunde eines der größten Verbrecher der Menschheit abgespielt hat. Mir persönlich gefällt sein in „Befreiung“ dargestelltes Ende besser, als die verkitschte Version von Bernd Eichinger in seinem Monumentaldrama „Der Untergang“. Dort wird Hitler als so etwas wie der sehr gestrenge, aber gerechte Pater familias gezeigt, der seinem Leben konsequent selbst ein Ende setzt.

In „Befreiung“ vergiftet Hitler seine eben angetraute Ehefrau Eva, mit der ihn nichts als „Freundschaft“ verbunden hat, gegen deren Widerstand. Dann hat er nicht den Mut, sich selbst zu erschießen und ruft seinen Assistenten zu Hilfe. Das passt nach meinem Empfinden besser zu einem Mann, der sich, wie Stalin, stets geweigert hat, den Folgen seiner Politik ins Auge zu schauen.

Schnitt. Im Reichstag sind die Kämpfer inzwischen in den ersten Stock vorgedrungen. Schukow, der telefonisch informiert wird, sagt: „1. Stock, mehr nicht? Ein bisschen mehr Tempo, Genosse General“.

Das Tempo, das gefordert wird bewirkt, dass die letzten Soldaten, die den Zuschauer durch alle fünf Teile begleitet haben, noch umkommen. Im Abspann wird darauf hingewiesen, dass die Zahl der sowjetischen Kriegsopfer 20 Million betrug. Wer den Film gesehen hat, weiß, wer seinen Anteil daran hat.

Der Film ist ein Meisterwerk, weil er fast ohne Agitation und Propaganda auskommt und es geschafft hat, wenigstens Teile der historischen Wahrheit zu thematisieren – ein Sieg der Kunst über die Diktatur.