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Geschichte

30 Jahre Friedliche Revolution – Zwölfter Dezember 1989

Ursprünglich veröffentlicht auf vera-lengsfeld.de 12.12.19

Endlich werden nach einem Amnestiebeschluss der Regierung die meisten politischen Gefangenen entlassen. Da es in der DDR aber angeblich keine politischen Gefangenen gibt, sondern nur Kriminelle, ist es eine allgemeine Amnestie, die auch Dieben und Betrügern zugute kommt. Ausgenommen sind Kapitalverbrechen und andere schwere Delikte. Nicht betroffen von der Amnestie ist ein Mann aus Thüringen, der in der Haftanstalt Brandenburg wegen mehrfachen versuchten Mordes in Zusammenhang mit einem versuchten bewaffneten Grenzdurchbruch sitzt.
Er ist der Sohn eines Parteisekretärs und einer Staatsanwältin. Als Kind war er immer wieder von zu Hause abgehauen. Seine Eltern ließen ihn in den Jugendwerkhof einweisen. Als er zu alt für den Jugendwerkhof geworden war, wollten, als ihr Sohn wieder wegen versuchter Republikflucht verhaftet worden war, seine Eltern eine dauerhafte Lösung.

Eines Nachts wurde der junge Mann überraschend aus seiner Zelle geholt und in den Verhörtrakt gebracht. Hier lag ein fertiges Geständnis über einen geplanten bewaffneten Grenzübertritt bereit. Zuerst weigerte sich der Mann, das zu unterschreiben. Irgendwann wurde er von seinem Vernehmer überraschend mit Benzin übergossen. Dann zündete sich der Offizier eine Zigarette an und fragte: „Unterschreibst Du nun, oder soll ich sie fallen lassen?“ Der Mann unterschrieb. Er hat mir seine Geschichte selbst erzählt.
Auf dem Dach der Justizvollzugsanstalt Brandenburg, auf dem sich rebellierende Häftlinge verschanzt hatten, als sie im Frühjahr 1990 die frisch gewählte Regierung der DDR auf ihr Schicksal aufmerksam machen wollten.
Ich war von den Häftlingen als Vermittlerin angefordert worden. Der Mann kam übrigens erst 1991 nach längerer Überprüfung frei, weil sein Gnadengesuch an die Volkskammerpräsidentin Dr. Sabine Bergmann-Pohl, die gleichzeitig Staatsoberhaupt war, abgelehnt wurde.

Zu den unbekannt gebliebenen Tatsachen gehört, dass etwa 30 % der Insassen der Jugendwerkhöfe der DDR von Funktionärskindern bevölkert waren, die mit ihrem Elternhaus nicht zurecht kamen.